Virus & Aberglaube: „Versicherheitlichung“ – eine Betrachtung zu den modernen Hexenjagden

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Hexenfeuer am 27.04.2019 im Erlauer Ortsteil Beerwalde. - Foto: Imago

Ein Lehrstuhlinhaber für die Geschichte der Frühen Neuzeit fand erstaunliche Parallelen zwischen den Hexenverfolgungen des 15. Jahrhunderts und dem Coronawahnsinn der Gegenwart. Der ganze Fortschritt, die Aufklärung und die progressive „menschliche Gesellschaft“ – nichts als Einbildung?

von Max Erdinger

Horst Carl ist ein gebildeter Mann. Seit Oktober 2001 hat er den Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit am Historischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Seine Doktorarbeit lieferte er 1989 zur Besatzungsgeschichte im Siebenjährigen Krieg ab. Im Jahre 1998 erfolgte seine Habilitation in Tübingen mit einer Studie zum Schwäbischen Bund. Carls Forschungsschwerpunkte sind die Kultur-und Verfassungsgeschichte des Alten Reiches, der Landfrieden in der Frühen Neuzeit, die frühneuzeitlichen Söldner als Gewaltgemeinschaften sowie Medienereignisse in der Frühen Neuzeit. Seit 2018 ist Horst Carl Sprecher des Sonderforschungsbereiches 138 „Dynamiken der Sicherheit“ an den Universitäten Gießen und Marburg. Wenn ein solcher Mann Parallelen zwischen den Hexenverfolgungen im 15. Jahrhundert und der gegenwärtigen Virenhysterie entdeckt, lohnt es sich, besonders interessiert aufzumerken.

Der Historiker prägte einen wundervollen Begriff, um die erstaunlichen Parallelen zwischen damals und heute in einem Wort zusammenzufassen. Er spricht von der „Versicherheitlichung“. Sein Beitrag in der Reihe „Sicherheit in der Krise“ erschien auf der Seite „Soziopolis„.

Die Analogie zu Pandemien, insbesondere zur Pest, zogen schon die intellektuellen Vordenker der Hexenverfolgung, mit dem Ziel, die Exzeptionalität der Bedrohung durch die Hexen zu betonen und die außerordentlichen Maßnahmen zu deren Bekämpfung zu legitimieren. Die Parallelisierung war folglich Teil der Versicherheitlichung des Hexereiwesens.„, schreibt Horst Carl, vermutlich, weil er nicht gleich zu Beginn schon mit dem Coronavirus zur Tür hereinfallen will. Den Hexenverfolgungen damals wurde ein prozessualer Charakter übergestülpt, hinter welchem die glaubensgetriebenen Initiatoren des Hexenschnacks, Kleriker – genauer: „Dämonologen“ – im allgemeinen, unschuldig zurücktreten konnten. Es handelte sich um eine Art Arbeitsteilung zwischen Kirche und Staat. Die Verantwortung für die barbarische Folter und die Hinrichtung von Hexen und Zauberern übernahm die weltliche Gerichtsbarkeit.

Eins zu eins übertragbar

Es ist erstaunlich, daß man nur ein paar Substantive in Carls Text gegen andere austauschen muß, um seine Beschreibung der frühneuzeitlichen Zustände während der Hexenverfolgungen in einen aktuellen Bericht zur „Pandemie“ zu verwandeln. Im folgenden einige Schlüsselsätze.

Die von den Akteuren der Hexenverfolgung selbst gezogenen Parallelen zu pandemischen Ereignissen verdeutlichen die Logik der Bedrohungskommunikation und die Dynamiken der Sicherheit in einer frühneuzeitlichen Phase der Angst.“ – Gegenwart: Die von den Aktieninhabern der Pharmaindustrie (Bill Gates) selbst gezogenen Parallelen zu pandemischen Ereignissen verdeutlichen die Logik und die Dynamiken der Sicherheit in der gegenwärtigen Phase der Angst.

Die semantische Verknüpfung von Seuche, Pest und Ansteckung diente dazu, die besondere Bedrohung der christlichen Gemeinschaft durch die Hexen zu betonen.“ – Gegenwart: Die semantische Verknüpfung von Seuche, Covid-19 und Infektion dient dazu, die besondere Bedrohung der zivilreligiösen Gemeinschaft durch die Coronaleugner zu betonen.

Die positive Identifizierung eines Individuums löste die Bedrohungslage jedoch nicht auf, musste man doch auch versuchen, weitere mögliche Überträger ausfindig zu machen. Es galt also herauszubekommen, mit wem die angeklagte Hexe noch in Kontakt gestanden hatte, wo es zu ihrer Infektion gekommen war und ob noch andere Verdächtige in ihrem Umkreis festgestellt und womöglich ebenfalls verurteilt werden mussten. “ – Gegenwart: Tracking-App.

Angesichts der exzeptionellen Bedrohung entwickelten sie Ausnahmeverfahren, die bestehende Regularien außer Kraft setzten.“ – Gegenwart: „Corona-Schutzmaßnahmen“, Suspendierung bürgerlicher Grundrechte.

Der Ort der Begegnung (und somit der Ansteckung) stand fest, er war Teil des von den Dämonologen entworfenen phobischen Konstrukts: Beim sogenannten Hexensabbat verpflichteten sich die Hexen dem Teufel.“ – Gegenwart: Der heutige Hexensabbat ist die Großdemo gegen die „Corona-Schutzmaßnahmen“ der Regierung. Dort verpflichten sich die Teilnehmer dem Widerstandsteufel.

Das (Hexen -, Anm.d.Verf.) Virus beziehungsweise seine Träger und Verbreiter mussten im Sinne einer Reinigung der Gesellschaft rücksichtslos ausgerottet werden.“ – Gegenwart: Die geistig erwachsen Gebliebenen in der infantilisierten Gesellschaft müssen rücksichtslos drangsaliert und mit Bußgeldern belegt werden, auf daß ihr Widerstand ausgerottet werde.

Obwohl eine pandemische Semantik Teil des Hexendiskurses war, konnte die Medizin hierbei nicht reüssieren – nicht zuletzt, weil aus ihrem Kreis die bekanntesten Kritiker des Hexenwahns kamen. Die Theorie – das Dogma – entstammte größtenteils der theologischen Zunft, denn die Bedrohung betraf schließlich neben den physischen Schäden durch Hexenzauber auch – oder vor allem – das Seelenheil.“ – Gegenwart: Obwohl ständig von einer Pandemie die Rede ist, können Mediziner wie die Ärzte für Aufklärung nicht reüssieren – nicht zuletzt, weil aus ihrem Kreis die bekanntesten Kritiker des Coronawahns kommen. Die Theorie – das Dogma – entstammt größtenteils der virologischen Zunft, denn die Bedrohung dient vor allem der Förderung unreflektierter Wissenschaftsgläubigkeit.

Aber auch die Theologen akzeptierten, dass es Sache der weltlichen Macht war, in dieser Bedrohung für Sicherheit zu sorgen.“ – Gegenwart: Aber auch die Virologen akzeptieren (…)

Gerade im Gebiet des Heiligen Römischen Reiches mit seinen vielen Herrschaften gab es große Unterschiede, wer wen und ob überhaupt verfolgte.“ – Gegenwart: Gerade im Gebiet von Mittel-, Ost- und Nordeuropa mit seinen vielen Herrschaften gibt es große Unterschiede, wer wie und ob überhaupt Maskenzwang und Lockdown durchsetzt.

Das Hexenvirus verbreitete sich – so die Überzeugung – qua Hexenflug grenzüberschreitend, aber trotz des damit pandemischen, sich auf mehrere Länder ausbreitenden Charakters der Seuche blieb das Handlungsrepertoire der Verfolger epidemisch, also örtlich auf den jeweils eigenen Herrschaftsbereich und das eigene Volk begrenzt.“ – Gegenwart: Obwohl sich das Coronavirus grenzüberschreitend verbreitet, wenn es sich überhaupt verbreitet, bleibt das Repertoire der jeweiligen „Leugnungsverfolger“ auf den jeweils eigenen Herrschaftsbereich und die eigene Gesellschaft begrenzt.

Eine weltweite Autorität wie etwa das Papsttum, das transnationale oder auch nur überregionale Maßnahmen hätte legitimieren und koordinieren können, wurde in der Frühen Neuzeit nicht mehr akzeptiert.“ – Gegenwart: Eine weltweite Autorität wie etwa die Vereinten Nationen (…) wird in der Gegenwart gegen den Willen der „Leugnungsverfolger“ zunehmend abgelehnt.

Das Szenario des Hexensabbats, konstruiert als Verkehrung der normalen Welt und vor allem als teuflische Pervertierung religiöser Zeremonien, sollte die Bevölkerung moralisch disziplinieren, indem es Angst verbreitete.“ – Gegenwart: Die Verteufelung der Coronademo, konstruiert als Verkehrung von Recht und Ordnung und vor allem als Pervertierung der Grundrechte, soll die Bevölkerung moralisch disziplinieren, indem sie, zum Superspreader-Event hochgejazzt, Angst verbreitet.

Aber die Analyse pandemischer Bezugnahmen in der und für die Hexenverfolgung verweist darauf, dass der gesamte Diskurs der Pandemie alles andere als harmlos ist, sondern selbst als Gefahrenvokabular wirken kann. Weil dieser Diskurs seinen Gegenstand zu transzendieren vermag, ist er leicht auf andere Felder übertragbar – und kann dann etwa im politischen Kontext virulente Energien entfalten“ – Gegenwart: Ist die Suspendierung von Grundrechten per Virenschnack erst einmal erfolgreich verlaufen, wirkt die analoge Rhetorik auch in jedem anderen, x-beliebig konstruierten Zusammenhang, solange als Generalgedanke dahinter die „Versicherheitlichung“ glaubhaft gemacht werden kann. Beispiele: Gefahr der „Klimaleugnung“- und Kampf gegen „Klimaleugner“. „Gefahr von rechts“ und „Kampf gegen Rechte“. Der gesamte linksdominierte Diskurs ist alles andere als harmlos.

Allein die Tatsache, dass sich historische Bezüge finden lassen für Diskussionen um Sicherheitsrepertoires und deren Alternativlosigkeit, verweist darauf, dass ein zentrales Argument für die Versicherheitlichung der Corona-Pandemie – nämlich ihre historische Singularität – zumindest diskutabel ist.“ – Gegenwart: Willkommen in der Gegenwart. Der ganze Coronahype segelt unter einer der Hexenverfolgung sehr ähnlichen Flagge. „Wir“ sind bei weitem nicht so fortschrittlich und aufgeklärt, wie das die Mehrheit gern glaubt. Der zunehmende Verlust des traditionellen Glaubens mitsamt seinem Einfluß auf eine kulturell weit verbreitete, kaum in Frage gestellte Lebensgestaltung, führte nicht etwa zur Glaubenslosigkeit, sondern zur Herausbildung diverser Zivilreligionen, deren eine Gemeinsamkeit die ist, daß kaum noch jemand an ein ewiges Leben nach dem Tode glaubt. Das wirkt äußerst negativ in die Zeitspanne zwischen Geburt und Tod hinein. Eine große Gelassenheit ist verlorengegangen – und mit ihr die Freiheit. Ersetzt wurde sie von einer völlig irrationalen Angst vor dem Unausweichlichen – dem Verlöschen der eigenen Existenz bis in alle Ewigkeit. Es gibt aber keine Freiheit ohne einen dem menschlichen Zugriff entzogenen,  externalisierten Gesetzgeber („Gott“), dem unterstellt wird, daß er es sei, der letztlich alle Fäden in der Hand hält.

Stattdessen gibt es den Zwang, sich alles mit dem eigenen Verstand zu erklären, obwohl wahre Intelligenz erkennen müsste, daß es genau dieser Verstand ist, der prinzipiell unzureichend ist, weil er das Unerklärliche zwar als existent erkennt, aber keine allgemeingültigen Antworten auf die Fragen finden kann, die sich angesichts des Unerklärlichen stellen. Salopp ausgedrückt: Die weltliche Macht wird umso impertinenter und erdrückender, je mehr sie darauf bauen darf, daß das sprichwörtliche Gottvertrauen auf sie selbst übertragen wird.

Gelassenheit: Der Sensenmann wird dich holen, wenn er dich holen will, ganz egal, welche Bauernschlauheiten du dir überlegt hast, um ihm ein Schnippchen zu schlagen. Kein Grund zur Aufregung. Nichtraucher und Antialkoholiker sind bereits mit dem Flugzeug abgestürzt, radelnde Helmchenträger wurden von Lastwagen überfahren, die unsinkbare Titanic sank wegen eines Eisbergs, der Lottomillionär starb vor freudiger Aufregung an einem Herzinfarkt – und der sehr arbeitsame Helmut Schmidt starb als Kettenraucher mit 96 Jahren. Angstmache funktioniert nur bei den zur Angst Veranlagten.

Das Grundproblem – und zugleich das Pfund, mit dem die politische Klasse wuchern kann – besteht in der infantilen Sehnsucht des Zivilreligösen, Beruhigung in seiner unbegründeten Angst zu finden. Wer ihm verspricht, daß er nicht „vor der Zeit“ sterben muß, kann alles von ihm haben. Der infantile Ängstliche würde sich vermutlich in einem Käfig halten lassen, wenn ihm glaubhaft versichert worden wäre, daß er dadurch zwei weitere Wochen „überlebt“. „Leben“ ansich ist zu einem Synonym für „Überleben“ geworden.

Dabei gibt es nur einen realistischen Glauben, und der geht so: Diese Welt überlebt keiner. Solange er aber noch da ist, könnte er leben, anstatt sich sein Leben auf ein profanes Überleben reduzieren zu lassen. Dieser ganze Coronahype ist eine kulturell entsetzlich degenerierte Veranstaltung für Infantile, die ihre persönliche Ängstlichkeit in eine Pflicht für alle anderen umdefinieren, Rücksicht auf ihren infantilen Geisteszustand zu nehmen. Das begreifen sie wie zum Hohn auch noch als einen Ausweis besonderer Kultiviertheit.

Wo dieser Hype funktioniert, könnte man jederzeit auch wieder mit der Hexenverfolgung beginnen – oder mit jeder anderen Verfolgung gegen solche Zeitgenossen, denen man erfolgreich das Etikett „Gefahr für die Allgemeinheit“ auf die Stirn tackern konnte. Das ist deprimierend für alle, die bisher inbrünstig vom Segensreichtum durch Fortschritt und Lernfähigkeit überzeugt gewesen sind. Jahreszahlen sind ohne Bedeutung. Nicht wenige leben bewußtseinsmäßig noch immer im 15. Jahrhundert.

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