Extrem forsch: Der „Extremismusforscher“ als extrem Forschender

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Extremismusforscher, politischer Soziologe, Doktor und Direktor des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft: Herr Doktor Matthias Quent - Foto: Imago

Im SPIEGEL gibt es ein Interview mit Dr. Matthias Quent, seines Zeichens …ähem … „Extremismusforscher“. „Politischer Soziologe“ auch, wie es im Relotiusblättchen heißt. Er wird interviewt zu der Frage, woran man heutzutage Rechtsradikale erkennt. Das ist von einem aufschlußreichen Gespräch kaum zu unterscheiden, weshalb man es auch kaum unkommentiert lassen kann.

von Max Erdinger

Was ist Dr. Quent noch, außer „Extremismusforscher“ und „politischer Soziologe“? Direktor des „Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft“ in Jena ist der junge Mann (*1986) außerdem noch, erfährt man im SPIEGEL. Und daß seine „Forschungseinrichtung“ seit 2016 vom Freistaat Thüringen gefördert wird. Das sind sehr interessante Informationen. Noch interessanter wäre gewesen, wenn der SPIEGEL außerdem darüber informiert hätte, daß es sich beim „Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft“ in der Talstraße 84 zu Jena um ein eher kleines Institut in Trägerschaft der „Amadeu-Antonio-Stiftung“ handelt, in welchem es nach eigener Auskunft derzeit 18 „Mitarbeitende“ gibt, was wohl so zu verstehen ist, daß sie andauernd „arbeiten“ und niemals einen Kaffee trinken, welchenfalls sie nämlich „Kaffeetrinkende“ wären. Ein kleiner Hinweis darauf, daß in Thüringen rot-rot-grün regiert, wäre evtl. hilfreich gewesen, um dem unbedarften Leser eine Spekulationsgrundlage zu der Frage zu liefern, warum wohl das „Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft“ (in Trägerschaft der „Amadeu-Antonio-Stiftung“) vom „Freistaat Thüringen“ unterstützt wird.

Die „Mitarbeitenden“ des IDZ beschäftigen sich mit absolut allen Fragen, die sich für die Demokratie und die Zivilgesellschaft stellen, um dann streng wissenschaftlich und absolut objektiv die richtigen Antworten zu liefern, wofür ihnen sowohl die Demokratie als auch die Zivilgesellschaft unendlich dankbar sein müssen. Alle Fragen haben nämlich mit dem Rechtsextremismus zu tun, wie es aussieht.

Die Mitarbeitenden

Oberster Mitarbeitender beim IDZ ist der institutsgründende Herr Dr. Quent selbst. Deswegen wird er dort als Direktor bezeichnet. Arbeitsschwerpunktend ist er sowohl ein sich mit „Protestforschung & Sozialen Bewegungen“ als auch mit dem „Rechtsextremismus“ Beschäftigender. Wissenschaftlich Referierende und Referatsleitende ist die Mitarbeitende Dr. Janine Dieckmann, mitarbeitend in den Forschungsfeldern „Diskriminierung“ und „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“. Die übrigen Mitarbeitenden decken das gesamte übriggebliebene Forschungsspektrum ab, das es sowohl in der Demokratie als auch in der Zivilgesellschaft gibt. Also „Haßkriminalität“ und „Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“, „Flucht und Asyl“, „Office Management“, „Antisemitismus“, „Erinnerungskultur“, „Rechtsextremismus“, „Demokratie- und Sozialraumforschung“, „Rechte Radikalisierung in sozialen Netzwerken“, „In- und Exklusionserfahrungen gesellschaftlich marginalisierter Gruppen“, sowie „(sub-)gruppenbasiertes Engagement und gesamtgesellschaftlicher Zusammenhalt“.

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Ein Übelmeinender wäre, wer zugleich ein das Folgende Behauptender wäre: Sowohl in der Demokratie als auch in der Zivilgesellschaft gäbe es noch viel mehr zu erforschendes, beispielsweise die auf die öffentliche Meinung einflußnehmenden Mitarbeitenden des „Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft“ in Jena – und warum wohl deren Dirigierender zu einem sich im Relotiusblättchen Spiegelnden werden konnte.

Das Interview des Interviewenden mit dem zu Interviewenden

Im Teaser heißt es, den Gesprächsinhalt umreißend: „Der politische Soziologe Matthias Quent erläutert, wie die Neue Rechte kommuniziert und warum Gewalt zwangsläufiger Bestandteil rechter Ideologie ist.“ Das war etwas unhöflich, denn beim „politischen Soziologen Matthias Quent“ handelt es sich in Wahrheit um den „politischen Soziologen Doktor Matthias Quent“. Der junge Mann ist schließlich nicht umsonst ein sich den Doktortitel Erarbeitender gewesen.

In der ersten Frage des Interviewenden geht es um das Attentat von Hanau, welches dieses Jahr ein zum ersten Male sich jährendes ist. Um den sich im vergangenen Dezember zum vierten Male jährenden Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz geht es ausdrücklich nicht, was vielleicht damit zu tun haben könnte, daß der „Freistaat Thüringen“ solcherlei Forschung nicht ausreichend gefördert hat.

Herr Institutsdirektor Doktor Quent soll jedenfalls antworten auf die Frage, wie er die Ideologie des Mörders von Hanau genauer beschreiben würde. Konjunktiv. Seine Antwort: „Die Opferauswahl war rassistisch und völkisch-nationalistisch motiviert.“ Gottlob würde der „Extremismusforscher“ lediglich ein Antwortgebender gewesen sein. Der Täter war nämlich nach Einschätzung von psychiatrisch Forschenden ein Psychopath, der auch seine eigene Mutter erschoß, was wiederum schwerlich mit einem rassistischen und völkisch-nationalistischen Motiv zu erklären seiend sein dürfte … ist. Das würde den Institutsdirigierenden aus Jena aber kaum anfechtend gewesen sein, denn er war ein den Weg Findender, wie auch die Paranoia eine in die Ideologie zu integrierende werden kann. Herr Direktor Doktor Quent: „Die Ideologie des Täters war aber nicht konsistent in den Begriffen klassischer Ideologien im Sinne politischer Theorien, sondern durch krankhafte paranoide Vorstellungen und durch Verschwörungsdenken geprägt.„. Da wird der SPIEGEL-Lesende zum Lernenden, der fürderhin denkt, von Verschwörungstheorien geprägte, paranoide Vorstellungen könnten durchaus auch als Ideologie bezeichnet werden, wenn auch nicht als „klassische Ideologie im Sinne politischer Theorie“.

Wahrscheinlich muß man ein ganz besonders aufrichtiger Forschungs-Direktor-Doktor sein, um völlig zu Recht den Vorwurf abzubürsten, man habe soeben behauptet, Paranoide könnten in erster Linie Ideologen seiende sein- und erst in zweiter Linie Paranoide. Und daß man eine solche Behauptung aus präferenzutilitaristischen Gründen konstruiert habe, um nicht als Ideologe selbst der Paranoia geziehen zu werden. Obwohl man ja selbst nicht einmal Ideologe im Sinne einer politischen Theorie sei, sondern totalneutraler „Extremismusforscher“ und neutralwissenschaftlicher „politischer Soziologe“ – und das Ganze ausschließlich zum Wohl & Frommen sowohl der Demokratie einerseits, als auch der Zivilgesellschaft andererseits. Herr Direktor-Doktor Quent ist ganz bestimmt ein solcher Aufrichtiger. Schon deswegen, weil Andersseiende vom Relotiusblättchen niemals zu Interviewtwerdenden werden würden. Konjunktiv.

Als nächstes will der Interviewende im SPIEGEL vom zu interviewenden Herrn Direktor Doktor Quent wissen, wie sich der deutsche Rechtsradikalismus in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Der aufmerksame Leser bemerkt, daß der Interviewende eine Antwort im Indikativ erwartet. Der antwortgebende oberste Mitarbeitende enttäuscht ihn nicht. „Der offene Neonazismus steht heute nicht mehr im Mittelpunkt. Am dynamischsten entwickelt sich die Strömung der sogenannten Neuen Rechten, welche die AfD in ein Sammelbecken für Rechtsaußen radikalisiert hat. Vordergründig distanziert man sich vom Nationalsozialismus und spricht nicht mehr von »Rasse«, aber konstruiert Identitäten und Kulturen in ähnlicher Art: als vererbbar, unveränderlich. Die Digitalisierung und Parlamentarisierung des Rechtsradikalismus verändert zudem die Gemengelage. Es werden rassistische, frauenfeindliche und antisemitische Positionen ohne Abgrenzung zu Neonazis und Reichsbürgern offen kommuniziert, andererseits gibt man sich nach außen zivilisiert„. – Vordergründig sieht das nach einer aufrichtigen Antwort aus, weil sich der offene Sozialismus hinter fragwürdigen Behauptungen im Hintergrund versteckt. Erstens hätte sich vom Nationalsozialismus bereits distanziert, wer sich vom Sozialismus distanziert, was bei der AfD nicht nur scheinbar passiert, sondern tatsächlich. Zweitens wird insinuiert, daß es sich bei feminismusfeindlichen Äußerungen um frauenfeindliche handle, was auf eine gewisse Differenzierungsunwilligkeit aus präferenzutilitaristischen Gründen beim Herrn Prof … Doktor Direktor hinweisen könnte – und drittens wird vom Leser verlangt, er möge ohne jeden weiteren Beleg ausgerechnet dem obersten Mitarbeitenden des Instituts für Demokratisierendes und Zivilgesellschaftendes glauben, daß er auch noch Expertierender für Zivilisierendes & Scheinzivilisierendes sei, dazu berufen, Leuten, denen gegenüber er selbst eine gewisse „gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit“ hegt & pflegt, die Zivilisiertheit abzusprechen, um sie stattdessen als Scheinzivilisierte zu bezeichnen.

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Völlig übersehen zu haben scheint der Herr Direktor Doktor Quent außerdem, daß antisemitische Positionen vertritt, wer den massenhaften Import der übelsten Antisemiten auf diesem Planeten ins eigene Land betreibt und befürwortet – und daß es sich bei diesen Befürwortern keinesfalls um die AfD handelt, sondern um SPD, Linke, Grüne und Union. Der Irrtum kommt aber in den allerbesten Häusern vor, wie man daran erkennen kann, daß sogar das löbliche „Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft“ nicht vor ihm verschont bleibt.

Wer geglaubt hat, ausgerechnet in diesem Interview etwas Zutreffendes über das Thema zu lernen, um das es „vordergründig“ zu gehen schien, der glaubt wahrscheinlich auch, daß sich Wissenslücken mit Spachtelmasse zukleistern lassen. Das Hamburger Relotiusblättchen wurde mit Geldern der Gates-Stiftung beschenkt, das Institut des Herrn Direktor Doktor Quent mit solchen des „Freistaats Thüringen“, einer interviewt den anderen. Was will man da noch erwarten? – Eben. Der Rechtsextremist, erfährt man immerhin, sei heutzutage rein äußerlich nicht mehr von „kein Rechtsextremist“ zu unterscheiden, weswegen er auch nicht mehr so einfach zu identifizieren sei wie früher. Da denkt sich der Unbedarfte: „Wie gut, daß es die Mitarbeitenden des Instituts in Jena gibt. Die machen sich die Mühe trotz solcher krassen Identifizierungsprobleme.“ Der Abgeklärte hinwiederum wird zum Seufzenden und bemerkt lakonisch: „Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sieht eben alles aus wie ein Nagel“. Schon ist die Gesellschaft wieder gespalten. Deshalb wäre hier jede weitere Zeile eine zeitverschwendende.

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