Nur manipulierte Umfragen sind gute Umfragen? Forsa-Chef jammert über Verschwörungstheoretiker

0
Forsa-Chef Manfred Güllner (Foto:Imago/Heinrich)

Nicht erst mit der erneuten gravierenden Schieflage bei den Vorhersagen zum Ausgang der US-Wahlen durch US-amerikanische Meinungsinstitute steckt die Demoskopie in einer tiefen Krise. Auch in Deutschland nimmt die Abweichung der Realergebnisse von späteren Wahlausgängen immer mehr zu, und vor allem was Umfragen zu tagespolitischen Themen betrifft – etwa den Corona-Maßnahmen, so muten diese mancheinem schlicht zu schön, an um wahr zu sein. Jetzt beklagt auch noch der Forsa-Chef die angeblichen Beschwernisse seines Berufsstands.

Nach Einschätzung von Manfred Güllner, Chef des vor allem für die öffentlich-rechtlichen Sender häufig tätigen Meinungsforschungsinstituts mit wohlbekannte „Linkslastigkeit“ und SPD-Affinität, erschwerten „Verschwörungstheoretiker und Nichtwähler“ zunehmend die Arbeit von Demoskopen. „Leute, die zu Verschwörungstheorien neigen, lassen sich nicht befragen – weil sie die Umfrageinstitute als Teil des Establishments ansehen“, so der Leiter des Umfrageinstituts gestern laut „dts Nachrichtenagentur“. Dies seien – na sowas, wer auch sonst – in den USA die Trump-Wähler, in Deutschland die AfD-Wähler.

Was war die Welt doch noch so schön vor AfD und Trump! Nur verzückte Obama-Fanboys, ein in linksgrüner Haltungs- und Linientreue vereintes Volk, als „konservativ“ galten CDU-Wähler, die es längst nicht mehr waren – und nach den Prognosen zu Wahlausgängen konnte man die Uhr stellen. So aufregend und überraschend wie ein Fahrplan waren die Wahlumfragen noch zu Zeiten, als Güllner seinen Laden 1984 gründete – und es gab damals auch keine störende „Netzöffentlichkeit“, keine Blasen, keine Bots und keine virtuelle Meinungsbeeinflussung.

Nicht mit der Zeit gegangen

Da müsste sich die Branche eigentlich mal etwas einfallen lassen. Doch Güllner jammert lieber. Nicht-Wähler sagten vorher meist nicht, dass sie nicht wählen, sondern gäben nur eine Parteipräferenz an. „Das ist für Demoskopen dann natürlich ein Problem – insbesondere, weil es immer mehr Nicht-Wähler gibt“, Und auf Internet-Umfragen, so der Forsa-Chef, sei ja schonmal gar nichts zu geben. Davor „warne“ er. Mein Eindruck ist, dass die traditionelle Handwerkskunst der Demoskopie hier etwas unter die Räder geraten ist“, sagte er. „Bei aller Begeisterung für die Online-Welt müssen bei Umfragen gewisse Standards eingehalten werden. Sonst wird es windig.“

Diese „Handwerkskunst“ der Meinungsvorhersage ist in diesen Zeiten – so scheint es nicht erst seit Trumps Sieg über Hillary Clinton 2016 – eher dem Ärgernis der Meinungsbeeinflussung gewichen. Und daran will auch Forsa offenbar nichts verändert sehen: Die Gruppe der Befragten müsse weiterin „sorgfältig ausgewählt werden, um Verzerrungen klein zu halten“. So sei eine persönliche Befragung übers Telefon ein besserer Standard als Spielereien, in denen man auf Internet-Seiten Fragen schaltet, bei denen es dem Zufall überlassen bleibt, wer teilnimmt“, so Güllner. Auch bei klassischen Umfragen könne es jedoch Differenzen zwischen Vor-Wahl-Befragungen und Wahlergebnissen geben. Allerdings – der „Social Bias“, die Abweichung von Angaben in Umfragen aus Gründen sozialer Erwünschtheit oder Hemmungen bei freimütigen Bekenntnissen unpopulärer Ansichten, wirkt sich hier gravierender aus als bei digitalen Umfragen.

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram