EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kommt auch nach Wochen einfach nicht darüber hinweg. Der Sultan vom Bosporus hatte sie bei ihrem Besuch in der Türkei weit von sich entfernt auf einem Sofa Platz nehmen lassen, anstatt ihr gleichberechtigt einen Stuhl direkt neben sich anzubieten. Der einzige Stuhl neben dem von Erdogan war für EU-Ratspräsident Charles Michel reserviert. Welche Schmach. Nun äußerte sich die protokollarisch Degradierte zum ersten Mal ausführlich. Der „Spiegel“ berichtete. Ein Kommentar.

von Max Erdinger

Ursula von der Leyen kriegt sich gar nicht mehr ein. Nur weil sie eine Frau ist, sei sie bei ihrem Besuch in der Türkei nicht dem protokollarischen Rang einer EU-Kommissionspräsidentin entsprechend behandelt worden, meldet der „Spiegel“ und zitiert die hochrangige Brüsselantin: „Ich fühlte mich verletzt und alleingelassen, als Frau und als Europäerin.“ Wild entschlossen sei die Tochter des ehemaligen Ministerpräsienten von Niedersachsen, Ernst Albrecht, sich eine derartige Schmach nicht noch einmal antun zu lassen. Wohlwissend, daß es in der Öffentlichkeit nicht gut ankäme, wenn der Eindruck entstünde, für Ursula von der Leyen drehe sich die Welt nur um ihre eigene Nasenspitze, münzte sie ihre Sorge ums eigene Image um in eine, die allen Frauen gilt. Und zwar allen Frauen der Welt, wahrscheinlich.

‚Dies zeigt, wie weit der Weg noch ist, bis Frauen als Gleiche behandelt werden‘, sagte von der Leyen. Sie selbst sei privilegiert, weil sie sich wehren könne. Millionen Frauen, die täglich verletzt würden, könnten dies jedoch nicht. Tausende viel schlimmere Zwischenfälle würden nie bekannt. ‚Für sie müssen wir aufstehen‘, twitterte von der Leyen.„. So steht es im „Spiegel“.

Den objektiven Mitdenker beschleicht der Verdacht, daß „Rosinenpickerin“ ein ganz gutes Synonym für „Kommissionspräsidentin“ sein könnte, während er Szenen der Vergangenheit Revue passieren läßt. Er fragt sich auch, ob Erdogan nicht „kulturelle Aneignung“ betrieben hätte, wenn er protokollarisch westeuropäischen Gepflogenheiten gefolgt wäre, anstatt seine Gäste an der „wundervollen Exotik des orientalischen Brauchtums“ teilhaben zu lassen.

Szenen der Vergangenheit

So verzweifelt man auch danach sucht, nirgendwo läßt sich ein, ähnlich wie der aktuelle gelagerter, Uschikommentar zu Claudia Roths Besuch in Teheran im Jahre 2015 finden. Die heutige Bundestagsvizepräsidentin hatte sich damals voller Anmut & Liebreiz mit einem Kopftuch auf dem zierlichen Haupt den Mullahs im Iran präsentiert, was zu wütenden Kommentaren im deutschen Blätterwald führte. Eine Auswahl an Schlagzeilen von damals:

1. „Claudia Roths Iran-Besuch sorgt für Kritik“ (Deutsche Welle)
2. „Claudia Roths Besuch in Teheran sorgt für Wirbel“ (Merkur)
3. „Iranerinnen protestieren gegen Roths Kopftuch“ (Emma)
4. „Claudia Roth: Moralpolitikerin ohne Moral“ (Bayernkurier)
5. „Gruß an den Iran: Claudia Roth gehört in die ‚Hall of Shame'“ (Welt)

Nirgends findet Ursula von der Leyen Erwähnung in einer Schlagzeile, die etwa hätte so lauten können: „Ursula von der Leyen liest Claudia Roth die Leviten“. Geschweige denn, daß zu lesen gewesen wäre, Ursula von der Leyen habe Claudia Roth ins Stammbuch geschrieben, daß sie für „Millionen Frauen, die täglich verletzt“ werden, „aufstehen“ müsse.

Allerdings gibt es Einlassungen der EU-Kommissionspräsidentin aus Zeiten, in denen sie noch Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend-, später dann Bundesverteidigungsministerin gewesen ist. Dokumentiert sind sie hier.

1. „Ich finde es nicht schlimm, dass Mädchen in Sachen Bildung an den Jungen vorbeiziehen. Wären die Zahlen anders herum, würde kein Hahn danach krähen …“
2. „In Afghanistan sind Männer und Frauen gefallen, weil sie sich eingesetzt haben, die Freiheit, die Demokratie, die Wahrung der Menschenrechte zu verteidigen.“

Zum Zeitpunkt dieser Einlassung stand es um das Geschlechterverhältnis unter den deutschen Gefallenen in Afghanistan so: Männer 54 : Frauen 0.

Recht hat die EU-Kommissionspräsidentin allerdings mit ihrer Feststellung, daß es noch ein weiter Weg ist, bis „Frauen als Gleiche behandelt werden“. Noch immer spricht niemand von Verkehrssünderinnen, Verbrecherinnen, Raserinnen, Gefalleninnen, Gewalttäterinnen, Kindsmißhandlerinnen, Lügnerinnen usw.usf. – im Klartext: Alle diese armen Frauen müssen sich bedauerlicherweise nur mitgemeint fühlen, anstatt mitgenannt zu werden. Es ist tatsächlich noch ein weiter Weg, bis Frauen als Gleiche behandelt werden. In diesem Zusammenhang darf man auch getrost einmal darüber spekulieren, ob Frau von der Leyen und Frau Merkel noch immer im Amt wären, wenn sie eben keine Frauen wären, und ob sie sich ihre Brötchen inzwischen im Straßenbau, bei der Müllabfuhr, als Industrietaucherinnen, Bäuerinnen oder Gerüstbauerinnen verdienen müssten. Apropos Gleichheit: Die Differenz bei der durchschnittlichen Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern in Deutschland betrug im Jahr 1920 etwas mehr als ein Jahr, damals bereits zugunsten von Frauen. Hundert Jahre später liegt sie bei satten sechs Jahren – wieder und immer noch zugunsten von Frauen. Und es geht Frauen in höchsten politischen Ämtern maximal am Allerwertesten vorbei, daß das so ist. Da ist kein Mucks zu hören, kein Finger rührt sich, obwohl ansonsten praktisch für alles soziologische Erklärungsmuster herangezogen werden. Geht es um die inzwischen enorme Differenz bei der durchschnittlichen Lebenserwartung, dann darf ausgerechnet die gerne „biologische Ursachen“ haben. Esther Vilar hatte vor fünfzig Jahren bereits sehr zutreffend erkannt, wer in der westlichen Welt das dressierte Geschlecht ist. Ihre Bestseller trugen die Titel „Der dressierte Mann“ und „Das Ende der Dressur“. Daß sie Deutschland verlassen musste, lag nicht zuletzt an den Gewalt- und Morddrohungen, die sie dafür von ihren gleichheitsfeministischen „Schwestern“ aus dem Schwarzerschen Dunstkreis erhalten hatte, den „Mordandroherinnen“. Zweifellos Mensch*Innen und damit die „besseren Menschen“.

Verallgemeinerungen und Vorurteile

So ärgerlich Verallgemeinerungen für jene Einzelpersonen sein mögen, denen man Unrecht damit tut: Zur Beschreibung einer Tendenz taugen sie allemal; die Einzelperson gibt es durchaus auch in der Erscheinungsform des Mimöschens. Und die so arg bekämpften Vorurteile gibt es ebenfalls nicht wegen nichts. Sie sind eben generalisierende, empirisch entstandene Urteile, die dem späteren Urteil im Einzelfall vorausgehen. Tendenziell scheint es aber zu stimmen: Männer machen Politik, Frauen hingegen immer nur Frauenpolitik. Und: Fairness ist ein männliches Konzept. Männer wollen etwas beweisen, Frauen etwas erreichen. Außerdem: Männer haben seit jeher Frauen beschützt, versorgt und verteidigt. „Emanzipierte“ Frauen begreifen es offensichtlich nicht als ihre Aufgabe, das umgekehrt genauso zu tun, selbst dann nicht, wenn sie in die vormals rein männlichen Machtpositionen gelangt sind, in denen sie das tun könnten. Vielmehr scheinen sie es als ihre „Befreiung von überkommenen Zwängen“ zu betrachten, daß sich nunmehr die Welt ganz um ihre je eigene Nasenspitze drehen darf. Die Männer lassen sich das größtenteils bieten, weil: Sie sind schließlich Männer und müssen Frauen fördern, beschützen, versorgen, verteidigen, ihnen Dinge erfinden, Nachsicht üben und überhaupt viel Wohlwollen zeigen, ganz egal, um welche widerwärtigen Xanthippen es sich bei gleichheitsfeministischen Mutationen von Weiblichkeit handeln könnte. Gott bewahre, daß ein erwachsener Mann aufsteht und in die Runde brüllt: „Leckt mich am Arsch! Die Hälfte aller Menschen, die mir in meinem Leben begegnet sind, waren Frauen. Ich weiß selber, was Frauen sind, was sie wahrscheinlich können und wozu sie wahrscheinlich unfähig sind. Ich brauche keine dämlichen, total verpeilten und anmaßenden Gleichheitslaberinnen, die mir erklären wollen, was für arme Hascherln die Frauen insgesamt sind! Ich lasse mich auch gern überraschen!“.

Ich weiß, daß es sich um einen extremen Verdacht handelt, aber ich habe ihn trotzdem: Es gibt einigermaßen Grund zu der Annahme, daß es der dem Weibe inhärente Hang zum komplett fairnessbefreiten Subjektivismus sein könnte, sein Hang, das Gefühl über die Vernunft zu stellen, die Befindlichkeit angesichts eines Problems über die Notwendigkeit, es zu lösen, die via der ubiquitären Weibsenermächtigung in öffentlichen Angelegenheiten inzwischen eher über kurz als über lang dazu führen wird, daß sich ein ganzer Kulturkreis suizidiert. Und kaum jemand erhärtet diesen meinen Verdacht so sehr wie die Frau EU-Kommissionspräsidentin. Sie scheint wirklich mit einer sehr selektiven Wahrnehmung der Wirklichkeit geschlagen zu sein. Dabei wäre dieser Subjektivismus noch nicht einmal grundsätzlich verkehrt, wenn man sich überlegt, daß wohl die größten Subjektivisten ausgerechnet die Kleinsten sind. Etwas Subjektivistischeres als ein Neugeborenes, einen Säugling oder auch ein Kleinkind kann man sich kaum vorstellen. Da ist es gut, wenn es eine Mutter gibt, die sie gewissermaßen auf eine biologisch natürliche Weise versteht und sie mit Liebe überschüttet.

Es könnte der Differenzfeminismus einer Esther Vilar gewesen sein, der möglicherweise segensreiche Wirkung entfaltet hätte, während der Schwarzersche Gleichheitsfeminismus die Garantie für die totale Zerstörung des Geschlechterverhältnisses ist, was dann wiederum dazu führt, daß eine ganze Kultur den Bach hinabgeht. Im Kern verbindet Männer und Frauen etwas ganz anderes, als die gemeinsame Vorliebe für nervtötende, weil grundverlogene Gleichheitsdiskussionen in ihrer abgrundtiefen Borniertheit.

Von Erdogan und seinen Protokollchefs kann man halten, was man will. Mir gefällt, daß er der EU-Kommissionspräsidentin einmal klargemacht hat, wo sie sich aufhält, und daß die Regeln, die dort gelten, keinesfalls die der Frau von der Leyen sind, sondern seine eigenen. Vielleicht begreift die Kommissionspräsidentin ja noch, daß sich die Welt eben nicht um ihre Nasenspitze dreht. Für wahrscheinlich halte ich das aber nicht. Feministisch gründlich indoktrinierte Westfrauen werden auch weiterhin nach Gusto auswählen, was ein „langer Weg“ ist, den sie zu gehen haben, um für „Millionen von Frauen“ und bla-bla-bla … „aufzustehen“.