Alle reden vom Lockdown – aber keiner will ihn haben?

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Foto: Von Rick Menapace/Shutterstock

Der Herbst steht vor der Tür, oder hat längst angeklopft. Die ganz normale Erkältungs- und Grippewelle hat begonnen und die Politiker drehen am Rad, weil 532 Intensivbetten mit angeblich an Corona erkrankten Patienten belegt sind.

Der nächste Lockdown, der die Gesellschaft und Wirtschaft endgültig niederwalzen wird, ist im vollen Gange und von daher sind solche Aussagen, wie die vom Hardliner Markus Söder schon fast als zynisch zu bewerten:

Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder warnt mal wieder vor der Gefahr, dass das öffentliche Leben in Deutschland wegen der Corona-Pandemie wieder drastisch eingeschränkt werden muss. Wenn Deutschland das Coronavirus nicht ernst nehme und eines Tages wieder „die Krankenhäuser voll sind“, dann helfe „keine Eindämmung mehr und es droht ein neuer Lockdown“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Die Lage werde „langsam gefährlich“.

Söder fügte allerdings immerhin einschränkend hinzu, die Situation sei heute besser als während des Lockdowns im Frühjahr. „Der größte Vorteil heute ist, dass mehr Intensivbetten und mehr Schutzmaterial zur Verfügung stehen. Unser Gesundheitssystem kann heute länger durchhalten, aber nicht endlos lange.“

Jetzt komme es darauf an, „mehr Schutz durch Masken“ zu gewährleisten. Um den zu sichern, müsse das Bußgeld für Maskenverweigerer einheitlich in Deutschland angehoben werden. „50 Euro sind zu wenig“, sagte Söder der FAS. „Es braucht 250 Euro bei einem Verstoß, bei Wiederholungen 500 Euro.“

Außerdem könne es sinnvoll sein, an öffentlichen Plätzen, wo heute noch Partys unter offenem Himmel gefeiert würden, „auch im Freien eine Maskenpflicht einzuführen“.

Nur darum geht es Söder: Dass nämlich abkassiert wird ohne Ende, renitente Bürger bestraft werden und viel, ja sehr viel Geld in die Taschen Weniger fließen kann.

Durchschaubar, böse und fast menschenfeindlich, denn Masken schützen nicht und dass Abstandhalten wirkungsvoll ist, muss man auch bezweifeln. Im Sommer gab es nach den Groß-Demos nur wenig „neu Infizierte“. Oder steckt man sich nur auf Partys an und nicht auf Demos?

Auch Sachsens Ministerpräsident, Michael Kretschmer (CDU), hat die jüngste Verschärfung der Corona-Maßnahmen verteidigt. „Wir brauchen jetzt gewisse Instrumente, um der Lage Herr zu werden. Wir wollen unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Leben weitgehend erhalten, aber wir müssen uns auch gegenseitig schützen“, sagte Kretschmer der „Welt am Sonntag“.

Er habe es zu Beginn des Jahres für unverantwortlich gehalten, „dass Flüge von China nach Europa möglich waren, obwohl wir wussten, was sich in der Provinz Wuhan abspielt“. Daraus habe man gelernt. „Es würde in dieser Lage keinen Sinn machen, wenn jetzt alle wild durcheinander durchs Land fahren“, so Kretschmer.

Es mache ihm Sorgen, so Kretschmer, „wie leichtfertig sich vor allem junge Erwachsene in der Pandemie verhalten“. Das Infektionsgeschehen werde so auch in Schulen und Altersheime hineingetragen. „Deswegen müssen wir gerade an die jüngere Generation appellieren: Haltet Abstand, tragt Masken, wascht Euch die Hände.“

Junge Leute feierten gern. „Aber jetzt sind nicht volle Partys gefragt, sondern Vorsichtsmaßnahmen – und Kontrolle. Im Sommer haben wir alle Luft geholt“, sagte Kretschmer der „Welt am Sonntag“.

Man habe aber gewusst, dass der Herbst und Winter noch einmal schwierig werden können. „Das erleben wir jetzt gerade.“ Der Anstieg müsse beherrschbar bleiben. „Wir wollen keinen neuen Lockdown. Den können wir nur verhindern, wenn die Nachverfolgbarkeit gewährleistet bleibt“, so Kretschmer. Man brauche wieder mehr Disziplin. Die wegen des starken Infektionsgeschehens in der Hauptstadt von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) geübte Kritik am Berliner Senat hält Kretschmer für nicht gerechtfertigt: „Ich finde dieses Berlin-Bashing überzogen. Wer jetzt in der Coronakrise auf andere zeigt, sollte sich klarmachen, dass schnell vier Finger zurück zeigen könnten.“ Berlin sei dennoch im Besonderen gefordert. Es wirke „schon befremdlich, wenn etwa der Bezirk Kreuzberg-Friedrichshain die Hilfe der Bundeswehr bei der Nachverfolgung von Infektionsketten ablehnt“.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat ebenfalls angesichts steigender Corona-Infektionszahlen die Menschen zum Party-Verzicht aufgerufen. „Ich erwarte von den Bürgern, dass sie aus Verantwortungsbewusstsein nicht mehr alles machen, was sie noch dürfen“, sagte Kretschmann der „Bild am Sonntag“. Und weiter: „Man muss gerade keine Party bei sich zu Hause oder in der Gaststätte feiern.“

In Baden-Württemberg gibt es mit Stuttgart und Esslingen aktuell zwei Risikogebiete mit mehr als 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohnern in sieben Tagen. „Ich kann ja verstehen, dass die Jungen gern feiern würden. Doch sie müssen jetzt solidarisch mit den Alten sein, so wie die Alten beim Kampf gegen den Klimawandel solidarisch mit den Jungen sein müssen“, so Kretschmann.

Einen erneuten Lockdown könne sich das Land nicht leisten: „In Schulen, Kindergärten, Universitäten und in der Wirtschaft darf es diese drastischen Maßnahmen nicht mehr geben. Deshalb ziehen wir die Schrauben an anderer Stelle an.“ Partys müsse man nicht feiern, arbeiten und lernen schon.

„Die Menschen müssen sich im Freizeitbereich auf Einschränkungen einstellen.“

Als ob es diese Einschränkungen nicht schon lange gäbe. Oder werden Masken bereits nicht mehr als Einschränkungen verstanden? Sind wir wirklich schon so weit?

Verständlicherweise wütend sind die vom neuen Lockdown am meisten Betroffenen:

Die Hauptgeschäftsführerin des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga), Ingrid Hartges, hat die kürzlich beschlossenen Beherbergungsverbote für Reisende aus Risikogebieten ohne negativen Corona-Test scharf kritisiert. „Es ist eine Katastrophe, was wir wahrnehmen. Es hagelt Stornierungen, und es ist natürlich unglaublich bitter, dass das jetzt pünktlich zur Herbstsaison kommt und auch sehr unkoordiniert und in vielen Bundesländern über Nacht“, sagte sie am Samstag dem Deutschlandfunk.

Es stehe völlig außer Frage, dass man das Infektionsgeschehen beherrschen und im Interesse der Gesundheit der Bevölkerung handeln müsse, aber eben auch im Interesse der Wirtschaft. „Dieser Balanceakt, da habe ich erhebliche Zweifel, ob der diese Woche gelungen ist“, so Hartges. Es stellten sich schon Fragen, ob das Beherbergungsverbot auch ohne Vorlauf in dieser Geschwindigkeit wirklich verhältnismäßig ist.

Man sei jetzt in der Situation, „dass wir doch viele größere Risikogebiete haben, dass es für die Gäste auch gar nicht möglich ist, sich in der Kurzfristigkeit einen Negativtest zu besorgen“, so die Dehoga-Hauptgeschäftsführerin. „Weil es nachvollziehbar ist, sind erst mal Menschen aus dem Gesundheitswesen und Bildungswesen bevorrechtigt, sich testen lassen zu dürfen.“

Der Herbsturlaub ist auf jeden Fall schon mal versaut und der Ski-Urlaub im Winter garantiert auch. Jetzt heißt es nur noch: Arbeiten, Maske tragen zu Hause hocken. Das sind die neuen Freuden der Untertanen. (Mit Material von dts)

 

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