Gefangen im Corona-Senioren-Knast: 95-Jährige verhungert lieber als weiter isoliert zu sein

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Symbolfoto:Von Tyler Olson/shutterstock

Ihre Tage waren erfüllt mit Routine: Restaurantbesuche, Bingo und Karten spielen, tägliche Spaziergänge und jedes Wochenende traf sie ihre Tochter, Familie und Freunde. Am 13. März war damit Schluß. Gouverneur Ron DeSantis und die Gesundheitsbehörde verboten Besuche in Pflegeheimen und Einrichtungen für betreutes Wohnen, um die Ausbreitung von COVID-19 zu verhindern. Obwohl die Anordnung es den Häusern erlaubte, Ausnahmen für bestimmte Familienmitglieder zu machen, um ihre Verwandten zu besuchen, widersetzten sich die meisten Häuser, einschließlich Rosecastle und zwangen ihre Bewohner in die Isolation.

Es folgten Monate der Einsamkeit für Rita und andere nun entmündigte „Schutzbedürftige“. Die Sicherheit der besonders gefährdeten Alten habe für ihn „oberste Priorität“ verkündete Floridas Gouverneur, wie viele andere verantwortliche Politiker weltweit.

Doch für Rita brach die Welt zunehmend zusammen: „Ich verstehe das einfach nicht. Warum tun sie uns das an? „, fragte sie ihre zweite Tochter Nan. Anstatt gemeinsam zu speisen, wurden den Bewohnern von Rosecastle drei Mahlzeiten am Tag allein in ihren Zimmern serviert. Rita verlor in sechs Monaten so viel Gewicht, dass sie von einer mittleren bei einer extra kleinen Kleidergröße landete.

Die Einsamkeit führte bei Rita Thomas zunehmend zu Verwirrung und Paranoia. Sie durfte zwar nach draußen gehen, aber sie vergaß, wie sie wieder hineinkommen sollte. Sie verlor ihr Hörgerät (das ihre Töchter nach ihrem Tod in einem Schrank in ihrem Zimmer finden würden). Sie erzählte ihren Töchtern, dass es schwer sei, die Mitarbeiter zu verstehen, weil alle eine Maske trugen. Sie vergaß, wie sie ihren Fernseher ein- oder ausschalten konnte.

„Wir wussten nur, dass sie unglücklich war“, sagte Nan Thomas. „Sie konnte nicht mehr an ihr Fenster gehen, um die Jalousien zu öffnen, und in den letzten Monaten war sie zu verwirrt, um zu wissen, wie sie ans Telefon gehen sollte“, erklärt ihre Tochter gegenüber dem Miami Herald. Obwohl die Heimleitung versuchte ihre Insassen mit kleinen Veranstaltungen wie Haare stylen durch das Pflegepersonal und Fake-Tattoo-Dienstagen bei Laune zu halten, war das für Rita kein Ersatz für den physischen Kontakt zu ihren Angehörigen. Die alte Dame wurde immer ängstlicher, verwirrter und verfiel zusehends.

In Telefonaten, die sei mehrmals täglich mit ihren Töchtern führte hatte sie nur eine Frage: „Wann hört das endlich auf? Wann kommst du mich besuchen?“. Am Ende sah sie nur einen Ausweg: „Ich halte das nicht mehr aus. Ich habe aufgehört zu essen“, teilte sie ihren Töchtern im August mit. Wochen später wurde ihre Mutter wegen Komplikationen aufgrund von Unterernährung ins Krankenhaus eingeliefert. Ihre Töchter holten ihre verhungernde Mutter nach Hause. Rita Thomas starb am 18. September in einem Krankenhausbett im Wohnzimmer ihrer Tochter. Auf ihrem Totenschein steht „“failure to thrive,“ eine Diagnose, die auf eine unzureichende Gewichtszunahme oder einen unangemessenen Gewichtsverlust bei pädiatrischen Patienten hinweist.

Rita Thomas ist offensichtlich kein Einzelschicksal. Obwohl es bisher nur wenige Daten über die psychischen Auswirkungen der Isolation in Langzeitpflegeeinrichtungen in den USA, gibt, ist für medizinische Experten klar, dass eine längere Isolation zu Gedächtnisverlust, kognitiven Problemen, Depressionen und Selbstmordgedanken bei älteren Erwachsenen führt.

„Diese Isolation wird in den Einrichtungen genauso zu einer Pandemie wie COVID“, so Brian Lee, Direktor von Families for Better Care, einer Interessenvertretung für Altenpflege.

Ähnlich sieht das die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. Die Organisation erhebt in einem Bericht laut MailOnline schwere Vorwürfe gegen die britische Regierung: Maßnahmen der Regierung auf die Coronavirus-Pandemie verletzten die grundlegenden Menschenrechte schutzbedürftiger älterer Menschen in Pflege, so der Bericht von Amnesty. Das Geschehen sei „unmenschlich, erniedrigend und unerklärlich“, so die Organisation.

Eine Untersuchung von Amnesty ergab, dass die Entscheidung, das Gesundheitssystem vor dem Zusammenbruch zu bewahren, zu dem „unerklärlichen“ Schritt geführt hat, älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen die Krankenhausbehandlung zu verweigern.

Viele der Bewohner seien ohne angemessene medizinische Versorgung geblieben und gestorben, obwohl die örtlichen Krankenhäuser „Hunderte“ leere Betten hatten.

Zum Beispiel sei ein Pflegemanager abgewiesen worden, der einen schwerkranken Bewohner in ein Krankenhaus bringen wollte: „Der ist sowieso am Ende seines Lebens, also werden wir keinen Krankenwagen schicken“, habe er zur Antwort bekommen.

Vom 2. März bis 12. Juni wurden in Pflegeheimen in Großbritannien mehr als 28.000 Todesfälle verzeichnet, wobei 18.562 oder 40 Prozent Covid-19 zugeschrieben wurden, eine Zahl, die durch mangelnde Testkapazitäten möglicherweise höher liegen soll. Fortgesetzte Beschränkungen, die zu einem Verbot oder einer Einschränkung der Besuche von Angehörigen führen, haben weiteres Leiden verursacht und gegen das Völkerrecht verstoßen, erklärt Amnesty, das nun eine unabhängige öffentliche Untersuchung des Geschehens fordert. (MS)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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