Querdenken: Zu viele Häuptlinge, zu wenig Indianer

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"Gemeinsame Sache" aller Querdenker - Foto: Autor

Innerhalb der „Querdenken“- Bewegung gibt es unschönen Streit. Wahres Querdenken scheint nicht so einfach zu sein. Über ein paar häßliche Animositäten.

von Max Erdinger

„Querdenken“ klang bisher ganz gut. Es schienen Prioritäten erkannt worden zu sein. Ob links, ob „rechts“: Ehe die Coronapolitik der Bundesregierung mit ihrer Schleifung bürgerlicher Grundrechte nicht wieder aus der Welt ist, gibt es nichts wichtigeres, als vereint gegen eben diese Politik zu demonstrieren und tagtäglich die Alarmglocken zu läuten. Erst wenn die Querdenkerei erfolgreich gewesen ist, kann man daran denken, sich wieder in der alten Manier gegenseitig zu beharken. Diese Einsicht scheint leider nicht mehr von jedermann konsequent befolgt zu werden. Die Spaltung läuft.

Persönliche Feindschaften und Differenzen über die Nähe zu Rechtsextremen setzen „Querdenken“ intern zu. Auch Initiator Michael Ballweg gerät in die Kritik.„, schreibt der „Tagesspiegel„. Das altbekannte Problem mit dem „Tagesspiegel“ ist, daß er selbst von Aktivisten bevölkert ist, weswegen man sich die dort veröffentlichten Interpretationen des Zeitgeschehens keinesfalls einfach so zu eigen machen sollte.

Die erste Regel: „Rechtsextrem“ muß nicht das sein, was man beim „Tagesspiegel“ als allgemeines Verständnis von „rechtsextrem“ voraussetzt, ehe man den Begriff dort gebraucht. Die Identitäre Bewegung wird zum Beispiel insofern als „rechts“ diffamiert, als daß ihr damit das Etikett „nationalsozialistisch“ aufgeklebt wird. Nationalsozialisten sind aber keine Rechten, sondern Braunlinke. Die Rotlinken haben es in Jahrzehnten geschafft, dadurch, daß sie sich selbst als links, die Braunlinken jedoch als „rechts“ bezeichnen, eine Illusion zu etablieren, die letztlich dazu führte, daß die sog. Linke als exaktes Gegenteil der sog. „Rechten“ verstanden wird. Das heißt, daß der gesamte, ach-so-löbliche „gesellschaftliche Diskurs“ zu einer linksinternen Angelegenheit zwischen den Polen rot und braun geworden ist. Dadurch, daß die wirkliche politische Rechte vermittels einer willkürlichen, ahistorischen Zuordnung durch die Rotlinken zu den Braunlinken aus diesem Diskurs herausgeschossen worden ist, wurden die wahren politischen Gegner der diskursbeherrschenden Linken – welcher der „Tagesspiegel“ zuzurechnen ist – quasi mundtot gemacht. Als ein Reporterteam des „SPIEGEL“ bei der Großdemo am 29. August in Berlin zufällig auf den inkognito teilnehmenden Kopf der österreichischen Identitären stieß und von Martin Sellner wissen wollte, was er denn davon halte, daß so viele „Rechtsextreme“ an der Demo teilnehmen – was übrigens nicht zutraf – antwortete Sellner wahrheitsgetreu, er sehe kaum „Rechtsextreme“, dafür aber jede Menge „Lügenpresse“. Damit war das Gespräch zwischen „SPIEGEL“ und Sellner auch schon beendet, bevor es überhaupt richtig losgegangen war. Bravo, Martin Sellner!

Die zweite Regel: Aufmerksam lesen. Es ist ein uralter, rotlinker Taschenspielertrick, inhaltslose Formulierungen zu wählen und die vermeintlich transportierte „Information“ erst im Kopf des Adressaten entstehen zu lassen. Wenn der „Tagesspiegel“ schreibt, auch der „Querdenken“-Initiator Michael Ballweg sei „in die Kritik geraten“, dann verläßt man sich dort darauf, daß ein „in die Kritik geraten“ schon ausreichen wird, um Ballweg sozusagen „ans Bein zu pinkeln“, weil sich der Adressat ´die wesentliche Frage gar nicht mehr stellen wird: Bei wem ist Ballweg in die Kritik geraten? Wie alarmierend ein „in die Kritik geraten zu sein“ tatsächlich ist, hinge aber schwer an der Frage, wer da wen kritisiert und mit welchem Recht.

Im Folgenden muß also säuberlich unterschieden („diskriminiert“) werden zwischen den „Informationen“ aus dem „Tagesspiegel“ und dem, was bei „Querdenken“ tatsächlich stattfindet. Im Artikel des „Tagesspiegel“-Redakteurs Sebastian Leber wimmelt es nur so vor den Adjektiven „rechts“, „rechtsextrem“ und „antisemitisch“. Diese Zuschreibungen erfolgen nicht, weil sie irgendeine wahre Information enthalten, sondern sie erfolgen einzig und allein zu dem Zweck, eine Distanz zwischen (rot)links und „rechts“ (braunlinks) zu insinuieren, die so groß nicht ist, wie sie Sebastian Leber gern hätte. Im Schweregrad ihrer ideologischen Verpestung unterscheiden sich rotlinke Publikationen nicht wesentlich von braunlinken („rechten“).

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Die im „Tagesspiegel“ genannten, grundlegenden Sachverhalte dürften aber zutreffend sein. Es hapert lediglich an der Interpretation. Worum geht es also?

Viele Häuptlinge, wenig Indianer

Die drei Protagonisten des „Querdenken“-Streits sind Thorsten Schulte, Heiko Schrang und Michael Ballweg. Der „Tagesspiegel“: „Thorsten Schulte, mehrfacher Redner auf Querdenken-Versammlungen, beklagt öffentlich, es gebe „überhaupt keine Strategie“. Außerdem seien bei Querdenken „einige Falschspieler unterwegs“. Ein wichtiger Akteur der Bewegung sei ihm in den Rücken gefallen. Querdenken-Initiator Michael Ballweg kritisierte daraufhin am Sonntag Thorsten Schulte und erklärte, es gebe keine „Dauerredeerlaubnis“ für Redner auf der Bühne. Schultes Verhalten beim ersten Berliner Aufmarsch Anfang August sei außerdem „zu theatralisch“ gewesen.“ – Wikipedia, mindestens so sehr mit Vorsicht zu genießen wie der „Tagesspiegel“, über Schulte: „Thorsten Schulte, Pseudonym Silberjunge, ist ein deutscher Unternehmensberater und Bestseller-Autor. In seinen politischen Publikationen vertritt er Verschwörungstheorien und betreibt Geschichtsrevisionismus. Kritiker ordnen ihn dem neurechten Populismus zu und sehen ihn als AfD-Sympathisanten. Er betätigte sich aktiv – auch als Redner – an „Widerstand“-Protesten gegen die Corona-Maßnahmen.“ – Kritiker ordnen Schulte zu. Was für Kritiker? Rotlinkspopulistische etwa? Daß „Kritiker“ jemanden schubladisieren, ist eine wertlose Information, solange nicht mitgenannt wird, wer diese Kritiker sind. Es wird aber so getan, als sei eine Information herausgegeben worden. Gut möglich, daß es ein sprechender Papagei gewesen ist, der Schulte recht kritisch dem „neurechten Populismus“ zugeordnet hat.

Auch der Verschwörungstheoretiker Heiko Schrang, der bei beiden Berliner Querdenken-Aufmärschen auf der Bühne stand, ist zur Bewegung auf Distanz gegangen. In seiner Telegram-Gruppe verkündete er, er ziehe sich „raus aus dieser Sache“. Ihn störe, dass die „eigene Szene völlig uneins“ sei und dass Akteure nun übereinander herfielen und sich gegenseitig beschuldigten, von der Regierung gekauft oder gar Satanisten zu sein. Leider hätten viele noch immer nicht begriffen, dass wir „mächtige Lichtwesen sind“.“ – Meine Güte, der „Verschwörungstheoretiker“. Wer diesen Begriff inflationär gebraucht, transportiert damit die Behauptung, er selbst wisse besser, was wahr und was nicht wahr ist. Tatsache ist aber, daß eine Verschwörungstheorie letztlich nichts weiter ist als eine Theorie, die eine Verschwörung behauptet. Verschwörungen gab es zu allen Zeiten, und woher der pejorative Gehalt des Wortes „Verschwörungstheoretiker“ seine Berechtigung beziehen soll, ist so unklar, wie die Frage, worin genau der Informationsgehalt der Feststellung liegen soll, jemand sei „in die Kritik geraten“, weshalb er nunmehr als „umstritten“ zu begreifen sei. „Umstritten“ hätte eigentlich positiv konnotiert zu werden bei allen denjenigen, die sonst immer behaupten, die Demokratie lebe von einer „lebendigen Streitkultur“. Sie meinen es offensichtlich nicht ernst.

Sollte Schrang die Querdenken-Protagonisten tatsächlich als „mächtige Lichtwesen“ bezeichnet haben, dann hält er sich selbst vielleicht für ein überdimensioniertes Glühwürmchen. Bemerkenswert ist in der Tat, daß Schrang einerseits die Uneinigkeit beklagt, andererseits aber sein Ego pflegt, indem er sich „raus aus dieser Sache“ zieht, anstatt weiter bei der Sache zu bleiben.

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Last not least wäre dann noch Michael Ballweg als der „Erfinder“ von „Querdenken“ zu nennen. Dem „Tagesspiegel“ zufolge muß das jemand sein, der absolut ahnungslos ist in der Frage, mit wem er sich in Gestalt der Herren Schulte und Schrang überhaupt eingelassen hat. Von Ballweg wird im „Tagesspiegel“ immer wieder behauptet, er habe „nicht gewußt“. Was nicht gewußt? – Daß die „Querdenken“-Bewegung von „Rechtsextremen unterwandert“ sei. Michael Ballweg scheint sich in die Zange nehmen lassen zu haben. Nicht von Schulte oder Schrang, sondern von jener politkorrekten Inquisition, die bis heute den Nachweis schuldig geblieben ist, daß sie die moralische Qualifikation zum Inquisitor überhaupt hat. Es ist ja eben das schreckliche Faszinosum in der hypermoralisierenden Republik Merkelstan, daß jeder dahergelaufene Moralprediger bloß noch seinen Zeigefinger in die Luft zu strecken braucht, um in der Stimmlage des Empörten zu verkünden, er sei der Lordsiegelbewahrer jeglicher Moral, auf daß die Masse gläubige Augen bekomme und ehrfurchtsvoll raune: „Oh, seht her, der Inquisitor ist angekommen. Laßt uns ihm Rede und Antwort stehen, wie es sich für den braven und verantwortungsvollen Untertanen geziemt.“

Die bundesdeutschen Gewißheiten darüber, was wohl „Verschwörungstheoretiker“, „in die Kritik Geratene“, „Umstrittene“ und „neurechte Populisten“ zu sein hätten, sind schier unerschütterlich. Davon leben Publikationen wie der „Tagesspiegel“ und so viele andere. Michael Ballweg scheint noch nicht so weit zu sein, daß er auf die inquisitorischen Spielchen einfach nicht mehr einsteigt. Meinereiner kann überhaupt nicht verstehen, warum es einigen so schwerfällt, auf saudumme Fragen und noch dümmere Anschuldigungen seitens der selbstgekrönten Hypermoralisten einfach nicht mehr zu antworten, sondern ungerührt einfach weiterzumachen. Es muß sich wohl um dieses ominöse „Wir“ handeln, das Leute der Couleur Sebastian Lebers dauernd beschwören, um impertinent zu insinuieren, daß sie Teil des Ganzen seien. Das klingt immer schwer nach dem freundlichen Vorschlag: „Wir wollen eine Party feiern“. Bei Dir zuhause.

Dieses lächerliche „Wir“, mit dem die hypermoralistischen Oberprediger ständig das Ganze in die Geiselhaft ihres persönlichen Glaubens überführen wollen, sollte nicht nur Ballweg allmählich durchschauen. So, wie übrigens auch AfD-Parteichef Jörg Meuthen. Es sei denn, sie wollten ganz unbedingt Teil jenes „Wir“ unter der Anführerschaft von linken Diskursbeherrschern werden wollen. Mein Tip: Nicht mehr mit der linken Moralistenklasse aus selbsternannten Volkspädagogen reden, sondern nur noch über und gegen sie. Die Frontverläufe könnten durchaus klar zu erkennen sein. Diskursausschluß ist keine Einbahnstraße.

Das neue „Wir“

Die Gesellschaft sei leider gespalten, heißt es. Das ist wahr. Und das Schöne an der „Querdenken“-Bewegung ist, daß sie ein neues „Wir“ in der Spaltung geschaffen hat: Das „Wir“ gegen „die“ (da oben). Leider tritt mit den Differenzen zwischen Schulte, Schrang und Ballweg ein höchst ärgerliches Phänomen hervor, das schon bei der AfD zu beobachten gewesen war. Selbst im neuen „Wir“ gibt es nicht genügend Selbstdizisplin bei den Häuptlingen, um persönliche Bewertungen eventuell irritierender Äußerungen von Mitstreitern zugunsten der gemeinsamen Sache hintanzustellen. Was die AfD angeht, frage ich mich schon lange, was so schwierig daran gewesen sein soll, inquisitorische Fragen zu Parteifreunden einfach nicht zu beantworten, sondern den Inquisitor freundlich an den zu verweisen, um den es bei dieser Frage ging. So zum Beispiel: „Sie wollen von mir etwas über Björn Höcke und den Flügel wissen? – Fragen Sie Herrn Höcke. Mein Parteifreund wird Ihnen die gewünschten Auskünfte sicherlich geben.“

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Meinereiner ist den weiten Weg zur Großdemo nach Berlin gefahren, wohlwissend, daß er mit den dortigen Demonstranten nicht viele gemeinsame Überzeugungen teilt, außer der, daß der Obrigkeit die Gefolgschaft zu verweigern ist. Deshalb kann man an die Herren Schulte, Schrang und Ballweg nur den Aufruf richten, vom je eigenen, hohen Roß wieder abzusteigen und weltanschauliche Differenzen so lange in den Hintergrund zu stellen, wie die gemeinsame Sache noch nicht zum gewünschten Erfolg geführt hat. Danach können sie sich dann meinetwegen kloppen. Vorher nicht.

Die zentrale Forderung der „Querdenken“-Bewegung steht doch: Sofortiger Rücktritt der Bundesregierung und Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung. Wen kann da noch interessieren, welche Händel die Herren Schulte, Schrang und Ballweg untereinander auszutragen haben? Wollen sie die „Querdenken“-Bewegung dem immer noch diskursbeherrschenden Mainstream zum Fraß vorwerfen? Wäre es stattdessen möglich, sich einfach einmal zusammenzureißen und eventuelle Differenzen hinter den Kulissen diskret zu behandeln, anstatt sich in aller Öffentlichkeit so zu fetzen, daß gleich die Aasgeier frohlocken?

Richtig ist lediglich, daß in einer Frage öffentliche Klarheit hergestellt werden sollte: Wie finanziert sich die „Querdenken“-Bewegung? Allein der technische Aufwand für die Großdemo in Berlin muß ein Vermögen gekostet haben. Wenn also der Verdacht laut geworden ist, daß es sich bei „Querdenken“ um eine dubiose Organisation handeln könnte, dann sollte in dieser Frage Klarheit herrschen. Ballwegs Behauptung, das alles sei aus seinen gekündigten Rentenversicherungen bezahlt worden, ist ein bißchen sehr dünne.

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