Taktische Panikmache um Intensivbetten: Es geht nur um die Kohle

0
Intensivstation: Warten auf den "Kollaps" (Foto:Imago)

Mieses Drehbuch, miese Regie und miese Handlung: Man hätte blind darauf wetten können, dass jetzt plötzlich nicht mehr die Neuinfektionen die Hysterie begründen, sondern die sich angeblich verschärfende Situation in den Kliniken. verschärfende Situation anstelle der die vorherige Zahlenhysterie um „Neuinfektionen“ tritt. Was wochenlang die „Positivtests“ – ungeachtet einer womöglich riesigen Fehlerquote –  von zu über 95 Prozent symptomfreier Gesunder war, wird nun nach und nach von Unkenrufen und Warnungen zur angeblich drohenden Klinikauslastung abgelöst. Eigentlicher Grund dafür: Pures Profitstreben der Einrichtungen – und ein übles Planungsversagen der Politik, die uns gerade wieder weggesperrt hat.

Die Platte von den scheinbar unabwendbaren Engpässen in Kliniken samt Patientenzurückweisung, Triagierung und Klinikkollaps haben wir schon im Frühjahr gehört, als der erste Lockdown begründet wurde. Damals wusste man es schlicht nicht besser, so dass später, als der groteske Fehlalarm angeblich zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd kritischen Intensivbelegungen evident war, die Erleichterung überwog und niemand die abenteuerlich danebenliegende Prognostik mehr hinterfragte.

Doch dieselbe Prognostik wird nun von der Politik und von Funktionären des Gesundheitsbetriebs erneut aufgeboten – und schlimmer als damals bedient sie sich diesmal eines saisonal völlig normalen Krankheitsgeschehens, das sich schon immer in steigenden Belegungen der Kliniken und auch Intensivstationen mit Atemwegserkrankungen widerspiegelte – bis hin zu genau der Aus- und Überlastung von Kapazitäten in diversen Kliniken etwa im Jahr 2018, vor der jetzt ja nur gewarnt wird und die erstaunlicherweise damals niemanden groß gekümmert hat. Wider besseres Wissen werden jahreszeitlich zunehmende schwere Influenza-Verläufe, unter denen sich dann anhand des bei allen Hospitalisierten zwingend durchgeführten, fragwürdigen PCR-Tests auch ein beträchtlicher Corona-Positivenanteil findet, als Beleg für die zweite Welle in den Kliniken dargestellt.

Kassiere in der Not, dann hast du in der Zeit

Und die strukturbedingt nicht mehr nur zur wirtschaftlichen Autarkie, sondern zu möglichster Profitabilität gezwungenen Kliniken nutzen natürlich die Gunst der Stunde, um bei der freigiebigen Politik, die mit der Gießkanne stillgelegte Branchen mit zweistelligen Milliardenhilfen pampert, möglichst Geld abzugreifen. „Kassiere in der Not, dann hast du in der Zeit“, scheint die Devise zu lauten.

So stößt etwa der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, Gerald Gaß, ins Panikhorn und prophezeit, wie überraschend, „angesichts der steigenden Zahl von Corona-Infizierten“ einen neuen „Rekord bei den intensivmedizinisch-versorgten Patienten in Deutschland“. In zwei bis drei Wochen, so Gaß, werde man „die Höchstzahl der Intensivpatienten aus dem April übertreffen – und das können wir gar nicht mehr verhindern. Wer bei uns in drei Wochen ins Krankenhaus eingeliefert wird, ist heute schon infiziert“.

In drei Wochen? Da staunt der Laie, und der Fachmann wundert sich: Hat sich die Inkubationszeit von Covid unbemerkt plötzlich von 10 bis maximal 14 Tagen auf nunmehr 21 Tagen erhöht? Oder stellen sich schwere Verläufe plötzlich erst 10 Tage nach Ausbruch der Symptome ein? Wenn jedoch, was Gaß hier sagt, zuträfe und es in der letzten Novemberdekade zu diesem Anstieg käme, dann könnte es sich dabei ja nur um einen kurzfristigen Peak handeln, der sofort wieder zurückgeht – oder andernfalls wäre praktischerweise die gänzliche Unwirksamkeit des zweiten Lockdowns bewiesen, der dann ja erweislich nichts gebracht hätte!

Zwar ist die Zahl der belegten Betten täglich weit langsamer gestiegen als die Fallzahlen in den letzten Wochen, aktuell nimmt sie um etwa 100-150 am Tag zu (was die Entkopplung von schweren Covid-Verläufen und neuen „Inzidenzen“ eindeutig belegt; bliebe es bei diesem Verhältnis, dann würden wir auch ohne Lockdown rechnerisch problemlos durch den Winter kommen, ganz ohne Alarmismus und medialer Apokalyptik. Doch selbst wenn es so kommt, und „die Höchstzahl der Intensivpatienten vom April“ würde tatsächlich übertroffen: Was bedeutet dies in Zahlen?

„Schlimmer als im April“ – na und???

Hierzu sollte man sich vielleicht die damalige Lage einfach nochmals vor Augen halten (wie sie etwa im „Ärzteblatt“ dokumentiert ist): Am 9. April gab es insgesamt 16.734 Intensivbetten, von denen 9.695 – 58 Prozent-  belegt waren und 7 038 – 42 Prozent – frei. Von den Belegten waren nur 1.888 Patienten Covid-Patienten. Acht Tage später, auf dem Höhepunkt der „ersten Welle“, verzeichneten die Daten (laut DIVI-Intensivregister vom 17. April 2020) dann insgesamt 2.601 Covid-Patienten. Nur zum Verständnis: Wenn es jetzt sogar viermal mehr Intensivfälle von damals gäbe, wären die Kapazitäten nicht überlastet.

Schon damals erwies sich die sogenannte „quadratische Extrapolation“ als falsch, die von der extrapolierten kumulativen Fallzahl ausging. Das ist diesmal nicht anders; im Gegenteil: Weil die Tests diesmal überwiegend anlasslos und in weit größerer Anzahl erfolgen, wird lediglich die damals existierende Dunkelziffer diesmal minimiert, so dass der Anstieg eher niedriger ist (was sich ja auch an der diesmal viel harmloseren Korrelation zwischen aktiven Fällen und Kranken zeigt) –  sogar dann, wenn man wirklich bei jedem „Positiven“ eine echte aktive Corona-Infektion unterstellen mag.

Doch Gaß geht es – wie den meisten Kliniken – wohl vor allem darum, Bundesmittel abzugreifen – und deshalb wird jetzt auch wieder die Karte des mangelnden Pflegepersonals gespielt: Dieses müsse nun auch „aus nicht-intensivmedizinischen Bereichen auf den Intensivstationen“ verlagert werden.. „Das ist natürlich nicht optimal, aber in einer solchen Ausnahmesituation zu rechtfertigen“, so Gaß in der „Bild„. Und prompt kommt die gewünschte Schützenhilfe von der Bundesregierung: Deren Pflegebevollmächtigter Andreas Westerfellhaus rät schon wieder dazu, „planbare Operationen zu verschieben“. Und das, wohlgemerkt bei rund 7.500 freien Intensivbetten derzeit.

Kollateraltote durch erneute OP-Verschiebungen

„Verschiebungen“ würde bedeuten: Die Kollateralschäden werden erneut durch die Decke gehen. Wieviele verzögerte Krebstote werden die Corona-Maßnahmen denn diesmal verursachen, nach über 50.000 verschobenen Operationen im Frühjahr? Und um diesen Irrsinn zu ermöglichen, wird die Katastrophenrhetorik dieser verantwortungslosesten Bundesregierung aller Zeiten mittlerweile auch von der Gesundheitsbürokratie übernommen: Westerfellhaus mahnte, nur „ein Maßnahmenbündel wird eine Katastrophe verhindern“; die Lage in den Krankenhäusern sei „händelbar- noch“.

Die allgegenwärtige Panikmache, um einen möglichst großen Teil vom Kuchen abzubekommen, wird auch von Landespolitikern routiniert bedingt. So warnte am Wochenende schon der saarländische Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) laut „dts Nachrichtenagentur“ vor einem „Zusammenbrechen des Gesundheitssystems“ in der Corona-Pandemie sowie einem „Kollaps in vielen der 1.900 Krankenhäuser in Deutschland“. Grund sei auch hier „fehlendes oder erkranktes Pflegepersonal“, so Hans – deswegen „drohen eine Triage und italienische Verhältnisse, wenn wir nicht jetzt auch hier gegensteuern.“

Und der Präsident der Deutschen Interdisziplinären und der Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Uwe Janssens, zu dessen Tagewerk auch in Nichtkrisenzeiten das Ringen um die Budgets gegen andere Fachkliniken zählt, warnt ebenfalls listig, es gäbe „in einigen Bundesländern nicht mehr viel Spielraum“, weil viele Kliniken „immer noch ihr Routineprogramm durchführen, Magen-Bypässe, Gelenk-Operationen“. Dies sind zwar Regelbehandlungen in Krankenhäuser, und diese Eingriffe betreffen ein Vielfaches der Deutschen stärker als die herbeigeredete abstrakte Corona-Gefahr – doch eben dieser Normalbetrieb soll wieder einmal heruntergafahren werden, egal wie hoch die Opfer dafür sind, damit möglichst mehr Gelder lockergemacht werden.

„Fette Beute“ dank Freihaltepauschalen

Ziel ist natürlich wieder die für Kliniken traumhafte Wiedereinführung von der Freihaltepauschalen wie im Frühjahr – „damit“, so Janssen, „die Kliniken in den nächsten Wochen und Monaten finanziell abgesichert sind.“ Wenn dann also wieder ganze Kliniken zu Geisterstädten werden und Stationen verwaisen, weil die dortigen Kapazitäten für Covid-Patienten vorgehalten werden (die womöglich erneut nie kommen werden), klingeln die Kassen und die Verantwortlichen können sich auf die Schulter klopfen, „vorausschauend“ agiert zu haben. Egal wieviele Menschenleben es an anderer Stelle kosten wird.

Der schlimmste Hohn besteht darin, wenn ausgerechnet dieselben Gesundheitspolitiker jetzt ein „neues und starkes Pflegestellenförderprogramm“ initiieren und die präventive Finanzpolsterung der Kliniken beschworen, die seit Jahren genau diese Klinikfinanzierung sabotiert und immer weiter abgewürgt haben. Anfang 2015 etwa ließ dieselbe Bundesregierung im Zuge der geplanten Krankenhausreform von einer Kommission untersuchen, wie der Personalbedarf der Krankenhäuser tatsächlich aussieht – um Einsparpotential zu ermitteln. Der heute am penetrantesten plärrende Lauterbach trat bis ins vergangene Jahr selbst noch für weniger Kliniken in Deutschland ein, und warb für eine Konzentration der Kapazitäten.

Jetzt faselt die Regierung vom „Pakt für eine Stärkung des öffentlichen Gesundheitsdienstes und die Schaffung von mehr Stellen in den Gesundheitsämtern“ – bereits im Spätsommer hatte Jens Spahn massiv in mehr Planstellen in diesem Sektor schaffen lassen – und will plötzlich, da die Bremse der „schwarzen Null“ und haushaltspolitischen Selbstbeschränkung final weggefallen ist, alles tun, das zuvor kaputtgesparte Klinikwesen finanziell rundumzuversorgen. Dafür kommt Corona und die zweite Welle gerade recht.

Tatsächlich sind es nichts als hausgemachte Fehler, die jetzt zu Engpässen führen – und die mit dem Virus überhaupt nichts zu tun haben. Denn nicht nur die vor Corona betriebene Rationalisierung der Kliniken erweist sich jetzt als Bumerang. Sondern auch den Sommer mit seinen glimpflichen Fallzahlen hat diese Regierung in keiner Weise genutzt, eine Situation wie die jetzt angeblich drohende (vor der sie selbst ja ständig gewarnt hatte) durchzuspielen und sich zu wappnen. Ein halbes Jahr hat sie nun Zeit gehabt, sich auf die von ihr selbst herbeigetestete „zweite Welle“ vorzubereiten – doch nichts hat sie getan. Auch hier offenbart sich wieder Totalversagen

Im Gegenteil: Wie „vorausschauend“ und „kompetent“ Gesundheitsminister Spahn in dieser Krise agierte (und wie geeignet er als oberster Krisenmanager dieser sogenannten Pandemie ist), das bewies er vor nicht einmal zwei Monaten: Anfang September bemühte er sich nach Kräften, die im Frühjahr auf Steuerzahlerkosten bestellten mehr als 26.000 Beatmungsgeräte, soweit sie noch nicht geliefert waren, im festen Glauben an deren Überflüssigkeit wieder zu stornieren – und verschenkte etliche derer, die bereits ausgeliefert waren, ins Ausland. Jetzt will derselbe Minister wiederum für Steuermilliarden ganze Kliniken freiräumen, um die freiwerdenden Kapazitäten in einer „nationalen Kraftanstrengung“ zu Notfallbetten umzuwandeln. Sollten dann die Beatmungsgeräte fehlen, kann Spahn ja einfach neue bestellen – die er nächsten Sommer dann wieder verschenkt. (DM)

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram