Bei der FAZ gibt es die Rubrik „Herzblatt-Geschichten“. Daß dort Alarmierendes zu lesen sein könnte, vermutet man zunächst nicht. Und doch ist es so. Verständnisloses Kopfschütteln.

von Max Erdinger

Jörg Thomann ist bei der FAZ für die „Herzblatt-Geschichten“ zuständig. Um welche zu finden, hat er offenbar die Yellow-Press studiert und entdeckte in der Illustrierten „Bunte“ eine Meldung von solcher Brisanz, daß sie gleich Quell der Inspiration für seine Schlagzeile wurde. Es ging um Frau Baerbock. Thomanns Schlagzeile: „Sie sieht einfach megagut aus„. Ob es sich bei Thomann wohl um einen üblen Sexisten handelt, der sofort gefeuert werden müsste? – Mitnichten. Er hatte nur die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus zitiert, Frau Antje Kapek. Von der stammt die folgende Einlassung über Annalena Baerbock:

Sie ist eine Mischung aus Angela Merkel und Claudia Roth, mit dem Besten von beiden“, sagt Kapek, worauf man sich sofort fragt, was genau sie meint; dass Baerbock so mitreißend sei wie Merkel und so gelassen wie Claudia Roth, vermutlich nicht. „Und sie sieht megagut aus, das schadet auch nicht“, sagt Kapek noch – ein kleiner Trost für Robert Habeck, der sich gerade beklagt hat, zu häufig nach seinem Äußeren bewertet zu werden. Ob es aber Armin Laschet und Olaf Scholz im Kampf ums Kanzleramt wirklich schadet, dass sie nicht mega-, sondern eher mittelgut aussehen?

Der Reihe nach

Ehe man sich den Kopf darüber zerbricht, ob es sich bei Frau Kapeks Einlassung zu Frau Baerbock um die verdammungswürdige Reduzierung einer Frau auf ihr Aussehen handelt oder nicht, sei zunächst dahingestellt. Wenn es so wäre, dann wäre es eine grüne Frau gewesen, die eine andere grüne Frau auf ihr Aussehen reduziert hätte. Und dann müsste man murmeln: „Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die man nicht für möglich hält.“

Weil man sich aber bereits angewöhnt hat, zuerst einmal keine Silbe von dem ungeprüft zu glauben, was ein grünes Politisierendes (m/w/d) von sich gibt, kommt man nicht umhin, sich Frau Baerbock genauer anzuschauen, um zu sehen, ob es stimmt, daß sie „einfach megagut“ aussieht. Man stellt fest: Von „mega“ kann schon einmal nicht die Rede sein. Und ob sie „normalgut“ aussieht, hängt stark davon ab, wie sie fotografiert wird. Es gibt Bilder von Annalena Baerbock, für die man den Fotografen verklagen sollte. Neulich habe ich so eines gesehen von ihr. Aufgenommen worden war es, als Frau Baerbock in einem ärmellosen Oberteil an einem Rednerpult stand. Unwillkürlich fiel einem beim Betrachten dieses Fotos der folgende Dialog ein: „Hast du auch Milch zum Kaffee?“ – „Ich habe nur fettarme …“ – “ Das sehe ich. Ob du Milch hast, wollte ich wissen“.

Nein, „megagut“ sieht Annalena Baerbock nicht aus. Wenn man sich andere Bilder von ihr anschaut, stellt man auch fest, daß sie auf Pumps kaum verzichten kann, um dem Sachverständigen für gutes Aussehen ein bewunderndes „Wow, die hat ja Beine bis zum Boden“ zu entlocken. Aber das sind natürlich Nebensächlichkeiten. Von selbst hätte ich nie auch nur die kleinste Bemerkung über Frau Baerbocks Aussehen von mir gegeben. Weil ich schließlich kein Sexist bin und Frauen schon immer nur danach beurteilt habe, was sie im Kopfe haben. Weswegen ich auch überzeugter Antifeminist geworden bin. Die grüne Frau Kapek hat mit diesem entsetzlichen „Lookism“ angefangen. Na egal. Melania Trump sieht megagut aus. Ich bin mir nicht sicher, ob das der grünen Frau Kapek schon einmal aufgefallen ist, und ob sie eine Bemerkung dazu hätte fallen lassen, wenn ihr das aufgefallen wäre. Und wenn, dann hätte sie wahrscheinlich verächtlich von Melania als von Donalds „Trophäenfrau“ geredet.

Teilzeitkanzlerin

Wussten Sie übrigens, daß „uns“ ein riesiger Beschiß droht, wenn „wir“ Frau Baerbock zur Kanzlerin wählen? – „Eiderdaus“, fragen Sie, „wie nun dieses?“ – Das will ich Ihnen sagen. In der „Edition F“ verriet Frau Baerbock nämlich, daß sie gar nicht Kanzlerin sein würde, wenn sie zur Kanzlerin gewählt worden wäre, sondern nur Teilzeitkanzlerin. Weil sie nämlich zwei kleine Kinder hat. Da könne sie nicht immer nur im Kanzleramt sein, sagte sie, weil es manchmal wichtiger sein wird, daß sie sich um die Kinder kümmert. Das ist wichtig, damit die kleinen Racker später mal nicht zu gewissenlosen Steak-Essern werden. Der Grund ist einleuchtend: Bisher schon kümmerte sich Frau Baerbocks Ehemann um die Kinder, wenn sie auf grüner Missionsreise fern des gemeinschaftlichen Zuhauses in Potsdam unterwegs gewesen ist. Frau Baerbocks Ehemann heißt mit Nachnamen Holefleisch, was für den Vegetarismus in der eigenen Familie nichts Gutes verspricht. Außerdem ist er von Beruf „Senior Expert Corporate Affairs“ bei der DHL-Group in Berlin, was leicht dazu führen kann, daß auskunftsfreudige Kinder im Vorschulalter auf Nachfrage behaupten, ihr Papa sei arbeitslos, und nur, weil sie „Senior Expert Corporate Affairs“ (Siniorexpertkorprittaffehrs) noch nicht aussprechen können. Da braucht es schon eine Mama zuhause, die ihnen geduldig beibringt, „Senior Expert Corporate Affairs“ flüssig und fehlerfrei auszusprechen.

Als meinereiner die Meldung von Frau Baerbocks Plan, wegen ihrer beiden Kinder nur Teilzeitkanzlerin zu werden, bei der „Edition F“ gelesen hatte – nichts liest er aufmerksamer – , kam ihm eine glänzende Idee, sozusagen ein politischer Vorschlag zur Güte: Es wäre allen gedient, wenn Frau Baerbock noch zwei weitere Kinder bekommen würde und dann ganz zuhause bliebe. Die Vorteile liegen auf der Hand: Herr Holefleisch könnte besser Korprittaffehrs siniorexperten, was klasse für die Siniorkorprittaffehrs wäre, dem ganzen Land würde eine Annalena Baerbock als Teilzeitkanzlerin erspart bleiben, und weil Frau Baerbock nicht mehr so oft in der Öffentlichkeit zu sehen wäre, gäbe es auch weniger Anlaß, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, ob sie megagut aussieht oder nicht, womit wiederum dem sexistischen „Lookism“ ein Riegel vorgeschoben wäre. Außerdem bestünde dann für vier Kinder die Chance, es einmal als Trampolinspringer bis ganz nach oben zu schaffen. Zunächst bis unter die Zimmerdecke, später bis unter die Hallendecke.

Bemerkenswert

Abgesehen davon, daß es merkwürdig anmutet, wenn eine grüne Frau über eine andere grüne Frau behauptet, es sei kein Schaden, daß sie als grüne Kandidatin für das Amt der Teilzeitkanzlerin „megagut“ aussieht, fragt man sich tatsächlich, was die fraktionsvorsitzende Frau Kapek hat ausdrücken wollen, als sie sagte, in Frau Baerbock vereine sich „das Beste der Kanzlerin“ und „das Beste von Claudia Roth“ – und daß sie außerdem noch „megagut“ aussehe. Daß Angela Merkel und Claudia Roth nicht megagut aussehen, vielleicht? Wie herzlos muß man sein, um auch den Blinden noch ihre Illusionen zu rauben? Da keimt doch sofort der Verdacht, daß die Grünen insgesamt die Partei der schnöden Herzlosigkeit sein könnten. Klug war Frau Kapeks Äußerung auf gar keinen Fall. Aber gut, etwas anderes wäre auch die Überraschung des Jahres geworden.

Auf jeden Fall ist meinereiner jetzt schockiert, hatte er es sich doch – um von den Grünen nicht in die Sexistenecke gestellt zu werden – schon lange abgewöhnt, Frauen nach ihrem Äußeren zu beurteilen. Seit Jahren bereits dachte meinereiner nur noch dann an Fortpflanzung, wenn ihn die inneren Werte von Frauen angesprochen haben. Das sind nämlich die wichtigen. Keine Widerrede, wenn ich bitten darf. Die grüne Frau Kapek soll sich in Grund und Boden schämen für ihre machomäßige Chauvinistinneneinlassung.

Aber diese „Herzblatt-Geschichten“ in der FAZ sind eine gute Idee. Auf der Schiene würde ich fortfahren, wenn ich bei der FAZ wäre. Das läßt sich nämlich prima erweitern um Horoskope, Tortenrezepte, Diätratschläge, Reportagen über Prinzen und Prinzessinnen, Abführmittel, Helene Fischer und Florian Silbereisen – eben um alles, was Frauen interessiert. Die Zukunft ist weiblich, weswegen die Zukunftsaussichten auch „megagut“ sind. Dann das „FAZ“ noch abgeändert in „A/FZ“ (Die Aktuelle/Frankfurter Zeitung) – und „wir“ gehen goldenen Zeiten entgegen. Die 16 Jahre der Regierungszeit von Frau Merkel waren ja nur mehr so „silber“, um das möglichst neutral auszudrücken. Wahrscheinlich, weil sie nicht „megagut“ aussieht.