Eingesperrt im eigenen Land: Das Corona-Regime nimmt Gestalt an

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Bald überall Realität? Abriegelung von Kreisen und Städten (Foto:Imago/Jelinek)

Die Begriffe passen in dieser Pandemie schon lange nicht mehr zu den tatsächlichen Begebenheiten, doch sie entfalten ihre eigene Realität und lenken den Verstand auf Abwege, von denen es kein Zurück mehr gibt. Unter dem Begriff „Risikogebiet“ hat man sich zu allen Zeiten etwas völlig anderes vorgestellt als das, was heute als solches definiert wird. Aus der inneren Logik dieser Neudefinition heraus folgt dann natürlich auch der Ruf nach „Abriegelung“ – und diese bizarre Debatte nimmt gerade an Fahrt auf.

Weiterhin findet diese Pandemie vor allem in unseren Köpfen statt; selbst das, was als besorgniserregend und erschreckend berichtet wird, ist – bei nüchterner Betrachtung – nichts anderes als eine Variation dessen, was es schon früher gab, in manchen Jahren in sogar weit gravierender Form, allerdings damals ganz ohne angespannte Hyperwachsamkeit, ohne krankhafte Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit. Alles war schon da: An ihre Belastungsgrenzen geratende Intensivstationen in den bisherigen Grippewellen, sogar echte Übersterblichkeit (die es derzeit ja gerade nicht gibt). Die gespenstische Dimension bei Corona schien erst auf als Folge einer medialen Dauerbeschäftigung. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Was die Risikobewertung eines zwar nicht unbedingt harmlosen, aber doch keineswegs ungewöhnlichen Virus anlangt, so haben es mit dem Novum einer globalen Neurose zu tun.

Wer sich derart ins Bockshorn jagen lässt, die fürchtet sich dann zwangsläufig auch fast zu Tode, wenn ihm täglich die „explodierenden“ Zahlen positiv Getesteter serviert werden – aktuell auf über 7.800, vielleicht bald ja sogar auf 10., 20. oder 30.000 täglich wie in Frankreich. Was allerdings, in Anbetracht des immer weiter aufgeblasenen Testvolumens, erstens immer noch nicht apokalyptisch wäre, und zweitens rein gar nichts aussagt, solange die konkreten medizinischen Folgen nicht schlimmer sind als bei jeder bisherigen schweren Grippewelle.

Doch wer die Welt zusammenstürzen sehen will, der glaubt dann auch, dass bei 50 binnen 7 Tagen ermittelten positiv getesteten (überwiegend symptomfreien und kerngesunden) Menschen pro 100.000 Einwohnern von den übrigen 99.950 Menschen eine Lebensgefahr ausgeht – so sehr, dass man diese allesamt von Reisen innerhalb Deutschlands abhalten muss. Und er glaubt, dass wiederum bei nur 49 ermittelten Positiv Getesteten von den dann verbleibenden 99.951 keine solche Gefahr ausgeht, dass man diese weiterhin reisen lassen darf, weil sie ja noch aus keinem „Risikogebiet“ kommen. Ob es bald zugeht wie bei Snake Plissken in der „Klapperschlange“ und den No-Go-Areas bald No-Leave-Areas folgen, hängt alleine von willkürlichsten Testszenarien ab.

0,5-Promillegrenze für „Klapperschlangen“-Szenario

Der einzige Trost bei alldem könnte darin liegen, dass aufgrund der absurd niedrig angesetzten Ampel-Schwellen sowieso bald ganz Deutschland zum einzigen Risikogebiet wird – womit dann auch regionale „Abriegelungen“, wie sie jetzt gefordert werden, keinen Sinn mehr machten. Doch man kann sicher sein, dass dann eben neue, noch niedrigere Grenzwerte erlassen werden (wie sie bereits bereits fürs öffentliche Maskentragen bei 35/100.000 gefunden wurden) – und der Zinnober geht von vorne los.

Die Politik, die diesen statistischen Humbug verzapft hat und auf Basis derartiger Zahlenspiele nicht nur das Existenzrecht von Gastronomen (und womöglich bald wieder der gesamten Volkswirtschaft) aufs Spiel setzt, sondern neuerdings auch die grundgesetzlich garantierte Freizügigkeit einschränken will, droht bei Nichteinhaltung ihrer absurd arbiträren Grenzwerte mit apokalyptischen Szenarien. Und das, obwohl diese nicht einmal in der ersten Welle eingetreten sind – weil selbst die uns aus dem Ausland gezeigten verstörenden punktuellen Bilder aus Bergamo oder Barcelona sich schlichtweg nicht unterschieden von allen vergleichbaren früheren Überlastungssituationen des Gesundheitswesens, bei denen sich um den Tod von Patienten und betroffene Risikogruppen hierzulande kein Mensch scherte, weil sie schlicht keiner auf dem Schirm hatte. Dass sich Corona generell – selbst wenn man es völlig ohne jede Maßnahme grassieren ließe – sich in seiner Mortalität nicht nennenswert von heftigen Influenzawellen früherer Jahre unterscheidet, bestätigte diese Woche sogar die WHO, als sie eine entsprechende Metastudie der Universität Stansted veröffentlichte.

Doch die Wachsamkeit ist einer Besessenheit gewichen, und in einem selbstverstärkenden Prozess wird das Undenkbare vorangetrieben. Allen Ernstes ist in der Politik eine Debatte über eine die Wegsperrung kompletter Landstriche entbrannt – losgetreten ausgerechnet von Lothar Wieler, jenem RKI-Präsident und Tierarzt, der sich in dieser Krise bisher vor allem dadurch hervorgetan hat, dass von seinen im Frühjahr per Tages- bzw. später Wochenbulletin regelmäßig verkündeten Prognosen und Einschätzungen zum weiteren Pandemieverlauf praktisch keine einzige eingetreten ist. Offensichtlich hat diese „Fehlerquote“ weder seiner Vertrauenswürdigkeit noch der seines Instituts irgendeinen Abbruch getan hat.

Längst geplante Schritte?

Dass Bundesregierung und die Länderchefs eine nun eine Abriegelung ganzer Städte und Kreise für möglich halten, scheint gar nicht so überraschend zu kommen. Merkels Mann fürs Grobe, der dienstführende Panikpriester und Kanzeramtsminister Helge Braun, plauderte dazu munter aus dem Nähkästchen: „Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten haben schon vor Monaten festgestellt, dass es als weitestgehende Maßnahme auch Beschränkungen der Mobilität in die besonders betroffenen Gebiete hinein und aus ihnen heraus geben kann„.

Die Aussage lässt vor allem deshalb aufhorchen, weil „vor Monaten„, als die Zahlen fast zum Erliegen gekommen waren, noch gar keine solchen Risikogebiete existierten. Anscheinend lag die Strategie, durch passende Grenzwertfestlegung Deutschland sukzessive landkreisweise lahmzulegen, wenn es schon nicht mehr durch einen einheitlich-nationalen Lockdown passieren soll, schon länger in der Schublade.

Je nach politischer Nuancierung positionieren sich Deutschlands Ökonomen unterschiedlich gegenüber der Wahnsinnsidee einer innerdeutschen, notfalls auch polizeilich oder militärisch durchzuführenden Einpferchung von Corona-Hotspots (die man sich wohl im Stile südafrikanischer Townships zu Apartheid-Zeiten vorstellen muss). Ifo-Präsident Clemens Fuest etwa hält Abriegelungen für das völlig falsche Signal – auch psychologisch, wegen der durch sie vermittelten Krisenverschäfung – und warnt vor „hohen ökonomischen Kosten“ für den Fall einer vollständigen Abschneidung des Personenverkehrs.

Gefährliches Experiment

Noch ablehnender äußert sich DIW-Präsident Marcel Fratzscher, der laut „dts Nachrichtenagentur“ betont, dass der Erfolg jeglicher Corona-Maßnahmen von der Akzeptanz bei den Menschen abhänge. Eine Abriegelung von Hotspots könnte nicht nur ineffektiv, sondern im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv sein, wenn viele Bürger dies nicht akzeptierten und sich deshalb gegen die gesamte Strategie und auch andere Maßnahmen der Politik stellten. Im übrigen zeige das Beispiel Spaniens und Frankreichs, dass härtere Restriktionen auch langfristig nicht zu einer besseren Begrenzung der Infektionswelle führen müssen. Fratzscher spricht daher von einem „gefährlichen Experiment„.

Doch natürlich gibt es auch die regierungsloyalen Stimmen: Dem Ziel einer „aktiven Reiseverhinderung“ kann vor allem der Chef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Gabriel Felbermayr, viel abgewinnen; er sähe hierzulande – passend zum faktischen Einparteienregime in Deutschland – wohl am liebsten rotchinesische Verhältnisse: „Die Abriegelung von Hotspots in Asien und vor allem in China“ habe sich „bewährt„, so Felbermayr ohne jede Chuzpe gegenüber dem „Handelsblatt“.

Zwar handele es sich um eine „deutlich drakonischere Maßnahme als ein Beherbergungsverbot„, doch erfordere die Durchsetzung („auch das zeigt das Beispiel Asien„) eben einen höheren „Ressourceneinsatz, potentiell sogar Polizeieinsatz„. Überhaupt seien „zielgenaue Abriegelungen“ besser als generelle Reisebeschränkungen, weil sie die Anpassungskosten auf die geographischen Räume konzentrierten, in denen das Infektionsgeschehen am stärksten ist, um die Inzidenz zu reduzieren, so der ifW-Chef.

Vorbild, wieder einmal: China

Dies sind wahrlich Töne, wie man sie man im für alle Problemmigranten weiterhin „weltoffenen“, nach innen zunehmend autoritären Deutschland eigentlich nie mehr je hören zu müssen glaubte! Doch auch hier gilt wieder: Corona macht’s möglich und verschiebt alle Maßstäbe. Wer weiß, für welche „bewährten“ politischen Errungenschaften Chinas sich hiesige Systemvertreter bald noch erwärmen können? Vielleicht bald auch für Umerziehungslager, in denen Corona-Leugner bzw. „maßnahmenkritische“, vulgo: staatsfeindliche Elemente untergebracht werden?

Es scheint jedenfalls so, als steuere tatsächlich alles, der inneren Logik der heillos verzerrten Gefahreneinschätzung und dem Gerede von den angebliche „Risikogebiete“ folgend, auf das von Fratzscher befürchtete „gefährliche Experiment“ einer Abriegelung zu. Wie in „The Walking Dead“ wird es dann bald Zonen geben, deren Einwohner pauschal der schlimmstdenkbaren Diskiminierung ausgesetzt werden: Sie sind gefangen im eigenen Land. Und all das, man muss es sich stets vergegenwärtigen, wegen einer Krise, die sich weiterhin nur durch Angst statt Realität, durch Labortests statt Kranke, durch „in Verbindung mit-“ statt „an-“ Verstorbene manifestiert – und durch eine zunehmend dramatisierende, manipulative Wortwahl.

Dass sich dieselbe Bundesregierung, die ja angeblich keine Grenzen schützen kann und/oder will, sich nun bemüßigt fühlt, ganze Städte abzuriegeln, das entbehrt nicht einer gewissen Tragikomik: Dem Totalversagen beim Jeden-Reinlassen folgt nun die Perfektion beim Niemand-mehr-Rauslassen: Dies ist nicht die einzige Parallele zur DDR, deren Zusammenbruch sich gerade zum 31. Mal jährt… und der wir trotzdem „näher sind, als wir es wahrhaben wollen“, um Markus Söder zu zitieren; der meinte damit zwar den nächsten Lockdown – doch letztlich war auch die DDR nichts anderes als ein vierzigjähriger Lockdown. (DM)

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