Geplatzter Schleimbeutel? – Paul Ronzheimer in der „BILD“ über die „Einsichtsfähigkeit“ der Kanzlerin

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Paul Ronzheimer (rechts im Bild) mit Sawsan Chebli (links im Bild) - Foto: Imago

Riesengegacker im Medien-Mainstream. Die Kanzlerin hat einen Fehler eingeräumt! Sie ist nicht so, wie zuletzt immer mehr „die Menschen“ angenommen hatten. Vielmehr ist sie selbstkritisch. Deswegen wird jetzt auch alles besser. Es muß besser werden! – Pustekuchen. Das Gebläse.

von Max Erdinger

„BILD“-Chef Julian Reichelt ist allerweil weg vom Fenster. Er hatte es gewagt, die Kanzlerin und ihre Coronapolitik frontal auf die Hörner zu nehmen. Wie es Gevatter Zufall will, fiel kurze Zeit später ein paar Damen aus seinem beruflichen Umfeld ein, daß Chefredakteur Reichelt ein ganz schlimmer Finger sei, der seine Subalternen peinigt, sie mit sexuellen Anzüglichkeiten belästigt, herumbrüllt und brave Mitarbeiter mobbt. Mit seiner deutlichen Kritik an der Kanzlerin kann die Tatsache also nichts zu tun haben, daß er inzwischen ein bißchen vom Schreiben freigestellt wurde. Es gibt schließlich schwerwiegende Vorwürfe aufzuklären. Gegen den „BILD“-Chefredakteur Reichelt.

Damit das Denken nicht zu kompliziert wird, sollte man besser unberücksichtigt lassen, daß Axel Springers ehemaliges Kindermädchen, seine spätere Ehefrau und Erbin, Witwe Friede Springer (78), als eine der besten Freundinnen von Bundeskanzlerin Angela Merkel gilt. Außerdem hat man schon viel von Männerbünden gehört, die sich zum Nachteil von Frauen herausbilden, von der umgekehrten Konstellation jedoch noch nie. Sowohl „#metoo“ als auch eine gewisse, mehr generell salonfähig gewordene „#metoo-Denke“ sind sowieso nur Einbildung. Seit Frauen insgesamt zu Opfern wurden, sind die Flintenweiber nämlich ausgestorben. Daß die gemeine Falschbeschuldigung statistisch betrachtet eine weibliche Domäne sei, ist außerdem nur ein böses Gerücht. Deshalb ist „BILD“-Chefredakteur Julian Reichelt auch auf gar keinen Fall wegen seiner Fundamentalkritik an der Kanzlerin kaltgestellt worden. Bei der zeitlichen Nähe seiner Unbotmäßigkeiten der Kanzlerin gegenüber und dem kurz darauf erhobenen Wüstlingsvorwurf gegen ihn muß es sich um Koinzidenz handeln. Die Koinzidenz ist das, was es bei aller Inzidenz eben auch noch gibt. Das darf man nicht vergessen.

Paul Ronzheimer

Wo ein Reichelt verhindert ist, muß ein Ronzheimer ausreichen. So ist es nun also der Stellvertreter des Chefredakteurs gewesen, der den immer noch zahlreichen „BILD„-Lesern vorinterpretierte, wie die Sache mit der gekippten „Ruhepause“ am Gründonnerstag und am Ostersamstag samt der Entschuldigung der Kanzlerin bei „Bürgerinunbürger“ zu verstehen sei. Mit seinen 36 jugendlichen Jahren ist Ronzheimer noch zu jenem Spagat fähig, den es braucht, um die „BILD“ einerseits nicht dastehen zu lassen wie ein Blatt, bei dem heute „Hü!“ und morgen „Hott!“ gilt, bei dem andererseits aber eine Kurskorrektur vorgenommen werden soll. Dementsprechend fiel schon die Schlagzeile aus. In großen Lettern ist zu lesen „Respekt, Kanzlerin, aber …“ – und dann geht es klein weiter mit „… ab jetzt MUSS alles besser werden.“ Im Kleingedruckten wurde lediglich das „muß“ noch einmal groß geschrieben. So sieht gedruckte Vergebung aus.

Natürlich muß man unterstellen, daß Ronzheimer nur schrieb, was ihm Herz und Verstand diktierten, nicht das, was ihm aufgrund taktischer Überlegungen zum eigenen Wohl und Frommen im Angesichte des Schicksals seines Vorgesetzten als ratsam erschien. Wer nicht wissen kann, ob sein suspendierter Vorgesetzter noch einmal zurückkehrt, muß aber trotzdem das Kunststück hinbekommen, konzilianter zu schreiben als der Chef, ohne ihn dadurch bloßzustellen. Vermutlich wird sich für ein solches Kunststück das Verb „ronzheimern“ etablieren. Sprachbeispiel: Da haben Sie ja wieder ganz schön geronzheimert.

Der Stellvertreter Reichelts „ronzheimerte“ also Folgendes: „Am Mittwoch traf Angela Merkel den richtigen Ton – und hat uns tief in ihre Seele blicken lassen: Sie räumte ein, mit der geplanten „Osterruhe“ einen schweren Fehler gemacht zu haben. Für den Überraschungs-Lockdown, mit dem sie nach einer absurden Nachtsitzung Bürger und Betriebe überrumpelte, bat die Kanzlerin um Verzeihung. Dafür verdient sie Respekt. Doch jetzt muss auch etwas passieren.“ – Da hofft der Gutmeinende, daß dieses „jetzt muss aber auch etwas passieren“ nicht schon zu viel des Wagemuts gewesen sein möge. Sonst war es das mit der Zukunft des Verbs „ronzheimern“. Was Paul Ronzheimer seiner forschen Behauptung, es müsse etwas passieren, vorausstellte, kann man ohnehin getrost in die Tonne treten. Als ob es „uns“ zu interessieren hätte, ob die Kanzlerin den „richtigen Ton“ getroffen hat. „Wir“ wären viel stärker daran interessiert, daß sie richtige Entscheidungen trifft, Ton egal. Und um zu unterstellen, daß sie „uns“ tief in ihre Seele hat blicken lassen, müssten „wir“ zudem erst einmal voraussetzen, daß sie eine hat. Unstrittig ist jedenfalls, daß sie um Verzeihung gebeten hat. Seelenvoller Realist, der man ist, befallen einen allerdings ernsthafte Zweifel daran, daß sie das aufrichtig auch so gemeint hat. Es gibt Indizien dafür, daß es auch anders sein könnte.

Die Kanzlerin sagte nämlich auch, daß ihr die Verantwortung für die Fehlentscheidung mit der österlichen Ruhepause „qua Amt“ zufalle. Mit ihr selbst scheint die angelinische Entschuldigung also gar nicht so viel zu tun zu haben, sondern mehr mit ihrem Amt. Und daß sie für die Fehlentscheidung im Amt die Verantwortung übernehme, muß man ihr einfach glauben, weil man nicht sehen kann, wie sie das mit der Verantwortungsübernahme macht. Noch nicht einmal ein Zeichen setzt sie. Zurücktreten will sie nicht, ein Mißtrauensvotum will sie nicht, aber statt Ruhepause will sie über ein Reiseverbot nach Mallorca nachdenken. Vermutlich müsste man Berufspolitiker sein, um erkennen zu können, wie Angela Merkel Verantwortung übernimmt. Weswegen es dem einfachen Bürger auch nicht so leicht fällt, der Kanzlerin den Respekt „rüberzuronzheimern“, den sie Ronzheimers Einlassung zufolge angeblich verdient.

Hiflos sieht man sich um nach Frau Merkels Berufskollegen aus der Buntländerkonferenz. Was hatten denn die über die kanzlerinische Rolle rückwärts zu sagen? Schon kommt Licht ins Mysterium der Verantwortungsübernahme. Besonders entlarvend waren die Kommentare von zwei Merkel-Kollegen: Volker Bouffier (CDU) und Markus Söder (CSU). Der hessische Ministerpräsident Bouffier, der spätestens am 26. März mit den endgültigen Ergebnissen der hessischen Kommunalwahlen wird leben müssen: „Wir haben es gemeinsam entschieden“. Niemand sei ohne Fehler. Die Kanzlerin verdiene gröten Respekt. Sie leiste schier übermenschliches. Am Dienstag klang Bouffier noch so, wie die Fuldaer Zeitung berichtet: „Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hat die Verlängerung des Corona-Lockdowns mit Verschärfungen an Ostern als notwendigen Schritt zur Bekämpfung des Virus verteidigt. Er wisse, dass die Menschen in Hessen von den anhaltenden Corona-Maßnahmen erschöpft seien und nun enttäuscht werden, sagte der Regierungschef am Dienstag in Wiesbaden. ‚Der Schritt ist angesichts der pandemischen Lage und der Mutanten des Virus aber leider notwendig.‘

Wenn Bouffier am Tag nach der „Nacht der Fehlentscheidung“ die österliche „Ruhepause“ noch verteidigt hat, wie die Fuldaer Zeitung schreibt, muß sie vorher angegriffen worden sein. Keine Verteidigung ohne Angriff. Daß Bouffier nun behauptet, es habe sich um einen Fehler gehandelt, der eingestanden werden müsse, dann offensichtlich nicht deswegen, weil ihm jetzt erst die argumentative Berechtigung für den Angriff vom Dienstag klargeworden wäre, sondern weil die Kanzlerin umschwenkte. Andernfalls müsste man unterstellen, daß es sich bei Bouffier keinesfalls um einen Schnellmerker handeln kann. Mit Markus Söder ist es dasselbe. In dessen Naturell liegt es aber, daß er auf die Art, wie er etwas sagt, unfreiwillig immer preisgibt, was er tatsächlich denkt. Mit dem, was er sagt, hat das oft überhaupt nichts zu tun. Auch Söder hatte am Dienstag noch den Segensreichtum der österlichen Ruhepause- und infolgedessen deren Alternativlosigkeit gepriesen. Zwei Tage später will auch er am medialen Entschuldigungsbonus für die Kanzlerin „teilhaben“, obwohl er, anders als die Kanzlerin, die Verantwortung für die Fehlentscheidung „qua Amt“ gar nicht zu tragen hätte. Auch Söder stellt sich schützend vor die Kanzlerin und behauptet, der Fehlschlag mit der österlichen Ruhepause sei ein gemeinsamer gewesen. Nur, wie er es wieder vorgetragen hat, verdeutlicht, worum es geht. Es nützt nichts, wenn man nur liest, was er sagt. Söder ist einer, dem man zuhören muß. Wegen der Betonungen in seinen Sätzen. O-Ton Söder am Rande einer Landtagssitzung in München: „Das haben alle Ministerpräsidenten entschieden. Ich war genauso dabei wie alle anderen. Und deswegen glaube ich, ist es auch notwendig, dass sich alle dann dafür entschuldigen und das bedauern.“ Söder räumte ein, dass es einen „Vertrauensschaden“ gebe. „Und das tut uns leid, das tut auch mir leid“. Akustisch klang das aber so: Das tut UNS leid, das tut auch MIR leid. Söder war mit diesem Satz nämlich auch in den Radio-Nachrichten des Bayerischen Rundfunks zu hören. Und genau durch diese Betonung des „uns“ und des „mir“ hat Söder wieder einmal verraten, was er eigentlich nicht verraten wollte. Täte ihm etwas leid, dann hätte die Betonung auf „leid“ liegen müssen, nicht auf „uns“ und „mir“. Das „mir“ wäre sowieso überflüssig gewesen, weil das „uns“ den bayerischen Ministerpräsidenten bereits enthält. Er wollte offensichtlich sicherstellen, daß auch wirklich niemand übersieht, wer als die Hauptperson seiner „Anstandsorgie“ identifiziert werden soll. Auch um den Preis, daß der Hellhörige sich fragt, wie einer gestrickt sein muß, der das Bedauern für „notwendig“ hält.

Sinn und Zweck der Entschuldigungsorgie

Es ist so, daß der Entschuldigung von Kanzlerin und anderen Teilnehmern an den Buntländerkonferenzen ein knapp zweitägiger Entrüstungssturm in den Medien vorausgegangen war. Auch in solchen, die der Kanzlerin bis dahin wohlgesonnen gewesen waren. Neuesten Umfragen zufolge sackte die Union in der Wählergunst zudem in nur zwei Monaten von 36 Prozent auf sagenhafte 26 Prozent ab. Daß sich die Entschuldigungen von Merkel und den sich dazudrängelnden Ministerpräsidenten tatsächlich auf einen begangenen Fehler und die Einsicht in denselben bezogen haben könnten, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Es handelt sich offensichtlich um ein taktisches Manöver. Da muß man nicht lange von einer „Seele“ ronzheimern, in welche die Kanzlerin „uns“ angeblich einen „tiefen Einblick gewährt“ hat.

Das Kalkül hinter einem solchen taktischen Manöver ist höchstwahrscheinlich, daß man erst ein wenig Druck aus dem Kessel nehmen muß, um ihn dann knapp unterhalb der Marke einzujustieren, bei welcher der Kessel fast geplatzt wäre. Begriffen haben die Herrschaften im Grunde gar nichts, was mit Seele und Vergebungsbereitschaft zu tun hätte. Daß nach der Rolle rückwärts bei der österlichen „Ruhepause“ sofort über ein Reiseverbot nach Mallorca nachgedacht wurde, obwohl „Malle“ erst am 14. März von der Liste der „Risikogebiete“ genommen worden war, spricht Bände. Weder Kanzlerin noch Ministerpräsidenten denken im Traum daran, ihren grundsätzlichen Umgang mit „Pandemie“, bürgerlicher Eigenverantwortung und staatlicher Kompetenzenanmaßung zu überdenken und sich gegebenfalls ganz grundsätzlich dafür zu entschuldigen, daß sie den Souverän behandeln, als sei er im Kindergarten gelandet. Taktisch gesehen gäbe es dafür auch keinen Grund. Der Nannystaat ist als unumstößliche Gegebenheit schließlich längst akzeptiert. Und so wird es auch bleiben, wenn man auf allzu offensichtliche Übertreibungen á la „Ruhepause“ verzichtet.

Die Entschuldigung der Kanzlerin ist genau genommen keine. Die der sich anschließenden Ministerpräsidenten ebenfalls nicht. Die österliche „Ruhepause“ drohte lediglich, kontraproduktiv hinsichtlich der großen Agenda hinter dem ganzen Viren- und Virenschutz-Gedöns zu werden. Das war es, was verhindert werden mußte: Daß der große Plan Schaden nimmt. Den großen Plan will nämlich lediglich eine Minderheit überhaupt wahrhaben, obwohl er bereits überdeutlich hinausposaunt worden ist. Das Buch „Covid 19: The Great Reset“ ist vom WEF-Gründer Schwab nicht wegen nichts geschrieben worden. Und wegen nichts ist die Kanzlerin auch nicht Fan des australischen Philosophen Peter Singer, der da behauptet, alles menschliche Denken diene lediglich der Rechtfertigung des Willens. Wenn die Kanzlerin sich entschuldigt, dann hat das nichts mit Seele zu tun, sondern mit Kalkül und Willen. Daß es der Bundeskanzlerin von allem Anfang an, d.h. seit 1990, darum zu tun gewesen sein könnte, das „bessere Deutschland“, welches der von ihr verehrte Herr Vater, der „rote Kasner“ als evanglischer Geistlicher, in Gestalt der DDR identifiziert hatte, im Rahmen einer Art globalsozialistischen DDR wiederauferstehen zu lassen, um sich für den Minderwertigkeitskomplex zu rächen, den DDR-Bürger den Westdeutschen in der Bonner Republik gegenüber entwickelt hatten, ist längst nicht mehr nur ein Verdacht. Diesbezüglich hat „uns“ die Kanzlerin aber noch nie einen „Blick in ihre Seele gewährt“, um hier noch einmal zu ronzheimern. Wer wissen will, wie die heutige Kanzlerin zur Wendezeit ´89/´90 und in den Jahren unmittelbar danach tickte, muß sich auf das verlassen, was Zeitzeugen berichten. Vera Lengsfeld ist beispielsweise eine gute Quelle nicht nur in dieser Hinsicht.

Politiker sind in aller Regel ständig damit beschäftigt, sich zu überlegen, welche Äußerungen ihnen nützen könnten und welche nicht. Mit ihren persönlichen Überzeugungen hat das nur an nachgeordneter Stelle zu tun. Bouffier und Söder- um hier nur zwei aus einer ganzen Riege von Ministerpräsidenten herauszugreifen, die es den beiden mit der „gemeinsamen Verantwortungsübernahme und der gemeinsamen Entschuldigung“ gleichgetan haben, wollten lediglich nicht zulassen, daß die Kanzlerin als einzige von einem durchkalkulierten, taktischen Manöver im Angesichte einer medial geschürten „Kippstimmung“ im Lande „profitiert“. Und zeitlich vor der Kanzlerin hätten sie sich auch kaum selber entschuldigen dürfen. Erst die Entschuldigung der Kanzlerin bedeutete „Freigabe“.

So dürfen die Kanzlerin und die Herren Ministerpräsidenten also hoffen, daß der Entschuldigungstrick verfangen hat und daß das ganze Volk nun gesehen hat, wie hingebungsvoll sie sich mit der Vertretung von Volkes Interesse beschäftigen. So voller Hingabe nämlich, daß ihnen sogar „Fehler“ unterlaufen. Die österliche „Ruhepause“ war aber keiner. Durchgekommen sind sie halt nicht damit. Das ist alles. Und wer die Kanzlerin einigermaßen richtig einschätzt, darf sich darauf verlassen, daß die Unbilden des Julian Reichelt noch lange nicht vorbei sind. Paul Ronzheimer sollte gut aufpassen, was er über die Kanzlerin schreibt, denn so viel steht fest: An ihrem grundsätzlichen Volksentmündigungskurs werden die Teilnehmer der „Buntländerkonferenz“ gar nichts ändern. Und das wäre der Punkt, auf den auch ein Paul Ronzheimer zurückzukommen hätte, wenn der „BILD“-Schrieb etwas Vernünftiges werden soll. „Ronzheimern“ hilft niemandem.