Streitkultur wie unter Mao: Kotau der Staatskünstler nach #allesdichtmachen

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Die große Stunde der Corona-Showgrößen (Foto: Imago)

Das große Corona-Schisma, die gesellschaftliche Spaltung hat nun auch die Kunst- und Kulturszene glücklich erreicht: Nachdem eine Pioniergruppe um Schauspieler wie Jan-Josef Liefers und andere endlich den Mut fanden, das auszusprechen, was die Mehrheit ihrer Zunft denkt, und die Wut, Ängste und Zorn zu artikulieren, dauerte es nur wenige Netzmomente, bis sich die staatsloyalen Hofschranzen aus den eigenen Reihen auf sie stürzten und in einer für die BRD-Geschichte beispiellosen Hetzjagd für ihre Courage niedermachten. Mit Erfolg: Reue statt Rückgrat, lautete die Devise bei den meisten Akteuren der genialen „#allesdichtmachen“-Kampagne, zu der (teilweise nur vermeintlich) kritische Künstler 53 lustige und intelligente Videos über die Corona-Zwangsmaßnahmen posteten.

Mit Ironie, Witz und Sarkasmus hinterfragen sie die Corona-Politik der Bundesregierung und kritisieren vor allem das hiesige Diskussionsklima„, konzedierte heute früh sogar „Bild“ anerkennend die kreative und geistreiche Art der Auseinandersetzung. Zu diesem Zeitpunkt schwante wachen Beobachtern auf Twitter bereits, wie die Reaktion des linksgrün-notstandsaffinen Juste Milieu ausfallen würde. Und in der Tat: Weil in Corona-Deutschland bekanntlich nicht entscheidend ist, was jemand sagt und denkt, sondern nur, von wem er missverstanden werden könnte (oder gar toxischen Applaus erhält), ging auf die Abtrünnigen schon bald ein selten gesehener Shitstorm nieder – und zwar von den eigenen Berufskollegen.

Bereits gestern Abend liefen die sozialen Netzwerke heiß, wurden die zentralen Figuren der satorischen Protestaktion zu Rechtsradikalen, Querdenker-Demonstranten, Verschwörungstheoretikern gestempelt und gar mit Joseph Goebbels verglichen. Rufe nach Verweigerung der Behandlung im Falle einer Covid-Erkrankungen kursierten. Die volle Menschenverachtung der Corona-Hetzer brach sich Bahn. Deren Tenor: Wer die Grundrechtseinschränkungen des IfGS auf noch so subtile Weise in Frage stellte, macht sich nicht nur gemein mit AfD und Querdenkern, sondern zeigt hämische Gleichgültigkeit gegenüber Kranken, Beatmeten, Verstorbenen.

Triumph der Propaganda

Propaganda und Gehirnwäsche der vergangenen Monate haben ganze Arbeit geleistet, die Kanzlerin hat ihr Ziel erreicht: Was immer sie für notwendig erklärt, um „Menschenleben zu retten„, darf nicht länger hinterfragt werden, wird sakrosankt und tabu für jede Kritik erklärt. Unreflektiert wird, weil der Bundestag und Bundesrat ja so entschieden haben, die blinde Gefolgschaft und Gutheißung von Ausgangssperren gleichgesetzt mit „Solidarität“, „Respekt“ und „Mitgefühl“ für Erkrankte, „Verantwortungsbewusstsein“ für die Volksgesundheit – auch wenn nachweislich zwischen den Maßnahmen und den Inzidenzzahlen kein irgendwie evidenter nachweisbarer Wirkzusammenhang besteht. Und Zweiflern droht der Holzstoß.

Dass das Eintreten für Freiheitsrechte und Kritik an illegitimen und überschießenden staatlichen Restriktionen derart reflexartig mit einer Gefährderhaltung, einer Negierung von Lebensrecht und Allgemeinwohl gleichgesetzt wird, ist eine agitatorische Perversion ersten Ranges – doch selbst vermeintlich große, freiheitliche Denker und politische Beobachter sind anscheinend nicht dagegen gefeit, diesem plumpen Zirkelschluss zu erliegen: Auch Publizist Hugo-Müller-Vogg ergriff verstörenderweise auf „Focus“ Partei gegen die Dissidentenfraktion und stellte die Kritiker von „#allesdichtmachen“ auf perfide Weise in den Senkel: „Während Menschen an dem Corona-Virus sterben und die Intensiv-Stationen überlastet sind, präsentieren prominente deutsche Schauspieler mal kurz einen Einblick in ihre egomane Innenwelt“. Ein Satz, wie ihn Steffen Seibert und die Pressestelle von Jens Spahn nicht schöner hätten artikulieren können.

Zum Glück behielten rühmliche Ausnahmen der deutschen Öffentlichkeit Rückgrat und Augenmaß, und erkannten die widerwärtige Treibjagd der Mitläufermeute auf die maßnahmenkritischen Ausreißer als das, was sie sind. Selbst „Linken“-Amazone Sahra Wagenknecht, die die Kampagne der 53 Videos als „klasse Playlist“ lobte. Oder auch „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt:

(Screenshot:Twitter)

Die Brutalität, die Poschardt hier meint: Sie hat Methode. Wie bei der chinesischen Kulturrevolution, nach Maos Devise „bestrafe einen, erziehe hundert“, soll an jenen, die Kritik an der überschießenden Corona-Politik der Regierung unter geistreicher Aufbietung ihrer musischen Talente riskiert hatten, ein Exempel statuiert werden.

Und so wie unter Mao lesen sich denn auch die Widerrufe der feigen „step forward – doublestep back“-Künstler, die auf ersten Gegenwind hin sogleich einknickten und zurückruderten. Etwa Heike Makatsch, die auf Instagram schrieb:

(Screenshot:Instagram)

Das, was Makatsch hier formuliert – keinen Tag, nachdem sie in offenbar „unreflektierter“ und ehrlich empfundener Wut über die schädlichen Auswirkungen der Pandemiepolitik (und das, was sie für die eigene berufliche Lage und die ihrer Kollegen bedeutet) aktiv bei „#allesdichtmachen“ mitgewirkt hatte – erinnert an die vorbereiteten Widerrufsnoten der Opfer von stalinistischen Schauprozessen. Hier fehlen nur noch die spitzen Schandhüte. Kein Deut besser übrigens auch ihr reumütiger Kollege Richy Müller („ich war blauäugig„) – oder Kostja Ullmann, der ebenfalls seine Felle schwimmen sah und retten wollte, was nicht mehr zu retten ist:

(Screenshot:Twitter)

Jan-Josef Liefers als Hauptinitiator stand zwar treu zur Kampagne, versuchte aber dennoch den Spagat, gleichzeitig ebenfalls bestimmte „Missverständnisse“ zurechtzurücken. Bei vielen seiner Hü-Hott-Kollegen aber feiert der Irrsinn fröhliche Urständ‘, und hier stellt sich dann die Frage: Wie schizophren ist es bitte, von eigenen Überzeugungen wieder abzurücken, bloß weil sie von den „Falschen“ geteilt werden können, und sich lieber einen Knoten in die Zunge zu machen, ehe man dasselbe vertritt wie die „Aussätzigen der Meinungskultur“ (einem Phantom übrigens, denn inhaltlich stehen Querdenker & Co. in ihrer nichtradikalen Großzahl für keinerlei Radikalismus oder gar Extremismus, sondern für identische Forderungen wie die die dieser Künstler)?

Auf die harte Tour erleben nun die Ulrich Tukurs, Martin Brambachs, Nadja Uhls & Co. wie auch all die anderen  am eigenen Leib das, was all denen seit Jahren in diesem Land widerfährt, die sich gegen den moralinsauren Mainstream stellen – seit der Flüchtlingskrise 2015 und erst recht seit Corona: Das Stigma der rechten Ecke nämlich. Umso mehr Respekt deshalb vor denen, die sich trotzdem treu bleiben und ihren Protest verteidigen! Armselig hingegen ist das Zurückrudern der Strauchelnden – zumal mit genau diesen Reaktionen schließlich zu rechnen war.

Die Frage stellt sich, wer hier feiger ist: Die, die erst „Courage“ zeigen und dann beim ersten Widerstand einen Rückzieher machen – oder die, die „#allesdichtmachen“ von vornherein gar nicht mittrugen und sich vom ersten Moment an gegen ihre renitenten Kollegen richteten. So wie etwa Nora Tschirner oder ihr Tatort-Kollege Christian Ulmen. Oder der Präsident des Deutschen Bühnenvereins, Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda. Oder der „Medienkritiker“ Stefan Niggemeier, der „#allesdichtmachen“ als „größten Erfolg der Querdenkerszene bisher“ bezeichnete und befand, wenn „bekannte und geschätzte Schauspieler mit ekliger Ironie“ gegen die Corona-Maßnahmen kämpften, sei dies „grauenhaft„. Oder Elyas M. Barak, der selbstentlarvend in unfreiwilliger Karl-Krauß-Manier befand: „Mit Zynismus ist doch keinem geholfen!„.

Brauner Hals der Systemtröten

All diese Systemtröten beeilen sich, nun, da es zum Schwur kommt, dem neuen Corona-Regime den Rücken zu stärken. Sie überbieten sich darin, im zelebrierten Distanzbekenntnis die „Nestbeschmutzer“ aus dem eigenen Berufsumfeld zu schmähen, entmenschlichen und zu vernichten, während sie die eigenen Herren und den Corona-Staat ihrer blinden Gefolgschaft versichern, ihrer Loyalität im „Kampf gegen das Virus“, der nur eine Chiffre ist für eine austauschbare Ideologie, mit der Unrecht und Unfreiheit diesmal legitimiert werden.

Was im Osten einst Johannes R. Becher oder Hermann Kant waren, das sind heute diese Tschirners und Ulmens. Sie sind die geistigen Nachfolger jener Kulturschaffenden, die in der DDR nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns Ergebenheitsadressen ans SED-Regime richteten, die sich in gespielter Entrüstung über Oppositionelle die Feinde des Sozialismus, die subversiven Kräfte imperialistischen Agenten aus den eigenen Reihen echauffierten. Man könnte auch noch weiter zurückgehen, etwa bis den UFA-Stars, Reichsmusikdirektoren, Dirigenten und Intendanten im dritten Reich, die bei der Arisierung iher Spielstätten proaktiv mitwirkten und sich von jedem, der in Ungnade fiel, demonstrativ abkehrten, um den eigene Hals zu retten.

Was Satire darf, bestimmt Jan Böhmermann

Besonders abstoßend: Jene, die den Satirebegriff über alle Schmerzgrenzen ausdehnten, wenn damit linksradikase Hetze und Vulgärsarkasmus verteidigt werden, erklären sie, wo sie in intelligenter und subtiler Form daherkommt, zum Kardinalverbrechen. Allen voran der schlimmste Hetzer, den die öffentlich-rechtlichen aufzubieten haben – Jan Böhmermann, selbst satt abgefüttert beim ZDF mit linientreuer Narrenfreiheit ausgestattet, der selbst die Entartung des Satirebegriff in ungeahnte Dimensionen schraubte, erklärt die Satire nun für deplatziert und mahnt oberlehrerhaft: Wenn man Probleme mit Corona-Eindämmungsmaßnahmen habe, solle man sich einfach „eine Dokumentation von der Intensivstation der Charité ansehen„.

Vince Ebert brachte es auf Facebook auf den Punkt: „Diejenigen, die sich mit dem Satz ‚Satire darf alles‘ bei jeder unpassenden Gelegenheit heiser schreien und bereits körperliche Schmerzen vom allzu häufigen Schwingen der Nazi-Keule haben müssten. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte – die Aktion der Schauspieler hat ihn endgültig erbracht: Die Streitkultur im Land ist hoffnungslos im Arsch.“ Dazu tragen die bei, die sich im Besitz der alleinigen Definitionshoheit von Kunst- und Meinungsfreiheit wähnen – und doch nur für eine absolute Mindermeinung stehen, wie heutige Spontanumfragen im Netz ergaben. Dort war das Stimmungsbild nämlich eindeutig:

(Screenshot:Twitter)

Von Streitkultur kann ohnehin dann nicht mehr gesprochen werden, wenn nicht nur spezifische Überzeugungen, sondern mittlerweile schon „verdächtige“ Parallelführungen mit der Schmuddelecke ein sensorisches Frühwarnsystem auf den Plan rufen. Wer ähnliche Begriffe verwendet wie jene von der „dunklen Seite der Macht“, fällt sogleich der Kontaktschuld anheim. Daran erinnerte das linksfaschistoide „Zentrum für Politische Schönheit“ mit folgendem ironiefreien, erhellenden Debattenbeitrag:

(Screenshot:Twitter)

Nach dieser Logik müssen demnächst aufrechte Linke nur noch in die Hosen scheißen – die Toilette ist fortan pfui, weil sie von AfD’ler und Konservativen benutzt wird. Und dieselbe Luft zu atmen wie Querdenker oder zu bejahen, eins plus eins ergäbe zwei, wenn dies auch von Covidioten behauptet wird – geht alles gar nicht!

Wie nun mit den Meinungsverbrechern gegen den Volkskonsens verfahren? Pranger oder Gulag stehen (noch) nicht zu Verfügung – doch Strafe muss sein. Der SPD-Funktionär und WDR-Rundfunkrat Garrelt Duin forderte heute ganz unverhohlen faktisches Berufsverbot und Existenzvernichtung für Abtrünnige, die aus seiner Sicht Undankbarkeit und Verrat gegenüber der „Familie“, dem Outfit der zwangsgebührenfinanzierten Staatssender übten:

(Screenshot:Twitter)

So bolschewistisch, totalitär und abstoßend es auch ist, was Duin hier vom Stapel lässt – in einem hat er sogar recht: Die meisten Protagonisten von „#allesdichtmachen“ sind in der Tat, anders als die unbekannte Mehrheit der von den Pandemiemaßnahmen betroffenen Kulturschaffenden, privilegiert, da materiell abgesichert und jammern insofern auf sehr hohem Niveau. Andererseits wäre es umso bedeutender gewesen, wenn gerade diese Prominenz ihre relative Unabhängigkeit genutzt hätte, um als Eisbrecher voranzugehen und damit auch die hunderttausenden eher unbekannten bis namenlosen Schauspieler, Musiker, Literaten und Kleinkünstler zu motivieren und encouragieren, endlich ebenfalls ihren Unmut zu artikulieren.

Umso schlimmer, schandbarer und tragischer, dass ihr „Widerstand“ nicht einmal die Lebensspanne einer Eintagsfliege andauerte, ehe sie reihenweise umfielen, ihren Canossagang antraten und öffentlich widerriefen, in der schäbigen Hoffnung, für ihren „Fehltritt“ nicht allzu heftig büßen zu müssen. Sie haben der eigenen Zunft einen Bärendienst erwiesen –  mit ihrem Proteststurm im Wasserglas nach der Devise „wasch mich, aber mach mir den Pelz nicht nass“. Diese Sorte Staatskünstler hat für das neue Regime vermutlich seinen Wert: Charakterlich komplett desavouiert, zwischen allen Stühlen gelandet, dienen sie fortan etwaigen Nachahmern als mahnendes Beispiel, wie es denen ergeht, die in Merkeldeutschland für Grundrechte, Freiheit und Verhältnismäßigkeit eintreten. Geistig-moralisch hat diese Gesellschaft sowieso schon alles dicht gemacht. (DM)