Vergangene Woche sorgte die Nachricht für Aufsehen, dass bayerische Gesundheitsbehörden den Corona-Impfstoff von Pfizer/Biontech, der nach seiner Produktion auf -70 Grad heruntergekühlt werden muss, offenbar in Camping-Kühlboxen gelagert wurde. Auch Jouwatch hatte über den Fall berichtet, den der „Spiegel“ zuvor reißerisch als Skandal vermeldet hatte. Mittlerweile verdichten sich die Hinweise, dass der Skandal eher beim „Spiegel“ liegt: Dieser wurde offenbar von einem nicht zum Zuge gekommenen Kühlboxen-Konkurrenzanbieter aufmunitioniert – und sorgte so indirekt für die Vernichtung von einsatzfähigem Impfstoff, trotz dessen großer Knappheit.

Tatsächlich nämlich stand die kurzzeitige Lagerung des Impfstoffs in besagten Kühlboxen absolut im Einklang mit den technischen Vorgaben zum Biotech-Impfstoff – der nach Herstellerangaben sehr wohl bei einer Temperatur von 2 bis 8 Grad immerhin bis zu fünf Tage lang gelagert werden kann (dies ist dem PDF-Sheet der Handhabungsvorschriften zu entnehmen, mittlerer Abschnitt links neben den Illustrationen, Hinweise zum Auftauen und Lagern – siehe Abbildung unten). Verschiedene Landratsämter in Bayern hatten deshalb insgesamt 305 Kühlboxen des Modells „Dometic CoolFreeze CF11“ (aktueller Stückpreis bei Amazon: knapp 400 Euro) gekauft – eine Kompressorkühlbox, die eine Temperatur bis zu -18 Grad zu halten vermag. Die Boxen waren lediglich zum kurzzeitigen Transport der Impfstoffdosen bestimmt, die am 26. und 28.12.2020 ankamen und zu einzelnen Impfzentren geschafft wurden.

(Quelle: Information for Healthcare Professionals UK, Product: COVID-19 mRNA Vaccine BNT162b2 concentrate)

Laut Matthias Endres, Koordinator des Impfzentrums im Landkreis Bad Kissingen, ist diese Box „sehr zuverlässig„. Die Kühlkette sei während des Transportes nicht ein einmal unterbrochen worden – was auch der Datenlogger in den Boxen beweise, der  den Impfstoffdosen zu Temperaturüberwachung  in allen Kühlboxen beigefügt wurde. Das System gilt als bewährt, auch beim Transport früherer zwingend kühlpflichtiger Medikamente. Und als die Impfungen in Franken anliefen, stand folglich auch die Qualität (im Sinne des vom Hersteller geforderten Zustands) in keinster Weise in Frage.

Das Hamburger „Nachrichtenmagazin“ machte hieraus jedoch eine wilde Story, die in der Folge auch von anderen Medien (auch von jouwatch, im fahrlässigen Vertrauen auf die Seriosität der Angaben) übernommen wurde – und die  das neuerliche Versagen der Gesundheitsbehörden im Staate Söder zu bestätigen schien: „Nach Recherchen des Spiegel„, die jedoch offenbar praktisch nur von dem in Würzburg ansässigen Verdämmungs-Unternehmen „Va-Q-tec“ stammten, seien die Impfstoffe „in der Campingbox mit Bierdosenhalter“ transportiert worden. Diese seien dafür keineswegs nicht geeignet, nicht einmal zur Zwischenlagerung. Im Artikel ist zudem von einer kurzzeitigen „Unter- oder Überschreitung“ der Temperaturen die Rede (obwohl eine Unterschreitung laut Biontech-Herstellerangaben absolut unproblematisch ist, und selbst die kurzzeitige Überschreitung der 2-8-Grad ebenfalls weil das Produkt selbst bei 25 Grad  noch 30 Minuten lagerfähig ist)!

Der „Spiegel“ als Werkzeug einer Mitbewerber-Intrige?

In bayerischen Lokalmedien (etwa „Bayern 2„), die auf den „Spiegel“-Artikel hin bei ihm nachfragten, legte Va-Q-tec-Vorstandsvorsitzender Joachim Kuhn nach: „Ich habe meinen Ohren nicht getraut, als ich von den Berichten gehört habe… solche Boxen sind völlig unbrauchbar, um Impfstoffsendungen auf einer gleichmäßigen Temperatur zu halten.“ Bundesweit übernahmen Zeitungen und Portale anschließend die offenkundige Falschmeldung, wonach Bayern durch Billig-Kühlboxen mutwillig Impfstoffe unbrauchbar gemacht habe.

Die angebliche Verwendung völlig untauglicher „Camping-Kühlboxen“ passte gut ins Bild einer dilettantischen, pannengeschwängerten Pandemiepolitik im Freistaat. Das fasste anscheinend auch Söder so auf: Kurz nach Bekanntwerden des „Skandals“ entließ er seine Gesundheitsministerin Melanie Huml und strafversetzte sie ins Europa-Ressort der Staatskanzlei. Damit nicht genug: 500 einwandfreie, laut Versicherung des Bad Kissinger Impfzentrums in keiner Weise beeinträchtigte Impfdosen – obwohl doch jede Menschenleben retten soll – wurden publicityträchtig vernichtet, die 305 Dometic- Kühlboxen im Anschaffungswert von über 120.000 Euro wurden ausgemustert, obwohl eigentlich nur 93 zum Einsatz gekommen waren. Besonders peinlich: Damit widersprach das bayerische Gesundheitsministerium seiner eigenen Erklärung, wonach der Transport einwandfrei funktioniert habe und völlig unproblematisch war.

Kleiner Schönheitsfehler an der so rührenden Sorge des „Dämmprodukte-Spezialisten“ Kuhn um die Unversehrtheit des Impfstoffs, und an der an ganzen Story insgesamt: Der „Spiegel“-Informant hatte wohl offensichtlich keinesfalls uneigennützig gehandelt. Va-Q-tec stellt nämlich selbst Kühlboxen her – die allerdings deutlich teurer sind. Laut Eigenwerbung obwohl liefert die Firma diese in alle Welt aus, etwa nach Singapur, Urugay oder in die Schweiz. Bei den bayerischen Behörden kam sie diesmal allerdings nicht zum Zuge – dort setzte man stattdessen auf besagte Dometic-Kühlboxen, die den geforderten Zweck nachweislich ebensogut erfüllen. Das muss Kuhn schwer gestunken haben.

Söder-Regierung tat wieder einmal genau das Falsche

Er selbst macht nicht einmal einen Hehl daraus, dass hier wohl vor allem der Zorn des übergangenen Mitbewerbers das Hauptmotiv für die Anschwärzen der Behörden (und des Konkurrenten Dometic) war: Er fände es „verwunderlich„, dass der Freistaat nicht auf „Spezialprodukte“ setzt, die es ja von verschiedenen Herstellern gebe. Seine Boxen etwa hätten „eine höhere Leistung, sind deutlich temperaturstabiler und sind dafür ausgelegt, eben solche pharmazeutischen Transporte durchführen zu können, und sie mussten dafür auch einen Qualifizierungsprozess durchlaufen.“ Hierher weht also der Wind.

Vielleicht hätte wenigstens die bayerische Landesregierung in diesem Fall erst einmal die Fakten checken sollen, bevor sie einen Impfstoff im beträchtlichen Wert, der ohnehin Mangelware ist, einfach vernichtete. Im Zweifelsfall hätte man zunächst die Bestätigung seitens Biontech einholen können, das den Impfstoff unter den beim Transport in den Dometic-Boxen eingehaltenen Bedingungen ja für „uneingeschränkt verwendungsfähig“  erklärt. Dies wäre allemal sinnvoller gewesen, als die von einem Konkurrenzanbieter einseitig erhobenen, im „Spiegel“ eilfertig publizierten Vorwürfe ungefragt zu übernehmen. Corona-Sheriff Söder und seine Verwaltung bauen sogar dann Mist, wenn sie einmal etwas richtig machen. (DM)