Lockdown-Depressionen: Mehr als 6 Millionen Briten auf Pille – und den Deutschen geht es auch schon schlecht

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Foto:Von Thomas Andre Fure/shutterstock

Aufgrund der Corona-Maßnahmen und der damit einhergehenden Isolation haben immer mehr Briten schwer mit psychischen Problemen zu kämpfen. Rekordverdächtigen sechs Millionen Menschen wurden Antidepressiva verschrieben, um den nicht enden wollenden Lockdown zu überstehen. Auch die deutsche Seelsorge verzeichnete doppelt soviele Anrufe um den diesjährigen Jahreswechsel wie im Jahr zuvor.

Fast 3200 Anrufe verzeichnete das Feiertagstelefon des Seelsorge-Projekts „Silbernetz“ am Heiligen Abend. Anrufer: einsame ältere Mitbürger. „Die große Mehrheit der Anrufenden war über 60 Jahre alt, mehr als 85 Prozent lebten allein“, erklärte „Silbernetz“-Initiatorin Elke Schilling gegenüber dem Tagesspiegel. Das liege zum einen natürlich an den „Belastungen im Corona-Jahr“, zum anderen sei das Thema Einsamkeit durch die erklärte Pandemie nun „weniger schambehaftet“, glaubt Schilling. Bei den am Ende 1927 geführten Gesprächen mit 607 verschiedenen Anrufern sei es um Depressionen, Ängste, die Corona-Isolation im Altersheim oder den Verlust des Partners gegangen.

In Großbritannien werden zur „Lösung“ des psychischen Ausnahmezustandes massenhaft Pillchen verschrieben. Die Pharmaindustrie kann sich ein weiteres Mal die Hände reiben.

Mehr als sechs Millionen Menschen wurden in den drei Monaten bis September Antidepressiva verschrieben, mehr als jemals zuvor, berichtet The Guardian. Auch auf der Insel sind die Hotlines der Seelsorge beliebt wie nie zuvor. Gleichzeitig sei die Zahl der wichtigen Gesprächstherapien von Angesicht zu Angesicht gesunken. Die Psychologen seien zum einen auf Online-Beratung umgestiegen, zum anderen wollten viele Briten das unter Druck stehende Gesundheitssystem ihres Landes nicht weiter belasten oder hätten Corona-Angst vor dem persönlichen Kontakt, so The Guardian. Es sei davon auszugehen, daß die Dunkelziffer von Menschen, die unter der Belastung zusammenbrechen und keine Hilfe bekommen, groß sei.

„Ich bin schockiert und äußerst besorgt über das massive Ausmaß der Reduzierung der Überweisungen für psychologische Hilfe in einer Zeit großer Angst, Stress und Not für die gesamte Bevölkerung. Dies ist umso besorgniserregender, als das die Verschreibung von Antidepressiva stark zugenommen hat. Je länger Menschen damit warten, sich Hilfe zu holen, desto schwerwiegender und komplexer können ihre Schwierigkeiten und ihr Leben werden“, weiß Dr. Esther Cohen-Tovée, Vorsitzende der Abteilung für klinische Psychologie der British Psychological Society.

Eine im Juli vergangenen Jahres durchgeführte Studie der britischen Gesundheitsbehörde NHS ergab, dass die Zahl der Kinder mit psychischen Problemen um 50 Prozent höher ist als vor der Pandemie. Die Umfrage zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen basierte auf Interviews mit 3.570 Kindern und ihren Eltern und ergab einen starken Anstieg im Vergleich zu 2017, als die letzte Umfrage durchgeführt wurde. Vor drei Jahren wurde jedes neunte Kind als wahrscheinlich psychisch gestört eingestuft. Heute ist es eines von sechs.

Die „signifikante Verschlechterung der psychischen Gesundheit von Kindern“ sei wahrscheinlich durch den Lockdown verursacht, so die Psychiaterin Tamsin Ford, Professor für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Cambridge. „Wir wissen, dass Einsamkeit und soziale Isolation für die psychische Gesundheit sehr schädlich sind. Das Ausmaß der Veränderungen, über die Kinder und Eltern in der Umfrage berichtet haben, und unsere eigenen Erfahrungen mit der Pandemie lassen sehr stark darauf schließen, dass sich die Verschlechterungen darauf beziehen müssen“, so die Psychiaterin gegenüber MailOnline.(MS)

 

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