Corona & Propaganda: “ … und dann kannte der Philosoph die Antworten“

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Corona, Grundrechtsbeschränkungen, staatliche Übergriffigkeit. Der Philosoph als regierungstreuer Propagandist? Das gibt es. Den Beweis lieferten Markus Tiedemann und Klara Maria Gaßner allerdings unfreiwillig. Sie wären stattdessen gern ernstgenommen worden. Die Medienkritik als Strich durch die Rechnung.

von Max Erdinger

Bei „jetzt„, einem „Partner“ der „Süddeutschen Zeitung“, erschien ein Interview mit dem Philosophen Markus Tiedemann zum Thema Freiheit. Jedenfalls sollte es als Interview aufgefasst werden. Dazu hätte es allerdings eines Fragenstellers bedurft, nicht einer Stichwortgeberin. Veröffentlicht wurde nämlich Propaganda für die Dümmsten.

„jetzt“ scheint eine Publikation zu sein, die für „die jungen Leute von heute“ konzipiert wurde. Bereits die Rubriken legen das nahe. Sie lauten in genau dieser Reihenfolge: Politik, Liebe und Beziehung, Sex, Job, Studium, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Whatsapp-Kolumne – und „The Female Gaze“. Wenn man die Titelseite scrollt, um zu sehen, was „dich auch interessieren könnte“, finden sich Artikel mit Schlagzeilen wie den folgenden: „Ich bin seine Sklavin“, „Ein 17-Jähriger erklärt bei Maischberger, was Armut bedeutet“, „Der neueste Wellnesstrend: ein Sonnenbad für den Hintern“, „Mädchen, wollt ihr ejakulieren?“, „Mädchen, wie wichtig ist die Penisgröße?“, „Du bist nicht sapiosexuell, du bist lächerlich“ und „Jungs, wollt ihr echt, daß wir nichts drunter tragen?“. Dann geht es noch um „Das verflixte Nebenherverlieben“ und – ganz wichtig: „Mädchen, findet ihr Hoden eigentlich schön?“. Jedenfalls muß sich der Philosoph Markus Tiedemann – schon mal gehört? – hinter seiner Denkerstirn gesagt haben: „Wow, von solchen Obsessionsbefreiten würde ich mich auch gern mal zum Thema Freiheit interviewen lassen“.

Das „Interview“

Es erschien unter der Schlagzeile „Was bedeutet es wirklich, frei zu sein?„. Yeah, mich hat auch noch nie interessiert, was es bedeutet, frei zu sein. Immer nur wollte ich wissen, was es „wirklich“ bedeutet. Im Teaser dann: „Ein Jahr leben wir nun mit strengen Hygieneregeln. Philosoph Markus Tiedemann über Einschränkungen, Pflichten und den wahren Kern der Freiheit.“ – Wirklich & wahr: So steht das da. Bei „jetzt“, dem Fachblatt für die hormonell Gepeinigten. Und dann geht es los mit dem Interview jenes Philosophen Tiedemann, der Professor für Philosophiedidaktik und Ethik an der TU Dresden ist, und vorher in Mainz und an der Freien Universität Berlin die Gehirne leerte … lehrte. Obacht!

Frau Klara Maria Gaßner, von der wir nicht wissen, ob sie Hoden „wirklich“ schön findet oder dem neuesten Wellnesstrend mit ihrem Hintern gefolgt ist, will vom Herrn Professor Philosoph wissen: „Herr Tiedemann, nach Artikel Zwei unseres Grundgesetzes ist jede*r frei beziehungsweise hat das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit. Geht das überhaupt?“ – Schon an dieser Frage kann man erkennen, daß die vielgerühmten „Väter des Grundgesetzes“ dumme Jungs gewesen sein könnten, die einfach irgendwelche Grundgesetzartikel formuliert haben, ohne vorher gründlich darüber nachgedacht zu haben. Gut, daß es siebzig Jahre später endlich kluge Frauen gibt, die vielleicht nichts unten drunter tragen. Weil die endlich mal die „wirklich“ wichtigen Fragen stellen. Jedenfalls kennt der Gelehrte die Antwort.

Philosoph Markus Tiedemann: „Selbst, wenn man Freiheit als ultimativ, als höchstes Gut ansieht, folgt daraus nie eine unbeschränkte Handlungsfreiheit. Es gilt die alte Weisheit, dass die Freiheit des einen immer vor der Nase des anderen endet. Jede Freiheit, die ich mir nehme, darf ich mir nur dann nehmen, wenn ich sie mit guten Gründen vor dem anderen rechtfertigen kann. Das funktioniert zum Beispiel nicht, wenn ich jemand anderen verletze. Meine Handlungsfreiheit ist also immer notwendig beschränkt.“ – Was hat der Philosoph „wirklich“ gesagt? 1. Daß man die Freiheit nicht als das höchste Gut ansehen muß. 2. Daß die Nase etwas gilt, und daß es sich dabei um eine alte Weisheit handelt. 3. Daß es nicht die eine, sondern „jede Freiheit“ gebe, mithin also „Freiheiten“ statt Freiheit. 4. Daß jede, auch die dümmste Nase, eine „Rechtfertigung mit guten Gründen“ auch als solche identifizieren kann. Was ist das alles? – Falsch. Wirklich. Das ist Frau Klara Maria Gaßner aber nicht aufgefallen, weswegen sie auch nicht nachhakt. Vielleicht wollte sie lieber ejakulieren als zuhören. Immerhin konnte sie sich das Wort „Handlungsfreiheit“ noch merken. Daher ihre nächste Frage.

Frau Klara Maria Gaßner, womöglich verflixt nebenherverliebt: „Aktuell ist sie durch die Corona-Pandemie besonders beschränkt, oder?“ – die Handlungsfreiheit. Sie ist sich also nicht „wirklich“ sicher, ob die Handlungsfreiheit durch die Corona-Pandemie aktuell & besonders beschränkt ist, weswegen sie ein fragendes „oder“ hinterherschiebt. Daß „wir“ eine Corona-Pandemie haben, weiß sie allerdings ganz genau. Ob sie wohl in einen Hydranten nebenherverliebt ist? Egal, der Philosoph kennt alle Antworten.

Philosoph Markus Tiedemann: „Wenn man sich auf Handlungs- oder Gestaltungsfreiheit bezieht, beschränkt die Pandemie unsere Freiheit natürlich sehr.“ – mit anderen Worten: Obwohl es keine wissenschaftliche Datenbasis gibt, welche die Behauptung der Existenz einer Pandemie stützt, sitzt die Pandemie dennoch im Bundeskanzleramt und beschränkt unsere Freiheiten sehr. Das aber nur als kleinen Einschub. Weiterphilosophiert wird so: „In einem philosophischen Verständnis ist Freiheit jedoch nichts anderes als die Möglichkeit, autonom über das eigene Leben zu entscheiden„. – So ist das mit der Freiheit, wenn man am philosophischen Verständnis interessiert ist. Was aber, wenn man sich mehr für das Freiheitsverständnis des Automechanikers interessiert? Dann hätte man es bei des Philosophen Tiedemanns Antwort mit einer völlig uninteressanten Auskunft zu tun. Der Philosoph doziert aber weiter: „Was zählt ist also, dass wir als vernunftbegabte Wesen Herr und Herrin über unsere eigene moralische Gesetzgebung sind und wir uns dieser selbstgewählten Freiheit unterwerfen„. – Potzdonner, Herr und Herrin unterwerfen sich einer selbstgewählten Freiheit? So eine Unterwerfung gibt es „wirklich“? Und dann das: „Das ist die Essenz der Freiheit„. – wenn das mal nicht die Essenz eines philosophischen Verständnisses ist. Jedenfalls: „Unter diesem Gesichtspunkt hat die Pandemie also kaum Auswirkungen auf unsere Freiheit.“ – Unter diesem Gesichtspunkt, „wirkliche“ Pandemie & kaum. Was heißt nochmal „um den heißen Brei herumreden“? Das heißt es: „Zum Beispiel kann es ein Ausdruck von Freiheit sein, wenn wir die Corona-Maßnahmen zwar bedauern, sie aber befolgen, weil wir den Prozess ihrer Rechtfertigung anerkennen.“ – Das allerdings könnte zum Beispiel auch ein Ausdruck von Dummheit sein. Weil: Wer den „Prozess der Rechtfertigung“ von Corona-Maßnahmen anerkennt, kann keinesfalls der Hellste sein. Wirklich. Ist wenigstens Frau Klara Maria Gaßner von des Philosophen Auskunftsfreude begeistert?

Frau Klara Maria Gaßner fragt: „Aber kann man sich angesichts der vielen Beschränkungen und Regeln überhaupt noch frei fühlen?“ – eine „wirklich“ knifflige Frage. Wer könnte wissen, wie sich zum Beispiel Frau Klara Maria Gaßner fühlen kann angesichts von Dingsbums und Wrschtlpfrmpft? Oder Karl Lauterbach angesichts seiner Zahnarztrechnung. Der Philosoph vielleicht?

Philosoph Markus Tiedemann: „Es geht gar nicht darum, wie wir uns fühlen.“ – Ein Punkt für den Herrn Philosophen. Den er gleich wieder verlieren wird, denn: „Als Gesellschaft landen wir sonst schnell im Populismus.“ – aha, so-so. Im Populismus landen „wir“ mit dem Gefühl, wenn wir „als Gesellschaft“ dort landen. Und eine Regelhaftigkeit hat das Landegeschehen auch noch? – Sapperlott. „Das ist nämlich immer dann der Fall, wenn Menschen denken, ihre persönliche Gefühlslage sei Maßstab für richtig und falsch.“ – jessers. Wenn die Frau Göring-Eckardt und die anderen Politgefühlsweiber bei den Grünen und sonstwo lesen, daß der Philosoph behauptet hat, sie seien im Populismus gelandet, dann kann er sich aber eine Rettungsweste anlegen, um nicht in einem roten Meer aus Wut- & Empörungstränen zu ersaufen. Der leichtsinnige Philosoph: „Dabei geht es eigentlich darum, was ich aus rationalen Gründen moralisch rechtfertigen kann: Die Einschränkungen aufgrund der Pandemie können rational gerechtfertigt werden und man kann sie auch rational kritisieren.“ – Nein! Doch! Ooh! Letzteres kann man auch? Wie gut, daß das hier eine Interviewsimulation zum Thema Freiheit ist, und keine zum Thema Moral. Sonst könnte man die Einschränkungen aufgrund der „Pandemie“ nicht „rational kritisieren“, sondern man müsste glatt.

Nun aber wieder Frau Klara Maria Gaßner: „Aber der Einzelne ist nicht frei, sie zu ändern.“ – Steilvorlage für den Philosophieprofessor Tiedemann.

Der angestellte Akademiephilosoph: „Richtig, aber das gilt für jede Gesellschaft. Gemeinschaften funktionieren nicht, wenn jedes Mitglied das Recht einfordert, kollektive Beschlüsse individuell ändern zu können. Entscheidend ist die Art, in der die kollektiven Beschlüsse zustande kommen. In unserem Fall handelt es sich dabei um eine Demokratie mit staatlicher Gewaltenteilung.“ – man sieht deutlich, daß der Philosphieprofessor – lange ist´s jedenfalls her – irgendwann einmal aufgepaßt haben muß im Gemeinschaftskundeunterricht. Dennoch: Wer hätte gedacht, daß Beschlüsse, die Frau Merkel in den sogenannten Buntländerkonferenzen mit 16 Ministerpräsidenten zusammen fällt, als „kollektive Beschlüsse“ zu begreifen sind; die kollektive Zusammenkunft von mehreren hunderttausend Demonstranten gegen diese „kollektiven Beschlüsse“ aber der Versuch einer „individuellen Änderung durch den einzelnen Coronaleugner“? Und wer hätte angesichts der Mutation der vierten Gewalt zur vierten Gewaltlosigkeit in Kombination mit der Besetzung des Präsidentenjobs beim Bundesverfassungsgericht durch den Merkelgetreuen Harbarth und der Besetzung des „Chefpostens Verfassungsschutz“ mit Haldenwang noch an „Demokratie mit staatlicher Gewaltenteilung“ gedacht? Außer dem Philosophieprofessor Tiedemann dürften das nicht mehr allzu viele gewesen sein. „In unserem Fall handelt es sich dabei um eine Demokratie mit staatlicher Gewaltenteilung“- ?? – Gaaanz dicker Hund.

Zwar verweist der Philosoph noch auf die Möglichkeit, andere „kollektive Beschlüsse“ rational zu begründen, etwa so, wie die Schweden das gemacht haben, als sie der Freiheit Vorrang vor der Fürsorge des Nannystaats einräumten, aber zugleich versucht er wieder eine „Durchstecherei“, indem er behauptet, wer welchem Sachverhalt Vorrang einräume, sei gar nicht so wichtig hinsichtlich der Freiheitsfrage, weil es bei der nur darauf ankomme, daß man sich einem „kollektiven Beschluss“ füge. Der sei eben in Deutschland anders ausgefallen als in Schweden. Philosoph Tiedemann: „Als Gesellschaft haben wir uns dazu entschieden, so zu handeln, dass die Fürsorge Vorrang hat, auch, wenn man dafür die Handlungsfreiheit einschränken muss.“ – Und das ist leider knallhart gelogen. „Als Gesellschaft“ haben „wir“ uns mitnichten dafür entschieden, die Handlungsfreiheit einer „Fürsorge“ unterzuordnen, für die es weit treffendere Bezeichnungen als eben „Fürsorge“ gäbe. Dem „egozentrischen Diktat der Angstneurotiker“ hätten „wir“ („als Gesellschaft“) die individuelle Handlungsfreiheit zum Beispiel untergeordnet, und das auch nur dann, wenn tatsächlich „wir“ das gewesen wären – und nicht eine Regierung, die sich zu impertinenter Kompetenzanmaßung verstiegen hat. Auf gar keinen Fall sind „wir“ („als Gesellschaft“) diejenigen gewesen, in deren Häusern Strategiepapiere kursierten, die sich mit der Frage beschäftigten, vermittels welcher Kommunikationstaktik sich am effizientesten Panik zur Auslösung einer Massenpsychose herstellen läßt.

Aber gut. Das „Interview“ wird wohl unter allen Artikeln, die es bei „jetzt“ zu lesen gibt, die wenigsten Klickzahlen generieren. Die hormonell gepeinigte Zielgruppe der Publikation interessiert sich wahrscheinlich mehr für den folgenden „jetzt“-Artikel: „Beschnittene Männer masturbieren anders als unbeschnittene“. Ob der Philosoph wohl beschnitten ist? Hach, wie ist es schön, im Geiste jung geblieben zu sein.

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