Volle Intensivstationen im Ausland: Keine Frage von Corona

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Intensivstation (Symbolbild:Imago/Fotoarena)

Genau wie schon im Frühjahr wird uns – in Ermangelung hiesiger Krisensituationen in den Kliniken – als Abschreckung und drohendes Beispiel die Situation aus dem Ausland genannt, wo vor allem in Spanien und Südfrankreich wieder „die Kliniken volllaufen“, die „Intensivstationen am Rande der Belastungsgrenzen“ stünden, und auch in Italien schon wieder das Gesundheitssystem ins Wanken gerate.

Es handelt sich dabei nicht etwa um neue Realitäten, sondern eine veränderte Wahrnehmung. Denn tatsächlich wird die Pandemie nach inzwischen bewährter Masche mit Zuständen begründet, die es leider schon immer gab und die ganz offensichtlich nicht das Geringste mit Corona zu tun haben. Wer sich die Mühe macht und in den Netzarchiven nach Presseartikeln seriöser Zeitungen aus Spanien, Italien und Frankreich (den von der Krise bislang europaweit am stärksten betroffenen Ländern) aus den Jahren vor Corona forscht, der wird sich verwundert die Augen reiben und instinktiv checken, ob der Zeitstempel der Artikel wirklich stimmt.

Denn Eins zu Eins gleichen die Katastrophenmeldungen darüber, was dort regelmäßigen saisonalen Grippewellen in den dortigen Gesundheitssystemen anrichteten, denen von heute. Bloß dass dies damals kein deutsches Medium berichtenswert fand – weder Triagierungen, noch abgesagte Operationen, noch überfüllte Notaufnahmen beunruhigten hier irgendjemanden.

So schrieb etwa am 12. Januar 2017 die spanische Tageszeitung „El Mundo“:

„Aufgrund der Grippe brechen die Krankenhauseinrichtungen fast des gesamten spanischen Territoriums zusammen. Das spanische Influenza-Überwachungssystem des Carlos III-Instituts in Madrid hat in einem Dokument erklärt, dass in der ersten Januarwoche fast 100 Fälle pro 100.000 Einwohner in Krankenhäusern aufgetreten sind. Bisher wurden in ganz Spanien 209 schwerwiegende Fälle gemeldet, von denen 61 auf der Intensivstation aufgenommen wurden und 19 verstorben sind.“

Dies war damals, vor drei Jahren,  wohlgemerkt das Resultat weniger Wochen – und man vergleiche nur einmal die Zahl der pro 100.000 ins Krankenhaus Eingewiesenen mit den zur Definition hiesiger „Risikogebiete“ heute herangezogenen 50 Fälle pro 100.000 (von denen 0,3 bis 0,5 Prozent ins Krankenhaus müssen).

Alles schon immer dagewesen

Auf dem Höhepunkt der heftigen Grippewelle im Folgejahr (Saison 2017/2018), die alleine in Deutschland 25.-30.000 Tote forderte, kollabierte dann vor allem das italienische Gesundheitssystem fast flächendeckend (und nicht in Bergamo). Der „Corriere della Serra“ schrieb am 10. Januar 2018:

„Die Komplikationen der Grippe, insbesondere die Lungenentzündung, führen zu einer Verschärfung der Krise: 48 Fälle von schwerkranken Patienten mussten von Weihnachten bis heute auf den Intensivstationen der Polikliniken in San Raffaele, San Gerardo di Monza und San Matteo di Pavia, den Referenzkrankenhäusern der Lombardei eingeliefert werden und an die künstliche Beatmung (Ecmo) angehängt werden ersetzt. Die Probleme überschneiden sich: Schwierigkeiten bei der Notaufnahme neuer Patienten, Verschiebung geplanter Operationen, fehlende Kapazitäten zur Reanimierung von Lungenversagen, Engpässe nach Operationen, unbezahlte Sonderschichten für Ärzte und Krankenschwestern, die aus dem Urlaub zurückgerufen wurden. Eine ernste Situation, die Ärzte dazu zwingt, um die Hilfe des Gesundheitsministeriums unter der Leitung von Giulio Gallera zu erflehen…  und die Entscheidung der Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin heftig zu kritisieren, die keine weiteren Mittel für das italienische Ecmo-Netzwerk bereitstellen wollte.“

Und Giuseppe Foti, Chef des San Gerardo-Notfalls in Monza, rechnete in der Zeitung vor:

„Drei Patienten wurden bis zum 22. Dezember, 6 vom 22. bis 31. Dezember, 8 vom 1. Januar bis heute ins Krankenhaus eingeliefert. Das Problem ist extrem ernst. Ab dieser Woche sind wir gezwungen, die Reservierung von Betten auf der Intensivstation für chirurgische Patienten mit geplanten Eingriffen auszusetzen.“ Und Federico Pappalardo, Leiter der Intensivstation bei San Raffaele, gibt zu: „Ab heute werden alle nicht lebenswichtigen dringenden Operationen ausgesetzt.“ Giacomo Grasselli, medizinischer Direktor der Intensivmedizin an der Poliklinik, befindet sich in der gleichen Situation: „Das Risiko, elektive Operationen für Patienten, die eine postoperative Versorgung auf der Intensivstation benötigen, zu verschieben, steht auf der Tagesordnung.“ Giorgio Antonio Iotti, Leiter der Intensivmedizin bei San Matteo di Pavia, schlägt die Hände über dem Kopf zusammen: „Patienten mit schwerer Lungenentzündung und schwerwiegenden Komplikationen durch das Grippevirus belegen inzwischen ein Viertel unserer 21 Intensivbetten. Es wird eng.“

Dies also waren und sind exakt die Situationen, die es dort in jedem Jahr und schon immer gab – doch niemanden hat dies hierzulande je gekümmert vor Corona; mit dem wesentlichen Unterschied sogar, dass es im Frühjahr 2020 als Folge von Sars-CoV2 nur in wenigen, neuralgischen italienischen Kliniken Belastungsspitzen gab – neben Bergamo unter anderem Mailand -, während oftmals bereits in deren Nachbarkreisen die Intensivstationen leerlieben und in ganz Mittel- und Süditalien Corona zu keinem Zeitpunkt ein Problem darstellte, geschweige denn das Virus dort eine Systemüberlastung bedingte.

Keine veränderte Realität, sondern veränderte Wahrnehmung

Anders als in früheren Grippewellen war – als Folge des auch in Italien wie fast überall weltweit ausgerufenen nationalen Pandemie-Notstands -, in Bergamo das Militär zum Abtransport von Toten eingesetzt worden. Es waren vor allem diese Schockbilder, die dann in der Welt (vor allem in den den Köpfen Deutschen) den Eindruck verfestigten, es handele sich hier um eine nie dagewesene, mit nichts vergleichbare Apokalypse. Doch das war ganz offensichtlich definitiv nie der Fall. Man muss nur einen Blick in die Pressearchive werfen.

Auch in Frankreich lässt sich zu Corona nüchtern konstatieren „Im Westen nichts Neues“: Über die – im Vergleich zu der von 2017/2018 dann sogar glimpflich verlaufene – Grippesaison von 2014/2015 schreib „Le Figaro“ am 26. Februar 2015:

„Die Grippe ist dieses Jahr ’schlimm‘: Eine verharmlosende Formulierung, die der schrecklichen Wahrheit nahekommt, geht man nachdem letzten epidemiologischen Bulletin des Institute of Sanitary Watch (INVS). Dessen Epidemiologen teilten jetzt mit, eine erste Hochrechnung seit Anfang Januar zeige eine um 17% höher als erwartet liegende Sterblichkeit (ohne dass bisher eine  Grippeepidemie erklärt wurde), verglichen mit den letzten acht Jahren. Man müsse zwar das Ende der Epidemie und die Konsolidierung der Daten noch abwarten, doch diese Zahl ist mit den Prognosen des INVS konsistent, die eine Sterblichkeitszunahme durch die Grippe für Menschen ab 65 Jahren sahen, und zwar in allen Regionen. Dasselbe gelte für die schwerwiegenden Verlaufsfälle auf den Intensivstationen – neun von zehn Patienten sind Erwachsenene, die Hälfte ist über 65 Jahre alt.“

Interessant ist in diesem Zusammenhang etwa ein Foto, das der „Figaro“ zur Dokumentation der überfüllten Situation in den Notaufnahmen und Stationen zeigte:

Screenshot: Le Figaro

Kommt bekannt vor? Durchaus, aber Corona gab es zu dieser Zeit noch lange nicht… Und an anderer Stelle heißt es in derselben Tageszeitung:

„Jeder Winter hat seine Grippeepidemie. Die vom letzten Jahr war eher milde und kurzlebig (sie dauerte etwa sechs Wochen von Ende Januar bis Ende Februar), und war mit knapp 1 Million Fälle von deutlich geringerer Intensität. Doch die diesjährige Epidemieverspricht viel schlimmer zu werden; es gibt bereits jetzt 2,5 Millionen Fälle. Wenn wir die vom Sentinel-Netzwerk seit mehr als zwanzig Jahren gesammelten Daten heranziehen, betrifft die Grippe (pro Saison) in Frankreich durchschnittlich 2,5 Millionen Patienten, wobei die Extreme zwischen 700.000 (Saison 1990/1991) und 4.620.000 liegen (Saison 1989/1990).“

Panikmodus wie gehabt

Wenn es in der gerade anlaufenden Grippesaison 2020/2021 jetzt zu ganz identischen Engpässen in der Gesundheitsversorgung kommen wird, so wie sie in Frankreich und Südeuropa leider seit langem gang und gäbe sind (denn die saisonale Grippe ist ja nicht aus der Welt!): Dann kann man schon jetzt darauf wetten, dass all dies als historisches Scheckensfanal, als Novum hingestellt wird, und die sich eigentlich schon immer ähnelnden alljährlichen Pressemeldungen, Corona sei Dank, nunmehr zur Aufrechterhaltung eins internationalen Panikmodus herhalten dürfen.

In Deutschland hingegen bewegt sich die Belegung der Intensivbelegung mit Covid-Fällen – und als solche zählen alle Corona-positive Intensivpatienten, auch wenn sie wegen etwas ganz anderem dort liegen – weiterhin im unteren Bereich. Sie stieg von 450 in der 40. Kalenderwoche auf vorgestern kurzzeitig rund 1.000 (zum Vergleich: Ende März waren es 6.049 gewesen). Über 38.000 Betten stehen zur Verfügung, und die Relation zu den Infektionszahlen ist eine völlig andere als im Frühjahr – trotzdem suggeriert die Politik, dass alles „explodiert“, „exponentiell ansteigt“ und bald der nächste Kollaps des Gesundheitssystems drohe – obwohl dieser schon in der ersten Welle nie eintrat. (DM)

 

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