Das unrühmliche Ende der „allesdichtmachen“-Aktion zeigt: Die künstlerische- und Meinungsfreiheit in Deutschland sind faktisch tot, zulässig allenfalls noch in den haarbreiten Toleranzkorridoren des Linksstaats und seiner Domestiken in Sendeanstalten und den Feuilletons. Kritik an den Corona-Maßnahmen gilt per se bereits als Wehrkraftzersetzung. Halb wirkten die Einschüchterungen und Drohungen von Kollegen, verpackt hinter demonstrativ bekundeter Abscheu oder zumindest Unverständnis für die Mitwirkenden, und halb verließ die mitwirkenden Schauspieler selbst der Mut. Rückgrat zeigten am Ende nur wenige – darunter Jan Josef Liefers, der sich schon einmal, nämlich 1989, zur DDR-Wendezeit einem Regime und seinen Institutionen entgegengestellt hatte.

Andere Kollegen – als erstes Heike Makatsch, Meret Becker, Franka Potente, dann auch Richy Müller oder Ken Duken – offenbarten erbarmungswürdige Feigheit und/oder Unwilligkeit, zum Gesagten zu stehen, was nur zwei Schlüsse zulässt: Entweder sie haben sich mit der Kampagne, an der sie mitwirkten, zuvor nicht auseinandergesetzt, was für erwachsene und denkende Menschen zumal des geistig eigentlich fordernden Schauspielmetiers ein Offenbarungseid bedeutet. Oder – die weitaus wahrscheinlichere Erklärung – sie gaben dem ersten Gegenwind nach und hielten ihr Fähnchen sogleich in den Wind, als Ungemach von den staatlichen und systemnahen Auftraggebern drohte und damit Gefahr für die eigene Karriere. Die wie vorbereitet anmutenden, an die Selbstbezichtigungen der rotchinesischen Kulturrevolution erinnernden Floskeln ihrer öffentlichen Reuebekenntnisse lassen eigentlich keinen anderen Schluss zu. So wie heute auch bei Ulrike Folkerts, Darstellerin der Ludwigshafener Tatort-Kommissarin Lena Odenthal, die schrieb:

(Screenshot:Instagram)

 

Das schreibt im Jahre 2021 eine vor allem von den Staatssender gebuchte Künstlerin. Sinngemäß etwa: Ich habe einen Fehler gemacht, ich widerrufe, bitte nehmt mir nicht meinen Job weg, ab sofort stehe ich treu und aufrecht zu unserer großartigen Bundesregierung und verschreibe mich ihrem aufopfernden Kampf für das Leben und unser alles Gesundheit: Wer sich bei solchen peinlich-byzantinischen Unterwerfungsgesten nicht an Zustände in Diktaturen erinnert fühlt (siehe das Beitragsbild über dem Artikel), der muss sich mehr als nur Geschichtsblindheit vorwerfen lassen.

Dass nun die Aktion komplett beerdigt wurde und die komplette Seite mit den 53 erfrischend aufmüpfigen und sarkastischen Videos allen Ernstes mittlerweile gelöscht ist, verfestigt einen Eindruck, den sich seit einem Jahr angesichts von Demonstrations- und Versammlungsverboten, immer rigoroseren Regulierungen der sozialen Medien hinsichtlich ihrer Inhalte und öffentlicher Scherbengerichte gegen Corona-Maßnahmenkritiker zunehmend aufgedrängt hat: Über dieses Land breitet sich das Leichentuch geistiger und diskursiver Verarmung. Passend zum staatlichen Verbot von Kontakten und jeder Form von direkter Interaktion zwischen Menschen, muss auch ihr intellektueller Austausch steril und keimfrei erfolgen – ohne den gefährlichen Virus der Kritik am Pandemie-Regime, ohne oppositionelle „Infektionsgefahr“.

Für das Virus der Opposition gilt „Zero Tolerance“ 

Und mit derselben „Solidarität„, mit der „wir uns alle gegenseitig im Lockdown schützen“ (RKI-Chef Lothar Wieler), werden die Zweifler, Skeptiker und Kritiker der Maßnahmen zu Gefährdern erklärt und bekämpft. Egal, ob es sich dabei um eine geistreiche künstlerisch-satirische Reflexion wie „allesdichtmachen“ handelt oder um um die abweichenden Expertisen hochqualifizierte Wissenschaftler und Juristen handelt. Wenn sich ihr Tenor von AfD und Querdenkern zitieren und gutheißen läßt, sind sie subversiv, kriminell, empörend und die Verantwortlichen gehören abgestraft und sanktioniert.

Eine Wiederkehr des McCarthyismus forderte gestern ein weiterer ARD-Rundfunkrat: Norman Heise von Radio Berlin-Brandenburg plädierte gestern dafür, die an der Aktion beteiligten Schauspieler wegen ihrer Kritik zum Rapport vor den Rundfunkrat zitieren zu zitieren. „Diese Aktion muss im Nachgang ganz genau vom Rundfunkrat betrachtet werden. Jeder einzelne der beteiligten Künstler muss angehört und zu seinen Intentionen befragt werden“, so Heise – die Wiederkehr der Inquisition lässt grüßen! Wenn es noch irgendeines Arguments für die Abschaffung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks bedurft hätte – et voilá.

Letztlich dominieren heute Radikale die öffentliche Meinung und die Grenzen des Sagbaren. Im Namen der jeweiligen, durch Angstpropaganda eingebimsten Staatsdoktrin – heute lautet sie eben zufällig mal „Virusbekämpfung“ – können Freiheitseinschränkungen, kriegsrechtliche Maßnahmen wie Ausgangssperren, Wirtschaftsverbote und Grundrechtssuspendierungen gar nicht weit genug gehen. Satire, Rede- und Meinungsfreiheit gibt es selbstverständlich unbehindert – sofern der Grundton und die Zielrichtung stimmen. Die Vielfalt ist dabei ähnlich ausgeprägt wie die legendäre Farbpalette des Ford T, der laut Aussage seines Erfinders Henry Ford bekanntlich in jeder Farbe erhältlich war, vorausgesetzt, sie sei schwarz. Nach diesem Verständnis gibt es Meinungsfreiheit auch in Nordkorea. Und für die Schergen und Mitläufer dieses Systems ist dann sogar „Kontaktschuld dritten Grades“ unentschuldbar – wenn einzelne CDU-Politiker wie Armin Laschet oder Jens Spahn mit jenen Künstlern auch nur reden wollen, die sich durch ihren unentschuldbaren Defätismus für ewig zu Aussätzigen gemacht haben:

(Screenshot:Twitter)

Es ist dieselbe stalinistische Methodik, mit der auch noch so konstruktive Kritik im Ostblock vor 1989 im Keim erstickt wurde: Auch wenn sie objektiv noch so legitim war und den „Sozialismus“ gar nicht systematisch in Frage stellte, sondern lediglich durch Alternativen zum strikten zentralistischen Barraskurs verändern wollte, reagierte der Apparat mit Repression – schließlich wurden die Reformer ja vom verhassten Westen und damit dem Klassenfeind beklatscht und mussten folglich imperialistisch-kapitalistische Agenten und Feinde des Sozialismus sein. Der Prager Frühling verdankt sein Scheitern dieser dogmatischen Militanz, ebenso wie sie die brutale Unterdrückung der DDR-Bürgerrechtsbewegung vor der Wende begründete.

Heute hat sich lediglich das Feindbild gewandelt: Statt Klassenfeind ist es heute der „Leugner“, der „Verschwörungstheoretiker“, der „Verharmloser“, in Gestalt von Grundrechtsdemonstranten, Maskenmuffeln und Impfskeptikern. Wer von diesen „Verbrechern“ unserer Zeit auch nur einmal Applaus erhält, ist verdammt; Inhalte spielen keine Rolle mehr. Rechtsanwalt und Publizist Joachim Steinhöfel twitterte zum jähen Ende von „#allesdichtmachen“ heute treffend:

(Screenshot:Twitter)

Ostdeutschen Wortführern wie Liefers, die die letzte Diktatur erlebt haben wie Jan Josef Liefers, die sich an den großen Bürgerrechtsdemonstrationen aktiv beteiligt haben (und damit in ihrem Leben mehr Zivilcourage bewiesen haben, als konformistische gebührenfinanzierte Sesselfurzer mit ihrer selbstgerechten Klappe in den WDR-Redaktionen oder Rundfunkräten) können sich dabei etwa mehr erlauben, bei ihnen läuft das Verleumdungsinstrument der angeblichen „Kontaktschuld“ zu Querdenkern nämlich ins Leere. Aufgrund ihrer speziellen Biographie, Erfahrungswerte und ihrer unbestreitbar geschärften Sensibilität für autoritäre Fehlentwicklungen entwickeln die meisten regierungsloyalen Kettenhunde hier eher eine Beißhemmung – ähnlich, wie auch die Kritik von Verfolgten des Dritten Reichs etwa in der Debatte um die Notstandsgesetze der 1960er besonderes Gewicht hatte.

Doch im Interview mit Liefers (Video siehe hier) wusste Martin von Mauschwitz den Rückhalt seines Senderapparats und des gesamten erzürnten Mainstreams hinter sich, so dass er nicht einmal diese Schonung gewähren wollte, sondern Liefers sogleich auf die Anklagebank rückte und mit Wertung- und Schuldbegriffen operierte – was schon damit begann, dass er Liefers seine persönliche „Enttäuschung“ über die Aktion vorhielt. Was hätten sich er und die anderen Künstler dabei gedacht das neue Infektionsschutzgesetz kritisch zu hinterfragen und eine Politik, die ihren Berufsstand wie viele andere leise und allmählich beerdigt – das wollte der WDR-Moderator von Liefers wissen.

Ein deutscher Journalist 2021 will also nicht wissen, was sich eine Regierung und Parlamentsmehrheit dabei gedacht hat, das Grundgesetz auszuhebeln, die föderale Grundarchitektur auszuhebeln, Ausgangssperren mit 25.000 Euro Bußgeld- oder gar Haftandrohungen zu verhängen – all das abgesegnet von Ministerpräsidenten, die noch zwei Tage zuvor zuvor die Verfassungswidrigkeit eben dieses Gesetzes hinterfragten. Sondern was sich Künstler erlauben, dagegen zu protestieren. Liefers fand bekanntlich die richtigen Antworten, trotz seines enervierten und übermüdeten Gesamtzustands, und gab seinem „Befrager“ bzw. Ankläger von Mauschwitz Nachhilfestunden in Satire, Meinungsfreiheit und beunruhigenden Parallel zur DDR – auch wenn er hier natürlich relativierte und auf graduelle Unterschiede hinwies.

Tiefpunkt der Interviewkultur beim WDR

Immer wieder pappt der Vergleich mit der DDR auf; nicht ohne Grund. Und warum? Weil sich die Parallelen zu ihr in diesen Tagen jedem denkenden Menschen aufdrängen. Aber selbst die apologetischen Stimmen, die die allesdichtmachenkampagne gegen die Bluthunde des unfehlbaren Gesinnungstotalitarismus in Schutz nehmen, müssen höllisch aufpassen, dass sie jedem dieser Vergleiche eine entschärfende Fußnote beifügen – selbstverständlich gäbe es da Unterschiede, wir leben in einem freiheitlichen System, „versteht mich bloß nicht falsch, aber“, „ich bin kein Querdenker, aber“, „ich habe absolut nichts mit der AfD zu tun, aber“…. Zu sagen, was man denkt, ist ein Operieren und Lavieren auf vermintem Gelände. Selbst „Bild“-Parlamentsredaktionschef Ralf Schuler, ein grundsolider und blitzgescheiter Journalist von ebenfalls ostdeutscher Herkunft, kommt in seinem heutigen, sehr differenzierten Kommentar zur sofort widerrufenen Spontancourage deutscher Künstler jede Parallelführung zur DDR-Wirklichkeit mit einer „Gebrauchsanweisung“ im Halbsatz versehen.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen staatlicher Zensur und den bei uns eher indirekt angewandten Mechanismen der Meinungskontrolle. Niemand muss hier (zumindest noch nicht) in den Knast, wenn er das Falsche sagt oder schreibt. Doch seine Strafe ist schlimmer: Ihm droht die gesellschaftliche Kaltstellung, Isolation, berufliche Erledigung, Meidung durch jene, die existenziell auf staatliches Wohlwollend angewiesen sind; und von diesen gibt es – dank ausuferndem öffentlichen Dienst, eines immer schneller wuchernden Staatseinflusses auf Medien, Kultur (und seit Corona auch auf die Wirtschaft) mehr und mehr. Sie alle, praktisch die gesamten meinungsbildenden Schichten, können sich Regierunskritik letztlich nicht mehr erlauben. In Merkeldeutschland setzt die Regierung auf effektive Selbstzensur und Meinungsregulierung durch soziale Kontrolle. Und wie gut diese inzwischen funktioniert, dafür ist „#allesdichtmachen“ geradezu ein Lehrstück.

UPDATE 25.4.2021: Die Seite www.allesdichtmachen.de ist mittlerweile wieder im Netz – allerdings mit einer seitenlangen Klarstellung, einer Art Gebrauchsanweisung, um toxische „Missverständnisse“ zu vermeiden, im Distanzeritis-Duktus.Dafür hat Youtube mittlerweile die Seite und die Einzelvideos der Künstler aus ihrer Liste der Suchergebnisse gelöscht.