Hessisches Ministerium für Soziales & Integration: 10.000 Euro Preisgeld für „Lesbische Sichtbarkeit“

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Hessischer Staatsminister Kai Klose (Grüne) - Foto: Imago

Aus der Reihe „Meldungen, die man nicht unkommentiert lassen kann“ …

von Max Erdinger

Biebrich – Veronica King aus Kassel erhielt am 14. Oktober im Biebricher Schloss den ersten „Hessischen Preis für Lesbische Sichtbarkeit“. Dotiert ist die Auszeichnung mit 10.000 Euro. Solches berichtet die Pressestelle des hessischen Ministeriums für Soziales & Integration.

Überreicht wurde der Preis vom hessischen Staatsminister Kai Klose (Grüne). Der gebürtige Usinger (46) lebt mit seinem Lebenspartner zusammen in Idstein. In einer denkwürdigen Ansprache anläßlich des hocherfreulichen Ereignisses sagte Klose: „Mit Veronica King hat die Jury eine Preisträgerin ausgewählt, die sich in den vergangenen Jahrzehnten und bis heute in einer Vielzahl von Rollen und Settings für lesbische Sichtbarkeit einsetzt und eingesetzt hat – häufig gegen alle Widerstände. Ihr vielseitiges, langjähriges und in die Zukunft hineinwirkendes Engagement für lesbische Sichtbarkeit macht sie zu einer sehr würdigen Preisträgerin; über ihre Auszeichnung freue ich mich sehr.

Wie die Pressestelle des hessischen Ministeriums für Soziales & Integration voll der Auskunftsfreude weiterhin mitteilt, war Veronica King als schwarze lesbische Frau sichtbar. Als Sozialpädagogin in der Frauen- und Jugendarbeit, im Vereins- und Freizeitsport, in der Verwaltung, bei der Organisation des CSD Kassel, in Theaterprojekten und zahlreichen weiteren ehrenamtlichen Aktivitäten habe sie ihre Erfahrungen geteilt und mit viel Energie daran gearbeitet, Strukturen zu öffnen und weiterzuentwickeln. Dabei habe sie gekonnt lesbischen Aktivismus verknüpft mit der Antirassismusarbeit und der Bildungsarbeit. Im Rahmen von Veranstaltungen zu Themen wie z. B. Body Positivity habe sie zudem Generationen miteinander verbunden und auf diese Weise Freiräume geschaffen für persönliche Entfaltung. Solche famosen Entfaltungsfreiräume seien dabei entstanden, daß die Menschen sich angenommen fühlten, akzeptiert wurden und Schutz vor Diskriminierung erfuhren.

Auch als Mittlerin bewege sich Frau Veronica King stets zwischen den Räumen und wirke durch ihr Engagement aktiv sowohl in die Gesamtgesellschaft als auch in Community-Strukturen hinein. Staatsminister Kai Klose vergaß auch nicht, zu erwähnen, daß Frau Veronica King als sichtbare schwarze Lesbe ein Vorbild für viele junge Menschen gerade in den ländlichen Regionen Nordhessens sei.

Das Nachsehen hatten leider andere Kandidaten für den hessisch-lesbischen Sichtbarkeitspreis, als da in Frage gekommen wären:

Dyke*March Rhein-Main 2019
Kim Engels, Mitbegründerin des frauen museum wiesbaden
Das frauen museum wiesbaden
Yvonne Ford, Veranstalterin von „Lesbischer Herbst“, eine Gesprächs- und Begegnungsmöglichkeit speziell für ältere Lesben und Lesben mit spätem Coming-Out
Das FrauenKulturZentrum Darmstadt
Das Lesbenarchiv Frankfurt
Lesben gegen Rechts, Rhein-Main
Die Lesben Informations- und Beratungsstelle (LIBS) aus Frankfurt
Der Chor „Liederliche Lesben“ aus Frankfurt
Dr. Constance Ohms, Soziologin und Leiterin der Fachberatungsstelle gewaltfreileben
Erika Wild aus Frankfurt, Inhaberin der Bar „La Gata“, die vermutlich älteste Lesben-Bar weltweit (seit 1971)

Zum Abschluß der überaus würdigen Veranstaltung richtete Herr Staatsminister Klose, Kai (46) noch rührende Worte des innigen Dankes an die sichtbar Versammelten, indem er das Folgende sprach: „Ich danke allen, die eine Nominierung eingereicht haben. Damit tragen Sie aktiv dazu bei, lesbisches Leben und lesbischen Aktivismus in Hessen sichtbarer zu machen. Außerdem danke ich ganz besonders allen Personen und Organisationen, die sich, ob nominiert oder nicht, täglich und zum Teil schon seit vielen Jahrzehnten für Akzeptanz, Vielfalt und lesbische Sichtbarkeit einsetzen. Mein Dank gilt darüber hinaus der Jury für ihre wertvolle Arbeit“. Der Preis soll alle zwei Jahre an sichtbare Lesben verliehen werden.

Kommentar:

Sich aktiv einzubringen und sich aktiv sichtbar zu machen, um passiv bei der aktiven Einbringung gesehen zu werden im Lande der schwarz-grünen Koalition, ist eine Kombinationstugend, die vor lauter Preiswürdigkeit nur so strotzt. Anzudenken wäre dennoch, die sichtbare Preisverleihung zu ergänzen durch eine unsichtbare und bargeldlose Preisverleihung für unsichtbare weiße Heterosexuelle, auch wenn das schwierig ist. Im Sinne der sexuellen Orientierungsgerechtigkeit – besonders in den ländlichen Regionen – sollte man aber nichts unversucht lassen, auch den Unsichtbaren ihren Teil an der Teilhabe zukommen zu lassen. Und sei es trotz aller widrigen Widerstände gegen die Unsichtbarkeit zwischen den grün belaubten Bäumen vor den Räumen.

Auch nymphomanische alte Krankenschwestern haben schließlich Generationen verbunden während ihres langen Lebens in der unsichtbaren Heterosexualität. Besonders dann, wenn die Generationen sichtbar verletzt gewesen sind. Das war ganz bestimmt ganz, ganz viel Verbandsmaterial. Nicht zu vergessen wären auch jene unsichtbaren Hetero-Verkehrspolizisten, die hinter den Geschwindigkeitsblitzern die Geldbeutel der Verkehrsteilnehmend*innen strukturell öffnen und auf diese Weise preiswürdige Antirasismusarbeit leisten. Mit ihren Fotos machen sie auch die Unsichtbaren sichtbar.

Alles in allem: Deutschland ist auf einem hervorragenden Weg und Hessen schreitet dabei auch ohne ein „Ministerium für Silly Walks“ voran. Auch wenn das völlig unsichtbar ist. Gerade deshalb müssen wir alle zeitnah unseren gemeinsamen und nachhaltigen Beitrag leisten, um auch den Unsichtbaren den Bruch der Strukturen zur Öffnung zwischen den Räumen zu ermöglichen, auf daß sie sich angenommen fühlen und Schutz vor ihrer sichtbaren Diskriminierung erfahren.

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