Ungesundes Dreiecksverhältnis: Politik, Medien & Medienkonsumenten

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"Zentrum der Finsternis" (ZDF) - Foto: Collage

Oft wird eine zunehmende „Politikverdrossenheit“ der Bürger beklagt. Zugleich hat sich der wenig schmeichelhafte Begriff „Lügenpresse“ etabliert. Politik und Medien werden oft gescholten, völlig zu Recht. Veränderungen werden ersehnt und angemahnt. Die aber werden ausbleiben, solange sich eine Mehrheit der Medienkonsumenten nicht selbst in Frage stellt. Eine schonungslose Betrachtung.

von Max Erdinger

Daß die vormals vierte Gewalt, eine unabhängige Presse, inzwischen zur vierten Gewaltlosigkeit mutiert ist -, daß von einer gleichgeschalteten Presse die Rede ist -, daß vielen Journalisten an den Kopf geworfen wird, sie seien gar keine Journalisten, sondern eher Aktivisten – , daß der unsägliche „Haltungsjournalismus“ endlich aufzuhören habe – , daß die politischen Debatten von den immer gleichen Talkshows zurück in die Parlamente zu verlagern seien – , alles das sind nicht nur Feststellungen und Forderungen, sondern zugleich auch Anschuldigungen.

Das Problem mit Anschuldigungen ist, daß derjenige, der sie erhebt, sich quasiautomatisch selbst für unschuldig an den Zuständen erklärt, die er kritisiert, da er selbst schließlich genügend von jenem „Durchblick“ hat, der ihn erst dazu befähigt, berechtigte Kritik an anderen zu üben. Mit dem Finger auf andere zu zeigen, ist eine sehr „menschliche“ Eigenschaft. Schade ist in diesem Zusammenhang, daß bereits „menschlich“ heutzutage mit „gut und erstrebenswert“ übersetzt wird, obwohl der Mensch natürlich nicht nur gute, sondern auch schlechte Eigenschaften hat. Gut und schlecht zusammen sind „menschlich“. Daß irgendetwas nur „allzu menschlich“ sei, ist keine Entschuldigung für irgendetwas.

Was das Dreiecksverhältnis von Politik, Medien und Medienkonsumenten angeht, läßt sich mühelos feststellen, daß viel verkehrt läuft, daß Politik und Medien dennoch Jahr für Jahr damit durchkommen, und daß es der Tod von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sein wird, wenn das noch länger so weitergeht. Die interessante Frage ist aber, warum das immer so weitergeht. Die Antwort: Weil sie´s können. Politik und Medien können so weitermachen. Warum? – Wegen des Selbstbildes, das viele Wähler und Medienkonsumenten hegen und pflegen – und wegen der Voraussetzungen, von denen sie ausgehen.

Schein und Wirklichkeit

Gedacht ist das System Bundesrepublik folgendermaßen: Der Wähler und Medienkonsument ist der Souverän. Er wählt die Vertreter seiner Interessen in die Parlamente, wo sie dann mehr oder weniger erfolgreich ihrer Arbeit als Volksvertreter nachgehen. Ob sie ihren Job gut oder eher schlecht machen, kontrolliert eine unabhängige Presse, die dem Souverän dann total unabhängig und wahrheitsgetreu berichtet, was für gräßliche Pfeifen er wieder gewählt hat. So weit in aller Kürze der Schein.

In Wirklichkeit läuft es aber anders. Dort, wo zutreffend festgestellt wird, daß der Journalist oftmals zum politischen Aktivisten mutiert, wird die Presse vom neutralen Berichterstatter zum Agendasetter. Sie verschafft sich die Definitionsmacht darüber, was der Souverän für gut und wünschenswert zu halten hat. Der wiederum hält das, was er in der Folge denkt, für seine eigene Meinung. Dem, was er wiederum für seine eigene Meinung hält, muß dann der Volksvertreter hinterherhecheln, weil er in diesem Dreiecksverhältnis von Politik, Medien und Medienkonsumenten der einzige ist, der von den Meinungsinhabern gewählt werden muß. Die Meinungsmacher hingegen wählt niemand. Jedenfalls nicht auf demokratischem Wege. Die werden höchstens ausgewählt, und heutzutage immer seltener nach ihren journalistischen -, sondern nach ihren weltanschaulichen „Qualitäten“. Sie sollen dem Souverän keine eigene Meinung mehr ermöglichen, sondern sie sollen ihm eine machen. Deswegen werden sie ja auch gern als Meinungsmacher bezeichnet.

Wo es aber derartig doof läuft, stellt sich zwingend die Frage, warum das so lange so reibungslos funktioniert.

Republik: Der deutsche Demokrat

Der deutsche Demokrat in der Republik liebt den Gedanken an die Gleichberechtigung dessen, was er für seine eigene Meinung hält, weil es zu seinem Selbstbild besser paßt, sich eine eigene Meinung gebildet zu haben, anstatt sich eine machen lassen zu haben. Würde man ihm sagen, daß er doch nur das nachplappert, was ihm als Expertise von ausgesuchten Professoren, Forschern, Wissenschaftlern und Experten aller Art durch die Medien präsentiert worden ist, dann würde er das „nachplappern“ indigniert und brüsk von sich weisen, und demjenigen, der ihm das knallhart so sagt, Respektlosigkeit oder gar Unverschämtheit vorwerfen.

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Es gehört ihm ja auch alles, weil er so eminent wichtig ist, seit er verinnerlicht hat, daß „Deine Meinung zählt!“. „Sein “ E-Mail-Provider gehört ihm – „mein gmx“. In der Werbung gibt es jede Menge Dinge, die ihm schon gehören, bevor er sich überhaupt zum Kauf entschlossen hat. „Meine Mode“, „meine Versicherung“, „meine Gesundheitskasse“, der „wie-für-mich-gemacht-Kredit“ … – egal, worum es geht: Ständig bekommt er signalisiert, daß er recht hat mit seiner Illusion von einer Welt, die sich exclusiv um seine Nasenspitze dreht. Und „Rechte“ hat er sowieso bis zum Abwinken. Auch, wenn er bspw. mit seinem VW-Diesel völlig zufrieden ist, hat er doch das „Recht“, von VW einen Schadensersatz dafür zu verlangen, daß sein Auto mehr Schadstoff ausstößt, als er beim Kauf „gewußt“ hatte.

Tendenziell ist es so, daß der je individuelle deutsche Demokrat in der Republik die Rechte hat, und die anderen deutschen Demokraten in der Republik haben die Pflichten. Außerdem ist es tendenziell so, daß der berechtigte Demokrat dann ein besonders vernünftiger und verantwortungsvoller Staatsbürger ist, wenn er die anderen an ihre Pflichten erinnert resp. durch „die Organe der Rechtspflege“ erinnern läßt. Selbst ein Ticket für Falschparken hinter dem Scheibenwischer klemmen zu haben, ist ärgerlich. Wenn es an einem anderen Auto klemmt, dann ist das richtig. Was parkt der Andere auch so regelwidrig. Um das hier nicht ausufern zu lassen, in aller Kürze: Der deutsche Demokrat in der Republik ist sehr von sich überzeugt. Logisch, daß er auch sehr vom Wert seiner „eigenen Meinung“ überzeugt ist. Von Elisabeth Noelle-Neumanns „Schweigespirale“ hat er in den seltensten Fällen gehört. Wäre es anders, würde ihn vielleicht der Begriff „Meinungsklima“ zum Grübeln bringen.

Das Grübeln und der Selbstzweifel sind aber unerwünscht. Weder Politik noch Medien haben Interesse an einem selbstkritischen Wähler und Medienkonsumenten. Ihr Kalkül baut auf den deutschen Demokraten in der Republik, der von seiner eigenen Urteilskraft überzeugt ist, mithin also „weiß“, daß das, was er meint, wirklich seine eigene Meinung sei. Genau deswegen dürfte ihm auch ständig Honig ums Maul geschmiert – und der Bauch gepinselt werden. Ein Bürger, Wähler und Medienkonsument, der selbstkritisch über seine Wahrnehmungen reflektiert, wäre äußerst schwierig zu indoktrinieren. Besser ist, er strotzt vor Selbstbewußtsein in der Illusion seiner Kompetenz. Umso leichter läßt er sich jeden Bären aufbinden, wenn er nur „weiß“, daß es ein Forscher, ein Wissenschaftler oder irgendein Experte der Bärenaufbinder gewesen ist. Dann kann er mit seinem „Wissen“ brillieren – daß er lediglich etwas glaubt, wo er doch so aufgeklärt ist, könnte man ihm sowieso nicht näherbringen – ohne daß er irgendjemandem gegenüber erwähnen muß, wo er sein „Wissen“ eigentlich herhat. Würde man ihn damit konfrontieren, daß man das, was er gerade sagt, zuvor schon einmal vom Herrn Professor Sowieso gehört hat, dann würde man zur Antwort bekommen, das unterstreiche doch nur den Wert seiner „eigenen Meinung“. Ja hallo? Wenn sogar der Professor das sagt? Der Professor ist schließlich ein Experte! Daß es „gekaufte Profesoren“ gibt, würde der deutsche Demokrat in der Republik zwar nicht rundheraus abstreiten, aber wenn es schon welche gibt, dann wären das auf jeden Fall die Professoren, von denen die anderen ihr „Wissen“ herhaben. „Seine“ Professoren wären selbstredend der Inbegriff von Lauterbach … äh … Lauterkeit.

Resümee

Daß das Dreiecksverhältnis von Politik, Medien und Medienkonsument so bleibt, wie eben beschrieben, daran haben naturgemäß Politik und Medien ein größeres Interesse, als der Medienkonsument selbst. Im Unterschied zu sich selbst beurteilen ihn Politik und Medien nämlich zutreffend. Bleibt der Medienkonsument so, wie er zutreffend erkannt wurde, bleibt er auch berechenbar. Berechenbarkeit schafft Planungssicherheit.

Es ist daher vergebliche Liebesmüh´, sich bei seiner Kritik an den merkelistischen Zuständen in der Republik der deutschen Demokraten auf Politik und Medien zu beschränken. Es stimmt schon: Jeder bekommt, was er verdient. Jede Gesellschaft führt die öffentlichen Debatten, zu denen sie (gerade) noch in der Lage ist. Jeder Lügner braucht einen, der sich anlügen läßt. Im „postfaktischen Zeitalter“ ist ohnehin egal, ob mit der Realität in Übereinstimmung zu bringen ist, was jemand meint. Daß es ein „postfaktisches Zeitalter“ gibt, daß „wir“ es gerade haben und total „befreit von überkommenen Zwängen“ in ihm leben, ist ja auch eine sehr intellektuell aussehende Meinung. Da braucht man nicht erst zum Fielmann eine Brille kaufen gehen, um klug auszusehen. Gut, wenn man allen anderen weismachen kann, die Meinung zur Postfaktizität sei die eigene. Dann haben sie zu knabbern an der Weisheit des klugen Schwätzers. Noch besser, man erklärt ihnen, die Postfaktizität sei Ergebnis der Tatsache, daß es keine Wahrheit gibt, sondern nur Wahrheiten.

Übrigens: Der gewählte Präsident der USA heißt Donald Trump. Das stimmt nicht, meinen Sie? – Sehr richtig. Genau das meinen Sie. Und ich weiß, daß es doch stimmt. So lange dem deutschen Demokraten in der Republik eine vermeintlich eigene Meinung ausreicht, um sich wohl zu fühlen in seiner „Demokratie“ – genau so lange wird er Spielball derer bleiben, die genau wissen, wie er mehrheitlich tickt. Politik und Medien wissen es ganz genau. Die haben keine Meinung dazu, sondern knallhartes Wissen. Und das wenden sie im Dienste ihrer eigenen Agenda konsequent an.

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Aktuelles Beispiel: In den Tagesthemen gab es gestern einen Kommentar von einem gewissen T.Baumann zur erneuten Lockdown-Verlängerung durch die Ex-FDJ-Sekretärin im Bundeskanzleramt. Immerhin öffentlich-rechtliches Fernsehen, also „total seriös“. Da quasselt schon keiner, der nicht „qualifiziert“ wäre. Natürlich war dieser Baumann völlig d´accord mit der Lockdown-Verlängerung – und damit der deutsche Demokrat in der Republik es recht bequem habe mit seiner „eigenen Meinung“, präsentierte er dem deutschen Demokraten ein völlig unsubstantiiertes Postulat aus dem Blauen heraus als der Weisheit letzten Schluß. Der braucht es nur noch zu übernehmen, als seine „eigene Meinung“ einem Dritten anzudrehen – und schon sieht er wieder gut aus, weil er wohl sehr angestrengt selbst nachgedacht haben muß, um zur folgenden Aussage zu kommen: „Denn Gesundheit ist eine Grundbedingung von Freiheit – nicht umgekehrt„. Das sagte dieser Baumann einfach so daher. Völliger Schwachsinn. Durch absolut gar nichts gedeckt. Aber perfide eingefädelt. Es spielt nämlich keine Rolle, ob „umgekehrt“ oder nicht. Weder ist Gesundheit Voraussetzung für Freiheit, noch ist Freiheit Voraussetzung für Gesundheit. Aber es klingt gut. Und in den erwünschten Bahnen denkt, wer sich tatsächlich überlegt, ob sich das mit der Gesundheit und der Freiheit richtungsmäßig so verhält, wie der ARD-Baumann behauptet hat. Wer sich allerdings überlegt, woran es liegt, daß er sich solche Pseudointellektuellen wie diesen Baumann überhaupt bieten lassen muß, ist auf dem richtigen Weg aus der Knechtschaft seiner eigenen „Meinungsfreiheit“.

Es ist doch so: Der deutsche Demokrat in der Republik läßt sich von Politik und Medien derartig viel Tendenziöses, Unbewiesenes, Unvollständiges und Falsches erzählen, alles trieft nur so vor „Moral“ und „richtiger Gesinnung“, und dennoch ist es der deutsche Demokrat wegen seiner „Meinungsfreiheit“ mehr oder minder zufrieden, obwohl ihm doch klar geworden sein müßte, daß dieselben, die ihn in seinem Glauben an den demokratischen Wert seiner Meinungsfreiheit bestärken, alles dafür tun würden, daß er die Wissensfreiheit nie erlangt. Deswegen lügen sie ihn ja auch ständig an, daß sich die Balken biegen. Der deutsche Demokrat soll nicht merken, daß er meinen statt wissen soll. So lange er nicht über sich selbst reflektiert, wird er dieser Perfidie auch nicht entkommen. Und so lange er der nicht entkommt, ist das Schicksal „seiner Demokratie“ („meine Demokratie“) besiegelt.

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