Mit „einsamen Entscheidungen“ kennt sich CDU-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn ja schon gut aus – ob es um „freihändige“ Vergabe von Berateraufträgen an Wirtschaftskanzleien im ersten Lockdown geht, um überteuerte Maskenbestellungen oder um das Verschenken von medizinischer Ausrüstung und Beatmungsgeräten ins Ausland. Kürzlich langte der große Corona-Zeremonienmeister abermals nach eigenem Gutdünken zu – und kaufte im Alleingang die Antikörper-Medikamente Bamlanivimab, Casirivimab und Imdevimab ein, die schwere Covid-19-Verläufe verhindern sollen. Darüber regt sich nun von fachlicher Seite Unmut.

Als „voreilig“ bezeichnen die Professoren Dr. Theo Dingermann und Dr. Manfred Schubert-Zsilavecz, Herausgeber bzw. Chefredakteur der renommierten „Pharmazeutischen Zeitung“ (PZ) diesen vermeintlichen Coup Spahns. Denn die mediale und politische Euphorie über Spahns angeblichen Pragmatismus, diese sogenannte monoklonale Antikörpertherapie zur Behandlung von Covid-19 in Deutschland – als erstem Land in Europa! – zu erlauben, ließ leider einen wichtigen Aspekt außer Acht: Wie die PZ darlegte, verfügen Bamlanivimab und Casivirimab/Imdevimab lediglich über eine Notfallzulassung in den USA, nicht jedoch über eine reguläre Zulassung – und zwar weder in den USA noch Europa. Bisher wurde bei der europäischen Arzneimittelbehörde EMA nicht einmal ein entsprechender Antrag gestellt.

Die ansonsten angeblich doch so auf fürsorgliche Patientensicherheit bedachte Bundesregierung wird die beiden Präparate ab nächster Woche dennoch zum Einsatz bringen – zunächst in Kliniken. Interessant dabei: Bei Casivirimab/Imdevimab des Herstellers Regeneron handelt es sich um das Medikament, mit dem sich Donald Trump bei seiner Corona-Infektion vor drei Monaten behandeln ließ (woraufhin es in der hiesigen „Veröffentlichkeit“ als dubioses, unausgegorenes Versuchspräparat prompt ins Zwielicht gerückt wurde). Jetzt aber, wo Merkel/Spahns Berliner Narrenriege bei der Impfstoffversorgung fulminant versagt hat, ist wohl buchstäblich jedes Mittel im Kampf gegen die Fieberkurven der Fallzahlen recht.

Nur in Kliniken erlaubt – für „Früherkrankte“, die dort gar nicht liegen

Für die Kleinigkeit von 400 Millionen Euro kaufte Spahn deshalb 200.000 Dosen der Antikörperwirkstoffe Bamlanivimab von Eli Lilly und Casivirimab/Imdevimab von Regeneron – zum durchschnittlichen „Schnäppchenpreis“ von 2.000 Euro. Macht für 400 Millionen Euro für den deutsche Steuerzahler – für Medikamente, die überhaupt nicht zugelassen und damit freigegeben sind: Die aktuelle klinische Datenbasis ist, so die PZ,
als unzureichend zu bezeichnen, was gerade erst wieder auf dem Online-Fortbildungskongress [email protected] thematisiert worden sei. Und selbst die US-amerikanischen National Institutes of Health betonen in ihrer aktuellen Stellungnahme fest, dass die viel zu dünne Datenlage zu beiden Präparaten eine Empfehlung „weder für noch gegen diese Form der Covid-19-Therapie“ erlaubten. Doch Bankkaufmann Jens Spahn, unser unfehlbarer Krisenmanager, weiß es natürlich besser.

Aufhorchen lässt, was Spahn zum Einsatzzweck der Medikamente sagte: Diese könnten Risikopatienten „in der Frühphase der Erkrankung“ (!) helfen, einen schweren Verlauf zu verhindern. Der Einsatz erfolgt also bereits in der Frühphase? Dingermann und Manfred Schubert-Zsilavecz sind fassungslos: „Hierüber kann man sich nur wundern – denn in dieser Krankheitsphase werden Patienten in der Regel überhaupt nicht stationär behandelt! Wie sollen sie dann eines der Präparate erhalten?“ Hinzu kommt: Aus gutem Grund gebe es in Europa außerhalb von klinischen Studien und besonderen Härtefällen „keine nicht zugelassenen Arzneimittel, die legal eingesetzt werden“ –  was auch sinnvoll ist. Deshalb stelle sich die Frage, was Spahn wohl bewogen hat, diese „bemerkenswerte Anschaffung“ zu tätigen. (DM)