Typisch Merkel: Alles für Tesla, nichts für die deutschen Automobilkonzerne

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Foto: Imago

Er twittert in überraschend gutem Deutsch, verpflichtet sich, tausende Arbeitsplätze zu schaffen und gibt sich zum Richtfest seiner E-Autofabrik in der brandenburgischen Pampa bodenständig deutsch in schwarzer Zimmermannskluft. Tesla-Chef Elon Musk ist der neue Liebling des Berliner Regierungsviertels. Politiker klatschen zu diesem Theater Beifall und erfüllen ihm jeden Wunsch. Für Tesla gelten ganz neue Maßstäbe, Genehmigungen werden von höchster Stelle schnell und unbürokratisch erteilt und das der Milliardär mit Gewerkschaften auf Kriegsfuß steht und keine Tarifverträge unterzeichnen will, kratzt nur noch die Vertreter von der IG-Metall.

„Es ist nicht gut für einen Automobilhersteller, in einem permanenten Konflikt mit der IG Metall zu stehen“, warnt Christian Bäumler, stellvertretender Vorsitzender der CDA, der Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft. „Die Gewerkschaft hat organisatorische Macht, sie hat Geld, sie hat Erfahrung. Sie kann einen langen Kampf aushalten,“ versucht er dem US-Milliardär Angst zu machen. Tesla dürfe nicht „zu einem zweiten Amazon in Deutschland werden“, so Baumler im September.

Denn bei allem Wohlwollen des Berliner Parteieneinheitsblocks bläst dem Tesla-Gründer und zukünftigen Mars-Kolonisator ein harter Wind von der mächtigsten Gewerkschaft dieses Landes entgegen. Die IG-Metall befindet sich auf klarem Kollisionskurs mit dem amerikanischen Milliardär, der inzwischen mit einem geschätzten Vermögen von 128 Milliarden US-Dollar reicher ist als Microsoft-Mitbegründer Bill Gates und Amazon-Gründer Jeff.

Im Mittelpunkt des Konflikts steht laut Bloomberg die Weigerung von Tesla, die in Deutschland üblichen Tarifverträge zu unterzeichnen. Nachdem das Unternehmen einen Brief der IG Metall ignoriert hatte, in dem nach einem Dialog gesucht wurde, bahnt sich ein Machtkampf an. Die IG-Metall ist zwar mit 2,26 Millionen Mitgliedern die größte Einzelgewerkschaft in der Bundesrepublik Deutschland und weltweit größte organisierte Arbeitnehmervertretung, doch auch Elon Musk ist ein Schwergewicht. Der 49-Jährige hat neben dem direkten Draht zum Kanzleramt Macht, Erfahrung und vor allem Geld – im November hat er Bill Gates als zweitreichsten Menschen der Welt abgelöst – und er weicht selten vor einem Kampf zurück.

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Mit seiner Tesla-Baustelle auf sandigem Brandenburger Grund neben der Berliner Autobahn ist es ihm gelungen, jeden bürokratischen Widerstand zu neutralisieren, der so oft große Projekte in Deutschland ausbremst. Er hat eifrig hochrangige Beamte wie Wirtschaftsminister Peter Altmaier umworben, der alles versprach, was nötig ist, um die Anlage bis Mitte 2021 in Betrieb zu nehmen. Die lokalen Behörden erteilten rasch Beihilfen und Baugenehmigungen und ergriffen die ihrer Ansicht nach große Chance, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Der Druck von Musk, den Verkehr zu elektrisieren, hat eine „erfolgreiche Revolution“ in der Autoindustrie ausgelöst, sagte Altmaier auf einer Konferenz am 24. November. „Ohne ihn hätten wir dies niemals erreicht“, schwärmte das Wirtschaftsminister-Schwergewicht.

Das Tesla-Werk, Deutschlands erstes neues Automobilwerk seit zwei Jahrzehnten, verspricht die Schaffung von bis zu 40.000 Arbeitsplätzen in Ostdeutschland, einer Region, die während des Zweiten Weltkriegs den größten Teil ihrer Schwerindustrie verloren hat und in den Jahrzehnten der Trennung des Landes verkümmert ist.

Inländische Hersteller und Zulieferer entlassen derweil zehntausende von Mitarbeitern, um auf batteriebetriebene Fahrzeuge umzusteigen, bei denen weniger Teile von weniger Arbeitern zusammengebaut werden müssen. Der Standort ist von zentraler Bedeutung für die europäischen Wachstumspläne von Tesla und sendet ein Signal an BMW, Daimler und Volkswagen, dass der US-Emporkömmling, den sie lange herabgesetzt oder ignoriert haben, vor ihrer Haustür eingetroffen ist.

Elon Musk ist kein Freund von Gewerkschaften. Als ein Mitarbeiter in Teslas Werk in Kalifornien im Jahr 2017 die United Auto Workers um Unterstützung bei der Gewerkschaftsbildung bat, erklärte Musk per E-Mail, der Mann wolle das Unternehmen untergraben und drohte, daß eine Gewerkschaftsbildung keine Aktienoptionen mehr bedeuten würde. Ein Richter hat Tesla im vergangenen Jahr gerügt, weil er wiederholt gegen das Gesetz über nationale Arbeitsbeziehungen verstoßen hat. Gegen dieses Urteil hat das Unternehmen Berufung eingelegt und erklärt, es sei das Ergebnis einer „Schmierkampagne“ der Gewerkschaft und nicht durch die Fakten gestützt.

In Deutschland beißt sich die Gewerkschaft in Sachen Tarifverträge jedenfalls die Zähne an dem US-Milliardär aus. Mehr als das vor drei Jahren gegebene Versprechen, einer Jobgarantie für mindestens fünf Jahre sowie pro Mitarbeiter Tesla-Aktien im Wert von 10.000 Dollar, einen Bonus von 1000 Euro und eine Gehaltserhöhung um 150 Euro versprochen, ist offenbar nicht drin.

Für die IG Metall besteht die Sorge, dass Tesla in die Fußstapfen von Amazon.com Inc. tritt, das in Europas größter Volkswirtschaft trotz jahrelanger gewerkschaftlich organisierter Proteste ohne Unterzeichnung von Lohnabkommen expandiert hat. Musk möchte sein Werk wie ein Silicon Valley-Startup führen und Arbeiter mit unregulierten Gehältern und Aktienoptionen sowie vielversprechenden Vergünstigungen wie einem Partyraum mit „Mega Rave Cave“ und einem Soundsystem von der Größe eines Autos anlocken. Wenn er Erfolg hat, könnte er die Fähigkeit der IG Metall gefährden, von anderen Autoherstellern das zu bekommen, was sie will.

VW-Chef Herbert Diess, ein ausgesprochener Fan des Tesla-Chefs, gerät immer wieder in Konflikt mit der IG Metall und beklagt „alte, verkrustete“ Strukturen. Die Zulieferer Continental AG und Schaeffler AG haben angekündigt, trotz heftiger Kritik der Gewerkschaften tausende von Arbeitsplätzen abzubauen und Fabriken zu schließen oder zu verkaufen. Und Oim Källenius, CEO von Daimler, hat den Zorn der Arbeitnehmer auf sich gezogen, indem er einige unbefristete Arbeitsverträge zugunsten flexiblerer Vereinbarungen ersetzt hat.

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Seine Tesla-Mitarbeiter in den USA setzt Elon Musk wegen nachlassender Kostendisziplin gerade richtig unter Druck.

„In Zeiten wie diesen, in denen unsere Aktie immer neue Höchststände erreicht, scheint es, als sei Sorgfalt bei Ausgaben nicht so wichtig. Das ist definitiv nicht wahr“, schrieb Musk in einer Mail an seine Angestellten. Noch würden Anleger in steigende Gewinne vertrauen, doch sollten sie zu dem Schluß kommen, „dass dies nicht passiert, wird unsere Aktie wie ein Soufflé unter einem Vorschlaghammer zerquetscht!“

Die Firma des amerikanischen „Wunderkinds“ hatte jahrelang Verluste geschrieben und stand zwischenzeitlich knapp vor der Insolvenz. Die in den vergangenen fünf Quartalen wachsende Profitabilität ist hauptsächlich dem Verkauf von CO2-Zertifikaten zu verdanken.
Das kalifornische unternehmen verdiente von Juli bis September dieses Jahres 331 Millionen Dollar und steigerte seinen Gewinn im Vergleich zum Vorjahr um fast das Doppelte.

An der Börse zeigt man sich euphorisch angesichts der rasanten Entwicklung. Seit Jahresbeginn legte die Tesla-Aktie gut 520 Prozent zu. Mit einem Börsenwert von knapp 440 Milliarden Euro ist Tesla inzwischen fast 2,5 Mal so viel wert wie die deutschen Autobauer BMW, Daimler und Volkswagen zusammen. (MS)

 

 

 

 

 

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