Klimawandel: Hochwasser auf die Mühlen der Anthropozentristen

Der Pantokrator in der Apsis der Kathedrale Santissimo Salvatore, Cefalu, Sizilien - Foto: Imago

Gibt es eine Erklärung für das Tief Bernd, das wie angewurzelt über Mitteleuropa steht und ganze Bundesländer mit Hochwasser zerstört? Ja, gibt es. Dafür, wie Medien damit umgehen, gibt es allerdings auch eine. Die Erklärung.

von Max Erdinger

Zunächst die gängige Erklärung für die desaströse Potenz von Tief Bernd: Der Jetstream. Entlang dem, was der Mensch gern als normal begreifen will, besteht normalerweise ein extremer Temperaturunterschied zwischen der Arktis und dem Äquator. Wegen der unterschiedlichen Ausdehnung von kalter und warmer Luft sorgt das für die Entstehung von Winden in großer Höhe, dem sogenannten Jetstream. Da sich nun die Arktis angeblich dreimal schneller erhitzt, als der Rest des Planeten, nimmt der Temperaturunterschied und damit auch die Heftigkeit des Jetstreams ab. Der Jetstream bläst das Tief nicht mehr weg. Bei einem Hoch wäre es nicht anders. Ob ein Hoch oder ob ein Tief über Mitteleuropa stehenbleibt, ist dabei eine Zufallsfrage. Ist es ein Hoch, kommt es zu wochenlangem Sonnenschein, großer Hitze, Dürre und Waldbrandgefahr, bei einem Tief sind es Regen, Hochwasser und verheerende Überschwemmungen. Gemeinsam sind dem Hoch und dem Tief: Sie sind der manifestierte Klimawandel. Fest steht: Während das Klima sich wandelt, kommt es zu Katastrophen.

Was ist eine Katastrophe?

Katastrophen bestehen aus den Folgen eines Geschehens. Ob das Geschehen natürliche Ursachen hat oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Seit hunderten von Jahren leben beispielsweise die Sizilianer in Reichweite des Ätna mit den Gefahren, die jeder natürliche Ausbruch des Ätna mit sich bringt. Catania gilt als „schwarze Stadt“, weil viele der Häuser dort seit Jahrhunderten aus der Lava vom Inneren des Berges gebaut worden sind. Wer an den Küsten der Weltmeere lebt, kann sein Leben durch die Folgen einer natürlichen tektonischen Plattenverschiebung verlieren – und zwar dann, wenn ein durch die Plattenverschiebung ausgelöstes, unterseeisches Erdbeben eine Monsterwelle produziert, die in der Folge als Tsunami auf die Küste zurollt. Dennoch sind Siedlungen am Fuß des Ätna entstanden und es gibt Weltmetropolen an den Küsten der Weltmeere. Warum wurden sie also dorthin gebaut? Weil es möglich ist, daß der Ätna über Generationen hinweg keinen verheerenden Ausbruch hat. San Francisco gibt es, weil bislang noch kein Erdbeben vor der Küste stark genug gewesen ist, die Stadt so zu zerstören, daß jemand dafür plädiert hätte, sie nicht wieder aufzubauen. Wer in „Bella Napoli“ lebt, der lebt sprichwörtlich ein Leben auf dem Vulkan. Es gibt dort die phlegräischen Felder und den Vesuv – und ganz in der Nähe die Städte Pompeji und Herculaneum, die erst unter meterdicker Vulkanasche ausgegraben werden mussten, damit man sie heute (wieder) sehen kann. An einem Morgen im Jahr 79 n. Chr. waren die Einwohner von Pompeji und Herculaneum aufgestanden wie jeden Tag und keiner hatte eine Ahnung davon, daß er an diesem Tag zum letzten Mal aufgestanden sein würde.

Kein Mensch käme auf die Idee, dem Vulkanismus oder der tektonischen Plattenverschiebung den Kampf anzusagen. In San Francisco werden stattdessen ebenso neue Häuser gebaut wie in Neapel oder in Catania. Wird schon gutgehen, so lange man selbst lebt. Vielleicht geht es auch für die eigenen Kinder noch gut. Es steht nur so viel fest: Irgendwann wird es nicht mehr gutgegangen sein. In hundert Jahren vielleicht? In fünfhundert? Zweitausend? Wer weiß? Muß er es wissen? – Nein. Aber er würde es natürlich gern wissen. Ein Helmchen auf dem Kopf könnte tendenziell dabei helfen, daß er es vielleicht noch erfährt. Besser Tendenz, als die absolute Aussichtslosigkeit.

Im zerstörten Hochwassergebiet

Da stehen sie nun, die Experten, und erzählen in den Medien, daß, was es hier an Zerstörung zu sehen gibt, eine Folge des Klimawandels sei. Was nicht ganz falsch ist, aber zu falschen Annahmen führt, wenn man sich allein auf den natürlichen Klimawandel kapriziert. Eingestürzte Brücken, weggespülte Häuser, die ganze zerstörte Infrastruktur, der Verlust von Menschenleben – alles das seien die Folgen des Klimawandels heißt es in den Medien. Und es führt wegen dieser stark verkürzten Begründung zu falschen Annahmen. Mindestens so sehr wie eine Folge des Klimawandels ist die Katastrophe eine Folge der Tatsache, daß alles, was zerstört wurde, im Vertrauen darauf, daß es „ewig“ halten wird, dort hingebaut worden war. Die Zerstörungen sind also auch eine Folge des Vertrauens. Betroffene kommen zu Wort. Sie selbst haben so etwas in ihrem ganzen Leben – beispielsweise in der Ortschaft Schuld an der Ahr – noch nie erlebt. Auch die Eltern nicht. Die Großeltern ebenfalls nicht. Schlußfolgerung: Was hier passierte, ist ungewöhnlich. Ist es das? – Nein.

Was gewöhnlich ist, hängt davon ab, was der Mensch für gewöhnlich hält. Daß er überhaupt etwas für gewöhnlich respektive ungewöhnlich halten kann, hängt wiederum davon ab, daß er lebt. Aber er lebt nicht sehr lang. Was ist also sein wirkliches Problem?

Die Anthropozentrierung aller Fragen

Mit dem Fremdwort „Anthropozentrismus“ wird die Tatsache beschrieben, daß der Mensch sich selbst als den Mittelpunkt des Weltgeschehens versteht. Für nichts, noch nicht einmal für den Sinn hinter der Existenz der Erdkugel oder seine eigene auf dieser Kugel hat er eine unwiderlegbare Erklärung. Fest steht nur, daß ihm alles irgendwie vorkommt. Die behauptete Bedrohlichkeit des Klimawandels kann überhaupt nur deswegen eine sein, weil man „Klimawandel“ in Bezug setzt zum Menschen. Den wiederum gibt es erst im bislang letzten 13.500stel (!) der Erdgeschichte. Es trifft ihn aber nicht der Klimawandel, sondern das Zusammenspiel der „Folgen des Klimawandels“ mit seinem eigenen Tun. Wären an der Maas, an der Ahr oder an der Erft nie Städte, Straßen und Brücken gebaut worden, würden ihn die Folgen des Klimawandels auch nicht betreffen. Daß die Antwort auf die Frage, ob das Klima sich wandelt, nicht davon abhängt, daß es den hoffnungsvoll tätigen Menschen gibt, steht außer Frage. Den Klimawandel bekämpfen zu wollen, ist daher eine wahnsinnige Idee. Sich zu überlegen, wie der Mensch mit dem Klimawandel leben kann, wäre hingegen sinnvoll. Kann der Mensch in einer Ortschaft wie Schuld an der Ahr überhaupt leben? Bestimmte Menschen konnten das bewiesenermaßen über Generationen hinweg. Der Ort bestand seit mehreren Jahrhunderten. Es wird vermutlich Generationen gegeben haben, die sogar ausgesprochen gern in der Ortschaft Schuld an der Ahr gelebt haben. War ja auch idyllisch auf dieser Halbinsel in einer Schleife der Ahr. Jetzt nicht mehr. Gegenwärtig sieht es anders aus. „Hätte ich doch nie dieses Baugrundstück gekauft …“

Mitsamt seinen anthropozentrischen Gewißheiten kann der Mensch auch eine Ortschaft auf einer Kiesgrube bauen. Das trifft auf den Erftstädter Ortsteil Blessem zu. Das ist die Frage: Ist dieser Ortsteil wegen des Klimawandels so gut wie verschwunden, oder ist er verschwunden, weil er auf einer Kiesgrube gebaut worden war? Zu welcher Aussage berechtigt die Tatsache jemanden, daß Blessem länger als ein Menschenleben lang ganz gut auf dieser Kiesgrube gestanden hat? Würde das gesamte Ruhrgebiet mit Wasser vollaufen, woran läge das dann? Daran, daß sich ein Tief namens Jupp über dem Ruhrgebiet festgesetzt hätte, oder daran, daß sich durch den über jahrhundertelang betriebenen Bergbau und hunderte in sich zusammengebrochener Stollen fast das gesamte Ruhrgebiet mehrere Meter abgesenkt hat? Teile des Ruhrgebiets liegen heute unterhalb des Grundwasserspiegels, weswegen dort auch in Zeiten von festsitzenden Hochs und „Waldbrandgefahr wegen Klimawandel“ an die 200 starke Pumpen Tag und Nacht laufen, um die Gegend trocken zu halten. Die Energie, die sie dazu brauchen, – ist die „gut“ oder „schlecht“ hinsichtlich des „Kampfes gegen den Klimawandel“?

As time goes by

Das Wort „Grönland“ spiegelt eine erdgeschichtliche Momentaufnahme. Bei seiner Entdeckung war jenes Grönland, auf dem heute Schnee- und Eismassen zunehmen, eben grün. Die Wikinger, die damals so sehr im Moment lebten wie die heutigen Erdbewohner, nannten es Grünland (Grönland). Entdeckt wurde Grönland im Jahr 875 n.Chr. In einem erdgeschichtlichen Maßstab also gestern. Oder vor fünf Minuten.

Plünderungen

In den vom Hochwasser verwüsteten Gebieten sei es zu besonders verwerflichen Plünderungen gekommen, berichten die Medien. Aber es gibt eine viel gewaltigere, bald alles umfassende Plünderung. Das ist die Plünderung des Bewußtseins von Anthropozentristen durch solche Plünderer, die auf dem Klimawandel gern ihr eigenes Ideologensüppchen kochen wollen. Sie liefern im Grunde genommen ein unhaltbares Versprechen, für dessen Bruch sie aufgrund der Begrenztheit ihrer eigenen Lebensdauer dereinst nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden können. Das erleichtert ein solches Versprechen im Dienste der Plünderung ganz ungemein. Das Versprechen zum Zwecke der Plünderung: Der Kampf gegen den Klimawandel sei ein lohnender.

Man müsste nur noch ein bißchen weiter an der Schraube des Wahnsinns drehen, damit die Plünderer das Versprechen abgeben, der Kampf gegen die Vergänglichkeit von allem lohne sich. Die einzigen, die vom „Kampf gegen den Klimawandel“ profitieren würden, wären diejenigen, die von den Aufwendungen für einen solchen Kampf ihren Lebensunterhalt im Hier und Jetzt bestreiten. Die Erfolglosigkeit eines solchen „Kampfes“ beträfe sie selbst naturgemäß nicht mehr. Weswegen er sich auch lohnt für die Schwafler vom „Kampf gegen den Klimawandel“. Sie sind die allgegenwärtigen Plünderer des Geistes. Und der ebenso allgegenwärtige Anthropozentrismus ist es, der verhindert, daß sie auch als solche identifiziert werden. Es gibt keine Garantien für irgendetwas, bei dem die Begrenztheit des menschlichen Lebens keine Rolle spielt. Der Klimawandel ist so alt wie die Erde selbst. Das sind etwa 4,5 Milliarden Jahre. Anthropozentrismus läßt sich vielleicht ändern, der Klimawandel sicherlich nicht. Deshalb wäre es sehr viel klüger, mit dem Klimawandel zu leben, als zu versuchen, die eigene, sehr begrenzte Lebenszeit für einen völlig sinnlosen „Kampf“ gegen ihn zu verschwenden.

Die Lösung des Problems ist also nicht bürokratischer, wissenschaftlicher oder politischer Natur. Es gibt nur eine philosophische Lösung. Die „die Menschen“ werden sich von ihrem Anthropozentrismus lösen müssen, um in Frieden mt dem Unabänderlichen zu leben, anstatt sich gegen das Unabänderliche aufzulehnen.

So furchtbar das auch klingt: Wer in besiedelten Flußtälern großflächig Böden versiegelt und Flußläufe begradigt, sie gar in Kanäle zwängt, kann über Generationen hinweg das Glück haben, daß es für sein je eigenes Leben folgenlos bleibt. Eine Sicherheit dafür, daß das für alle Zeiten funktioniert, gibt es nicht. Genau das ist es, wofür das Tief Bernd in diesen Tagen den Beweis geliefert hat. Der Mensch wird damit leben müssen. Ob er damit leben will oder nicht, spielt nicht die geringste Rolle.

Sarkastisch ausgedrückt ist es so: Der historisch hohe Wasserspiegel an den Flüssen verhält sich umgekehrt proportional zum historisch niedrigen Bewußtseinsstand des „modernen Menschen“ in seinem gnadenlos dämlichen Anthropozentrismus. So betrachtet war sein Verhalten in der „Coronakrise“ ein Vorbote seiner Verlautbarungen über das Wesen des Hochwassers. Es gäbe allerdings eine sinnstiftende These zum Leben als solchem – siehe Beitragsbild. So sieht „die Wissenschaft“ zwar nicht aus, die Weisheit hingegen sieht absolut so aus. Besser wurde sie noch nie dargestellt.

Solidarität

Es wird „uns“ nichts anderes übrig bleiben, als den vom Hochwasser Gepeinigten beim Wiederaufbau des Zerstörten zu helfen, entweder tätig oder durch Geld- und Sachspenden. Vielleicht läßt sich ja etliches so wiederaufbauen, daß es bei der nächsten Regenflut gegen Zerstörung besser geschützt ist. Und dann kann man nur hoffen, daß sich die Verbesserungen im Lauf der nächsten hundert Jahre als überflüssig herausstellen werden. Sicher sein kann man sich nur, daß der Tag kommen wird, an dem sie sich als nützlich erweisen werden, auch, wenn man ihn selbst nicht mehr erlebt.