Die Rede zum Tag der deutschen Zwietracht

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Reichstagsgebäude in Berlin - Foto: Imago

Es ist wieder so weit: 3. Oktober. Tag der „deutschen Einheit“. Zeit, eine satirische Rede zu halten.

von Max Erdinger

Liebe Landsleutinnen und Landsleute, liebe Mitmenschinnen und Mitmenschen jedweden Geschlechts,

am heutigen Tage jährt es sich zum dreißigsten Male, daß sich unser fabelhaftes Vater … äh … Mutterland wiedervereinigt hat. Am 3. Oktober 1990 wurde die Deutsche Demokratische Republik einer anderen demokratischen Republik einverleibt, nämlich unserer wundervollen Bunten Republik Deutschland. Seither jagen wir von einem solidarischen Erfolg … äh … von einer solidarischen Erfolglosigkeit zur nächsten.

Was heißt Wiedervereinigung? Wiedervereinigung, meine lieben Thüringerinnen und Thüringer, liebe Bayerinnen und Bayern und alle anderen Deutschinnen und Deutschen, bedeutet, daß die westdeutschen Kommunistinnen und Kommunisten der ´68er Generation, die sogenannten Salonbolschewistinnen und Salonbolschewisten, nicht länger mehr von ihren Hardcore-Gesinnungsgenossinnen und Gesinnungsgenossen in der DDR getrennt gehalten werden, sondern daß sie gemeinsam das Land ruinieren. Gemeinsamkeit ist etwas sehr schönes. Deswegen ist „gemeinsam“ auch eine der neuen deutschen Lieblingsvokabeln geworden. Gemeinsam ruiniert sich alles viel menschlicher, als einsam. Man nennt es gelebte Solidarität.

Erinnern wir uns einfach an die Jahre des Kalten Krieges, in denen die Solidarität in den alten Bundesländern gänzlich unbekannt gewesen ist, jedenfalls solange, wie man die Westpakete für die Solidarischen in der DDR ausklammert. Richtig solidarisch waren damals nur die Ostdeutschen. Sie ganz alleine sorgten dafür, daß die Grenze zwischen den solidarischen und den unsolidarischen Gebieten Deutschlands streng bewacht wurde. Wer vor der Solidarität flüchten wollte, der wurde erschossen. Heute sind wir dank der Wiederverenigung auf dem Weg zur wahrhaft solidarischen, richtig menschlichen Gesellschaft ein großes Stück weitergekommen. Wo die ehemalige Grenze zwischen den solidarischen und den unsolidarischen Gebieten unseres Mutterlandes aus musealen Gründen noch als Fragment erhalten ist, im fränkischen Mödlareuth etwa, können wir uns den Vorwärts-immer-rückwärts-nimmer-Fortschritt vergegenwärtigen. Die Grenze ist nicht nur physisch sondern auch mental überflüssig geworden. Heute regiert die Solidarität im gesamten Mutterland. Wie wurde dieser sagenhafte Fortschritt erreicht? Das Zauberwort heißt „Antidiskriminierung“, meine lieben Feierndinnen und Feiernden.

Blicken wir genauer zurück. Als wir im Jahre 1990 vor der Frage standen, ob wir die politische Klasse der Deutschen Demokratischen Republik diskriminieren wollen oder nicht, entschieden wir uns lediglich für eine symbolische Diskriminierung, indem wir die Spitzen des DDR-Staates absäbelten und einigen von ihnen den Prozess machten. Das war ein bißchen schofel, weil es sich dabei um dieselben Leute handelte, die zuvor mit großem Eifer die Solidarität per Schießbefehl durchgesetzt hatten. Was die Ebenen unterhalb der politischen Spitzen anging, entschieden wir uns für die Antidiskriminierung. Wir verfügten, daß es unschicklich sei, die kleinen Lichter aus dem Apparat der DDR als verbohrte Volltrottel zu diskriminieren und verliehen ihnen das Recht auf die löbliche Teilhabe am demokratischen Gemeinwesen der Unsolidarischen. Das ist eine sehr segensreiche Entscheidung gewesen, weil die kleinen Lichter recht umtriebig daran gearbeitet haben, zu ganz großen Leuchten zu werden. Das wiedervereinigte Deutschland, unser heiß geliebtes Mutterland in Europa, meine sehr verehrten Damen und Herrinnen, erstrahlt heute im Lichte der Solidarität und im Glanze des allgegenwärtigen Antifaschismus. Eine wahrhaft menschliche Gesellschaft ist entstanden, in der alle Menschen, ganz egal woher sie kommen, solidarisch und antifaschistisch gegen diejenigen zusammenstehen, die behaupten, der Schießbefehl an der ehemaligen innerdeutschen Grenze hätte dankenswerterweise immerhin dafür gesorgt, daß sich unsere heute innigst verehrte Frau Bundeskanzlerin nicht aus den solidarischen und antifaschistischen Gebieten zu fliehen getraut habe. Ein übler Defätist, wer behauptet, sie hätte ja auch gar nicht fliehen wollen, weil sie alles in allem recht zufrieden gewesen sei mit der Solidarität in der Deutschen Demokratischen Republik. Das stimmt so nicht. Das heißt, daß es irgendwie schon stimmt. Defätistisch ist es trotzdem. Fragen Sie mich nicht, warum.

Zugegebenermaßen ist es so, daß mit der Wiedervereinigung die Hymne der alten Bunten Republik etwas seltsam geworden ist. „Einigkeit und Recht und Freiheit“ heißt es dort. Und „Vaterland“ heißt es außerdem. Das sind vier Hauptwörter in der gesungenen Forderung für das deutsche Mutterland, die mit dem Einzug der Solidarität und der Menschlichkeit in den unsolidarischen Gebieten eine neue Bedeutung erhalten haben. Wer behauptet, Wörter hätten immer dieselbe Bedeutung, ist ein Ewiggestriger. Einigkeit heißt nicht automatisch, daß sich alle einig sind. Wenn sich die vormaligen Salonbolschewisten aus den unsolidarischen Gebieten und die Hardcore-Kommunisten aus den solidarischen Gebieten einig sind, dann ist das auch schon Einigkeit. Diejenige Teilmenge der „die Menschen“, welcher das nicht Einigkeit genug ist, besteht aus notorischen Querulanten, denen es der Soldarischste und die Solidarischste unter den Solidaritätsführern nicht recht machen können. Weswegen sie solidarisch zensiert – und mit üblen Schimpfwörtern belegt werden müssen zu ihrer Läuterung. Das ist zwar nicht schön, aber menschlich. Und eine menschliche Gesellschaft sind wir geworden nach der Wiedervereinigung. Also noch nicht ganz, weil uns noch ein paar Afrikaner und Araber fehlen bis zur Entfaltung der vollen Menschlichkeit in der Solidarität. Aber immerhin sind wir auf dem besten Weg. Das ist ja auch schon ein schöner Erfolg, vor allem deswegen, weil wir „mehr Menschlichkeit“ weiterhin als Ziel verfolgen können und so der ganzen Welt ein Vorbild sind. Wer behauptet, die Welt lache bereits über uns, ist ein Faschist. Faschisten sind keine Menschen. Und unsolidarisch sind sie außerdem.

Das mit dem „Recht“ ist ohnehin ein historischer deutscher Irrtum, weil sogar im wiedervereinigten Deutschland das Gesetz über dem Recht steht. Wenn das Recht flöten geht, muß dennoch kein Solidarischer Trübsal blasen. Weil er ja das Gesetz hat. Das Gesetz ist immer näher an der deutschen Mentalität, als das Recht. Und der hymnische Schnack von der Freiheit erledigt sich auf diese Weise sowieso von selbst, weil die geliebten Gesetze im wiedervereinigten Deutschland ohnehin mit Leichtigkeit jede Freiheit gleichwertig ersetzen. Fragen Sie einen x-beliebigen Beamten bei der Bauaufsichtsbehörde. Der wird Ihnen das bestätigen. Im Zuge unseres ewigen Vorwärts-immer-rückwärts-nimmer-Fortschritts, welchen die Vorsehung für uns und unsere kommunistischen Bruderstaaten … äh … Schwesterstaaten reserviert hat, müssen wir deshalb – wir müssen überhaupt sehr viel und wir dürfen auch recht wenig – über eine Änderung der deutschen Nationalhymne nachdenken. Gemeinsam. „Zwietracht per Gesetz und Unfreiheit“ wäre eine passende Hymnenzeile.

Alles in allem aber können wir allein schon wegen der synergetischen Effekte unserer Wiedervereinigung voll zufrieden sein. Mussten sich die westlichen Unsolidarischen vor 1990 noch mit einem Verfassungsschutz begnügen, so dürfen sie heute stolz darauf verweisen, daß es ihre solidarische Schwester im Bundeskanzleramt fertig gebracht hat, den unsolidarischen Verfassungsschutz von anno dunnemals der solidarischen Effizienz des vormaligen Ministeriums für Staatssicherheit in der DDR anzugleichen, ohne ihn deswegen gleich umzubenennen. Auch die „Aktuelle Kamera“ erstrahlt wieder im alten Glanz, obwohl sie immer noch „Tagesschau“ heißt. Im wiedervereinigten Deutschland ist die Programmdirektorin der ARD zugleich auch Tochter des Volkskammerpräsidenten und Ehefrau eines Innenministers der Bezirke. Die Wiedervereinigung war also auch die segensreiche Wiedervereinigung von unsolidarischen Amtsbezeichnungen mit solidarischen Sachverhalten. Tatsächlich nennt sich der Volkskammerpräsident nämlich noch immer Bundestagspräsident. Die ganze Bunte Republik gleicht zunehmend jener verschwundenen DDR, wenn man nur die heute zahlreich teilhabenden Afrikaner und Araber ausblendet, welche jene Bereicherung darstellen, die der DDR damals zum Wohlstand fehlte, so daß man sagen kann, hier wuchsen Untertan und Geist zu einer Einheit zusammen, die wirklich zusammengehört. Den Untertanengeist gibt es heute flächendeckend im gesamten wiedervereinigten Deutschland. Wie das mit dem Dauergerede der Alt-´68er von der Befreiung, der Emanzipation und der individuellen Freiheit zusammenpaßt, muß man sich eben von den solidarisch geschulten Altkadern aus der Ex-DDR erklären lassen. Weil die Alt-´68er und ihre Nachkommen schnell verschnupft sind, wenn man ihnen mit solchen Fragen kommt. Für Freiheitsfragen ist heute „Die Linke“ zuständig. Das ist gut so, weil schon die SED die Fackel der Freiheit höher gehalten hat, als jene mickrige Statue in New York. Es ist ja auch nicht so, daß Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wirklich von irgendetwas „befreit“ worden wäre. Dazu hätte man das deutsche Volk des Landes verweisen müssen. Erst dann wäre das Land wirklich befreit gewesen. Es war ja nicht so, daß große Teile des Volkes mit denen, aus deren Knechtschaft sie befreit worden sind, nicht einverstanden gewesen wären. Das ist nicht wesentlich anders als heute. Wir Deutschen haben uns selbst am liebsten, wenn wir uns als die Opfer von bösen Mächten begreifen dürfen. Irgendwo hätte man die des befreiten Landes verwiesenen Deutschen aber unterbringen müssen nach dem Krieg, was zwingend bedeutet, daß dann andere Länder unter dem deutschen Unfreiheitswillen zu leiden gehabt hätten. Und das gleich nach dem Krieg. So wären wir aber nie derartig beliebt geworden, wie wir heute bei all jenen sind, die lauthals über uns lachen und sich freuen, daß wir in unserem wiedervereinigten Land leben. Jedenfalls noch so lange, wie es unseres ist. Der Frohsinn ist ein Meister aus Deutschland, wie ein Überlebender der Nazigräuel einmal treffsicher bemerkte.

Sehen Sie sich einfach um unter den „die Menschen“ in Ihrer Umgebung am Tage der deutschen Einheit. Alle sind fröhlich und lachen. Na gut, – daß man es hinter den Alltagsmasken in ihren demokratistischen Untertanenvisagen nicht erkennen kann, ändert nichts. Man hätte es auch ohne Masken nicht erkannt. Aber glauben Sie mir: Es ist so. Frohsinn und Lebensfreude, soweit das Auge reicht. Wegen der Wiedervereinigung, hauptsächlich. Niemand muß mehr unter den Auswüchsen unkontrollierter Presse-, Meinungs- und Redefreiheit leiden, keiner darf mehr beleidigt oder gemobbt werden und alle haben sich recht von Herzen lieb. Offiziell jedenfalls. Ohne unsere Schwester aus der Zone wäre der unsolidarische und notorisch faschistische Teil unseres Landes noch heute stark von der Meinungsfreiheit in seinem Wohlbefinden beeinträchtigt. Ein übler Demagoge ist, wer behauptet, unser wiedervereinigtes Mutterland sei zu einer veritablen Gesinnungsdiktatur verkommen. Nur, weil die führenden Zonendödel unterhalb der Spitzenebene von damals im kommunistischen Moralisieren besser gewesen sind, als im freiheitlichen Denken und Wirtschaften, heißt das ja nicht, daß die geistige Fortentwicklung im Zuge der deutschen Wiedervereinigung eine rote Einbahnstraße gewesen sein muß. Wer so denkt, der denkt eindeutig zu kurz. Das wiedervereinigte Deutschland ist eben auch ein Neues Deutschland.

Darum lassen Sie uns nun das Glas erheben und unserer geliebten Staatsratsvorsitzenden zu den anrührenden Klängen von Mick Jaggers Hymne „Angie“ voller Dankbarkeit zuprosten.

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