Flüchtlingslager Moria: Wir danken für Ihr Verständnis

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Szene aus Moria auf Lesbos (Foto:Imago/ANEEdition)

Inzwischen steht fest, wer das Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos abgefackelt hat. Es waren einige der dort lebenden Schutzsuchenden selbst. Amoralische Unterstützung hatten sie dabei von Vertretern verschiedener NGOs, wie eine Flüchtlingshelferin berichtete. Was hilft angesichts einer solchen unschönen Erkenntnis? – Das Verständnis.

von Max Erdinger

Im „Tagesspiegel“ gibt es einen skandalösen Artikel zum Brand auf Lesbos. Verfasst wurde er von Frau Ariane Bemmer. Die Schlagzeile lautet: „Flüchtlinge in Europa: Recht so, zerstört eure Camps!„. Der Grundtenor ist, daß man Verständnis haben müsse für die Brandstiftung, weil es, wie Frau Ariane Bemmer sich ausdrückt, eine „Art Recht“ für die Flüchtlinge in Moria gegeben habe, sich gegen die Umstände aufzulehnen, unter denen sie dort kaserniert gewesen waren. Sittenwidrig sei die Unterbringung gewesen, terrorisiert worden seien die Flüchtlingen von Lagerbanden, überbelegt sei das Lager gewesen usw.usf.

Da bietet sich eine „Art Vergleich“ an: Unaushaltbar ist die Regierung unter Frau Angela Merkel, eine Beleidigung der Demokratie sind die Sprachregelungen und die subtile Zensur in der Bunten Republik Deutschland, eine menschenverachtende Schande sind die Sittenwidrigkeit der „Cancel Culture“ sowie der Verfall der inneren Sicherheit usw.usf. – Wenn nun eine Bande von renitenten Feuerteufeln das Kanzleramt in Brand stecken würde, wie müssten wir reagieren? – Logo: Mit Verständnis. Und titeln müssten wir folgendermaßen: „Deutsche in Europa: Recht so, zerstört euer Kanzleramt!“ – Was wir natürlich niemals tun würden, weil wir tief innen drin wissen, daß es ein Verbrechen wäre, das Kanzleramt abzufackeln. Flüchtlingslager geht aber. Via „Art Recht“ und viel „Verständnis“. Na gut, vielleicht reicht ja auch jener rosinenpickerische Subjektivismus, der hierzulande in fast jeder Hinsicht den einst vorhandenen Willen zur Objektivität vernichtete, seit das richtige Gefühl den falschen Verstand auf die Plätze verwiesen hat. Der Siegeszug des „richtigen Gefühls“ über den falschen Verstand ging übrigens zufälligerweise mit der zeitgleichen Ermächtigung des Weiblichen bei der Regelung öffentlicher Angelegenheiten einher. Sicherlich nur eine Korrelation, keinesfalls eine Kausalität. Ich bin doch nicht lebensmüde.

Das Verständnis

„Der Zug um 23.15 Uhr wurde ersatzlos gestrichen“, „Wir bauen für Sie – Fertigstellung am Sankt Nimmerleinstag“, „Aufzug außer Betrieb“ … – kaum eines dieser Schilder kommt heute noch ohne die folgende Schlußfloskel aus: „Wir danken für Ihr Verständnis“. Ganz egal, ob man Verständnis hat oder nicht, man hätte auf jeden Fall eines zu haben. Hat man keines, schweigt man besser still, anstatt laut und deutlich kundzutun, daß es einem fehlt. Als diverses Buntesdeutsches hat man inzwischen verinnerlicht, daß man ohne Verständnis für einen egozentrischen Drecksack gehalten wird. „Ich bin ein egozentrischer Drecksack – vielen Dank für Ihr Verständnis.“ – vergessen Sie es trotzdem. Es gibt hierzulande kein Verständnis für jemanden, der es am Verständnis mangeln läßt. Außerdem heißt es „Drecksack*In“.

Die Medien

Allzu groß scheint das Vertrauen der Mainstream-Medien in das Vorhandensein von weitverbreitetem Verständnis für die Brandstiftung in Moria aber nicht gewesen zu sein, wie die Berichterstattung nahelegt. Bei allem Verständnis: Das Wort „Brandstiftung“ wurde gemieden wie das Weihwasser durch den Teufel. Vom „Feuer“ war die Rede, vom „Brand“, von der „Brandkatastrophe“, was einem höchst seltsam vorkommt, weil „Stiftung“ ansich überaus positiv konnotiert wird. Stiftungen und NGOs sind absolut hip. Die Bill & Melinda Gates-Stiftung ist knorke, die Amadeu-Antonio-Stiftung, die Heinrich-Böll-Stiftung, die Konrad-Adenauer-Stiftung … – alles super Stiftungen. Bloß die Brandstiftung ist gänzlich unsuper. Deswegen braucht man Verständnis für die Brandstiftung. Ohne Verständnis ist man völlig aufgeschmissen in der politkorrekten Balla-balla-Linkenwelt.

Bestimmt ist es nur Zufall, daß es erneut eine richtig fühlende („empathische“) Frau ist, die bei „Zeit“-Online über den Zustand in Moria nach der – Entschuldigung – Brandstiftung titelt: „Eine Stille, die beißt“. Es dürfen Mutmaßungen darüber angestellt werden, ob sich Frau Franziska Grillmeier auf Lesbos bereits in Behandlung begeben hat, um ihre „Bißwunden der Stille“ verarzten zu lassen. Die vierte Nacht hätten die Flüchtlinge nun schon unter freiem Himmel schlafen müssen, berichtet Frau Grillmeier und verursacht beim Leser ein „richtiges Gefühl“. Vergangenes Jahr waren Reportagen aus Flüchtlingslagern in der septemberlichen Ägäis zu lesen, in denen es hieß, die Flüchtlingen seien „schutzlos der nächtlichen Kälte“ ausgesetzt gewesen. Yeah, mein lieber Verständnis-Buddy: Wahrhaft arktisch sind die Nächte in der spätsommerlichen Ägäis.

Frau Franziska Grillmeier weiter: „Während die Regierung Notfalllager aufbaut, wächst die Angst, dass alles wieder von vorne beginnt.“ – Aha, Notfall-Lager also. Beim jenem dem Brande gestifteten Lager scheint es sich wohl um ein Normalfall-Lager gehandelt zu haben, dem jeder Notfall fehlte. Dennoch wächst nun die Angst, daß alles wieder von vorne beginnt. Ha! – Wenn das mal keine „beißende Angst“ ist, diese Angst, vom Notfall wieder zum Normalfall zu werden.

Der griechische Regierungssprecher

Richtig bissig wurde jedenfalls der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas, ein Mann, sofern er sich kein anderes Geschlecht konstruiert hat. „Die Migranten haben das gemacht, weil sie denken, dass sie die Insel verlassen können, wenn sie Moria abbrennen.“ Außer den unbegleiteten Minderjährigen, die bereits weggebracht worden sein, werde niemand wegen des Feuers die Insel verlassen. An die Brandstifter gerichtet sagte Petsas: „Was immer sie wollen, sie können es vergessen.„, berichten die „euronews„. Bestimmt denken schon ein paar Verständnisvolle darüber nach, Geld zu sammeln, um Stelios Petsas eine Emotionsimpfung zu stiften, auf daß er das „richtige Gefühl“ bekomme, anstatt sich weiter via „falscher Verstand“ als Verständnisloser outen zu müssen. Der Mann scheint sich mit Emotid-20 infiziert zu haben.

Recht hat er trotzdem: Brandstiftung ist ein Verbrechen. Wer sich von Verbrechern erpressen läßt, mag zwar im Besitz des „richtigen Gefühls“ sein, aber es mangelt ihm eklatant am „falschen Verstand“. Oder ist es andersherum? „Falsches Gefühl“ und „richtiger Verstand“? – Na egal. Jedenfalls hätte nicht mehr alle Tassen im Schrank, wer sich von Verbrechern erpressen läßt, zumal die Signalwirkung verheerend wäre. Die korrektfühlige Nachahmungstat ist schließlich keine Unbekannte. Das scheint übrigens auch Frau Ariane Bemmer beim „Tagesspiegel“ richtig erkannt zu haben, als sie das Wort „Camp“ in den Plural setzte: „Recht so, zerstört eure Camps„. Ein dem Brande gestiftetes Normalfall-Lager scheint ihr noch nicht zu reichen. Sie hätte offenbar gern mehr feuerfreie Notfall-Lager.

Erpressung „erfolgreich“

Wie „gut“ jene kranke Denke ankommt, die mit dem „richtigen Gefühl“ einhergeht, läßt sich schon daran erkennen, daß sie bereits von „Flüchtlingen“ adaptiert worden zu sein scheint. Zumindest einer rechnete evident damit, daß ihn das „richtige Gefühl“ der deutschen Gutmenschen vor der Abschiebung bewahren wird, wenn er es nur schafft, wegen eines Mordversuchs bis vor ein „gefühlvolles Gericht“ zu kommen. Ein solches vermutete er völlig zu Recht eher in Cottbus, als in Islamabad. Es handelt sich dabei um jenen 28-jährigen Pakistani, der einem 19-jährigen Deutschen in der Straßenbahn aus einem einzigen Grund ein Messer in den Rücken rammte: Er rechnete damit, vor ein deutsches Gericht gestellt zu werden, was natürlich nur dann möglich ist, wenn er nicht abgeschoben wird. Das „richtige Gefühl“ seinem Opfer gegenüber scheint sich in Deutschland so zu artikulieren: Jammere nicht wegen ein bißchen Messer im Rücken. Befleißige dich statt deines falschen Verstandes eines richtigen Gefühls und hake das Ganze unter „dumm gelaufen“ ab. Wenn du noch einen weiteren Messerangriff überlebst und dadurch einen armen Flüchtling vor der Abschiebung bewahrst, ehrt dich der Bundespräsident mit einer Feierstunde und spendiert dir einen Tagesausflug nach Solingen.

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