„Zeit“ & „F.A.Z.“: Die Coronaklatscher

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Wenn es nicht so bezeichnend wäre für einen allgemeineren, sehr bedenklichen Geisteszustand, könnte man in schallendes Gelächter ausbrechen. In der „Zeit“ beschäftigte sich ein ganzes Team mit den Gefühlen der Hinterbliebenen von „Coronatoten“, und bei der „F.A.Z.“ übt sich ein „Feuilletonkorrespondent“ in der Kunst der grotesken Verrenkung, um die „Coronaschutzmaßnahmen“ der Regierung zu rechtfertigen. Für sich genommen, sind beide Artikel astreine Schenkelklopfer. Der relativistische Wahnsinn ans Licht gezerrt.

von Max Erdinger

Mit der „F.A.Z.“ geht es los. „Hat das nackte Leben kein Recht auf Schutz?“ schlagzeilt Mark Siemons. Er ist der „Feuilletonkorrespondent“ der „F.A.Z.“ in Berlin. Im Teaser sach- und fachkundelt er dann sofort: „Manche Politiker, Juristen und Philosophen halten es in der Corona-Krise für human, Leben und Freiheit gegeneinander auszuspielen. Welch ein Irrtum.

Schon merkt der Leser, daß er es mit einem Experten zu tun hat, der weiß, was human ist. Andernfalls er ja nicht vom Irrtum der anderen reden könnte, es sei denn, er hätte geschwindelt. Damit der Eindruck von Expertentum auch nachhaltig beim Leser verankert bleibt, stellt der Irrtumskenner erst einmal seinen philosophischen Kenntnisreichtum aus, indem er einen Namen fallen läßt: Giorgio Agamben, seines Zeichens Philosoph in Italien. Kennt nicht jeder. Siemons schon. Ein Experte, zweifellos. Dieser Agamben, weiß Siemons, ist ein arger Zukurzdenker. Wenn ein Experte – und „Feuilletonkorresponenten“ sind garantiert welche – einen Zukurzdenker identifiziert, dann heißt es für den gewöhnlichen Philosophie-Ignoranten: „Obacht, jetzt wird es interessant.“

Siemons über Agamben: „Wenn der italienische Philosoph Giorgio Agamben von „nacktem Leben“ spricht, gebraucht er einen Begriff, den er selber hochgradig aufgeladen hat. In seinem Hauptwerk „Homo sacer“ bestimmte er so den Zustand, auf den der Staat Menschen reduzieren kann, wenn er ihnen alle ihre bürgerlichen Rechte nimmt. Dieses aus dem Bereich der Politik ausgeschlossene „Leben“ ist dann freigegeben für Misshandlungen aller Art bis hin zur Tötung, die sich die politische Ordnung sonst verbietet. Ein Ausnahmezustand wird so installiert, den Agamben von der altrömischen Rechtsfigur der „Homines sacri“ her entwickelte, die ohne Strafe getötet, aber auch nicht den Göttern zum Opfer gebracht werden dürfen, und bis hin zum Holocaust verfolgte.

Von einer „Rechtsfigur“ hat dieser Agamben also die Installation des Ausnahmezustandes herbeigedacht. Das ist schade. Weil man in der „menschlichen Gesellschaft“ doch eigentlich alles von den „die Menschen her“ zu installieren hätte, nicht von irgendwelchen Rechtsfiguren. Aber gut, weshalb schießt sich Feuilletonkorrespondent Siemons auf Agamben ein, wenn es um die Schleifung von Grundrechten im Zuge der staatlichen „Coronaschutzmaßnahmen“ geht? Weil dieser irrtumsbehaftete Agamben die solchen nämlich in einen aktuellen Zusammenhang brachte mit jener altrömischen Rechtsfigur, als er die Schutzmaßnahmen der italienischen Regierung aufs Korn nahm. Ganz schlimmer Finger, dieser Agamben.

Siemons über das neueste Buch von Giorgio Agamben, Titel: „An welchem Punkt stehen wir?“. Agamben habe behauptet, daß „wir“ das Ende der bürgerlichen Demokratie erleben, „weil die Corona-Politik auch der westlichen Staaten die Menschen auf das nackte Leben, „ihre rein vegetative Substanz“ reduziere und dabei den Verlust all dessen in Kauf nehme, was sie zu geistigen, kulturellen, im Vollsinn menschlichen und mithin zu politischen Wesen macht„. Agamben stelle die Frage: „Was ist das für eine Gesellschaft, die an nichts anderes mehr glaubt, als an das eigene Überleben?“ – Und das ist eine so verdammt gute Frage, daß einem vor der Antwort schon graust, bevor man damit angefangen hat, über sie nachzudenken.

Doch der Feuilletonkorrespondent der „F.A.Z.“ in Berlin bietet eine komfortable Lösung für das Grausigkeitsproblem an. Agamben hat eben zu kurz gedacht. Wie vermutlich alle mehr oder weniger berühmten Philosophen. Denn der Philosoph ist nur die Vorstufe zum Feuilletonkorrespondenten. Erst, wenn aus dem Philosophen ein Feuilletonkorrespondent geworden ist, vorzugsweise einer in Berlin, darf man davon ausgehen, eine Expertenauskunft zu erhalten. Nur irrtumsbehafteten Vorstuflern unterläuft nämlich der Fehler, daß sie es „in der Corona-Krise für human“ halten, „Leben und Freiheit gegeneinander auszuspielen„. – Gut, daß es den jouwatch-Medienkritiker gibt. Dessen Vorstufe wiederum ist nämlich der Feuilletonkorrespondent, besonders der in Berlin. Das erkennt man daran, daß er sogar den Feuilletonkorrespondenten, diesen Experten vor dem Herrn, logischer Inkonsistenz überführen kann, mithin also verständlich machen kann, warum nicht zwingend Irrtum sein muß, was der Feuilletonkorrespondent als einen solchen bezeichnet. Um das sofort unter Beweis zu stellen, weist der Medienkritiker auf eine unsaubere Begriffsgegenüberstellung des Feuilletonexperten hin. Leben und Freiheit lassen sich nämlich gar nicht „gegeneinander ausspielen“, weil eines das andere bedingt. Ohne Leben kein Begriff von Freiheit. Ohne Freiheit kein Leben, sondern allenfalls „Überleben“ im Sinne von „in (Agambens) nacktem Leben vor sich hinvegetieren“. Giorgio Agamben hat völlig recht.

Welchen Kniffs hat sich der Feuilletonkorrespondent also bedient, um dem „F.A.Z.“- Leser dennoch weiszumachen, Leben und Freiheit seien zwei voneinander unabhängig zu betrachtende Entitäten, weswegen sie auch gegeneinander ausgespielt werden könnten? Es ist ein rhetorischer Kniff, versteckt in einer Zwischenüberschrift. Sie ist als Frage formuliert. Siemons fragt – tut mir leid – recht bauernschlau: „Schützt das Grundgesetz wirklich nur die Würde des Menschen?„. Darauf fallen „wir“ aber nicht herein. Die Antwort interessiert uns zunächst noch gar nicht, weil „wir“ zuerst einmal wissen wollen, ob denn jemand behauptet hat, das Grundgesetz „schütze nur die Würde des Menschen“. Und weil „wir“ nicht feststellen können, daß jemals jemand behauptet hätte, das Grundgesetz schütze bspw. nicht auch das Recht auf körperliche Unversehrtheit, identifizieren „wir“ den rhetorischen Kniff des Feuilletonkorrespondent anhand seines Verwendung des Wörtchens „wirklich„. In Wirklichkeit hat nämlich niemand behauptet, das Grundgesetz schütze nur die Würde des Menschen.

Das heißt, daß der Feuilletonkorrespondent sich an der Konstruktion des Eindrucks versucht hat, er habe etwas geschrieben, um einen Irrtum zu widerlegen, dem gar niemand erlegen war. Man spricht in einem solchen Fall von Diskursvortäuschung. Der Feuilletonkorrespondent korrigiert keinen Irrtum. Er antwortet auch niemandem. Mit seinem rhetorischen Kniff bereitet er lediglich das Scheinfundament für eine zusammenhangslose, eigene Behauptung vor, von der er nicht möchte, daß sie auch als solche wahrgenommen wird. Siemons korrigiert niemanden, er antwortet niemandem, sondern er behauptet etwas.

Und knallhart kommt sie auch sofort, seine Behauptung: „Staaten, die außerordentliche Maßnahmen zur Eindämmung einer Epidemie treffen, unterwerfen ihre Bürger keinem kollektiven Gesundheitsdiktat, sondern schützen sie vor einer Gefahr, der die Einzelnen von sich aus nicht begegnen können„. Das ist ja nun schon schwerst gelogen. Die „außerordentlichen Maßnahmen“ schützen die Bürger nämlich evident nicht vor einer Gefahr, wie sich beispielsweise aus einem Datenvergleich mit Ländern ohne „außerordentliche Maßnahmen“ ergibt. Sie ergänzen die eine Gefahr lediglich durch weitere. Und die Behauptung, daß der Einzelne der (angeblich einen) Gefahr nicht von sich aus begegnen könne, ist nichts weiter als genau das: Eine Behauptung. Noch dazu eine aus dem blauen Paternalistenhimmel heruntergeholte.

„Degeneration“ wäre eventuell ein passender Wortgebrauch für den Feuilletonkorrespondenten gewesen. Denn evident – also wirklich wahr – ist, daß den Bürgern bei der Hongkong-Grippe-Epidemie 1969/1970 durchaus noch die Fähigkeit zugestanden worden war, der Gefahr von sich aus zu begegnen. Sogar das legendäre Woodstock-Festival konnte damals mitten in der Pandemie stattfinden, ohne daß auch nur irgendwer an „Lockdown“ und „Schutzmaßnahmen“ gedacht hätte. Der Feuilletonkorrespondent in Berlin läßt also nonchalant unter den Tisch fallen, daß nicht der staatliche Umgang mit dem Grundgesetz Anlaß seiner Betrachtung ist, sondern daß der Anlaß in der Suche nach einem Weg besteht, die Veränderungen im Zeitgeist bei gleichzeitig unverändertem Grundgesetz ignorieren zu können, mithin also eine Möglichkeit zu finden, recht feuilletonistisch um den heißen Brei herumzureden. Ein ganz heißer Brei bestünde in der Suche nach der Antwort auf die Frage, was mit einem Bürger passiert sein muß – und warum es passieren konnte -, der heute auf rhetorische Kniffe hereinfällt, über die er vor einem halben Jahrhundert nur müde gelächelt hätte.

Und dann wird der Feuilletonkorrespondent zu Berlin richtig dreist, um nicht zu sagen bigott. Seine Behauptung darüber, was passieren würde, wenn „Staaten“ untätig blieben, ist – es tut mir schon wieder leid – nur noch blöde. Siemons: „Entzögen sie sich dieser Aufgabe, stünde wegen der Überlastung der Krankenhäuser nicht nur die medizinische Hilfe auch bei vielen anderen Krankheiten auf dem Spiel, sondern ebenso die Wirtschaft und die Kultur, ganz zu schweigen von all jenen Regungen, die Agamben als genuin menschlich kennzeichnet, an erster Stelle das Mitgefühl.“ – Der Zeitfaktor wäre es gewesen, Herr Feuilletonkorrespondent. Das Leben vergeht nämlich auch während der sogenannten Schutzmaßnahmen. Das Leben ist endlich. Es wird durch Schutzmaßnahmen nicht „eingefroren“, nicht in eine Zeitstarre versetzt, um es dann „nach den Maßnahmen“ mit einer zeitverlustfreien Anknüpfung an den Einschränkungszeitpunkt weiterzuführen, sondern es wird schlicht und einfach verhindert. Je länger diese „Schutzmaßnahmen“ – angeblich „für das Leben“ – andauern, desto mehr Leben geht dadurch verloren. Da nun der Verlauf von Zeit sowohl einen objektiven Aspekt hat (Uhrzeit, Tage, Wochen, Jahre) als auch einen subjektiven (Zeit vergeht mit zunehmendem Alter immer schneller), ist es geradezu feuilletonkorrespondistischer Zynismus, auch noch vom „Mitgefühl“ als einer „Regung an erster Stelle“ zu fabulieren. Es ist nämlich gerade die völlige Absenz von Mitgefühl dem subjektiven Zeiterlebnis von Kindern und Jugendlichen gegenüber, die sich in diesen sogenannten Schutzmaßnahmen ausdrückt. Ein Kindheitssommer dauert bekanntlich eine „ganze Ewigkeit“. Um das ganz krass auszudrücken: Wer Kindern das Leben mit „Schutzmaßnahmen“ versaut, und nur, damit vielleicht (!) keine Leute an oder mit einem Virus sterben müssen (Überlebensrate der Infizierten bei über 99 Prozent!), die multipel vorerkrankt sind und das statistische Durchschnittsalter bereits überschritten haben, der ist kein „Lebensretter“, sondern ein Lebensbekämpfer, mithin also das, was der Volksmund u.a. unter einem „dummen und verblendeten Arschloch“ versteht. Nebenbei: Die gestiegenen Suizidzahlen quer durch alle Altersgruppen und das Sterben vor Einsamkeit in den Altersheimen sind sehr wohl Faktoren, die bei der Erstellung einer Bilanz hinsichtlich des Segensreichtums von „Schutzmaßnahmen“ zu berücksichtigen wären. Daran ändert das eitelste und absichtsvollste Feuilletonskorrespondentengedöns nicht das geringste.

Es trauert in der „Zeit“

Als ob es nicht schon reichen würde, daß ein Feuilletonkorrespondent in der „F.A.Z.“ auf die Liebe zur objektiven Wahrheit pisst, ergeht man sich bei der „Zeit“ in dummdreist-subjektivistischer Gefühlsmanipulation. Das hat allerdings inzwischen Methode. Kein Tsunami irgendwo, kein Erdbeben und kein verheerender Vulkanausbruch auf der Welt, der ohne überaus authentische Gefühlsreportagen aus den betroffenen Gebieten auskäme. Weinen müssen sie, die Menschen, und verzweifelt müssen sie sein auf dem Bildschirm, damit das Fernseherlebnis des nüßchenknabbernden und biertrinkenden Fernsehkonsumenten total wird. Vor dem Fernseher geht es „am allermenschlichsten“ zu. Da findet der Medienkonsument zu seinem wahren Ich. Verhüte der korrektdeutsche Betroffenheitsgott, daß der Medienkonsument mit der nüchternen Nachricht von einem Erdbeben irgendwo auf der Welt alleingelassen wird, um von selbst „betroffen“ zu werden oder nicht, wenn er darüber nachdenkt, was „Erbeben mit vielen Toten“ – darunter auch „Frauen und Kinder“ – bedeuten könnte. Man hätte schon gern den kontrollierten, manipulierten und gesteuerten Bürger, auch in Gefühlsdingen. Die „Zeit“ ist ein sehr trendiges Zeitgeistblatt und möchte deshalb nicht hintanstehen beim Einsacken des Betroffenheitsbonus´.

Man publiziert dort „Nachrufe auf Corona-Verstorbene„. Nicht schwarz auf weiß, wie jeder automatisch annimmt, der an „Zeitung“ denkt, sondern weiß auf schwarz! Sooo traurig ist das, wenn jemand – was selten genug vorkommt – an Corona verstirbt. Wie selten? 73.000 Personen seien seit dem Ausbruch von „Pandemie“ am Virus verstorben, weiß man bei der „Zeit“, ohne freilich anzugeben, woher man das „weiß“. 73.000! Und das bei einer durchschnittlichen Mortalitätsrate, die völlig im Rahmen des langjährigen Mittels liegt. Das ist eigentlich hoch erfreulich, weil es bedeutet, daß 73.000 von knapp einer Million, die durchschnittlich pro Jahr versterben in Deutschland, nicht wegen irgendwelcher anderer Ursachen verstorben sind. Mit anderen Worten: Wenn diese 73.000 nicht an Corona verstorben wären, dann wären sie überhaupt nicht verstorben. Im vergangenen Jahr. Und vorausgesetzt, daß das kein Trugschluß sein sollte. Reden wir nicht darüber, daß parallel zu dieser erfreulichen Entwicklung leider die Grundrechte gemeuchelt worden sind.

Und so liest sich das dann in der „Zeit“: „Hier erzählen Hinterbliebene, was ihnen an ihren geliebten Menschen fehlt.“ Natürlich kommen diejenigen nicht zu Wort, die ganz froh sind, daß „diese blöde Sau – Corona sei Dank – endlich weg ist vom Fenster“. Das wäre kein schönes Thema in der „Zeit“ gewesen. Und was Hinterbliebene fühlen, deren geliebter Mensch sich vor Verzweiflung über seinen unheilbaren Krebs mit 220 Sachen am Beton einer Autobahnbrücke in zusammenhangslose Materie aufgelöst hat, hat auch niemanden zu interessieren, weil diese gottverdammten Raser sowieso allesamt völlig zu Recht versterben, Krebs oder nicht. Nein, an Corona muß einer schon verstorben sein, damit sich die „Zeit“ für die Gefühle der Hinterbliebenen interessiert. Sterben ist traurig, an Corona zu versterben ist so richtig todtraurig. Wer todtraurig ist, der ist auch „gut“ und hat deswegen das vom Feuilletonkorrespondeten weiter oben strapazierte „Mitgefühl der besonders Kultivierten“ verdient. Schluß mit lustig. Was für eine widerliche Arschkratzerei: „Nachrufe auf Corona-Verstorbene“. Im O-Ton der untröstlichen Hinterbliebenen. Untröstlich wegen Corona. Supergeil.

ZEIT ONLINE hat in den vergangenen Monaten Leserinnen und Leser, die einen Menschen durch Corona verloren haben, gebeten, von ihren Verlusten zu erzählen. Viele haben sich gemeldet, um den täglichen Zahlen und Statistiken ein Gesicht zu geben. In persönlichen Gesprächen und im schriftlichen Austausch sind ihre Nachrufe entstanden.“ – Ah, um „den täglichen Zahlen und Statistiken ein Gesicht zu geben“ haben die sich also gemeldet? – Klar. Jedes andere Motiv scheidet ja auch aus. Das gebietet die Coronafrömmigkeit. Los geht es, wenn ich das gerade noch richtig im Kopf habe, mit dem Trauerbericht von Franz Xaver Dimpflmoser, der seine geliebte Mutter Kreszentia Dimpflmoser, geb. Viechbauer (98) an Corona verloren hat. Moment, wir haben es mit der „Zeit“ zu tun. Wahrscheinlich täusche ich mich. Nochmal nachschauen. Ah ja, so war´s: Mit „Banafsheh über ihren Vater Jamal“ geht es los. Das nenne ich doch einmal eine Prioritätensetzung, die auch den Tod überdauert. Auf die „Zeit“ ist eben sogar in der größten Trauer Verlaß.

Er hat Gedichte geschrieben, auf Farsi. In seiner Bibliothek, einem Zimmer voller Bücher, haben wir nach seinem Tod ein Buch gefunden, in dem alle seine Gedichte standen. Eines der letzten Gedichte handelte vom Tod, fast als hätte er es geplant. In dem Gedicht geht es darum, dass wir nicht zu lange trauern sollen, wenn er stirbt. Dass wir auf ihn trinken sollen.“ – Gottseidank habe ich mir ein Bier mit an den Schreibtisch genommen. Den Flaschenöffner her – und ein „Plopp“ samt einem „Prosit!“ für den an Corona verstorbenen Jamal. Der einzige Jamal, dessen Zimmer voller Bücher eine Bibliothek gewesen ist. So kannte man ihn. Jamal war Apotheker. „Fast sein ganzes Leben lang“, heißt es in dem Nachruf. Das ist logisch, weil er schließlich sein ganzes Leben gar nicht gelebt hat. Corona hat es verhindert. Und ich bin ganz traurig.

Schlimm ist auch das Schicksal des Corona-Hinterbliebenen Marcus. Er hat seine Oma an Corona verloren. Also: Nicht einfach verloren, sondern an Corona verloren. Das ist eigentlich das Tragische. Omas, die ganz normal versterben, sind weit weniger tragisch. „Sie war unglaublich neugierig, man konnte nichts vor ihr verheimlichen. Während ich im Unterricht war, hat sie manchmal in meinem Zimmer gestöbert. Sie hat es Aufräumen genannt. Einmal hat sie entdeckt, dass Münzen aus meinem Euro-Sammelalbum gefehlt haben, mit denen ich mir heimlich Zigaretten gekauft hatte. Oma ist mir auf die Schliche gekommen und hat mir das Versprechen abgenommen, dass ich nicht mehr rauche. Dafür hat sie meinen Führerschein bezahlt.“ – Das ist fast noch trauriger als bei Banafsheh. Weil der Apotheker Jamal bestimmt nie Banafshes Zimmer aufgeräumt hat.

Jedenfalls geht das immer so weiter bei der „Zeit“ – nicht schwarz auf weiß, sondern weiß auf schwarz. Wegen Corona. Schon daran läßt sich erkennen, daß es von allen Hinterbliebenen-Schicksalen das härteste ist, wegen Corona zum Hinterbliebenen geworden zu sein. Weil es sich hätte vermeiden lassen, wenn nur diese vermaledeiten Coronaleugner nicht solche gewissenlosen Mörder wären, vermutlich. Etwas anderes wäre es bei den Hinterbliebenen solcher geliebten Menschen, die von einem Jamal erstochen wurden, der definitiv kein Apotheker gewesen ist. Die hätten gefälligst die Klappe zu halten in der „Zeit“, anstatt „uns“ den Frohsinn auch noch mit ihrer gefühligen Nazisauce zu besudeln.

„F.A.Z.“ und „Zeit“: Die Schamlosigkeit kennt keine Grenzen mehr.