Hassfiguren: Das bigotte Gejammer der Figuren über den Hass

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"Haßvorwürfe im Internet" - Foto: Von UVgreen/Shutterstock

Karl Lauterbach kennt in Deutschland inzwischen jeder. Der Gesundheitsexperte der SPD ist in bald jeder Fernsehsendung zum Thema Pandemie zu sehen. Daß er viele renommierte Kritiker hat, ist hingegen weniger bekannt. Die kommen im Fernsehen auch nicht so ausführlich zu Wort wie der Kritisierte. Lauterbach wird aber nicht nur kritisiert, sondern zunehmend auch gehasst. Und nicht nur er. Der sächsische Ministerpräsident Kretschmer erzählte, daß er mit dem Tod bedroht wird. Das Gejammer über den Hass ist groß – und scheinheilig.

von Max Erdinger

Deutschland sei gespalten, heißt es. Auch Amerika sei gespalten. Und Frankreich. Italien auch – usw.. Wohin man auch schaut: Spaltung. Selbst alte Freunde und Familien sind gespalten. Doch bei den Klagen über die Spaltung gibt es wieder eine Spaltung. Der Spalt verläuft zwischen denen, die eindeutig den Hass und die Hasser als das alleinige Übel bezeichnen, und denen, die auch die Ursachen für diesen Hass beleuchtet wissen wollen, weil sie wissen, daß niemand aus purer Freude am Hass andere Leute hasst. Für Hass gibt es tatsächlich Gründe, die nicht allein in der Figur des Hassers zu suchen sind, sondern auch bei den Hassfiguren selbst. Denen scheint es an der Fähigkeit zur Selbstreflexion zu mangeln. Für sie gilt: Wer hasst, ist schuldig.

Mediale Spaltung

Es ist kein Zufall, daß es ausgerechnet der teilnahmsvolle „Spiegel“ gewesen ist, der Karl Lauterbach eine Bühne zur Verfügung stellte, auf welcher er „recht menschlich“ über die Gefühle sprechen durfte, die der Hass der Anderen bei ihm auslösen. Das Interview hätte vermutlich auch in der „taz“, der „FAZ“ oder der „Süddeutschen Zeitung“ erscheinen können, oder bei ARD und ZDF. In den freien Medien eher nicht. Bei jouwatch, PI-news, Wochenblick und sciencefiles wäre man eher an den Gründen der Hasser für ihren Hass interessiert – und zwar ebenfalls voller Empathie. Schließlich handelt es sich bei einem hassenden Zeitgenossen zugleich auch um einen unglücklichen.

Die wohlfeile Schuldzuweisung

Der Hass als solcher ist nicht an eine bestimmte Person gebunden. Hass ist ein Gefühl, Gefühle sind menschlich, die „Menschlichkeit“ wiederum wird ausgerechnet in jenen Kreisen gern wie eine Monstranz vor sich hergetragen, in denen man nicht gern von bestimmten Menschen redet, sondern lieber allgemeiner von den „die Menschen“, ganz egal, welchen Menschen genau. Thesen:

1. Wer den Hass des Hassers skandalisiert, suggeriert, daß er selbst nicht zum Hass „fähig“ sei, mithin also, daß er ein „Guter“ sei, der durch „das Böse“ verletzt wird.
2. Wer ausschließlich den Hasser aufs Korn nimmt, den Verhassten aber ausklammert, negiert eine der beiden Seiten, die jede Medaille hat. Für diese Negierung wiederum gibt es selbst Gründe.
3. Besonders anrüchig ist die Negierung der zweiten Seite einer Medaille dann, wenn sie durch die andere Seite erfolgt.
4. Die Schuldzuweisung des Verhassten an den Hasser kommt einer Selbstexkulpierung des Verhassten gleich.
5. Der verhasste Hass wird umso stärker weiterwachsen, je angestrengter versucht wird, einseitige Schuldzuweisungen für seine Existenz als „die Wahrheit“ zu etablieren.
6. Wer einseitige Schuldzuweisungen vornimmt, ist nicht am Verschwinden des Hasses interessiert, sondern daran, Schuldige zu markieren.
7. Schuld sind immer „die Anderen“.
8. Der Bigotte zieht den Hass der Aufrichtigen quasiautomatisch auf sich. Schlußfolgerung aus Punkt 7: Der Bigotte hat recht zu haben, der Aufrichtige die Schuld.
9. Die Punkte 1- 8 beschreiben den Zustand der Infantilität. (Kindergarten: „Aber der Marco hat angefangen!“)
10. Sich das infantile Geschwätz derjenigen anzutun, die immer wortreicher und zunehmend emotional den Hass thematisieren, der ihnen selbst entgegenschlägt, ist eines Erwachsenen unwürdig.

Exemplarisch: Der zweite gescheiterte Impeachmentversuch gegen Donald Trump

Das von den Demokraten angestoßene und von einigen Republikanern unterstützte, gottlob aber gescheiterte, zweite Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump fußte nicht auf Fakten, sondern auf höchst bigotten Vorwürfen fehlender Moral bei Donald Trump. Der Verteidiger des gewählten US-Präsidenten, Michael van der Veen, konnte im US-Senat beweisen, daß jeder Vorwurf der Aufstachelung zu Haß und Widerstand, der gegen Trump erhoben worden war, einer gewesen ist, den sich seine Ankläger ans eigene Revers hätten heften können.

Besonders bizarr war, daß Trump das Zitat „You´ve got to fight like hell“ („Ihr werdet wie die Hölle zu kämpfen haben“), gerichtet an seine Anhänger, als Rhetorik unterstellt werden sollte, die ursächlich gewesen sei für den Sturm – eigentlich ein „Stürmchen“ – auf das Kapitol am 6. Januar. Michael van der Veen präsentierte dem Senat ein aus schnellen Schnitten zusammengestelltes Video von beeindruckenden zehn Minuten Länge, in welchem Trumps bigotte Ankläger dabei zu sehen gewesen sind, wie sie vor Menschenmengen – und anderweitig öffentlich, etwa in TV-Sendungen –  äußerten, die von ihnen Adressierten hätten „zu kämpfen wie die Hölle“. Eine überaus gebräuchliche Phrase in der politischen Rede sollte also exclusiv einem, nämlich Donald Trump, zum „Genickbruch“ gereichen. Das ist infantile Bigotterie im Quadrat, besonders wenn man berücksichtigt, daß in politischen Reden nicht erst seit Donald Trump dauernd für oder gegen irgendetwas „gekämpft“ wird. Politiker präsentieren sich selbst generell gern als „Kämpfer, unerschrockene“.

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Zu der ganzen Bigotterie oben drauf kommt noch die demonstrativ zur Schau gestellte Gleichgültigkeit von Trumps Anklägern, als ihnen der Spiegel vorgehalten wurde. Selbst als „doctored evidence“ (eindeutig manipulierte Beweise) gegen Trump nachgewiesen wurden, gab es Versuche auf Seiten der Ankläger, diese zu relativieren. Als Michael van der Veen nach dem Freispruch für Donald Trump vom Mainstream-Sender CBS-News interviewt wurde und auf die manipulierten Beweise hinwies, deren Existenz auch von der CBS-Moderatorin nicht bestritten wurde, sah er sich mit einer schier unglaublichen Reaktion konfrontiert. Die CBS-Lady versuchte allen Ernstes, die Verkommenheit der Trump-Ankläger dadurch zu bestreiten, daß sie behauptete, die Beweise seien schließlich nur „ein klein wenig“ manipuliert worden. Michael van der Veen las ihr daraufhin die Leviten, riß sich anschließend entrüstet das Mikrofon vom Revers und knallte es auf den Boden des Kapitols. Die Abmoderation des Interviews, das Michael van der Veen so brüsk beendet hatte, erfolgte mit dem lakonischem Hinweis, das gerade sei „eben Michael van der Veen gewesen“, der das Interview beendet hatte – suggerierend, so seien sie eben, diese Trump- Verteidiger und Anhänger: Impulsiv, unbeherrscht und voller Hass.

Als friedliebendes Exemplar von „die Menschen“, welches keiner Fliege je etwas zu leide getan hat, muß ich zugeben, daß ich am liebsten aufgesprungen wäre, um die CBS-Moderatorin für ihren Relativierungsversuch und ihre Abmoderation links und rechts zu maulschellieren, so voller Hass war ich in diesem Moment. Ob ich wohl ein Böser bin?

Saat und Ernte

Als besonders weise gilt, wer den altbekannten Spruch ins Gespräch einflicht, daß, wer Hass sät, Gewalt ernten wird. Dabei ist dieser Spruch nicht einmal gut durchdacht. Es fällt nämlich die Wachstumsphase zwischen Aussaat und Ernte unter den Tisch. Tatsächlich ist es so: Wer Hass sät, kann ihn erst einmal wachsen und gedeihen sehen, bevor es an die Ernte geht. Er hätte also mehr als Zeit genug, die Saat wieder zu entfernen. Er muß nicht ernten. Gewalt ernten wird nur derjenige Sämann des Hasses, der dem Hasswachstum scheinheilig greinend, aber tatenlos zusieht.

Deswegen ganz lakonisch, ganz logisch und völlig wertungsfrei an die Bejammerer des zunehmenden Hasses: Wenn der Sämann weiß, was er sät, dann ist er verantwortlich für das Wachstum seiner eigenen Aussaat. Die Ernte steht dann unweigerlich ins Haus. Wie die Dinge sind, richtet sich nicht daran aus, wie man sie aus welchen präferenzutilitaristischen Gründen auch immer wahrnehmen will, sondern danach, wie sie eben sind. Wer den Hass sät, wird ihn vor der Ernte erst einmal wachsen sehen. Jammern hilft nicht. Auch nicht einem Herrn Lauterbach oder einem Herrn Kretschmer.

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Das einzige, was ihnen wirklich helfen würde, wäre, sich endlich sachlich und rational mit den guten Argumenten derer auseinanderszusetzen, die ihnen widersprechen, anstatt ihren Opponenten Etiketten auf die Stirn zu kleben. Daß sie in einer Auseinandersetzung in der Sache, um die es geht, verlieren könnten, müssen sie in Kauf nehmen, wenn ihnen tatsächlich daran gelegen ist, jenen „Hass zu bekämpfen“, der ihnen zunehmend entgegenschlägt.

Leider ist aber der Verdacht nicht von der Hand zu weisen, daß es den Damen und Herren von der Hassklagefront eher nicht um ein Ende des Hasses geht, sondern darum, auf Kosten der Wahrheit und zu ihrem eigenen Wohl & Frommen – auf Teufel komm´ raus sozusagen – „Recht“ zu behalten.  Die Ernte der Bigotten fällt erfahrungsgemäß reichlich aus.

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