Alkohol und Reisen als Corona-Treiber? Regeltreue Deutsche sind mal wieder die Sündenböcke

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Die Hardliner-Truppe beim Beschuldigen der eigene Landleute Foto:Imago/IPON)

Aus Sicht des ideologiefesten Groko-Einparteienlagers sind die Hauptschuldigen für die Explosion der Fallzahlen längst ausgemacht: Es müssen zwingend die Einheimischen, die „Volksdeutschen“ sein, die sich nicht an die Regeln gehalten haben. Andere Gründe sind entweder ausgeschlossen, weil nicht sein kann, was nicht sein darf (etwa Fehler der Test- und Zählmethodik) – oder es wäre politisch unkorrekt, sie auszusprechen (Migranten als „Spreader“). Viel bequemer ist es doch da, je nach Feindbild des jeweiligen Politikers die eigenen Landsleute anzuprangern.

Besonders tat sich Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) gestern im Bemühen hervor, mit allen Mitteln die deutschen Untertanen in die Pflicht zu nehmen: Weil es sich als am effektivsten bewährt hat, die Menschen mit Schuld und Belohnung zu konditionieren, setzt man auch in der Hansestadt wie überall im ganzen Land auf das Prinzip „Vogel, friss oder stirb“. Motto: Wenn ihr euch „verantwortungsbewusst“ verhaltet und alle aktuellen Corona-Vorschriften befolgt, dann passiert euch auch nichts – doch bisher habt ihr leider versagt.

„Wenn wir mit diesen Regeln diszipliniert umgehen, dann wird es keinen zweiten Lockdown geben müssen“, sagte Tschentscher gestern der „Welt“ – eine unverblümte Drohung an alle, obwohl sich doch ein Großteil der eingeschüchterten Volksmehrheit an alle Auflagen hielt! Der „Verlust vieler Arbeitsplätze“ und ein „Einbruch der Wirtschaft, der noch weit über das hinausgeht, was wir schon jetzt haben“, mit denen Tschentscher ebenso drohte wie mit erneuten Schulschließungen und dem endgültigen Shutdown des Kulturbetriebs, stünden akut auf dem Spiel.

Auf welcher Rechtsgrundlage derartig selbstherrliche, zerstörerische Willkürakte einer Politik eigentlich erfolgen, die sich zum Weltenretter und Herr über Leben und Tod aufspielt (indem sie entscheidet, abzuwägen, wer das höhere Existenz- und Überlebensrecht zugesprochen bekommen) – auch dazu hat der Hamburger Erste Bürgermeister etwas zu sagen: „Es ist keine Macht, die wir uns nehmen, um andere herauszuhalten.“ Stattdessen sei es „der klare Auftrag aus dem Infektionsschutzgesetz“ sowie „unsere generelle Verantwortung und Verpflichtung gegenüber dem Gemeinwohl, dass wir als Exekutive in dieser Pandemie konsequent handeln und Schaden abwenden“.

Willkürakte einer Chaos-Politik

Während für Tschentscher die nach Experteneinschätzung gänzlich wirkungslose – weil für das Infektionsgeschehen irrelevante Sperrstunde – neuerdings als Nonplusultra gilt, will er hier die Regulierungswut unbedingt ausgeweitet sehen: „Unsere Erfahrung und übereinstimmende Einschätzung von Bund und Ländern ist, dass diese Beschränkung in der Gastronomie eine große Bedeutung hat.“ In den Abendstunden würde nach 22 Uhr vermehrt Alkohol getrunken. Dies gehe mit einer zunehmenden „Sorg- und Distanzlosigkeit“ einher.

Das Gegenteil ist der Fall: Gerade in Gaststätten, wo konzessionierte Wirte ein geschultes Auge auf problematisches Trinkverhalten haben, ist der Alkoholkonsum kontrolliert und entsprechend moderat. Nach der Sperrstunde saufen speziell Jugendliche im privaten Rahmen einfach weiter – notfalls gehen sie in den Wald, an entlegene Orte oder im Stillen nach Hause, wo sie dann (wie einst zu Prohibitionszeiten) hemmungslos der Sucht frönen. Deshalb ist kaum nachvollziehbar und allenfalls subjektiv-empirisch, nicht jedoch generell gültig, was der SPD-Bürgermeister hierzu laut „dts Nachrichtenagentur“ behauptet:  „Die jüngsten Berichte der Hamburger Polizeikommissariate bestätigen, dass wir seit Einführung der Sperrstunde bessere Verhältnisse in den kritischen Bereichen unserer Stadt haben.“

Dass vor allem muslimische Parallelmilieus – von Clans bis Moscheegemeinden – zu den aktuellen Haupttreibern der Pandemie gehörten, die sowieso meist religiös-abstinent sind, macht ein Alkoholverbot und/oder die vorgezogene Sperrstunde vollends zur Farce. Wie wenig im übrigen die gegenwärtige Corona-Ausbreitung mit Alkohol oder geselligem Beisammensein in der Gastronomie in Wahrheit zu tun, das verdeutlicht schon ein Blick auf die Länder, in denen es weder eine Club- noch Kneipenkultur gibt und überhaupt kein Alkohol getrunken wird, etwa dem Iran: Die Zahlen gehen dort ebenso nach oben (und waren auch im Sommer nie so weit im Keller wie bei uns, trotz feuchtfröhlicher Nächte hierzulande) :

Quelle:John-Hopkins-Universität

Für Merkel, die (vielleicht noch aus ihrer DDR/FDJ-Zeit?) seit Monaten eine Aversion gegen freies Reisen ihrer Landsleute hegt und gemeinsam mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am liebsten schon vor zwei Wochen im stillen Kämmerlein autoritär ein bundesweites Beherbungsverbot (und damit faktisches Reiseverbot) für alle Personen aus „Risikogebieten“ verhängt hätte, sind die wahren Ursachen nicht die Kneipengänger, sondern  sie gibt insbesondere den Touristen die Schuld am Anstieg der Infizierten-Zahlen: „Es ist passiert durch die Urlaubsreisen“, so Merkel.

Eine steile Theorie, bei der Merkel wieder einmal listig auf die gebotene Differenzierung verzichtet: Denn nicht die deutschen Reiserückkehrer brachten, wenn überhaupt, das Virus massenweise zurück ins Land. Sondern es waren vor allem Migranten auf „Heimurlaub“, bei ihren Familien – in Ländern, wo auch im Hochsommer schon ein ganz anderes Pandemiegeschehen herrschte. Der CSU-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag, Thomas Kreutzer, hatte von allein 4000 Mitarbeitern in München gesprochen, die großteils aus der Türkei oder dem Kosovo stammen und von denen viele Urlaub bei der Familie gemacht hätten – was aufgrund der steigenden Infektionszahlen in diesen Ländern ein Risiko bergen würde.

Die Aversion der Kanzlerin gegen Urlauber

Merkel wollte ausgerechnet das Fehlverhalten dieser Gruppen also, die mit den regelkonformen, braven, unterwürfigen Deutschen (der „verantwortungsbewussten Mehrheit“) nichts gemein haben, als Beweis dafür nehmen, dass „Urlauber“ generell Zustände zu verantworten haben, die sie mit politisch verheerenden und stümperhaft-undiplomatischen Attributen kommentierte („Heimsuchung“, „Unheil“ z.B.) und stellte sich nun – angesichts der Zahlen – als die ungehörte Prophetin dar, die ja alles gewusst habe und frühzeitig gewarnt hatte, jedoch niemand auf sie hören wollte.

Wenn Merkel hier wirklich recht hätte und das eingetreten sei, was sie düster vorhergesagt hatte – was war dann aber mit all den Quarantänen, in die Reiserückkehrer aus Risikogebieten doch mussten? Betrafen diese nur Deutsche, die von Mallorca oder der Goldküste zurückflogen – und keine Rumänen, Türken, Mazedonien oder Albaner, die vom Balkantrip zurückkehrten?

So unlogisch wie all diese Darstellungen und angeblichen Zusammenhänge sind, so sinnfrei und aktionistisch sind die Maßnahmen, die Tschentscher jetzt verteidigt. Und die braven deutschen Michels, die auf ihn hören und ihm glauben, werden sich vermutlich auch diesmal einreden, es sei ihre Schuld, wenn die „Neuinfektionen“ auch weiterhin nicht sinken sollten. (DM)

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