Von altem Schrot & Korn: Oskar Lafontaine in der NZZ

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Oskar Lafontaine - Foto: Imago

Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine, seit 2005 bei der Linkspartei, verdeutlichte in einem Interview mit der NZZ, welchen Wandel Linke in den vergangenen Jahrzehnten vollzogen haben und warum das für sie selbst kontraproduktiv gewesen ist. Als besonders schädlich identifiziert er die linke Diskursverweigerung und die „Cancel Culture“.

von Max Erdinger

In der „Neuen Züricher Zeitung“ gibt es ein lesenswertes Interview mit dem Ex-SPD-Chef Oskar Lafontaine. Nicht jede seiner Einlassungen ist zustimmungsfähig, aber in ein paar wesentlichen Punkten hat er wohl recht. Lafontaine bleibt dennoch eine schillernde Figur.

Retrospektiv betrachtet war es ein Interview mit dem „Stern“ am 15. Juli 1982, inhaltlich wiederholt in einer Bundestagsrede drei Jahre später, welches ewiges Mißtrauen gegen den „Napoleon von der Saar“ rechtfertigt. In einer Replik auf Altkanzler Helmut Schmidt, der die Rückkehr zu den traditionellen Sekundärtugenden wie Fleiß, Treue, Gehorsam, Disziplin, Pflicht­bewusstsein, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Ordnungsliebe, Höflichkeit, Sauberkeit und andere mehr angemahnt hatte, wußte Lafontaine nichts Besseres zu behaupten, als daß mit solchen Sekundärtugenden auch ein KZ zu führen sei. Ganz in der noch jungen Tradition der ´68er Studentenbewegung beschwor er stattdessen postmaterialistische Werte wie die Menschlichkeit, die Kreativität, die Selbstverwirklichung und die Solidarität.

Was Oskar Lafontaine in seinem aktuellen NZZ-Interview beklagt, ist aber bei Lichte betrachtet Resultat einer Überbetonung jener postmaterialistischen Werte, denen Lafontaine selbst damals das Wort redete. Erschwerend kommt hinzu, daß seine Reduzierung der von Helmut Schmidt eingeforderten Sekundärtugend auf ihre Eignung zum Führen eines KZs entweder dumm oder bösartig gewesen ist. Erste Voraussetzung für die Errichtung solcher Lager ist nämlich nicht das Vorhandensein traditioneller Sekundärtugenden, sondern das Denken in den linkskollektivistischen Kategorien von Klassen und Gruppen. Weswegen solche Lager im 20ten Jahrhundert beileibe nicht nur eine deutsche Spezialität gewesen sind, sondern fast überall vorkamen, wo Linke das Sagen hatten, ganz egal ob rot oder braun. Lediglich die mörderische Effizienz und der eiskalte Bürokratismus, mit denen deutsche Lager betrieben worden sind, könnten mit den deutschen Sekundärtugenden in Verbindung zu bringen sein. Die Existenz von KZs und KZ-ähnlichen Lagern anderswo allerdings geht direkt auf linkes „Denken“ ansich zurück. Solche Lager sind keine deutsche, sondern eine linke Spezialität. Das allerdings würde Oskar Lafontaine vermutlich heute noch mit Vehemenz abstreiten. Insofern wäre Lafontaine auch ein typischer Linker geblieben. Sie alle eint die unschöne Eigenschaft, als wahr lediglich das anzuerkennen, was ihnen im Dienste ihrer generellen Agenda als nützlich erscheint. Das bringt mit sich, daß sie immer nur punktuell richtig liegen können. So ist es auch bei dem gegenständlichen Interview in der NZZ. Punktuell hat Oskar Lafontaine seinen antidemokratischen Genossen nämlich ganz hervorragend die Leviten gelesen.

Wir haben es mit einer Identitätspolitik zu tun, die autoritäre Züge annimmt. Man will anderen vorschreiben, was sie zu sagen haben.„, zitiert ihn die „NZZ“ schon in der Titelzeile, und der Leser murmelt nur leise ein „100 Punkte, Herr Lafontaine“. Das ist nämlich wahr. In Deutschland haben wir es wieder einmal mit einer veritablen Gesinnungsdiktatur zu tun, selbstgerecht und intolerant bis ins Mark.

Die „NZZ“ weiter: „Während jüngere Parteikollegen über geschlechtergerechte Sprache diskutieren, hält der deutsche Linken-Politiker Oskar Lafontaine unbeirrt am Materialismus fest: Löhne, Renten und Sozialleistungen müssten im Zentrum linker Politik stehen. Für seine frühere Partei, die SPD, sieht Lafontaine wenig Hoffnung.“ – Es stimmt, daß linke Politik im Grunde immer Politik von Materialisten für Materialisten ist. Und genau in diesem Rahmen hätte sie auch zu bleiben. Die materialistischen Aspekte im Leben gibt es schließlich. Aus allen anderen sollte sich Politik aber heraushalten. Und selbst bei den materialistischen Aspekten gälte es, die Interessen der eigenen Wählerschaft im Auge zu behalten, anstatt sich erst wählen zu lassen, um hernach von der materialistischen Weltgerechtigkeit zu schwadronieren. Die Welt wählt keine deutschen Linken. Der Anspruch der heutigen deutschen Linken, Merkel inklusive, sozusagen das „globale Weltgewissen“ zu repräsentieren, ist nichts weiter als eine moralismuseitle Verstiegenheit zur wohlfeilen Selbstbespiegelung. Das sozialdemokratistisch tickende Deutschland bemüht sich wieder einmal um die Goldmedaille beim globalen „Schöner-Denken-Wettbewerb“. Ein altes deutsches Leiden, dem noch nie irgendetwas Gutes folgte. Würde sich nicht nur die SPD ihr eigenes Grab schaufeln damit, sondern das gesamtlinke Establishment, müsste man die Linke insgesamt anfeuern, genau diesen Weg zuversichtlich weiterzubeschreiten. Leider ist es aber anders. Lediglich die SPD geht den Bach runter, während das weltmeisterliche Moralistengetue insgesamt eher noch zulegt.

Die „NZZ“: „Herr Lafontaine, auf einer Podiumsdiskussion in München sagten Sie vor zwei Wochen, ein unbegleitetes Flüchtlingskind koste den Staat 5000 Euro im Monat. Einer Sozialrentnerin könnten Sie das nicht erklären. In Ihrer Partei sorgten Sie damit für Empörung, manche forderten gar Ihren Ausschluss. Waren Sie von der Heftigkeit der Reaktionen überrascht?

Lafontaine: „Nein. Wir haben eine Zunahme von Intoleranz und Gehässigkeit. Ich hatte im Rahmen einer Diskussion über die Migrationspolitik der letzten Jahre eine Zahl genannt, die die saarländische Landesregierung in den Jahren 2015 und 2016 ermittelt hat.

Da fragt man sich doch sogleich, warum Lafontaine nicht von selbst aus der Partei austritt, anstatt sich die Forderung nach seinem Parteiausschluß bieten zu lassen. Dasselbe fragt man sich übrigens bei Leuten in der SPD, Bundespräsident Steinmeier z.B., die in ihren Sonntagsreden einerseits ständig die Demokratie und den Respekt vor dem Andersdenkenden beschwören, andererseits aber den Parteiausschluß eines altgedienten Genossen wie Thilo Sarrazin mittragen. Es sind Leute wie Lafontaine und Sarrazin, denen die Zwangsläufigkeit, mit der Linke ein ums andere Mal in den Totalitarismus abgleiten, klargeworden sein müsste.

An einer anderen Stelle des Interviews beklagt Lafontaine, daß viele Ex-SPD-Wähler zur AfD abgewandert seien. Müsste man nicht traurig konstatieren, daß sich die AfD unter Meuthen äußerst kontraproduktiv von einer „Alternative für Deutschland“ wegentwickelt, hin zu einer „bürgerlichen Parteialternative“ innerhalb jenes verkrusteten Systems, zu welchem sie eigentlich die „Von-links-bis-rechts-Alternative für Deutschland“ zu sein hätte, müsste man den beiden Linksdissidenten fast empfehlen, ihren zur AfD abgewanderten Wählern zu folgen.

Die „NZZ“: „Sie bringen Tatsachen zur Sprache, und einige Ihrer Parteikollegen weigern sich, diese zur Kenntnis zu nehmen?

Lafontaine: „Leider ja. Wir haben es heute mit der sogenannten Identitätspolitik zu tun, die autoritäre Züge annimmt. Man will anderen vorschreiben, was sie zu denken und zu sagen haben. Das lehne ich ebenso ab wie die «Cancel Culture», nach der Leute ausgeladen werden müssen, die sich «unkorrekt» ausgedrückt haben.

Na eben. Oskar Lafontaine kann doch angesichts der jungen Generation jener dummdreisten Bildungsverlierer, die heute kenntnisarm, hochpolitisiert und meinungsstark nachrückt, nicht damit rechnen, daß er den unheilsschwangeren Trend kraft seiner Worte in der Partei noch wird aufhalten können? Das wird immer schlimmer werden. Was will er denn noch bei den Linken? Es gälte doch, sich mit dem eigenen, lebenslangen und fundamentalen Irrtum bezüglich des Segensreichtums vom „Linkssein“ zu beschäftigen und auf seine alten Tage endlich klug zu werden.

Die „NZZ“: „Die Haltung, die Sie kritisieren, dürfte in Ihrer Partei weit verbreitet sein.

Lafontaine: „Sie ist leider in vielen linken Parteien auf der Welt verbreitet.

Eben. Es handelt sich um eine linkssystematische Zwangsläufigkeit, derentwegen allein es sich schon abseits aller materialistischen Aspekte linker Politik lohnen würde, dem globalen Linkentum den Garaus zu machen. Der Linke kann nicht existieren, ohne eine gegnerische Gruppe zu identifizieren, gegen die er „kämpfen“ muß. „Kämpfen“ ist das Verb der Wahl für jeden Linken, wo jeder Normalgebliebene vom Argumentieren und vom Debattieren redet. Es ist genau dieses linke „Kampfgeschwalle“, das jedem Normalgebliebenen aufzwingt, sich gegen Linke ebenfalls kämpfenderweise zu wehren. Was will man sonst auch machen gegen Leute, die zwar den argumentativen Austausch verweigern, zugleich aber einen politischen Führungsanspruch für sich reklamieren?

Die „NZZ“: „Steht dahinter ein Generationenkonflikt? Sie argumentieren wie ein klassischer Materialist, jungen Linken geht es dagegen eher um Themen wie die Einführung des Gendersternchens.

Lafontaine: „Ja. Aber ich bleibe dabei, dass es in erster Linie Aufgabe linker Parteien sein muss, die Arbeitnehmer zu vertreten und die ungerechte Verteilung zu bekämpfen.

Ja, schön. Daß Lafontaine dabei bleibt, bringt als Erkenntnisgewinn, daß Lafontaine dabei bleibt. Interessant ist das allerdings nicht für jemanden, der an Lafontaine eher weniger -, an der politischen Entwicklung insgesamt dafür sehr interessiert ist. Auch wenn man Lafontaine heißt, kann man nicht immer nur „A“ sagen, sondern wird irgendwann mal bei „B“ herauskommen müssen. Soll man es für wundervoll halten, in der „NZZ“ erfahren zu haben, welche Entwicklungen Oskar Lafontaine bedauert, oder wäre es nicht wundervoll gewesen, zu erfahren, was er zu tun gedenkt? Was will er also tun? – Keine Antwort.

Und dann das: „Demokratie lebt vom Dialog. Ich halte nichts davon, Diskussionen mit AfD-Politikern zu verweigern. Auch im Bundestag, in den Landtagen und in Talkshows diskutieren wir mit ihnen.

Das ist auch wieder schön gedacht im Rahmen des deutschen Strebens nach dem moralischen Weltmeistertitel. Tatsächlich ist aber der Indikativ nicht angezeigt. Die Demokratie lebt nicht vom Dialog. Sie würde vom Dialog leben. Tatsächlich stirbt sie aber. Und zwar am fehlenden Dialog. Das ist der Punkt, nicht, wovon sie noch leben könnte. Aber schön, daß „wir“ jetzt wissen, wovon Oskar Lafontaine nichts hält. Das steht ihm richtig gut. Daß dieses Interview in der „Neuen Züricher Zeitung“ erschien, spricht übrigens für sich genommen schon Bände. Hans-Georg Maaßen bezeichnete die „NZZ“ nicht umsonst als das neue „Westfernsehen“. In einem bundesdeutschen „Qualitätsmedium“ hätte man sich vermutlich noch nicht einmal mehr für Lafontaines Ansichten interessiert. Das ist der gegenwärtige Stand der Dinge in der Totalitären Republik Merkelstan.

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