Das Kobra-Syndrom

0
Foto: Von G. D. Lohar/Shutterstock

Ich bin mit einem Ehepaar befreundet – nette, sympathische Menschen, hoch gebíldet, weit gereist, Sinn für Humor. Es gibt jedoch einen Bereich, in dem diese Freunde bedauerlicherweise völlig und kompromisslos – bei aller Sympathie fällt mir kein anderer Ausdruck ein – vernagelt sind: Sobald das Gespräch auf gewisse Themen kommt, schnappen sie zu wie eine Auster und sind zu keinerlei sachlicher Diskussion mehr bereit. Veröffentlichungen zu solchen Themen sind aus der Sicht meiner Freunde “Schmutz“ oder “Pamphlete“, die man allenfalls mit Gummihandschuhen anfasst, um sie in die Mülltonne zu befördern.

Von Quo usque tandem

Mit einem Wort: Völlige Verweigerung, vergleichbar mit der Haltung der mittelalterlichen Kirche gegenüber der Lehre vom heliozentrischen Sonnensystem. Da mir der Erhalt des freundschaftlichen Verhältnisses, in Anbetracht der sonstigen positiven Aspekte, am Herzen liegt, hüte ich mich inzwischen davor, im Umgang mit diesem Ehepaar Reizthemen dieser Art aufs Tapet zu bringen.

Meine armen Freunde leiden an einer selektiven Lähmung der intellektuellen Fähigkeiten, einem Leiden welches ich in dieser besonderen Ausprägung als “Kobra-Syndrom“ definieren möchte (in Ermangelung einer offiziellen wissenschaftlichen Bezeichnung – das Phänomen scheint bisher kein Interesse bei den einschlägigen Wissenschafts-Zweigen gefunden zu haben).

Warum “Kobra-Syndrom“?

Die Kobra besitzt, wie die meisten Schlangen, ein wenig entwickeltes Sehvermögen. Ihre für Ernährung und Verteidigung erforderlichen Reaktionen werden stattdessen durch sehr empfindliche Sensoren für Bewegung, Gerüche und Körperwärme gesteuert. Werden diese Sensoren durch Reize dieser Arten aktiviert, stößt die Kobra reflexartig zu, ohne optisch präzise zu erkennen, worauf sie eigentlich zustößt.

Es erübrigt sich anzumerken, dass die geschilderte Regelung der Natur in Bezug auf die Kobra der Tierwelt durchaus adäquat sein mag – im Zusammenhang mit der Interrelation von Menschen, Völkern und Rassen ist sie jedoch jedoch absolut fehl am Platz. Nachfolgend einige Beispiele von Begriffen, die das bis hierher Gesagte verständlicher machen sollen:

Ein – in sich unverfänglicher – Satz wie „Neulich war ich in Israel; das Wetter war Sch …“ ist geeignet, dem Sprecher (oder Schreiber) den Vorwurf eines radikalen Antisemitismus einzutragen, da die „Kobra“ (hier die menschliche) – kurzsichtig, wie sie ist – lediglich die Kombination von „Israel“ mit „Sch …“ wahrnehmen wird.

Begriffe mit dem Sinngehalt “strukturierte Einwanderungspolitik“, oder “wirklichkeits-nähere Fassung und Anwendung der Asylrechts-Bestimmungen“ werden bei der “Kobra“ automatisch Paroxysmen der Entrüstung über „Hartherzigkeit gegenüber armen, verfolgten und traumatisierten Menschen“ auslösen. Zaghafte Einwände dahingehend, dass es sich bei vielen dieser Menschen u. U. um Wirtschafts-Flüchtlinge handeln könnte, werden diese Entrüstung zum Siedegrad treiben.

Themenbereiche wie “Integration von Zuwanderern“ oder “zuwanderungs-relevante Sozialkonflikte“ sollten – aus dem selben Grund und “da nicht sein kann, was nicht sein darf“ – entweder ganz vermieden oder allenfalls euphorisch als “auf dem besten Weg zur Lösung befindlich“, als “Einzelfall“ oder als “stark hochgespielt“ beschrieben werden (von unseren Medien sowie den Mitgliedern unserer Politik-Prominenz, angeführt von der Kanzlerin, kann in dieser Hinsicht Wertvolles gelernt werden).

Die Termini „Kolonien“ und „Kolonialismus“, in welchem Zusammenhang auch immer geäußert, werden bei der „Kobra“ unweigerlich bittere Anklagen bezüglich deutscher Verbrechen, wie wirtschaftliche Ausbeutung, Genozid, und Kultur-Vernichtung, auslösen, und zwar so, als habe Deutschland allein von allen Nationen der Erde je Kolonien besessen. Für die Tatsache, dass Deutschland in seinen seinerzeitigen Kolonien Verkehrswege, effiziente Infrastrukturen der medizinischen Versorgung sowie funktionierenden Verwaltungs-Apparate hinterlassen hat, ist die „Kobra“ blind.

Ein weiteres Reizwort für die „Kobra“ ist das Wort „Neger“. Dieser deutsche Begriff ist keine Ableitung des – tatsächlich herabwürdigenden – englischen Wortes „Nigger“, sondern kommt von lateinisch „niger“ (schwarz) und ist seit mindestens zweitausend Jahren Bestandteil der deutschen Sprache (ohne, dass sich über viele Jahrhunderte hinweg irgend jemand daran gestoßen hätte). Da die „Kobra“ sich aber im Allgemeinen nicht mit Sprach- oder sonstiger Geschichte beschäftigt, weiß sie all dies nicht und reagiert in der bereits beschriebenen Art.

Angehörige älterer Generationen, die das inzwischen geächtete Wort zeit ihres Lebens ohne Hintergedanken benutzt haben, finden sich jetzt mit einem Problem konfrontiert, wenn sie dieses in Gegenwart ihrer Enkel aussprechen, denen das Tabu hinsichtlich des Gebrauchs von „Neger“ in der Schule eingehämmert wird („Kobra“ in voller Aktion).

Das Wort „Rasse“, über einen Zeitraum von Jahrhunderten ein gängiger wissenschaftlicher Begriff, lässt der „Kobra“ neuerdings geradezu den Schaum vor die Giftzähne treten und soll nun sogar aus dem Text des deutschen Grundgesetzes entfernt werden.

Während die tierische Kobra bei ihren Reaktionen lediglich ihren natürlichen Instinkten folgt, handeln ihre menschlichen Pendants oft in bewusst bösartiger Absicht.

Ein sehr anschauliches Beispiel hierfür ist die Reaktion der „Kobra-Meute“ auf folgenden von dem Vorsitzenden Gauland der AfD am 2. Juni 2018 im Rahmen einer Rede geäußerten Satzteil: „…Hitler und die Nazis sind ein Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte….“. Was Gauland zum Ausdruck bringen wollte war, dass die NS-Zeit, rein unter dem Aspekt der zeitlichen Dauer gesehen, lediglich einen verschwindend geringen Abschnitt in der gesamten Geschichte Deutschlands darstellt. Wie bekannt ist, interpretierte die „Kobra“ flugs eine „Verharmlosung der Verbrechen der NS-Zeit“ in diese Passage hinein; dies natürlich mit der Absicht, die AfD zu diskreditieren.

Am Kobra-Syndrom leidende Zeitgenossen sollten vielleicht darüber nachdenken, dass Probleme nicht dadurch aus der Welt geschafft werden, dass man vorgibt, sie seien nicht vorhanden (der angelsächsische Volksmund charakterisiert ein solches Verhalten sehr treffend mit “with eyes wide shut“), noch dadurch, dass man ihre bloße Erwähnung mit Stirnrunzeln, moralischer Entrüstung und Ausgrenzung quittiert.

Ich befürchte aber, dass ein vom Kobra-Syndrom befallenes Gehirn für diese Art von Logik nicht mehr zugänglich ist.

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram