Einspruch: „Wir“ müssen nicht

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Von wegen "wir müssen" - Foto: Imago

Die große, weitgehend apolitische Mehrheit der Deutschen läßt sich tagein-tagaus von einer vergleichsweise kleinen Clique selbsternannter Volkspädagogen in Politik und Medien erzählen, was „wir“ angeblich müssen. Höchste Zeit, den „Wir“-Schnackern einmal den faulen Zahn zu ziehen, daß sie dazugehören würden. Über den Unterschied von „Wir“ und „Ihr“.

von Max Erdinger

Wenn man bei Google als Suchbegriff „Wir müssen“ eingibt, bekommt man 923 Millionen Ergebnisse binnen 0,39 Sekunden. Die Sekunde ist noch nicht ganz voll, schon hat man den Eindruck, daß „wir“ seit Jahren nichts dringender mussten, als etwas zu müssen. Schluß mit dem Quatsch!

Der „Wir“-Trick

Wer „wir“ in Kombination mit „müssen“ sagt, rechnet damit, daß sich die Adressaten seiner Rede auf das „müssen“ konzentrieren und begierig wissen wollen, was genau es denn sei, das „wir“ angeblich müssen, um sich im Anschluß daran die Köpfe darüber heißzureden, ob es wirklich das ist, was „wir“ müssen. Fast unbemerkt bleibt, daß sich der Redner zuvor über das „wir“ in die Köpfe der Adressaten eingeschlichen hat als „einer von uns“. Dabei könnte er durchaus ein Feind sein. Das „Wir“ wird zunehmend von Leuten verwendet, die eigentlich „Ihr“ sagen müssten. Sie wollen aber nicht „Ihr“ sagen, weil sie genau wissen, daß sich kein Erwachsener von irgend einem anderen gern sagen läßt, was er „müssen“ zu wollen hat. Deshalb ist angezeigt, diejenigen, die sich ständig selbst zur Party einladen, endlich hochkantig wieder rauszuwerfen.

Ihr schafft das

Das Menetekel der Merkelschen Kanzlerschaft besteht aus drei Wörtern: „Wir schaffen das“. Wahr ist freilich, daß Frau Merkel selbst gar nichts schafft, sondern bloß anschafft. Was schafft sie an? – Alles, was das „Ihr“ zu schaffen hat. In dem Fall also: „Ihr schafft das.“ Eigentlich: Ihr habt das gefälligst zu schaffen. Schließlich ist es nicht sie selbst, sondern jenes Volk, dessen Nutzen Frau Merkel zu mehren und von welchem sie Schaden abzuwenden hätte, das „schaffen muß“, was die Autokratin mit ihrem „Wir schaffen das“ daherblümelt. Wenn das „Ihr“ nicht schafft, was Frau Merkel will, dann wird sie nicht sagen, daß „wir“ es nicht geschafft haben, sondern sie wird sich im Wissen um ihren Personenschutz aus dem Staub machen und sagen, daß das vormalige „Wirland“ nicht mehr ihr Land sei. Da stellt sich die Frage, wie weit „wir“ es gebracht haben seit „Ein Volk, ein Reich, ein Führer“. Inzwischen scheinen „wir“ bei „Kein Volk, auch nicht reich, aber eine Führerin“ gelandet zu sein. „Müssen wir“ das als einen Fortschritt begreifen? – Die Frage „dürfen wir uns“ gerne jeder für sich beantworten.

Brauchen wir, müssen wir & wir dürfen nicht

„Wir brauchen noch höhere Steuern, damit wir schaffen, was wir schaffen müssen“. – ist das so? Der Steuerzahler zählt jedenfalls nicht zum „Wir“. Er braucht nämlich keine höheren Steuern, sondern er muß höhere Steuern abdrücken. „Wir brauchen nicht niedrigere, sondern gar keine CO2-Emissionen“, war dieser Tage zu lesen. Wer ist mit „Wir“ gemeint? Die Deutschen? Brauchen die Deutschen tatsächlich, daß sie emissionsfrei werden? – Wohl kaum. Wer braucht das also angeblich? – Wir, die Menschheit? Die braucht auch nicht, daß es in Deutschland keine Emissionen mehr gibt. Weil es einfach zu wenige Deutsche gibt, als daß Emissionsfreiheit in Deutschland für die Welt irgendeine Bedeutung hätte, die jenen Erkenntnisgewinn übersteigen würde, der darin besteht, daß ein einzelner Deutscher ausdrücken wollte: „Ihr müsst als die Saubermänner vor der Weltgemeinschaft dastehen wollen, nicht als die Kohlendioxid-Hitlers. Gerade wir als Deutsche …“.

„Wir dürfen nicht tatenlos dabei zusehen, wie …“, ist auch eine beliebte Redewendung. Tun „wir“ also frohgemut etwas, während wir dabei zusehen, wie … – ach? Es käme darauf an, was „wir“ täten? Was das genau zu sein hätte, erzählt uns der Zeitgenosse, der vorher schon „wir dürfen nicht“ gesagt hat. Freilich hätte er gleich sagen können, was „wir“ wieder „müssen“, als umständlich von „wir dürfen nicht“ daherzuschwätzen. Das Hin- und Hergehopse zwischen „Wir müssen“ und „wir dürfen nicht“ scheinen einige Zeitgenossen mit der Abwechslung zu verwechseln. Was jener Zeitgenosse meinte, der „wir dürfen nicht“ sagte, war: „Genau dieses und jenes müsst ihr jetzt tun“. Er selber nicht. Er sagt es „uns“ bloß. „Wir dürfen nicht tatenlos dabei zusehen, daß die Flüchtlinge in Moria kein Dach mehr über dem Kopf haben“, heißt: „Wir“, also „ihr“, müsst sie in Deutschland aufnehmen wollen. Und wehe ihr wollt nicht.

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Besonders gern beginnen Artikel in ausgesprochen zeitgeistigen Postillen wie dem „Spiegel“ und der „Zeit“ mit den beiden Wörtern „Wir müssen“. Kein „wir sollten“, sondern knallhart „wir müssen“. Da hat also immer schon einer für alle alles zu Ende gedacht, bevor er sich zum Schreiben hinsetzte. „Wir müssen“ – keine Diskussion.

Wie müssen wir?

„Menschlich“ müssen wir alles, weil „wir“ nämlich die „menschliche Gesellschaft“ sind. Früher waren „wir“ einfach das Volk, was ziemlich unmenschlich gewesen zu sein scheint, gesellschaftsmäßig so. Wenn nicht sogar „völkisch“, was das haargenaue Gegenteil zu „menschlich“ ist. Wer lieber zum Volk gehören würde, als zur „menschlichen Gesellschaft“, etwa weil ihm bereits ohne äußeres Zutun klar geworden ist, daß er nicht in der tierischen Gesellschaft eines Kuhstalls lebt, der ist ein Unmensch. Er ist nicht mitgemeint, wenn von den „die Menschen“ die Rede ist, die ständig etwas müssen müssen. Man muß schon zu den „die Menschen“ gehören, um ständig etwas müssen müssen wollen zu dürfen. Du bist nichts, „die Menschen“ sind alles. Woher man´s nur kennt?

Was müssen wir?

Wir müssen reden. Intelligenter jagen müssen wir auch. Außerdem müssen wir alles erwarten. Und nur wollen müssen wir. Vor allem „nur“, obwohl wir soviel anderes trotzdem müssen wollen sollen. Nicht nur die älteren Menschen schützen müssen wir nur wollen. Sondern Job-Sharing machen müssen wir auch noch. Und die Herzen müssen wir erreichen. Ah ja, raus hier müssen wir noch „nur wollen“. Wollen „wir“ mal nur hier rauswollen müssen, um dann tatsächlich draußén zu sein? Sehr wahrscheinlich müsste jeder einmal darüber nachdenken, ob er das alles wirklich müssen will. Meinereiner merkt jedenfalls selber, wenn er mal muß. Außerdem merkt er jedes Mal, was einer meint, wenn er mit „wir müssen“ anfängt.

Wir müssen sehr wenig

Unausweichlich ist nur, daß wir sterben müssen. Das ist fast das einzige „Wir“, das ohne Anführungszeichen auskommt, weil es tatsächlich alle betrifft. Essen, trinken und schlafen müssen wir auch noch. Keinesfalls müssen „wir“ uns Gedanken machen über jemanden, der behauptet, „wir“ müssten erkennen, daß Bachs Musik „reiner Rassismus“ ist. Vielmehr sollten „wir“ uns distanzieren von jedem, der „uns“ erklären will, was wir zu müssen haben. Niemand ist erwachsen geworden, um sich sein Leben lang von irgendwelchen selbsternannten Volkspädagogen, die ein „Wir“ nicht von einem „Ihr“ unterscheiden wollen, dauernd erzählen zu lassen, was „wir müssen“. Ganz im Gegenteil: Die müssen etwas. Ihre impertinenten Schandmäuler halten, nämlich. Das ist, was die müssen. Und wenn „wir“ etwas müssen, dann ist es, dafür zu sorgen, daß die das endlich begreifen.

Alternativen

Anstatt Sätze dauernd mit einem diktatorischen „wir müssen“ zu beginnen, könnten sich die selbsternannten Volkspädagogen anstandshalber angewöhnen, Formulierungen zu wählen, bei denen sofort klar ist, daß hier einer lediglich seine persönlichen Ansichten äußert. „Es könnte sich lohnen, darüber nachzudenken, ob …“, „Vielleicht sollten …“, „Meiner Meinung nach wäre gut, wenn …“ oder „Wäre es nicht besser…?“ sind alternative Formulierungen, mit denen dem diktatorischen „Wir müssen“ beizukommen wäre. Was „wir“ nämlich kraft unseres Grundgesetzes keinesfalls „müssen“, das ist, uns dauernd irgendwelche Klugscheißer präsentieren zu lassen, die lauthals herumplärren, was „wir“ alles „müssen“, um nebenher noch für lau einen Durchblickerbonus für sich zu reklamieren. Die „Wir müssen“-Fetischisten können sich meinetwegen auf irgendwelchen Parteitagen austoben. „Wir von der CDU müssen“ oder „wir von den Grünen müssen“ geht vielleicht noch. Aber ständig ein ganzes Volk zu drangsalieren mit „wir müssen“ ist nichts weiter als eine unverschämte Anmaßung. Und noch etwas hätte zu unterbleiben: Die absolut hinterfotzige Wie-Fragerei. Eine Unbeliebte wird nicht dadurch beliebt, daß man fragt: „Wie beliebt ist Angela Merkel?“ Etwas abstoßendes wird nicht dadurch attraktiv, daß man fragt: „Wie geil ist das denn?“.

Im Englischen gibt es die nette Formulierung „We agree to disagree“ (Wir sind uns darüber einig, daß wir uns uneinig sind). Ein besseres „Wir“ kann meinereiner sich gar nicht vorstellen.

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