Deine Heimatzeitung: Blöd werden oder blöd bleiben?

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"Blättlasresistenter" Nürnberger im Dezember 2020 vor der Lorenzkirche - Foto: Imago

Aufstehen, Frühstück machen, dasitzen und erst einmal das „Blättla“ lesen, die Heimatzeitung. Anders ausgedrückt: Sich den ersten Anschlag des Tages auf das eigene Denkvermögen gefallen lassen. Die Medienkritik.

von Max Erdinger

So Gott will, wird Ella R. (Name geändert) dieses Jahr 86. Sie hat ihre Rituale. Aufstehen in der Früh, die Zeitung vom Briefkasten holen, Wasser für den Tee heißmachen, Toastbrot rösten – und dann in der warmen Küche beim Frühstück das „Blättla“ lesen. Mit dem ehrlichen Teil geht es los. Die Todesanzeigen. „Allmächt, etz is der aa nu gstorm?“ („Grundgütiger, jetzt ist der auch noch gestorben?“). Obwohl: Todesanzeigen sind genauso unehrlich wie der Rest. Kaum jemals liest man, daß ein Mensch mit einem „sozialethisch fragwürdigen Charakter“ verstorben sei. Die Toten werden immer ganz schrecklich vermißt und immer sind die Hinterbliebenen mordstraurig, wahlweise in „tiefer“ oder in „stiller“ Trauer. Kann eigentlich nicht sein, daß, wie man früher frisch und frei von der Leber weg formuliert hätte, niemals irgendwelche Arschlöcher das Zeitliche segnen. Schnapsflaschen als Grabbeigaben sind auch eher unüblich. Wahrscheinlich, weil Saufen ungesund ist. Aber gut. Wenn Ella R. mit dem „ehrlichen Teil“ der Zeitung durch ist, kommt das Aktuelle aus der Heimat dran. Heute: „Eisige Gefahr“. Seit ihrer Kindheit weiß Ella, daß es gefährlich ist, sich auf dünnes Eis zu begeben. Der Lokalredakteur schärft es ihr trotzdem noch einmal ein. Ella R. liest es und freut sich, daß sie ihr ganzes Leben lang recht hatte mit der Gefahr, der man sich aussetzt, wenn man zu dünnes Eis betritt.

Der sogenannte Mantel des „Blättla“ kommt von den „Nürnberger Nachrichten“. Für Ella R. ist der nicht das interessanteste. Gut für Ella R., denn „Mantel“ ist lediglich ein Euphemismus für „Nuklearschlag gegen das westmittelfränkische Leserhirn“. Entschuldigung: „Leserinnen – & Leserhirn“ hätte ich vermutlich schreiben sollen. Ella R. ist aber trotz ihres jahrzehntealten Zeitungsabonnements vergleichsweise unverstrahlt.

Die „Heimatzeitung für den oberen Aisch-, Zenn- und Ehegrund – Burgbernheimer Anzeiger – Amtliches Verkündungsblatt der Städte Bad Windsheim und Burgbernheim sowie der Marktgemeinden Ipsheim, Marktbergel und Obernzenn“ macht am 16./17. Januar 2021 in ihrer Wochenendausgabe mit einer Titelseite auf, die vor Farbenfreude nur so strotz. Blau-weiß-braun. Fast die Hälfte der Titelseite füllt das Foto zweier gebräunter Frauenhände, die unter strahlend blauem Himmel frisch gepflückte, weiße Baumwolle darbieten. Ins Foto hineingedruckt, die Schlagzeile und ein kurzer Teaser: „Der lange Weg zu mehr Fairness„. Dann: „Baumwolle, Kobalt oder Kakao: Ein Gesetz soll Konzerne für die Ausbeutung von Mensch und Natur vom Rohstoff an haftbar machen. Doch es gibt Widerstände. (Seiten 2 und 30)“ – was ist los? Maximalkerkertum wegen Hirncorona steht vor der Tür, in den USA soll nach einem historisch beispiellosen Wahlbetrug in wenigen Tagen ein debiler Putschpräsident vereidigt werden – und die Titelseite vom „Blättla“ kommt mit der Baumwolle und dem „langen Weg zu mehr Fairness“ daher? What the fuck? „Widerstände“ gibt es? Wieso keinen einfachen Widerstand? Wären Widerstände nicht etwas, das in Elektrogeräten verbaut ist? Und „mehr Fairness“ auch noch? Reicht es nicht schon mit „mehr Gerechtigkeit“, „mehr Frieden“, „mehr Freiheit“ und „mehr Menschlichkeit“ im Rahmen von „mehr antizerebralem Nuklearschlag“ per Buchstabenabwurf in die Briefkästen? Was sollen Widerstände im Zusammenhang mit der „Ausbeutung von Mensch und Natur“ sein? Wieso nicht Ausbeutungen von Menschen und Naturen? Wahrscheinlich geht es wieder einmal um „gesellschaftliche Gruppen“, von denen jede ihren eigenen Widerstand artikuliert, weswegen es dann „Widerstände“ zu sein haben. Das demokratische Mehrheitsprinzip: Viele Widerstände gegen die eine, schwerst minderheitliche „Ausbeutung von Mensch und Natur“. Der „lange Weg zu mehr Fairness“ scheint über die Gerechtigkeiten, die Mehrheiten, die Wahrheiten und die Frieden – nicht den Frieden – zu führen. Wenn es nicht die Absolutsetzung linker Befindlichkeiten sind, zu denen der lange Weg führt. Wo ist mein Feuerzeug? Papier brennt!

Links auf der Titelseite befindet sich das Inhaltsverzeichnis. Politik auf den Seiten 1 – 5. Kinderrechte: „Einigung in der Koalition: Die Rechte von Kindern sollen explizit ins Grundgesetz aufgenomen werden.“ – ja, ist es die Möglichkeit? „Explizit“ sollen die aufgenommen werden? Weil sie vielleicht implizit schon drinstehen, aber alle zu blöd sind, herauszufinden, was der bereits vorhandene Gesetzestext impliziert? Auf eines wird man sich wohl verlassen dürfen: Das Recht von Kindern, sich nicht den Corona- und Maskierungsneurosen in den Elterngehirnen von erwachsenen Virusverzagten aussetzen lassen zu müssen, steht da „explizit“ nicht drin. Jede Wette. Kinderrechte: Du armes Kind hast das Recht, dir vom bayerischen Ministerpräsidenten dergestalt Angst einjagen zu lassen, als daß du dich davor fürchten sollst, ursächlich für den Tod von Oma und Opa zu sein, weil du mit den anderen Kindern zusammen draußen gespielt hast. Na egal, Hauptsache Baumwolle und der lange Weg zur Fairness.

Kultur auf den Seiten 6-7. Satte zwei Seiten. Bayerns Theater bleiben zu. Und zwar bis mindestens Ende Februar. Aber keiner kann etwas dafür, weil: Sie bleiben „corona-bedingt“ zu. Eines muß man Corona lassen: einen „idealeren“ Verantwortungsnehmer hat noch nie jemand erfunden. Ideal-idealer-am idealsten.

Nürnberg auf den Seiten 9-13. Doppelt so viele Seiten wie die Kultur. „Pflegeheim funkt SOS„. Morsezeichen aus der Ferne vielleicht? „Ein Nürnberger Pflegeheim verzeichnet seit Dezember 68 Todesfälle. Das Gesundheitsamt soll helfen.“ – wobei? Beim Funken oder beim Sterben?

Foto. Region & Bayern. Seiten 14-16. Halb so viele wie „Nürnberg“. „Das Bild der Kuh `Briana´hat viel Kritik ausgelöst. Experten schildern ihre Sicht.“ Das hat mich interessiert, weil ich laienhafter Tierfreund bin und immer wissen will, was die Experten über Kühe wissen. Die „Nürnberger Nachrichten“ hatte in den Tagen zuvor das Bild einer Kuh mit einem riesigen Euter gezeigt. Die Kritik hatte es dafür gegeben, daß angeblich Tierquälerei zu sehen gewesen ist. Wegen der Milchvieh-Hochleistungszucht, obwohl die Leistungsgesellschaft auch bei Kühen total out ist. Die Experten können mich aber beruhigen: Die Kuh `Briana´ sei schon alt gewesen, beschwichtigen sie, und alte Kühe hätten größere Euter als junge. Daß die riesigen Euter von alten Kühen nicht als riesige Hängeeuter bezeichnet werden, während in den USA ein Betrugsdebiler zum Präsidenten wird und hierzulande das „corona-bedingte“ Maximalkerkertum vor der Tür steht, hat aber niemand bemängelt. Weil es wahrscheinlich normal ist. Kühe stehen schließlich nicht auf den Hinterbeinen, sondern auf allen Beinen, weswegen selbst das riesigste Euter wie selbstverständlich nach unten hängt. Irgendeine Tierfeministin wird sich aber trotzdem darüber aufregen. In der nächsten Wochenendausgabe vielleicht.

Daß es nicht viel zu lachen gibt allerweil, kann man daran erkennen, daß es nur eine Seite zum Thema gibt, die Seite 15. „Oliver Tissot: Lacht Euch gesund!“ – es ist so: Wenn in Nürnberg noch jemand lacht, dann handelt es sich um irres Gelächter. Irres Gelächter ist aber nicht lustig, sondern beunruhigend. Und irres Gelächter überfällt einen unwillkürlich, wenn man auf dem Titelblatt vom „Blättla“ das hier liest: „Schankschluß: Das letzte Bier im Ofenbänkla„. „Schankschluß“ ist einfach ein wunderbar lächerlicher Euphemismus für „corona-bedingte Geschäftsaufgabe“. Eine Bad Windsheimer Traditionskneipe schließt nach 36 Jahren. Lacht Euch gesund! Wer vom irren Gelächter nicht mehr gesund wird, der sollte vielleicht das hier im „Blättla“ lesen: „Wie uns Meditation helfen kann„. – logo, „uns“. Weil wir alle nur „die Menschen“ sind, die der eisigen Gefahr auf dem zugefrorenen Weiher ausgesetzt sind, während die alte Kuh ein riesiges Euter hat, das natürlich hängt, ohne daß das ein Thema wäre. Weil schließlich der US-Wahlbetrug auch keines ist. Trotz Navarro-Report. „Nafarro-Rebord? – Hä?“

Weil nun das Leben saumäßig gefährlich ist, und weil das „Blättla“ zum westmittelfränkischen Leben dazugehört, hier noch eine Warnung zur Steigerung des löblichen Gefahrenbewußtseins: Wer das „Blättla“ nicht liest, sondern es als Toilettenpapier-Ersatz verwendet, stirbt trotz leidlicher Geistesgesundheit binnen 48 Stunden an einer schmerzhaften Arschlochverblödung – „Jo, wergli!“. In den Todesanzeigen wird dann aber trotzdem nicht drinstehen, daß einer nach kurzer, schwerer Krankheit verstorben ist. Obwohl die Todesanzeigen noch den „ehrlichsten“ Teil vom „Blättla“ darstellen. Was wird zu lesen sein? „Corona war der Mörder und meuchelte den verdienstvollen Verblichenen feige von hinten.“

Weil ich aber von den deutschen Kollektivisten und Egalitaristen der egalitärste überhaupt bin, ist es mir egal, woran einer der „die Menschen“ verstirbt. Sterben müssen schließlich alle. Sorgen würde ich mir machen, wenn die jährliche Mortalitätsrate drastisch ansteigen würde oder wenn das statistische Durchschnittsalter der Verstorbenen dramatisch fallen würde. Ist aber nicht so. Und schließlich halten die Verstorbenen den Mund, egal, woran sie verstorben sind und ob sie vorher „das Blättla“ gelesen haben oder nicht. Soll nochmal einer behaupten, der Tod sei auch in diesen Zeiten noch schrecklich. Lügenbande, elende.

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