Richard David Precht und ein Eimer voller Gülle

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Will endlich aufhören zu sabbeln und arbeiten gehen: Richard David Precht (Foto: Imago)

Der im klügsten und gescheitesten Deutschland, das es jemals gab, als Philosoph und intellektueller Star gefeierte Richard David Precht hat wieder einmal zugeschlagen, erwartungsgemäß in fordernder Form, denn der altruistische Precht fordert nun einmal sehr gerne.

Ein Kommentar von Stefan Barme

Der stets recht überheblich wirkende Talkshow-Liebhaber mit stark ausgeprägtem Hang zu apodiktischen Äußerungen forderte jüngst sowohl im „Spiegel“ als auch bei „Markus Lanz“, jeder Deutsche solle in seinem Leben zwei sogenannte Gesellschaftsjahre für das Gemeinwesen leisten, eins unmittelbar nach der Schule und ein weiteres beim Renteneintritt. „Je mehr Menschen in soziale Tätigkeiten eingebunden sind, umso mehr Menschen werden sich solidarisch gegenüber anderen verhalten“, weiß der ebenso realitäts- wie menschennahe Denker. Mit anderen Worten: Nach ihrem zwar langen, aber nach Prechts Auffassung doch allzu unsolidarischen Berufsleben sollen die Rentner zunächst zu einer einjährigen Sozial-Ausbildung in Sachen Solidarität verpflichtet werden, erst dadurch werden sie zu vollwertigen Mitgliedern unserer Gesellschaft. Denn schließlich haben „die allermeisten Rentner nicht in erster Linie fürs Gemeinwohl gearbeitet“ – so der Bestseller-Autor –, „sondern für sich selbst.“ Dass dies ein vollkommen inakzeptables Verhalten ist, darüber dürfte wohl Einigkeit herrschen. Wo kommen wir denn da hin, wenn Menschen „in erster Linie für sich selbst arbeiten“? Der Kühlschrank muss mitnichten jede Woche aufgefüllt werden, einmal im Monat reicht dicke aus, ausgelatschte Schuhe und verschlissene Hosen kann man doch leicht wieder in Form bringen oder durch Second-Hand-Ware ersetzen, oder man lässt das eine oder andere Stück Stoff einfach mal weg und zeigt mehr Haut; finanzielle Aufwendungen für Hobbies, Urlaubsreisen, Arzneien, Bücher usw.: alles mit Altruismus unvereinbarer Luxus, und die laufenden Kosten fürs Einfamilienhaus und das Auto fallen ja ohnehin demnächst weg, wenn die Grünen die Macht übernommen haben.

Precht will aber nicht nur eine solidarische Gesellschaft, er ersehnt auch einen ganz neuen, besseren Menschen: „Wer Kröten über die Straße hilft oder auf einer Kinderkrebsstation den kleinen Patienten vorliest, wird vielleicht ein ganz neuer Mensch.“ Vielleicht aber auch nicht. Möglicherweise gibt es auch krebskranke Kinder, die überhaupt nicht wollen, dass ein wildfremder Mann ihr Krankenzimmer betritt, sich zu ihnen setzt und anfängt, ihnen etwas vorzulesen; vielleicht möchten sie ausschließlich die eigene Familie, Eltern, Großeltern, Geschwister, Onkel, Tanten, um sich haben. Aber wenn im Zuge des von Precht geforderten Gesellschaftsjahres für Rentner erst einmal zur Lektüre-Zwangsarbeit verdonnerte Rentnerhorden durch die Krankenhäuser ziehen und aufs Geratewohl einfach sämtliche Patienten „belesen“ – denn schließlich sind ja alle Patienten/Menschen gleich –, dann bleibt den eher abgeneigten sowie den ganz entschieden unwilligen unter den kleinen Patienten wohl kaum eine Fluchtmöglichkeit. Eine solche bestand auch nicht für das Krötenpaar, das meine Frau und ich kürzlich während eines Picknicks an einem Weiher beobachten konnten. Der männliche Part eines älteren Homo-sapiens-Pärchens, Typ Alt-68er, vermutlich Pädagogen, setzte wenige Meter neben uns ein Krötenpaar ins seichte Wasser (das Weibchen trug das Männchen – der Spezies entsprechend – huckepack). Als die beiden Krötenfreunde sich entfernt hatten, konnten wir beobachten, wie ebendieses Krötenduo, besser gesagt das Krötenweibchen sich äußerst mühsam die Uferböschung hochquälte und zielstrebig just zu jener Stelle am Waldrand zurückkehrte, wo sie unmittelbar zuvor gekidnappt worden waren. Was sich aus all dem unter anderem ableiten lässt, hat Nietzsche wie folgt formuliert: „Der Mensch kommt erst ganz langsam dahinter, wie unendlich kompliziert die Welt ist. Zuerst denkt er sie sich ganz einfach, d. h. so oberflächlich als er selbst ist“ (Friedrich Nietzsche, „Nachgelassene Fragmente“).

Der Altruismus-Experte Precht ist mitunter unerbittlich, so auch dieses Mal, denn er holt zu einem weiteren Schlag gegen die Rentner aus: „Sie haben Steuern bezahlt, klar“. Auch hier erweist sich der Großdenker als brillanter Kopf: Das Argument des „Steuerzahlens“ wird von ihm mit wenigen Worten zerpflückt, eigentlich sogar mit nur einem, allerdings einem vielsagenden: „Sie haben Steuern bezahlt, klar“. Er weiß, dass er sich darauf verlassen kann, dass seine stets alerten Zuhörer/Leser bei „Lanz“ und „Spiegel“ das von ihm nicht Ausgesprochene exakt wie folgt mitverstehen: „Steuern zu zahlen ist keine besondere (soziale) Leistung, schließlich ist das doch nur Geld, etwas Materielles“. Ein weiterer vernichtender Schlag folgt: „wer am Schalter der Sparkasse sitzt, sitzt dort in aller Regel nicht aus Altruismus“. Unfassbar diese Sparkässler! Sitzen da einfach ohne Altruismus herum!

Wir scheiben, was andere verschweigen – Jouwatch-Kugelschreiber in rot oder schwarz – 4,99 Euro

Precht doziert und doziert, unendlich engagiert – und offenbart neben einer tiefen Kenntnis der Psyche von Rentnern und Sparkassenangestellten auch eine atemberaubende Intuition: „Corona-Leugner, so meine Vermutung, arbeiten selten auf Intensivstationen“, die Corona-Überzeugten hingegen umso öfter, wie der hellsehende Schwafelhans uns offenbar zu verstehen geben will. Prechts nächster Intuitionscoup folgt sogleich: „Und Querdenker sind eher nicht ehrenamtlich engagiert.“ Hier nun schlägt man sich allerdings an die Stirn und sagt sich, dass man diese messerscharfe Konklusion eigentlich auch selbst hätte ziehen können, denn natürlich sind Ehrenämter und Querdenker absolut inkompatibel, da letztere ja – wie unseren Hochseriösmedien zu entnehmen ist – durch und durch egomanische und asoziale Spinner sind. Darüber kann auch ihr Einsatz für Kinder und Alte nicht hinwegtäuschen, denn „Kinder“ und „Alte“ sind ja schließlich nicht „die Gesellschaft“ – doch mit ebendieser muss man solidarisch sein, das ist das Große, das Visionäre, das unsere Epoche uns abverlangt, was aber so ein einfach gestrickter Corona-Leugner natürlich gar nicht verstehen kann. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der die Menschen so das Gefühl haben, sie müssen, können vom Staat immer kriegen“, rügt der Honorarprofessor und GEZ-finanzierte ZDF-Talker („Precht“). Recht hat er der Precht! Selbstredend berechtigt das lebenslängliche Zahlen horrender Steuern und abgezwungener Rundfunkgebühren noch lange nicht dazu, vom Staat so etwas wie die Sanierung völlig heruntergekommener Schulen und vom Staatsfunk ein anständiges, nicht auf Propaganda und Volksverblödung abzielendes Fernsehprogramm zu erwarten. Die Bürger sollten sich lieber mal fragen, was sie für den Staat denn sonst noch tun könnten, damit es hier endlich mal prechtig solidarisch zugeht!

Angesichts dieser egoistischen und antisozialen Forderungshaltung gegenüber dem Staat ist man beruhigt, dass der Meisterdenker in seiner Analyse der Querdenker, die von ihm natürlich längst durchschaut worden sind, betont, diese würden nur eine „sehr, sehr kleine“, allerdings „sehr lautstarke Minderheit“ aus Linken, Rechten, Esoterikern und „notorischen Kindsköpfen“ darstellen. Apropos „notorische Kindsköpfe“: Unser volkspädagogisch hochambitionierter Weisheitsfreund ist in einem vom Kommunismus schwerstbegeisterten Elternhaus aufgewachsen und wurde regelmäßig in DKP-Sommerlagern moralisch und mental gestählt. Die Berufung und die Befähigung, die Gesellschaft zum Besseren zu erziehen, sind ihm also in die Wiege gelegt worden. „Jeder bekommt seine Kindheit über den Kopf gestülpt wie einen Eimer. Später erst zeigt sich, was darin war. Aber ein ganzes Leben lang rinnt das an uns herunter“ (Heimito von Doderer, „Ein Mord, den jeder begeht“). Der Eimer, der unserem umtriebigen Volkserzieher und Weltverbesserer übergestülpt wurde, war leider randvoll mit kommunistischer Gülle.

 

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