Migration: Fußballstar Bostin Bah aus Gambia

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Symbolfoto: Von Andrey Burmakin/Shutterstock

Bostin Bah aus Gambia. Neue Kontaktanfragen bei MeWe, dem „sozialen Netzwerk der nächsten Generation“, wie es sich selbst bezeichnet. Kontaktanfrage angenommen. Bostin meldet sich mit „Hi“. Ich antworte ebenfalls mit „Hi, Bostin“. Keine halbe Stunde später ist klar, was Bostin will. Bostin will Fußballprofi bei einem deutschen Verein werden, später dann internationaler Fußballstar. Über das Ende der Illusion.

von Max Erdinger

Bostin stellt sich vor als Student. Sein Englisch ist gut. Zunächst das übliche Geplänkel. Wie geht´s? Wo bist Du her? Was macht das Wetter? Bostin wohnt südlich des Senegal in Gambia, Westafrika. Er ist 24 Jahre alt. Ich wohne in Germany und bin 60 Jahre alt. Bostin liebt Germany. Keine Ahnung, warum. Er war noch nie in Germany. Wir werden uns einig, daß er nicht Germany liebt, sondern die Vorstellung, die er von Germany hat. Von Germany hat er schon viel gehört. Germany ist das Land seiner Träume. Deswegen will er da hin. Unbedingt.

Bostin ist wegen meines Interesses an seiner Sicht auf Deutschland sofort mein bester Freund. Er markiert meine Beiträge nicht mit einem Smilie, sondern gleich mit mehreren – vom Lachsmilie bis zum Trauersmilie ist alles dabei. Bostin scheint zu wissen, daß die Nutzer von sozialen Netzwerken scharf auf viele Likes sind und daß sie Leute mögen, die ihnen Likes geben. Also gibt er mir welche. Im Überfluß. Bostin spricht allerdings kein Deutsch. Meine Beiträge waren aber auf Deutsch verfaßt.

Ich frage weiter. Ob er ein guter Fußballer ist, frage ich, und präzisiere: Bist du ein exzellenter Fußballer, Bostin? Natürlich ist Bostin ein exzellenter Fußballer. Der beste. Nur kann er sein Talent nicht entfalten in Gambia. Weil es dort keine Fußball-Bundesliga gibt wie in Deutschland. Bostin liebt deutschen Fußball, weil die deutschen Mannschaften allesamt so gut im Teamplay sind. Und die Fußballer verdienen jede Menge Kohle. Bostin glaubt sofort, in mir seinen Manager gefunden zu haben. „Du kannst mein Manager sein“, schreibt er mir. Sein kindlicher Optimismus rührt mich sehr. Diese Gewißheit, daß das Leben auch für ihn große Chancen bereithält. Diese Hoffnung, diese Zuversicht. Mir tut es leid, daß ich ihn diese Hoffnungen habe schildern lassen, weil ich weiß, daß er jetzt wirklich welche hat. Nur, weil ich mich dafür interessierte, wo seine Liebe zu Germany herkommt. Ich habe Interesse an ihm gezeigt. Bostin interpretiert das sofort als „die halbe Miete“. Bostin ist davon überzeugt, daß ich ihm helfen werde, seinen Traum zu verwirklichen. Keine Fragen von ihm, wer ich bin, was ich mache, ob mich Fußball interessiert, ob ich Frau und Kinder habe oder ähnliches. Er chattet mit einem alten weißen Mann aus Germany und nimmt sofort die Position dessen ein, dem geholfen werden muß. So hatte ich mir das bereits in dem Moment vorgestellt, in dem ich seine Kontaktanfrage angenommen habe.

Nein, ich habe nicht vor, Bostin dabei zu helfen, ein Star in der deutschen Bundesliga zu werden. Ich wüßte auch gar nicht, wie ich das anstellen sollte. Es steht ja auch nichts anderes im Raum, als Bostins Behauptung, er sei einer der weltbesten Fußballspieler, was natürlich wahr sein könnte. Er hat es jedenfalls behauptet. Ich weiß plötzlich nicht mehr, was ich ihm antworten soll, weil ich ihn nicht verletzen will. Seine kindliche Zuversicht hat mich wirklich berührt. Mir kommt ein altes Youtube-Video in den Sinn. Es trägt den Titel „African Aviation“. Zu sehen sind eine Menge afrikanischer Eigenkonstruktionen, in irgendwelchen Hinterhofwerkstätten zusammengeschräubelt, von denen ihre Konstukteure offensichtlich angenommen hatten, daß sie damit tatsächlich würden fliegen können. Und dann versuchen sie das auch noch in diesem Video. Diese Lebensfreude, dieser Optimismus, diese totale Absenz von Realitätssinn -, das alles erkenne ich in Bostin wieder. Ich beschließe, eine Nacht darüber zu schlafen, ehe ich ihm am Morgen eine Antwort schicken werde. Uns trennen Welten. In jeder Hinsicht.

Ende der Illusion

Vorhin habe ich seine Illusion zerstört, so weit sie mir gegolten hat. Als 24-jähriger Student aus Gambia soll er sich besser auf eine Karriere als Arzt oder Ingenieur konzentrieren, schrieb ich ihm, sich nach seinem beendeten Studium eventuell in Gambia selbständig machen, keinesfalls aber seine Zeit mit Träumen von einer Fußballerkarriere in Germany verschwenden. Es gebe abertausende von jungen Männern wie ihn in Afrika, die allesamt ähnlichen Träumen nachhingen wie er selbst. Alle seien sie exzellente Fußballer. Und dann gebe es noch jede Menge junger Männer wie ihn, die mitsamt ihren Träumen bereits im Lande Germany sind. Und daß er mit 24 Jahren zu alt sei, um noch Bundesligaspieler zu werden. Mit 24 Jahren müsste er bereits einer sein, schrieb ich ihm. Weil seine Karriere bereits in ungefähr sechs Jahren vorbei sein würde. Ich schickte ihm also die Antwort und löschte ihn sofort danach aus meiner Kontaktliste. Es hätte eh keinen Sinn gehabt, mir anzuhören, warum ich völlig falsch liege und daß ich ihm unbedingt eine Chance geben müsse, indem ich sein Manager werde. Zuletzt wäre er mir noch damit gekommen, daß ich Rassist sei, weil ich ihm keine Chance geben wollte. Das wollte ich nicht riskieren, weil es die Sympathie zerstört hätte, die ich für kindlich-zuversichtliche Charaktere habe. Vielleicht besinnt er sich ja doch darauf, daß wahrscheinlich realistischer ist, was ich ihm geantwortet habe, als das, was er sich zusammenphantasiert in seinem kindlichen Gemüt.

Wahrscheinlich versendet Bostin jetzt Kontaktanfragen an andere weiße Männer aus Germany. Irgendwann wird schon einer anbeißen und sein Manager werden, hofft er vermutlich. Oder auch nicht. Uns trennen jedenfalls Welten, was ich sehr schade finde. Aber so ist das halt: „Wir“ sind „wir“, weil „uns“ Bostins phantastische Unbekümmertheit abgeht, sein Optimismus fehlt, weil „wir“ in der Vergangenheit Träume eher nicht mit der Realität verwechselt haben – heutzutage und in völlig anderen Zusammenhängen allerdings durchaus -, und es ist bestürzend, daß Bostin im Grunde genommen zu „uns“ kommen will, weil „wir“ eben nicht so gewesen sind wie er es heute ist. Ist es nicht Wahnsinn, daß jemand behauptet, er liebe Deutschland, obwohl es eigentlich nur seine Vorstellung von Deutschland ist, die er liebt?

In meiner Kindheit auf dem Dorf kannte ich einen damals bereits alten Bauern, der wohl während der Weltwirtschaftskrise Ende der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert war – und wenige Jahre später wieder zurückkehrte, völlig desillusioniert, „kuriert“ sozusagen von seiner Vorstellung von Glück. Im Dorf hatte er bis an sein Lebensende den Status eines leichten Sonderlings. Mir kommt es heute so vor, als habe er mit seiner Suche nach dem Glück verhindert, es je zu finden, so paradox das klingt. „The pursuit of happiness“ – die Tretmühle, das Hamsterrad. Eine tragische Illusion. Das Glück muß sich woanders aufhalten. Man findet es vielleicht in einem stillen, abgelegenen Garten beim Betrachten eines geliebten Hundes, der entspannt im Schatten döst, jederzeit bereit, aufzuspringen und einem zu folgen, wohin auch immer man als nächstes geht.

Bostin hatte noch nie daran gedacht, einmal herauszufinden, ob die in Deutschland lebenden Menschen zusammen so etwas wie eine „glückliche Nation“ bilden. Aber er ist davon überzeugt, daß sein Glück in Deutschland auf ihn wartet. Das ist doch Wahnsinn? Und ist nicht ein Verbrecher, wer solche Illusionen in der ganzen Welt verbreitet? – „Geh´nach Deutschland, werde glücklich!“. So jemand könnte den Leuten auch gleich Crack verkaufen und seinen Landsleuten das Geld klauen, wann immer sich die Gelegenheit dazu bietet. Die internationalsozialistischen Utopisten und Menschheitsbeglücker, die Fortschrittsgläubigen auf ihrer Jagd nach einer besseren, weil „menschlicheren“ Welt „für alle“, scheinen mir die übelsten aller denkbaren Rattenfänger zu sein. Derlei Gedanken macht sich Bostin Bah aus Gambia aber mit Sicherheit nicht. Er will Fußballstar in Deutschland werden. Mit mir als seinem Manager. Total irre.

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