Ketzerische Frage: Ist Dummheit das eigentliche Virus?

Wenn ein eingerissener Fingernagel einem kleinen Dachschaden gleichkommt - Symbolbild: Imago

Lea Haller ist ein brillanter Artikel für die „Neue Züricher Zeitung“ (NZZ) gelungen. Sie beschäftigte sich mit der „Geschichte der Dummheit“, respektive mit vergangenen Sichtweisen auf dieselbe und den Umgang mit ihr. Gerade in Zeiten der Corona-Massenpsychose kommen ihre Ausführungen wie gerufen, helfen sie doch, besser zu verstehen, was da gerade vor sich geht. Die positive Medienkritik.

von Max Erdinger

Wer eine Massenpsychose beobachtet, wie sie allerweil wegen eines Virus´ und dessen Mutationen grassiert, lebt in der Gefahr, dem Alkoholismus und der Depression anheim zu fallen, so angeekelt ist er von der kollektiven Dummheit, die ihn umgibt. Er hält den allgemeinen Geisteszustand für die Momentaufnahme einer Entwicklung hin zur finalen Katastrophe und setzt dabei leichtfertig voraus, daß sich die Dinge nur in eine Richtung entwickeln können. Können sie nicht. Es gibt sowohl das „Auf“ als auch das „Ab“. Es gibt ein „Vor“ und es gibt ein „Zurück“, es gibt neben dem Verlust auch den Gewinn.

Erste Erkenntnis aus der Lektüre des hervorragenden Artikels von Lea Haller in der „Neuen Züricher Zeitung„: An dem zu verzweifeln, was man heute als die Dummheit der Anderen begreift, würde bedeuten, daß man selbst dümmer wäre, als man denkt. Weil: Über die Dummheit haben sich seit Jahrhunderten schon viele Leute den Kopf zerbrochen, ohne deswegen ihre eigene Lebensfreude zu verlieren. Lea Hallers Artikel macht deutlich, daß es zur Zeit nicht um die Momentaufnahme einer Entwicklung geht, sondern nur um die besondere Sichtbarkeit eines Phänomens, welches ein dauernder Begleiter menschlicher Gemeinschaft ist, dem aber auch, wie die Geschichte zeigt, mit mehr oder minder großem Erfolg begegnet werden kann. Schon scheint wieder die Sonne der Hoffnung im Tal der zerebralen Corona-Finsternis – und die Schnapsflasche wandert zurück in den Schrank.

Lea Hallers Betrachtungen zur Geschichte der Dummheit sind für einen Zeitungsartikel sehr lang. Kürzer wäre es aber auch nicht gegangen.

Dummheit und Bildung

Fehlende Bildung scheint kein Beweis für Dummheit zu sein. Lea Haller macht das mit einer amüsanten Anekdote deutlich. Henry Ford, der Erfinder der Fließbandarbeit bei der Automobilproduktion, war immerhin dazu in der Lage, aufgrund seiner Beobachtungen der Arbeitsvorgänge in amerikanischen Schlachthöfen zutreffende Rückschlüsse zu ziehen. Aber er war entsetzlich ungebildet, wie sich 1919 in einem Gerichtsprozess zeigte, den er selbst angestrengt hatte. Ford klagte wegen übler Nachrede. In der „Chicago Tribune“ war er zuvor als ignoranter Idealist und als anarchistischer Feind der Nation bezeichnet worden. Es gelang dem Verteidiger der „Chicago Tribune“ im Prozess jedoch, nachzuweisen, daß Henry Ford tatsächlich ein Ignorant war. Lea Haller: „Er (Ford, Anm.d.Verf.) kann weder sagen, wann die amerikanische Revolution stattgefunden hat, noch, was Chili con Carne ist, und ist offensichtlich mit den einfachsten Grundprinzipien des amerikanischen Staatswesens nicht vertraut. «Ich gebe zu, dass ich über die meisten Dinge nichts weiss», meint er schliesslich. Ob er einverstanden wäre, einen kleinen Auszug aus einem Buch vorzulesen, fragt ihn der Verteidiger der Chicago Tribune, oder ob er es vorziehe, hier den Eindruck zu ­hinterlassen, dass er möglicherweise Analphabet sei? «Ja, Sie können das so stehen lassen», meint Ford. Er sei kein schneller Leser und würde es vermasseln.“ – Henry Ford war also offensichtlich ungebildet. Dumm war er aber deswegen nicht. Die Begriffe „Eierkopf“ und „Fachidiot“ hingegen bezeichnen gebildete Leute, die durch lebensferne Abgehobenheit auffallen, was sicherlich eine Form von Dummheit darstellt.

Die Identifizierung von Dummheit

Was Dummheit sei, wie man sie feststellt und woher sie kommt, ist eine Frage, über die sich schon viele den Kopf zerbrochen haben. Sie sind dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen gekommen. Lea Haller nennt eine beeindruckende Vielzahl solcher Grübler über die Dummheit. Dennoch hätten es viel mehr sein können, insinuiert sie, indem sie feststellt: „Dennoch ist es erstaunlich, wie wenig wir uns mit der Dummheit beschäftigen. Akademisch gebildete Historikerinnen und Historiker machen einen grossen Bogen um sie, aus gutem Grund: Über die Dummheit anderer zu urteilen, ist ein anmassendes Unterfangen, und ein normatives dazu. ( … ) Der Gedanke, dass der Lauf der Dinge, ja dass alles, was uns lieb und wichtig ist, von den Entscheidungen von Dummen abhängen könnte, ist den meisten unerträglich. Sämtliche Institutionen unserer modernen Gesellschaften basieren auf der Idee der Vernunft.“ – Das ist wahr. Wahr ist allerdings auch, daß „Dummheit“ ein Wort ist, dessen Sinngehalt jedermann erfaßt, sogar die Dummen. Schwierigkeiten gibt es höchstens beim Erfassen der eigenen Dummheit. Meinereiner ist z.B. zu dumm, den Sinngehalt des Spruchs „Ich weiß, daß ich nichts weiß“ zu erfassen, hält es allerdings für möglich, intelligenterweise erkannt zu haben, daß der Spruch keinen Sinn ergibt. Niemand kann behaupten, er wüsste nichts und daß er das wisse. Nichts zu wissen schließt aus, zu wissen, daß man nichts weiß. „Nichts ist …“ ist für sich genommen schon Quatsch, weil „Nichts“ realiter nicht ist. Was nicht ist, ist nicht. Die Popularität der Behauptung eines Wissens um das Nichtwissen, wahlweise Cicero oder Sokrates zugeschrieben, ist vermutlich der Anziehungskraft des Paradoxen geschuldet, die sich daraus speist, daß überlegene Geisteskraft beweist, wer selbst mit dem Paradoxen noch „spielen“ kann.

Wir scheiben, was andere verschweigen – Jouwatch-Kugelschreiber in rot oder schwarz – 4,99 Euro

„Ich weiß, daß ich zu wenig weiß“ hätte es nie in den Rang einer Weisheit geschafft, sondern wäre als Binsenweisheit dem Vergessen anheim gefallen. Wer hätte sich jemals interessiert gezeigt an der sokratischen Einsicht, zu wenig zu wissen? Wissen nicht alle die ganze Zeit viel zu wenig? Und ist nicht die Einsicht, zu wenig zu wissen, die Triebfeder hinter jedweder Erscheinungsform von Neugier und Wissensdurst? Wäre Dummheit am besten beschrieben als „Absenz von Neugier und Wissensdurst“? Mir erscheint das die beste Definition von Dummheit zu sein: Nicht wissen zu wollen. Womit „wir“ dann auch wieder mitten in der „Pandemie“ gelandet wären. Daß deren Existenz allgemein als wahr unterstellt wird, ist ein starkes Indiz dafür, daß „Dummheit“ am besten mit „Nicht-wissen-wollen“ zu übersetzen sein könnte. In einer Gesellschaft, die sich selbst jedoch als Wissensgesellschaft definiert, wäre das Eingeständnis blamabel, nicht wissen zu wollen. Weswegen es populär geworden zu sein scheint, zu behaupten, man wüsste, was andere wissen – und daß diese anderen „die Wissenschaft“ seien. Wer die eigene Dummheit recht bauernschlau erschlagen will, beruft sich auf das, was andere als ihr „Wissen“ behaupten. „Ich weiß, daß der weiß …“ – das könnte Dummheit sein.

Köstlich

In modernen Demokratien stimmen vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen ab, das zumindest ist die Theorie.„, schreibt Lea Haller. Am liebsten würde ich sie abknutschen für ihr lakonisches „das zumindest ist die Theorie“. Das Wort „Theorie“ ist in diesem Zusammenhang von einer derartig gnadenreichen und vergebungsbereiten Philanthropie, daß mir das Herz vor lauter „Menschlichkeit“ schmilzt. Ich hätte das anders formuliert. Und zwar so: „Die Theorie, daß in modernen Demokratien vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen abstimmen, ist eine gigantische Dummheit.“ Gottseidank gibt es auch noch den Humor, der einen vor der Verzweiflung bewahrt. Die Vorstellung, daß in modernen Demokratien vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen abstimmen könnten, ist zum Schreien komisch. Wenn man dabei noch an Deutschland, Frau Merkel und die Wähler denkt, wird es direkt lebensgefährlich. Es sollen schon Menschen an Lachkrämpfen erstickt sein. Und das wäre nicht theoretisch passiert, sondern tatsächlich.

Na gut, wie geht es also weiter nach „das zumindest ist die Theorie“? So geht es weiter: „Vernünftige Individuen treffen vernünftige Produktions-, Dienstleistungs- und Kaufentscheidungen und halten so die vernunftbasierteste aller Wirtschaftsformen am Laufen: den sich selbst regulierenden Kapitalismus„. Ja-ja, theoretisch ist das so. Allerdings höre ich hier bereits die Nachtigall trapsen. Steht Frau Lea Haller etwa kurz davor, die Vernunft hinter einem „sich selbst regulierenden Kapitalismus“ durch den Sarkasmus zu diskreditieren, mit welchem sie von vernünftigen Individuen und deren vernünftigen Produktions-, Dienstleistungs- und Kaufentscheidungen schreibt? Vorsicht! Das eine hätte mit dem anderen nicht unbedingt etwas zu tun. Es könnte nämlich so sein, daß dann, wenn der sich selbst regulierende Kapitalismus schon für die Unvernünftigen funktioniert, eine goldenes Zeitalter anbrechen könnte, wenn er erst einmal für die Vernünftigen funktioniert. Dieser Kapitalismus könnte ideal sein für Leute, die wissen wollen. Weswegen es vernünftig sein könnte, sein Augenmerk nicht mit Priorität auf den Kapitalismus zu legen, sondern auf Neugier und Wissensdurst, bzw. deren Förderung.

Hybris und Dummheitsverwaltung

Lea Haller: „Und für die pathologischen Ausprägungen der Dummheit – die realen kognitiven Beeinträchtigungen und den Wahnsinn – sind je eigene professionelle Einrichtungen zuständig. Wir haben, so scheint es, das Dummheitsrisiko mit Vollkasko abgesichert. Ja, wir halten uns gern für so überaus vernünftig, dass wir über unsere Vorfahren lachen, die noch nicht so gescheit waren wie wir. Die bei ihren Flugversuchen mit Holzflügeln von Kirchtürmen sprangen, der Schwerkraft folgend direkt in den Tod. Die mit schlechter Ausrüstung in hoffnungslose Kriege zogen. Die Amerika für Indien hielten. Heute wissen wir alles besser.“ – Volltreffer! Und das beschränkt sich nicht nur auf die Beispiele, die Lea Haller genannt hat. Vielmehr betrifft diese heutige Besserwisserei sogar das Grundsätzliche des menschlichen Seins. Fortpflanzung ist nicht mehr unabdingbare Notwendigkeit des Seins, sondern – weil „fortschrittlich“ – zu einer Frage des Willens geworden. Das „Sterben am Coronavirus“ ist der ultimative Fehler, das Aussterben des Eigenen via gewollter Kinderlosigkeit aber eine ehrenwerte Option, eine „Befreiung von überkommenen Zwängen“ gar.

Es scheint tatsächlich die Hybris derjenigen zu sein, die unreflektiert in dem Glauben leben, sie seien die klügsten Köpfe aller Menschheitszeiten, die in Wahrheit genauso im Prinzip Dummheit gefangen sind wie alle Generationen vor ihnen. Das äußert sich heutzutage nur anders. Man muß sich das einmal klarmachen: Nach mehreren hunderttausend Jahren Menschheitsgeschichte sind solche Individuen tatsächlich davon überzeugt, sie seien unter den Ersten, die das „Geheimnis“ hinter der Zweigeschlechtlichkeit des Menschen entschlüsselt hätten, mit dem Ergebnis, daß es diese Zweigeschlechtlichkeit nicht gibt, da sie lediglich ein soziales Konstrukt sei. Diese Klugscheißer haben die Farbe grün. Oder rot. Und grün oder rot wie sie sind vor lauter Dummheit, behaupten sie auch noch, alle Menschen seien gleich. So dermaßen dumm sind rotgrüne Menschen, daß sie zu allem Überfluß auch noch annehmen, ihre Hirngespinste bezeugten einen derartigen Edelmut, daß es nirgendwo auf der Welt andere Menschen geben kann, die „zu Recht“ bemerkt haben könnten, wie formidabel die grüne Weisheit ihren eigenen, ganz anders lautenden Überzeugungen entgegenkommt – und wie sich rotgrüne „Gutmenschen“ deshalb ausnutzen lassen. So dermaßen Recht haben die rotgrünen Zerebralphimotiker. Und es gibt keinen Vorwurf, den sie so weit von sich weisen würden, wie den, daß ihnen die Dummheit förmlich aus den Augen springe. Diese sagenhafte Dummheit hat zu allem Überfluß auch noch Konjunktur, weil „Allgemeinwissen“ ist: „In modernen Demokratien stimmen vernünftige Wähler über vernünftige Vorlagen ab.“ – Und das trotz 16 Jahren Merkel. Immer noch.

Buch "Pack" - Alp Mar - Die Abschaffung der Demokratie oder Was man über Linke wissen sollte - E-book: 4,49 Euro
„Pack“ – Alp Mar – Die Abschaffung der Demokratie oder Was man über Linke wissen sollte – E-book: 4,49 Euro

Lea Hallers brillanter Beitrag in der „NZZ“ wirft unausgesprochen eine sehr interessante Frage mit aktuellem Bezug auf: Haben „wir Pandemie“, weil „uns“ ein gräßliches Virus bedroht, oder haben „wir“ sie, weil die Mehrheit ganz einfach (wieder einmal) strunzhummelblöd ist? Ein Blick nach Florida, nach Rußland oder nach Schweden könnte ausreichen, um sich die Frage zu beantworten, was der wahre Grund für die weitverbreitete Bereitschaft zur Abgabe von Grundrechten und die Diskussionsbereitschaft hinsichtlich der Abschaffung des Föderalismus sein könnte: Nicht der Inzidenzwert, sondern der Intelligenzwert. Letzterer verhält sich offensichtlich umgekehrt proportional zum Ersteren. Wer einen Inzidenzwert über 100 als maßgeblich für irgendetwas hält, hat höchstwahrscheinlich einen IQ unter 100. Lea Hallers hervorragender – man muß sagen: Fleißartikel – in der „NZZ“ könnte revolutionär wirken, wenn er von den Richtigen gelesen werden würde. Wird er aber vermutlich nicht – und drei Gründe dafür wären auch schnell gefunden: Dummheit, Dummheit und nochmal Dummheit. Einhergehend damit wird es auch von Tag zu Tag schwieriger, Patriot zu bleiben. Wer bleibt schon gern Verteidiger des Mutterlandes der Dummheit? – Eben. Es gibt ja auch noch die Selbstachtung, wenn auch offensichtlich nicht für alle. Daß man massenhaft sogar für Selbstachtung zu dumm sein kann, ist die ultimative Lektion aus dem akzeptierten Umgang mit der „Pandemie“.

Herzlichen Dank deshalb an Lea Haller für ihren lehrreichen Ausflug in die Geschichte der Dummheit und des Umgangs mit ihr. Da meine positive Medienkritik hier endet, noch einmal der Link zu Lea Hallers Artikel in der „Neuen Züricher Zeitung„. Unbedingte Leseempfehlung!