Der Bertelsmann: In Coronazeiten ist Migration besonders nützlich

0
Dr. Jörg Dräger, Bertelsmann-Stiftung (2013) - Foto: Imago

Gerade in Coronazeiten bräuchten wir Zuwanderung, schreibt Jörg Dräger in einem Gastbeitrag für die „Welt“. Wie man darauf kommen kann, weiß allein der Bertelsmann. Die Medienkriktik.

von Max Erdinger

Dräger ist einer von vier Vorständen der Bertelsmann-Stiftung. Dort ist er zuständig für den Bereich Bildung und Integration. In der „Welt“ hat er den wagemutigen Versuch unternommen, dem Leser die Segnungen der Einwanderung in Coronazeiten zu verklickern. Dräger spricht freilich nicht von der Einwanderung, sondern von der Zuwanderung. Und, wie heutzutage üblich, vom „wir“. „Gerade in Coronazeiten brauchen wir Zuwanderung„, lautet seine Schlagzeile. Die ist raffiniert gewählt, weil der Leser in seiner grenzenlosen Wißbegierde garantiert auch einen Artikel mit der Schlagzeile „Gerade Usain Bolt braucht einen Rollstuhl“ förmlich verschlingen würde.

Die Pandemie darf nicht dazu führen, dass Deutschland in der Migrationspolitik „zurück auf Los“ geht. Sonst verspielen wir die Fortschritte der vergangenen Jahre. Der Zeitpunkt ist jetzt durchaus günstig.„, drägert es auch gleich im Teaser – und die Spannung steigt ins Unerträgliche. Ein Berg von Mysterien türmt sich auf. Sind wir Deutschland? Spielen wir gerade Monopoly? Haben wir eine Pandemie? Haben wir Fortschritte, die wir verspielen könnten? – Kurz und bündig: Auf welche unglaubliche Geschichte soll uns ein solch mysteriöser Teaser neugierig machen? Jörg Dräger spannt uns aber nicht zu lange auf die Folter, sondern erklärt gleich, worum es geht. Er meinte nicht wirklich „Zuwanderung“, sondern „Fachkräfte“. Den solchen müsse es gestattet bleiben, uns auch während einer Pandemie mit ihrer Fachkräftigkeit zu bereichern. Denn wir sind Deutschland. Oder so. „Die Menschen in Deutschland“ sind wir auf jeden Fall.

Am 1. März 2020 trat das sogenannte Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft. Es ist die positive Antwort auf eine jahrzehntelange Auseinandersetzung um die Frage, ob Deutschland ein Einwanderungsland ist. Das Gesetz sollte helfen, den grassierenden Fachkräftemangel zu lindern, indem es Menschen von außerhalb der EU leichter gemacht wird, nach Deutschland zu kommen.“ – Eigentlich wäre es die Antwort auf die Auseinandersetzung in der Frage der Zusammensetzung. Daß es sich beim Fachkräfteeinwanderungsgesetz um eine positive Antwort handelt, behauptet Dräger lediglich. Sein Artikel erscheint in der Rubrik „Meinung“. Nie kann man wissen, um wessen Meinung es dabei geht. Als Argloser unterstellt man unbewußt, daß es sich wohl um diejenige des Gastbeitragenden handeln muß. Allerdings ist es auch so, daß man mit einer persönlichen Meinung nicht unbedingt Bertelsmann-Vorstand wird. Um Bertelsmann-Vorstand zu werden, braucht man schon eine Bertelsmann-Meinung. Eine von Drägers Mitvorstehend*innen ist schließlich Liz Mohn, die Witwe des Verlegers und Stiftungsgründers Reinhard Mohn. Frau Mohn wiederum gilt als enge Vertraute der Bundeskanzlerin. Das wiederum schmälert das Vertrauen darein, daß Jörg Dräger tatsächlich seine eigene Meinung in der „Welt“ aufgeschrieben haben könnte, ganz erheblich. Vielleicht hätte man bei der „Welt“ besser geschrieben, daß es sich um einen Gastbeitrag vom Bertelsmann der Kanzlerin handelt. Im Übrigen ist fraglich, ob es sich beim Fachkräfteeinwanderungsgesetz um eine positive Antwort auf irgendetwas handelt, weil es sonst vermutlich „Gutes Fachkräfteeinwanderungsgesetz“ heißen würde. „Gut“ vor „Gesetz“ ist allerweil schwer in Mode.

Gerhard Schindler - Wer hat Angst vorm BND - Kopp Verlag - 22,00 Euro
Gerhard Schindler – Wer hat Angst vorm BND – Kopp Verlag – 22,00 Euro

Was allerdings an jedem x-beliebigen Fachkräfteeinwanderungsgesetz für Deutschland schlecht ist, das ist, daß wirkliche Fachkräfte schwer einen an der Waffel haben müssten, um recht fachkräftig nach Deutschland einzuwandern und sich dort vom Fiskus ausplündern zu lassen. Die wahre Fachkraft hat gerne selbst etwas von den Früchten ihrer Fachkräftigkeit. Weil das so ist, wandern eben sehr viel weniger Fachkräfte nach Deutschland ein, als es der Bertelsmann gern hätte. Wer hierzulande in großer Zahl einwandert, ist meistens nur eine Kraft ohne „Fach“ vorne dran. Kräftige junge Männer sind nun einmal etwas anderes als fachkräftige junge Männer. Außerdem: Würden hierzulande fachkräftige junge Männer einwandern, dann hätte man bestimmt schon einmal den Protest von Regierungen aus ihren jeweiligen Herkunftsländern vernommen, etwa so: „Hallo, ihr deutschen Bertelsmänner und Bertelsfrauen! Ob wir wohl unsere Fachkräftigen zurückhaben könnten, bitte? Wir bräuchten sie nämlich selber.“ Aber von einem solchen Protest hat sogar der Bertelsmann noch nie etwas gehört.

Was Corona macht

Jörg Dräger wird in seinem bertelsmännlichen Gastbeitrag für die „Welt“ auch nicht müde, immer und immer wieder zu behaupten, daß alle die Unannehmlichkeiten in der Krise von Corona gemacht werden und vom Virus erzwungen würden, so daß man sich fragt, wozu irgendwer die Politiker noch braucht. Bei Dräger scheinen alle wahnsinnigen Verordnungen, die es im Jahr 2020 bisher gegeben hat, vom Virus so entschieden worden zu sein. Corona ist schuld – und das Virus macht. Das Framing ist eine der wahren Gegenwartsseuchen.

Die verlustausgleichende Fachkraft

Dräger benennt dann ein paar Branchen, die wegen des nahenden Rentenalters der sogenannten Babyboomer enorm viel Fachkraft verlieren werden. Die Rentenboomer müssten also ersetzt werden durch Fachkräfte aus Drittstaaten, wenn „wir“ unseren „Wohlstand“ erhalten wollen. Wo Dräger angesichts der bekannten Vergleichsstudien zu den Medianvermögen in Deutschland noch „Wohlstand“ erkannt haben will, verrät er lieber nicht. Es ist nun einmal keine Meinungsfrage, ob die „die Menschen“ in Deutschland im internationalen Vergleich ständig weiter verarmen, sondern das ist eine Tatsachenfrage. Wer die ehrlich beantworten wollte, würde sich lieber auf die Zunge beißen, als vom „Wohlstand“ und dessen Beibehaltung zu reden. Der Bertelsmann macht es aber anders. Und auch, woher die zu importierenden Fachkräfte ihre Fachkräftigkeit erhalten sollen, weiß Dräger ganz genau. Das mache man besten über eine zügige Visaerteilung und „verbesserte Anerkennung berufsfachlicher Qualifikationen und Kompetenzen„, meint er. „Absenkung der Qualifikationsanforderungen“ wäre freilich eine häßliche Phrase, verglichen mit der „verbesserten Anerkennung“. Ein häßlich´ Wort vom Bertelsmann, wenn er ein schönes nehmen kann? – Niemals. Aber es geht noch weiter in der bertelsmännlichen Utopistenwelt der Schönerdenker. „Transnationale Ausbildungspartnerschaften“ bräuchten „wir“, so Jörg Dräger, „wo bereits im Herkunftsland Fachkräfte für den heimischen und den deutschen Arbeitsmarkt ausgebildet werden„. Kein Drägerswort zu der Frage, ob die Herkunftsländer an einer solchen „transnationalen Ausbildungspartnerschaft“ zugunsten Deutschlands überhaupt interessiert sind, oder ob sie die transnational Parnterschaftsgebildeten nicht lieber selbst behalten würden. Die bertelsmännliche Frohnatur weiter: „Zudem müssen die Arbeitsbedingungen für Migranten in manchen Bereichen, insbesondere in der Fleischverarbeitung und häuslichen Pflege, verbessert werden„. Das diene nicht nur der Fairness und der Menschenwürde, schreibt Dräger. Das stimmt schon, aber es hätte natürlich auch ohne Migration schon der Fairness und der Menschenwürde gedient. Unterblieben sind die Verbesserungen dennoch. Warum? – Weil sich der alternde Babyboomer auch ohne Verbesserungen widerstandslos hat melken lassen, etwa? Und weil das mit den Migranten bei gleichzeitig „verbesserter Anerkennung ihrer Qualifikation“ nicht zu machen wäre? Dräger: „Gute Arbeitsbedingungen machen ein Land für ausländische Fachkräfte auch attraktiver„. – Ist es die Möglichkeit? Gute Arbeitsbedingungen hätten „ein Land“ schon für die inländischen Fachkräfte attraktiver gemacht. Aber bei denen war das egal. Zu hunderttausenden verlassen inländische Fachkräfte „ein Land“ jedes Jahr, weil sie in anderen Ländern bessere Arbeitsbedingungen vorfinden.

Buch Stefan Schubert Vorsicht Diktatur
Stefan Schubert- Vorsicht Diktatur – Kopp Verlag – 22,99 Euro

Deutsche Ärzte gehen gern in die Schweiz oder nach Norwegen. Unternehmer verlagern ihre Produktion ins Ausland. Ob der Bertelsmann einmal darüber nachgedacht hat, daß gute Arbeitsbedingungen nicht nur für Migranten, sondern generell ganz gut wären? – Wahrscheinlich nicht. Das gehört auch nicht zu seinem Aufgabenbereich im Bertelsmann-Vorstand. Der ist mit „Bildung und Integration“ beschrieben, nicht mit „Bildung der Integrierten“. Die integrierten Fachkräfte wandern aus „ein Land“ aus – und die erst noch zu Integrierenden wandern dafür ein. Und dann der Dräger-Klopper schlechthin: „Denn wenn Mobilität wieder Normalität wird, brauchen wir Zuwanderung als wichtigen Beitrag zur Sicherung unseres Wohlstands.“ – Das ist leider ganz falsch. Etwas, das nicht mehr vorhanden ist, läßt sich auch nicht mehr sichern.

Zur Sicherung der Inneren Sicherheit brauchen wir die Migration auf gar keinen Fall. Weil das so ist, brauchen wir sie auch zur „Sicherung unseres Wohlstands“ nicht. Warum nicht? – Weil auch die Wohlhabenden ungern tot sind. 46.000 Deutsche wurden in den vergangenen fünf Jahren zu Opfern von Gewaltdelikten ausländischer Tatverdächtiger. Im Grunde braucht auch niemand eine Bertelsmann-Stiftung, außer den dort Beschäftigten. Man muß sich ja einmal vergegenwärtigen, daß der in Frankreich von einem Islamisten auf offener Straße geköpfte Lehrer Samuel Pathy mit einem Staatsakt beerdigt worden ist, während in Deutschland nicht einmal der Name des Krefelder Touristen bekannt wird, der in Dresden von einem Islamisten totgestochen worden ist. Bekannt ist hierzulande lediglich der Name des Täters: Abdullah Al Haj Hasan. Die Anerkennung seiner Qualifikation hätte wohl früher „verbessert“ werden sollen, um seine Integration in die messerlose Gesellschaft zu bewerkstelligen. Oder, wie man in bertelsaffinen Kreisen in anderen Zusammenhängen wohl formulieren würde: Der Bertelsmann hat mitgestochen.

Ist die Bertelsmann-Stiftung ein linker Verein?

Ehe man sich über dieser Frage in die Wolle gerät, behilft man sich wohl besser mit der generalisierenden Feststellung, daß die Polarisierung in „ein Land“ bereits so weit fortgeschritten ist, daß alles „rechts“ (im Sinne von „braunlinks“) ist, was nicht ausdrücklich rotlinks ist. So gesehen muß die Bertelsmann-Stiftung links sein, weil andernfalls kein Bertelsmann in der „Welt“ einen Gastbeitrag hätte schreiben können.

Lamya Kaddor (Foto:Image/fFutureImage)

Das paßt dann auch zu einem Beitrag, der bei „t-online“ erschienen ist, der größten „deutschen“ Nachrichtenseite im Internet. Tatsächlich gehört „t-online“ zur größten internationalen Medienholding namens wpp. Dort wiederum vertritt man die globalistische Ideologie. Verfaßt hat den „t-online“- Beitrag Lamya Kaddor. Die islamische Religionspädagogin spricht sich dagegen aus, den Linken Heuchelei vorzuwerfen, so, wie das Kevin Kühnert und Sascha Lobo getan haben, als sie sich mit den Reaktionen der Linken auf islamistische Mordtaten beschäftigten. Auf einen rechtsextremen Mord folge linke Empörung, auf einen islamistischen Mord hingegen nur eine stille, linke Zerknirschtheit, hatte Sascha Lobo in einem lichten Moment bemängelt. Stilistisch sehr gut passend zu Jörg Drägers schön erfundener Geschichte vom Segensreichtum der „Zuwanderung“ in pandemischen Krisenzeiten ist Kaddors Versuch, das Hauptaugenmerk von der Gefahr für die innere Sicherheit von den Islamisten weg – und auf die Rechtsextremisten hinzulenken. Ihr Grundtenor: Daß einem die Enthauptung von Samuel Pathy in Paris und die Ermordung des Touristen in Dresden, beide durch Islamistenhand gestorben, so dramatisch vorkommt, liege allein daran, daß Mordtaten von Rechtsextremisten seit Jahr und Tag sträflich vernachlässigt würden. Man sieht: Für den Bereichsleiter Bildung & Integration im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung gibt es noch viel zu tun, um Lamya Kaddor zu integrieren. Offensichtlich kann sie keine deutschen Zeitungen lesen. Sonst wüßte sie, daß der Rechtsextremismus sogar ohne irgendwelche Mordtaten fester Bestandteil der täglichen „Berichterstattung“ ist. Jüngstes Beispiel: Eine Gruppe von Polizisten in NRW wurde vom Dienst suspendiert, weil sie in einer WhatsApp-Gruppe recht nazimäßig unterwegs gewesen war. So hieß es zunächst. Inzwischen stellte sich jedoch heraus, daß das nazimäßige an der Sache eine Veräppelung Hitlers gewesen ist, weswegen die Suspendierung der Polizisten wohl wieder aufgehoben werden muß. Von wegen „rechtsextremistische Gefährder“. Man muß wohl Kaddor heißen und Islamwissenschaftlerin sein, um dennoch zu behaupten, die Islamisten stünden nur deshalb im Fokus, weil der Rechtsextremismus sträflich vernachlässigt wird.

Verspritzt wieder sein Gift: Ralf Stegner (Foto:Imago/Wölk)

Und ein wahrer Stegner (SPD) muß man wohl sein, um zu twittern, die Gefahr, vom Blitz erschlagen zu werden, sei in Dresden größer, als die, von einem Islamisten abgestochen zu werden.

Realitätsleugnung so weit das Auge reicht

Letztlich sind die Einlassungen Drägers in der „Welt“, Stegners Tweet vom Blitz in Dresden und Kaddors durchsichtiger Ablenkungsversuch bei „t-online“ nichts weiter als Symptome eines geistigen Verfalls im vormaligen Land der Dichter und Denker. Die Kanzlerin hängt dem Präferenzutilitarismus des australischen Philosophen Peter Singer an, welcher – stark verkürzt – aussagt, daß alles menschliche Denken der Rechtfertigung seines Willens diene – und bis auf wenige Ausnahmen haben alle anderen ihren Frieden gemacht mit der Gültigkeit des ersten Axioms der (deutschen) Sozialpsychologie, welches da lautet, daß sich jeder Mensch seine eigene Realität konstruiert. Das sind alles linke Verfallserscheinungen, jener wahnhaften Sehnsucht geschuldet, sich von absolut allem zu „befreien“. In solchen Wahnwelten wird beispielsweise die Logik zu einem patriarchalen Unterdrückungsinstrument umdefiniert, weil das zweckmäßig erscheint, um das Permanenzleiden der gefühligen Frauenwelt in ihrer Funktion als Ersatzproletariat zu erklären. So kommt es dann, daß der vormalige Wissensmensch aus Deutschland zu einem gefühligen Meinungsmenschen degeneriert ist, der sich zu allem Überfluß auch noch als unbedingt „gut“ begreifen will. Besser: Alle anderen sollen ihn als „gut“ begreifen anhand dessen, was er recht kostengünstig äußert, ohne tatsächlich etwas Gutes tun zu müssen.

Buch Wer, wenn nicht ich - Henryk M. Broder
Wer, wenn nicht ich – Henryk M. Broder – Kopp Verlag 24,00 Euro

Für das Gute ist der Staat verantwortlich, an ihn wird jede individuelle Verantwortung delegiert. Die Personifizierung einer solchen Haltung ist die machtbewußte Angela Merkel. Perpetuiert wird diese wahnsinnige Haltung von Merkels Hofschranzen in Politik und Medien. Solange das so bleibt, sieht es schlecht aus für die Wahrheit in deutschen Medien. Und genauso schlecht sieht es deshalb für das Denken jener „die Menschen“ in „ein Land“ aus, die sich ihre Meinung vermittels des Konsums seuchenartig verbreiteter Haltungsblättchen und Haltungssendungen bilden lassen. Dräger in der „Welt“, Stegner bei Twitter, Kaddor bei „t-online“: Alle erzählen nur noch das, von dem sie glauben, daß es ihnen persönlich nützt. Das ist der direkte Weg zum Abgang von der Weltbühne.

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram