Pianist Levit und die „Süddeutsche Zeitung“: Chefredaktion winselt um Vergebung für eine Musikkritik

0
https://www.imago-images.de/search?suchtext=Igor+Levit&datum1=&datum2=&datumsbereich=01.01.1753&themen=alle&themen=Sport&themen=Entertainment&themen=News&themen=Creative&themen=Reise&themen=Natur&themen=Fashion&weitereSpez=alle&weitereSpez=Portr%E4t&weitereSpez=Freisteller&weitereSpez=Mannschaftsbild&weitereSpez=Fotoshooting&weitereSpez=Privatbild&weitereSpez=Highlight&weitereSpez=Symbolfoto&weitereSpez=Illustrationen&ausrichtung=alle&ausrichtung=hoch&ausrichtung=quer&ausrichtung=quadrat&release=alle&fotografen=&thumbsAnzeige=off&gal_start=0&suchtyp=50&seite=1&mbId=new&mb_name=&dbPop=
Igor Levit, Pianist, 2018 im WDR - Foto: Imago

Die Chefredaktion der „Süddeutschen Zeitung“ entlarvte sich als peinliches Duo. Wolfgang Krach und Judith Wittwer entschuldigten sich bei wütenden Lesern voll der Zerknirschung für einen Feuilleton-Artikel über den Pianisten Igor Levit. Auch bei Levit selbst leistete das Duo Abbitte. Damit lieferte es zugleich ein bedrückendes Sittengemälde aus dem „besten Deutschland, das es je gegeben hat“ (Bundespräsident Steinmeier). Die Entschuldigungskritik.

von Max Erdinger

Helmut Mauró ist Musikkritiker bei der „Süddeutschen Zeitung“ seit dreißig Jahren. Jüngst verfasste er eine Kritik über den seiner Ansicht nach mäßig begnadeten Pianisten Igor Levit, der in der Öffentlichkeit nicht nur musikalisch auffällt, sondern fast mehr noch politisch. Größtes Aufsehen erregte Levit nämlich mit seiner mehrfach wiederholten Äußerung, AfD-Mitglieder hätten ihr Menschsein verwirkt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier scheint jedoch ein Faible zu haben für Leute, die Anderen das Menschsein absprechen. Er zeichnete Igor Levit mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik aus. Das Grünen-Mitglied Levit wird sich wohl angemessen geehrt gefühlt haben.

Musikkritiker Mauró tat in seinem Artikel zunächst, was ein Musikkritiker eben tut, und beschäftigte sich mit den pianistischen Qualitäten Levits. Obwohl – das ist nicht ganz richtig. Mauró beschäftigte sich mit den fehlenden pianistischen Qualitäten Levits und stellte ihm einen anderen Pianisten gegenüber, der Maurós Worten zufolge in einer „ganz anderen Liga“ spielt: Daniil Trifonov.

Trifonovs technisches Raffinement, sein perfektes Legato (über das Levit leider gar nicht verfügt), sein Formbewusstsein, sein hochriskant emotionales Spiel, sein Sinn fürs Ganze, für Spannungsaufbau, für schiere musikalische Intensität heben ihn derzeit über andere weit hinaus. So auch über Levit, der sich gern aufs spielerisch Unverbindliche verlegt, dann wieder auf ein theatralisch vorgetragenes Pathos, das einen eigenen Resonanzraum bildet.„, schrieb Mauró – und unzweifelhaft ist, daß der Teil seiner Kritik, der sich mit dem Musikalischen beschäftigt, deutlich kürzer ausfiel, als der, in dem sich Mauró über Levits Qualitäten als Twitter-User ausließ. Aber auch im größeren Teil seiner Kritik brillierte Helmut Mauró mit feiner Beobachtungsgabe.

Markus Krall - Verzockte Freiheit - Kopp Verlag 17,99 Euro
Markus Krall – Verzockte Freiheit – Kopp Verlag 17,99 Euro

Levit ist als Twitter-Virtuose ebenso bekannt wie als Pianist. Und das ist für eine Karriere 2020 offenbar mindestens so entscheidend wie das Musizieren selbst. Während Trifonov sich auf ein paar private, vor allem aber künstlerisch bestimmte Tweets beschränkt, ist Levit auf Twitter nicht mehr zu entkommen. Er ist mit den richtigen Journalisten und Multiplikatoren befreundet, coram publico und aufgekratzt fällt man sich via Twitter mehr oder weniger täglich in die Arme und versichert sich gegenseitiger Bewunderung.„, bemerkte Mauró – und das war beileibe noch nicht alles. Levit suhle sich dabei in einer „Opferanspruchsideologie“, meinte Mauró auch noch schreiben zu sollen. Das hätte er wissen können, daß er damit nicht so ohne weiteres davonkommt. Igor Levit stammt aus einer jüdischen Familie. Und wie das so ist bei Leuten, die der gegenwärtige Bundespräsident gern auszeichnet, gibt es in deren ausgesprochenem Zwiedenk einen wenig beachteten Antisemitismus – das ist derjenige der Einwanderer aus der islamischen Welt – und einen vielbeachteten. Letzterer ist der Antisemitismus „von rechts“. Daß er wegen des Begriffs „Opferanspruchsideologie“ eher nicht bei den Strenggläubigen, sondern viel wahrscheinlicher bei „den Rechten“ eingeordnet werden würde, hätte sich Mauró denken können. Vielleicht war das aber Kalkül, weil er sich schon immer mal mit Monika Maron in derselben Ecke treffen wollte. Frau Maron wurde bekanntlich dieser Tage die vierzigjährige Verlagspartnerschaft seitens des S.Fischer-Verlags gekündigt. Weil sie „rechts“ ist, irgendwie, ohne daß das jemand schlüssig begründen könnte. Muß man ja auch nicht, wenn man jenem „juste milieu“ angehört, welches von einem Detmolder (64) als Bundespräsident repräsentiert wird.

Die Entschuldigung

Viele unserer Leserinnen und Leser kritisieren diese Veröffentlichung scharf und sind empört. Manche empfinden den Text als antisemitisch, etliche sehen Levit als Künstler und Menschen herabgewürdigt. Auch er selbst sieht das so. Das tut uns leid, und deswegen bitten wir Igor Levit persönlich wie auch unsere Leserinnen und Leser um Entschuldigung.„, heißt es in der gemeinsamen Entschuldigung von Wolfgang Krach und Judith Wittwer, den beiden Chefredaktueren der „Süddeutschen Zeitung“. Und schon ist das ganze Übel unserer Zeit wieder auf den Punkt gebracht. Die Leser „empfinden“ und „sehen“ recht subjektivistisch – und darauf muß vermeintlich Rücksicht genommen werden. Großer Irrtum, es sei denn, die Chefredakteure begreifen es als ihre oberste Pflicht, die sinkende Auflage zu stützen, indem sie ihrer eigenen Leserschaft nur noch zumuten wollen, was diese längst selbst „meint & findet“. Dann können sie die „Süddeutsche Zeitung“ aber auch gleich in „Süddeutscher Spiegel“ umbenennen. Um die eitle Selbstbespiegelung des Lesers ginge es dann nämlich.

Helmut Mauró hatte in seiner Levit-Kritik übrigens mit keinem Wort erwähnt, daß Igor Levit aus einer jüdischen Familie stammt. Es reicht schon, daß es die Levit-Fans wissen, die dann die „Süddeutsche Zeitung“ mit einem wahren Shitstorm eindecken, weil Mauró das Wort „Opferanspruchsideologie“ verwendet hatte. Proportional zum kleineren Teil von Maurós Musikkritik könnte der kleinere Teil des Shitstorms auch deswegen stattgefunden haben, weil Maurós Herabwürdigung der musikalischen Qualitäten Levits zugleich – und indirekt – einer Herabwürdigung des musikalischen Sachverstandes von Lesern der „Süddeutschen Zeitung“ gleichkam. Die Leser der „Süddeutschen Zeitung“ rekrutieren sich nämlich ebenfalls aus jenem „juste milieu“, welchem der gebürtige Detmolder (64) als Symbolfigur recht präsidial voranschreitet. Das juste milieu ist schnell und gern beleidigt. Noch schneller und noch lieber ist es allerdings mit einem vernichtenden Urteil zur Hand. Helmut Mauró dürfte schwierigen Zeiten entgegengehen. Doch noch ist nicht aller Tage Abend.

Die Entschuldigung erntet selbst einen Shitstorm

Die peinliche Entschuldigung der Chefredaktion für Maurós Musikkritik in der „Süddeutschen Zeitung“ erntet nämlich nun selbst einen wahren Shitstorm. Durchaus erfreulich ist, wer sich an diesem beteiligt. Einer der prominentesten Shitstürmer dürfte „Welt“-Chefredakteur Ulf Poschardt sein. Der schrieb von Levits „Twitter-Brigade“ und nannte den mäßig begnadeten Tastenmann auch noch einen „Moral-Darsteller“. – Chapeau!

Boris Reitschuster, sechzehn Jahre lang FOCUS-Mann in Moskau: „Der Entschuldigungsartikel, unterschrieben von „Wolfgang Krach, Judith Wittwer, Chefredaktion“, ist das, was man im Mittelalter als Selbstgeißelung bezeichnet hätte. Fast fühlt man sich schon an die Selbstbeschuldigungen in Stalins Schauprozessen erinnert. Es ist ein Musterbeispiel für die Angst vor der (nicht vorhandenen) eigenen Courage. Und dafür, wie eine renommierte Redaktion Meinungsfreiheit und Vielfalt als Bedrohung wahrnimmt. Kundige Historiker könnten den Brief als Beleg für das Toleranz-Paradox der späten Ära Merkel analysieren: Keine Toleranz gegenüber dem, der der eigenen Meinung widerspricht.“ – Das trifft´s.

Das politische Ergänzungstalent

Igor Levit könnte man wegen seines unermüdlichen Einsatzes gegen die AfD auch als das feinsahnige Fischfilet der klassischen Musik bezeichnen. „Feine Sahne Fischfilet“ ist eine Band, die ebenso wie der Grüne Igor Levit vom juste milieu, Unterabteilung linkspolitische Klasse, über den grünen Klee gelobt wird. Das ist zwar ansich schon schrecklich, aber wenn man den Fischig-Feinsahnigen noch unterstellen müßte, sie würden ausschließlich ihrer „musischen Qualitäten“ wegen hoch geschätzt, dann müsste man dem linkspolitischen juste milieu neben politischer Ignoranz auch noch Kunstbanausentum vorwerfen. Wäre man sozusagen ein „rechter Levit“, dann würde eine solche Kombination jedenfalls ausreichen, den Lesern der „Süddeutschen Zeitung“, dem Außenminister und dem Bundespräsidenten wegen fehlenden Verständnisses für „das Wahre, das Schöne und das Gute“ ihr Menschsein abzusprechen. So etwas tut man aber nicht, weil man ja realiter auch kein rechter Levit ist. Betonung auf „Levit“.

Buch Thor Kunkel - Zum Abschuss freigegeben - Im Fadenkreuz der rotlackierte Nazis
Thor Kunkel – Zum Abschuss freigegeben – Im Fadenkreuz der rotlackierte Nazis – Kopp Verlag 22,99 Euro

Tatsächlich konnte man aber hierzulande in den vergangenen Jahren den Eindruck gewinnen, daß sich die Leerstellen im künstlerischen Talent durchaus durch politkorrekte Stellungnahmen bis zur künstlerischen Genialität aufblasen lassen. Das trifft für die Feinsahnigen so zu wie für Lindenberg und Grönemeyer. Oder, wenn man sich dabei auf den Musikritiker Helmut Mauró berufen will, eben auch auf Igor Levit. Wer schlecht singt und wer schlecht spielt, den Linken als ein Genius gilt, wenn er nur nach links hinschielt. Helmut Mauró hat sich aber davon nicht beeindrucken lassen. Und Mauró ist beileibe kein „Rechter“.

Das Gewese um Helmut Maurós Levit-Kritik dokumentiert aber beispielhaft, wie es um den Geisteszustand in Deutschland wieder einmal bestellt ist. Der ist wirklich zum Fürchten.

Keine Zensur: Folgt uns auf Telegram