Ahnungslose Klugscheißer: dpa-„Faktenschinder“ erklären eigenes Nichtwissen zur Wahrheit

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Faktenfinder - wieder einmal haarscharf daneben (Foto:Durch Monster Ztudio)

Wir wissen nichts Genaues, aber wenn andere auch nichts Genaues wissen, sind es wohl Fake-News: Nach diesem Motto arbeiten Deutschlands „Faktenschinder“ – und erweisen sich dabei oft als genaues Gegenteil ihres Selbstanspruchs, Halb- und Unwahrheiten zu detektieren und zu widerlegen. Tatsächlich sind sie Instrumente der Meinungsmachermedien im täglichen Info-Krieg, die vor allem im Netz mit scheinbarer Objektivität Narrative durchsetzen oder schützen sollen, und ihr einziger Zweck ist die Verunglimpfung und Verächtlichmachung unliebsamer Kritik.

Gerade fiel Jouwatch wieder einmal den illegitimen Wahrheitswächtern zum Opfer: In diesem Fall den „dpa-Faktenfindern“, die ihren auf Facebook eifrig zensierenden und diffamierenden Kollegen von „Correctiv“ in puncto Voreingenommenheit, Tendenziosität und Schlampigkeit in nichts nachstehen. Diesmal bezogen sie sich auf den Jouwatch-Beitrag „Schlimmste Befürchtungen bestätigen sich: Immer mehr Selbstmorde unter Künstlern und Selbständigen“ vom 9. Januar, der die – verschiedenen Quellen und Hinweisen zufolge stark zunehmenden – Selbstmorde in der Corona-Krise thematisiert. Obwohl in dem Jouwatch-Artikel sogar ausdrücklich festgehalten wird: „Niemand weiß genau, wieviele Menschen die Krise in den Freitod getrieben hat„, übertiteln die framenden dpa-Klugscheißer ihre „Expertise“ unbeirrt: „Kein Beleg, dass sich die Sorge um steigende Suizid-Zahlen bestätigt hat„.

Jouwatch hatte sich in dem bewussten Beitrag auf – der Redaktion vorliegende – Aussagen von Trauerrednern und Seelsorgern aus Rheinland-Pfalz, Hessen und Berlin berufen, die von explodierenden Fallzahlen in ihrem Umfeld seit vergangenem Frühjahr sprachen. Konkreter Aufhänger des Beitrags war außerdem ein „Welt“-Beitrag des Filmregisseurs Tom Bohn unter dem Titel „Das leise Sterben„, in dem von einem in den Freitod gegangenen befreundeten Künstlerfreundes des Autors die Rede ist, wie auch von den Selbstmordgedanken mehrerer Kollegen Bohns; ein Stimmungsbild, das sich mit den Jouwatch vorliegenden Hinweisen deckte.

Übliche Verunglimpfung zulässiger Wertungen

Die dpa-„Faktenfinder“ jedoch beanstanden fehlende „Belege„, und verweisen darauf, Bohn habe seine Angaben auch „nicht dokumentiert„. Dies jedoch ist auch weder Aufgabe noch Absicht eines persönlichen Erlebnisberichtes, wie ihn die „Welt“ abgedruckt hatte. Oberlehrerhaft dozieren die dpa-Schnüffler: „Berichte über einzelne vermeintliche Trends der Suizid-Zahlen lassen somit noch keinen Schluss über das Gesamtbild zu.“ Irrtum: Genau das tun sie sehr wohl. Es handelt sich bei unserem Artikel um eine rundum zulässige, in dem Fall sogar um die einzig korrekte journalistische Schlussfolgerung. Wie üblich vermischen die Hobby-Zensoren hier wieder Meinungsäußerungen und legitime journalistische Wertungen mit Tatsachenbehauptungen.

Welch ein Zynismus: Wenn viele alles verloren haben, depressiv und verzweifelt sind und offen Selbstmordgedanken bekunden, und persönliche Schilderungen von betroffenen Kontaktpersonen konkrete Selbstmorde bestätigen, dann soll die Schlussfolgerung, dass es sich um einen steigenden Trend handelt, also „falsch“ sein? Mit diesen Methoden könnten die „Faktenfinder“ vermutlich sogar Shoa-Opferzahlen oder Tschernobyl-Strahlentoten als Fake-News anzweifeln.

Als „Quelle“ der angeblich tatsächlichen Faktenlage zitieren die dpa-„Faktenfinder“ aus einer Presseerklärung des Nationalen Suizidpräventionsprogramms für Deutschland (Naspro). Diese widerlegt die Jouwatch-Einschätzung allerdings in keinster Weise, sondern stellt lediglich fest: „Welchen tatsächlichen Einfluss die Pandemie jedoch auf die Suizidrate haben wird, lässt sich aktuell seriös nicht vorhersehen.“ Mit keiner Silbe also wird ist darin ausgesagt, dass Corona keinen Einfluss auf die Selbstmorderate hat – es ist nur noch nicht klar, welchen. Was die Faktenfinder leider wörtlich zu zitieren vergaßen, war folgender weiterer Satz aus derselben Naspro-Erklärung: „Dass die Auswirkungen der Corona-Pandemie Risikofaktoren für Suizidalität wie Isolation, Ängste und finanzielle Verluste verschärfen können, dabei sind sich die Expert*innen für Suizidprävention einig.

Schlampig und voreingenommen

Einer der Hauptkritikpunkte von Jouwatch war zudem die skandalöse Tatsachen, dass die Regierung eine engmaschige Überwachung der Selbstmordfälle während der Extremsituation Corona weiterhin für nicht erforderlich hält und einfach – wie in jedem Jahr – bis September abwarten will, bis das Statistische Bundesamt die Suizide statistisch ausgewertet hat. Alles, was dpa hierzu einfällt, ist der Verweis auf die letzten verfügbaren Suizidzahlen des Statistischen Bundesamtes von 2019 – um die es überhaupt nicht ging. Seriöse, echte „Faktenfinder“ wären vielleicht der Frage nachgegangen, wieso die Bundesregierung eine aktuelle Verfolgung der Entwicklung vermeidet; vermutlich, weil sie negative Schlagzeilen oder unliebsame Meldungen wie in jenen Ländern vermeiden will, die dies anders handhaben – zum Beispiel Japan, wo die Selbstmordrate nicht nur indiziell, sondern nachweislich (und sogar nach „Faktenfinder“-beckmesserischen Maßstäben) durch die Decke geht.

Ein paar eilig zusammengegoogelte Infos, eine Presseerklärung sowie irrelevante Vorjahreszahlen von Destasis: Das also ist die grandiose „Recherche“, auf deren Grundlage die selbstberufenen Faktenfinder hier wieder einmal versuchen, plausible und rundum statthafte journalistische Einordnungen und Kommentierungen zu verunglimpfen. Doch die gut belegte eigene Ahnungslosigkeit ist nicht gleichbedeutend mit Faktizität: Im Netz lassen sich allerdings für jede These – und ihre Antithese – passende Quellen finden. Eine Aussage zu Lüge zu erklären, ohne selbst Gegenteil beweisen zu können, hat nichts mit Falsifizierung zu tun – sondern mit Rufmord. (DM)

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