Der nächste Schreck: Die Sauerstoffkrise und „wir“

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Trauergemeinde für einen verstorbenen "Experten" - Symbolbild Imago

Schade um den schönen Sauerstoff auf dem blauen Planeten. Er geht zur Neige. Tief betroffen nehmen wir gemeinsam Abschied. Die Trauerrede.

von Max Erdinger

Überfällt Sie auch immer der große Argwohn, wenn Sie lesen: „Wir müssen“, „Wir brauchen“ und „Wir dürfen nicht“? Und steigert sich dieser Argwohn nicht zu abgrundtiefer Skepsis, wenn Sie außerdem lesen, es sei wieder ein „Experte“ gewesen, der herausgefunden hat, was „wir“ müssen, brauchen und nicht dürfen? Wussten Sie, daß es inzwischen den „Promenadologen“ gibt, den wissenschaftlichen Spaziergangsexperten? – Hier, bittesehr.

Ich habe bittersüße Nachrichten für Sie. Erstmals ist es gelungen, einen Experten trotz fehlender, eigener Expertise – nur mit dem eigenen Verstand sozusagen -, der ganz krassen Lüge zu überführen, weswegen „wir“ uns ja auch hier im virtuellen Raum versammelt haben, um ihn gemeinsam zu beerdigen. Schade für den Experten, gut für uns. Er war ein hochgeachteter Wissender in Sachen „Sauerstoff- und andere Krisen“. In der Publikation „Spektrum der Wissenschaft“ ist er auf frischer Lügentat ertappt und hingerichtet worden. Wie peinlich.

Der ganze Sauerstoff – einfach weg

In einer Milliarde Jahre geht uns der Sauerstoff aus„, hatte der Delinquent geschrieben, ein gewisser Herr Lingenöhl, Daniel. Auf den Mitteilungsseiten des „Spektrums der Wissenschaft“. Und weil das der Lüge noch nicht genug gewesen ist, hatte er die nächste gleich hinterhergeschoben: „Noch blüht das Leben auf der Erde, doch sein Ende ist absehbar. In einer Milliarde Jahren sterben in kurzer Zeit alle höheren Organismen aus.

Entlarvt

„Zwei behauptete Sachverhalte, und beide faustdick dahergelogen!“, rufen „wir“ dem Delinquenten, Herrn Lingenöhl, Daniel, ins offene Expertengrab hinterher.

1. „Uns“ geht der Sauerstoff nicht aus. In einer Milliarde Jahren. Wenn überhaupt, dann geht der Sauerstoff aus. Irgendwem, aber nicht „uns“. Wem er ausgeht, können wir heute nicht wissen.

2. Wissen können wir es deswegen nicht, weil entgegen der dreisten Lüge des hier zu Grabe getragenen Experten nicht absehbar ist, was in einer Milliarde Jahren sein wird – und ob „uns“ nicht schon lange vorher der Verstand ausgegangen sein wird, weil er „uns“ von frei umherlaufenden Experten aus dem Hirn herausgelabert worden wäre. Die gegenwärtige Coronakrise legt jedenfalls nahe, daß es noch nicht einmal der Verstand sein könnte, der „uns“ noch vor dem Sauerstoff ausgeht, sondern daß es die Eier sind, die „wir“ bräuchten, um dem ganzen frei marodierenden Expertentum „in kurzer Zeit“ ein Ende zu setzen.

Eine „die Wissenschaft“, zusammengesetzt aus einer Vielzahl von Einzelexperten, die „uns“ erklären will, daß „uns“ in einer Milliarde Jahren die gräßliche Sauerstoffkrise ins Reihenhaus steht, braucht kein Mensch. Nicht jetzt und noch nicht einmal „in fünf Minuten“.

Da sich nun anläßlich jenes bittersüßen „Events“, dessentwegen „wir“ hier gemeinsam, bestürzt und betroffen versammelt sind, eine hervorragende Gelegenheit bietet, jener tieferen Besinnlichkeit zu frönen, welche uns die Antwort auf die Frage liefern wird, warum der wissenschaftsspektrale Herr Lingenöhl, Daniel, der Ansicht gewesen sein muß, es würde „uns“ interessieren, was in einer Milliarde Jahren mit „unserem Sauerstoff“ passieren wird, bitte ich um gebührende Andacht. Tatsächlich ist es nämlich höchst interessant, herauszufinden, wovon sowohl Herr Lingenöhl als auch der wissenschaftsspektrale Chefredakteur ausgegangen sein mussten, als sie zu der Überzeugung gelangten, ein Wissenschaftsartikel über den ausgehenden Sauerstoff in einer Milliarde Jahren würde auf brennendes Interesse unsererseits stoßen müssen. Die Frage ist also, wofür „uns“ ein Herr Lingenöhl beim „Spektrum der Wissenschaft“ gehalten hat – und ob er mit seiner Einschätzung recht hatte. Was glaubte er, wie ein Leser gestrickt sein muß, dem er unterjubeln zu können glaubte, daß „uns“ in einer Milliarde Jahren der Sauerstoff ausgehen wird – und daß das auch noch „absehbar“ sei? Sollte er dem Gleichheitsgedanken angehangen haben, dann hätte er schon prämortalexpertös sich selbst für einen Unterbelichteten halten müssen, da er offensichtlich seine Leser in der Gleichheit der „die Menschen“ für unterbelichtet hielt. Also „uns“.

Alles Deins!

Arthur Schopenhauer, liebe Trauergemeinde, hat als ein wesentliches Identifizierungsmerkmal des Dummen dessen Selbstbezüglichkeit herausgearbeitet. Leider ist Schopenhauer schon verstorben, bevor jener Selbstbezüglichkeits-Vermarktungsexperte das Licht der Welt erblickte, welcher sich fortan vermehrte wie der Karnickelhäuptling. Weswegen die „die Menschen“ heutzutage vor lauter „wissenschaftlichem Expertentum“, das ihnen die Sicht verstellt, nicht einmal mehr einen Blick auf Schopenhauers Grabstein werfen können. Daß Schopenhauer schon vor der Geburt des vermehrungsfreudigen Experten verstorben ist, stimmt „uns“ schon deswegen sehr traurig, weil „unser“ Bruder Arthur evident nicht mehr lesen konnte, daß „uns“ – also ihm auch – in einer Milliarde Jahre der Sauerstoff ausgehen wird, und daß das absehbar sei. Daß ihm eines Tages ein ganzer E-Mail-Provider („mein gmx“), eine eigene Friseurkette („mein Friseur“) und ein „Institut für Trauerhilfe“ („mein Bestatter“) gehören würden, ist leider ebenfalls völlig an ihm vorbeigegangen. Vielleicht hatte er aber zu seinen Lebzeiten wenigstens so viel Glück, daß ihn der damalige Fäkalienknecht, der Sickergrubenentleerer, seiner enormen Philosophennützlichkeit versicherte („Franken-WC“, Aufsteller von Dixi-Toiletten im Jahre 2021: „Ihr Geschäft ist unser täglich Brot“). Solches wäre tröstlich in diesen bedrückenden Stunden.

Es ist doch so, liebe Trauergemeinde: Wer es für eine mitteilungswürdige Nachricht hielt, daß „uns“ in einer Milliarde Jahren der Sauerstoff ausgehen wird – und daß „wir“ das auch noch absehen könnten, der mußte zwangsläufig mit „unserer“ Selbstbezüglichkeit spekuliert haben, um „uns“ in der Folge dann … wie sagt man gleich? … – zu verarschen! Wenn nun aber ein solcher Nachkomme des vermehrungsfreudigen Experten-Karnickelhäuptlings mit seiner prämortalexpertösen Nachricht auf publizistischen Erfolg hoffen durfte – der Herr sei seiner verblichenen Expertenseele gnädig -, dann fragen „wir uns“ im Zustand der bittersüßen Besinnlichkeit, ob es außer dem Experten, an dessen Grab „wir“ gerade stehen, auch noch lebende geben könnte, die „uns“ verarschen wollen – und sehen „uns“ argwöhnisch um in der Medienlandschaft.

Experten in der Krise

Während „wir uns“ bei aller Trauer und Besinnlichkeit argwöhnisch und verstohlen nach noch lebenden Experten umsehen, kommt „uns“ eine weitere Frage in den Sinn. Hätten „wir“ es wirklich mit Experten in der Krise zu tun – oder hätten „wir“ eine Expertenkrise? Und was wäre eine solche Expertenkrise? Mit der Expertenkrise verhält es sich wie mit der Klimakrise. Eine Expertenkrise, liebe Trauergemeinde, liegt dann vor, wenn die Krise nur von Experten erkannt wird, denen „wir“ a priori erst einmal ungeprüft abzunehmen hätten, daß sie tatsächlich Experten sind, weil „wir“ andernfalls die Krise selbst nicht erkennen könnten, was „wir unserer“ Selbstbezüglichkeit wegen aber gerne können würden. Eine entgangene Krise ist schließlich immer ein großer Verlust. Wäre es anders, dann würden „wir“ uns niemals dafür interessieren, was beispielsweise der eingangs genannte „Promenadologe“ in seiner nützlichen Funktion als „Spaziergangsexperte“ über die Fußgängerkrise herausgefunden hat, um als nächstes seine „Expertise“ – unserer Selbstbezüglichkeit wegen – als „unser Wissen“ zu übernehmen und in einem weiteren Schritt an andere Experten- und Expertisengläubige weiterzugeben, die „uns“ daraufhin wiederum attestieren, daß „wir“ herausragend kluge Köpfe seien. Was „uns“ dann aber nicht so vorkommt, als hätten „wir“ billigen Honig ums Maul geschmiert bekommen, sondern so, als ob tatsächlich und endlich „unsere“ individuelle Klugheit gebührend gewürdigt worden sei. Weswegen die „Experten“ in der „Coronakrise“ auch einen so enormen Schlag haben beim Volk. Wer sich keine Krise entgehen lassen will, der dankt dem Herrn dafür, daß er ihn voll der Güte ausreichend mit Nahrung und Experten versorgt. Letztere sind enorm wichtig. Was nützt einem ein voller Bauch, wenn man die Krise nicht erkennt? Was für ein Image hätte man denn als vollgefressener Blinder? – Eben. Man könnte noch nicht einmal erkennen, daß gerade Coronakrise ist, die dringend überlebt werden muß, damit man in einer Milliarde Jahren nicht versäumt, wie „uns“ der Sauerstoff ausgeht, obwohl das absehbar wäre, wenn man sich nur impfen ließe. Weswegen „wir uns“ natürlich impfen lassen.

Was weiß die Regierung?

Die Regierung hat eigene Experten, von denen sie sich die Welt erklären läßt. Schließlich muß die Regierung als erste darüber informiert sein, daß Krise ist. Das funktioniert zuverlässig, liebe Trauergemeinde, um hier etwas Zuversicht in die Besinnlichkeit hineinzubringen. Der Beweis: Krisen so weit das Auge reicht. Klimakrise, Gerechtigkeitskrise, Umweltkrise, Migrationskrise, Geschlechterkrise, Coronakrise und Weltkrise samt aller dazugehörigen Krisenkritik. In der Regierung gibt es nämlich keine Selbstbezüglichen. Experten haben das herausgefunden. Wenn es nicht durch eine Umfrage herausgefunden worden ist. Ich bin mir nicht sicher. Jedenfalls: Die Experten der Regierung heißen Berater. Die Expertise eines Beraters ist wegen der Abwesenheit von Selbstbezüglichkeit beim Regierungspersonal besser, als die des Experten für das selbstbezügliche Volk. Letztere dürfen dem Volk nur vermitteln, was ihnen von der berratenen Regierung erlaubt worden ist. Damit alles seine hierarchische Ordnung hat in der exclusiv dem Volk vorbehaltenen Selbstbezüglichkeit. Daß sich Regierungspersonal an der Selbstbezüglichkeit des Volks in einer der zahlreichen Krisen bereichern würde, kommt höchstens als Einzelfall vor.

Hallo da hinten? Man knistert nicht mit einer Tüte Nüßlein während man einer Trauerrede zuhört! Was denn noch? Spanferkel grillen, vielleicht? Unglaublich!

Also weiter: Weil die Gelegenheit am Grab unseres beerdigten Buders Lingenöhl, Daniel, seines Zeichens Sauerstoff-Experte, gerade günstig ist, um über den Glauben zu reden, will ich es auch nicht versäumen. Sonst bekäme ich die Versäumniskrise. Daß „wir“ es seien, denen in einer Milliarde Jahren der Sauerstoff ausgeht, und daß das absehbar sei für „uns“, liebe Trauergemeinde, ist keine Wissens- sondern eine Glaubensbehauptung. Besonders inbrünstig glauben die zivilreligiösen Mitglieder der „Kirche für Selbstbezüglichkeit“, die von Schopenhauer, würde er noch in der allumfassenden Absehbarkeit leben, schnörkellos als die „Kirche der Dummen“ bezeichnet werden würde. Die Dummen lassen sich am leichtesten von Experten verarschen. Das dürfen Sie glauben, liebe Trauergemeinde.

Abschließende Segenswünsche

Wenn uns also aus diesen besinnlichen Momenten am offenen Grab des medienkritisch beerdigten Sauerstoff-Experten Lingenöhl, Daniel, eine Leere … äh… mit „h“ … Lehre nach Hause begleiten soll, dann ist es die folgende: Es führt zu Lebzeiten am Selberdenken kein Weg vorbei. Wer sich auf Experten verläßt, die wissenschaftsspektral erkären, „uns“ drohe in einer Milliarde Jahren der Tod durch Sauerstoffmangel, und daß „wir“ das heute bereits absehen könnten, der hat leider einen gewaltigen Dachschaden. Den bringt der Dachdecker in Ordnung, noch nicht einmal der Berater. Wenn Sie übrigens die Nachrichten der vergangenen Tage im Zusammenhang mit der „Coronakrise“ gelesen haben, ist Ihnen vielleicht aufgefallen, daß die Viren- und Maßnahmenexperten sterben wie die Mücken. Da ist richtige Expertenkrise, erweitert um einen wesentlichen Aspekt hinsichtlich „Experte“ und „Krise“: Die Experten versterben an ihren eigenen Expertisen. Deswegen habe ich auch gar keine Zeit mehr. Es stehen nämlich noch zwei weitere Expertenbeerdigungen an, die nächste schon in einer Milliarde Jahren. Ich muß mich sputen. Der Segen des Herrn sei mit Ihnen!

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