Abt. Zeichen & Wunder: Der aufrichtige Herr Spahn und sein Journalist

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Die drei von der Glaskugel: RKI-Chef Wieler, Virologe Drosten, Bundesgesundheitsminister Spahn: Politik und Experten in enger Verzahnung (Foto:Imago/photothek)

In der „Welt“ äußert sich der dortige Chefkommentator Jacques Schuster voller Sympathie für den Herrn Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Nicht einmal das bekommt er auf die Reihe. Die süffisante Medienkritik.

von Max Erdinger

Spahns Bekenntnis hat den Hang zum zivilen Ungehorsam umgekehrt„, schreibt Jacques Schuster. Sehr raffiniert. Der Leser fragt sich: welches Bekenntis? – wessen Hang? – und: sind Volkvertreter Zivilisten? Weil sich der Leser das fragt, liest er dann auch den Artikel in der Hoffnung, daß der Chefkommentator vielleicht noch Licht ins mysteriöse Dunkel seiner Schlagzeile wirft.

Es geht um Folgendes: Der frischgebackene Villenbesitzer und bankkaufmännische Bundesgesundheitsminister gab dieser Tage bereits zum zweiten Male den Selbstkritischen. „Mit dem Wissen von heute„, äußerte Herr Spahn, „wären einige harte Maßnahmen wie die Schließung des Einzelhandels und der Friseurgeschäfte unterblieben und damit so manche Sorge um die Existenz, ja vielleicht sogar mancher Bankrott zu vermeiden gewesen„. Dieselbe Vermeidung wäre natürlich mit der Ahnung von gestern ebenfalls möglich gewesen. Bereits im April hatte Spahn seine seherischen Fähigkeiten ausgestellt, als er davon sprach, daß „wir“ uns in wenigen Monaten – wichtig: wahrscheinlich – viel zu verzeihen haben. Nie ist jemand mit der Wahrscheinlichkeit näher an der Gewißheit gewesen. Nicht ganz passend ist in diesem Zusammenhang, daß es nun nicht gerade die politisch-mediale Klasse ist, die im Zeitalter der großen Vergebungsbereitschaft lebt. Das färbte aufs Volk ab und inzwischen schützt jedermann seine zweite Wange, anstatt sie der politischen Klasse auch noch hinzuhalten, wie es eigentlich die christliche Vorschrift wäre. Malheur, Malheur …

Doch Jacques Schuster wäre nicht Chefkommentator der „Welt“, wenn er den Inhalt der rhetorischen Trickkiste nicht aus dem Eff-Eff aufzählen könnte. So erklimmt er die Rednertribüne unter Verwendung eines altbekannten Nivellierungs- und Verallgemeinerungstricks, indem er sich auf einen als klug geltenden Dritten beruft, den neomarxistischen Philosophen Ernst Bloch (1885-1977) nämlich. Chapeau, gut gewählt. Bloch ist gerade so weit „bekannt“, daß wesentlich mehr „Welt“-Leser den Namen schon einmal gehört haben, als es „Welt“-Leser gibt, die außerdem wüssten, für welche Denke Ernst Bloch tatsächlich steht. Und ob er sich seinen Namen als Physiker oder als Philosoph gemacht hat. Wichtige Geistesgröße, jedenfalls. Auf einen Fußballtrainer würde sich der Chefkommentator wahrscheinlich nicht berufen. Zu bedenken gibt Jacques Schuster dem Leser also ein Zitat von Ernst BLoch, dem Philosophen. Der hatte einst gesagt: „Die Gegenwart ist unübersichtlich und verwirrend“. – Donnerlittchen, welche Gedankenschwere. Schuster erläutert deshalb für den Fall, daß der Leser den Sechs-Wörter-Satz Blochs nicht richtig verstanden haben könnte, worum es tatsächlich geht. Mit einem „Ernst Bloch sprach vom `Dunkel des gelebten Augenblicks´“ killt Schuster alle eventuell verbliebenen Unklarheiten, um sich sodann elegant als Selberdenker in seinen eigenen Kommentar einzuschleichen. Er behauptet: „In diesem Dunkel tappen wir alle, zumal in Zeiten von Corona„. Schuster zauberte also den ollen Bloch aus der rhetorischen Trickkiste, um den „Welt“-Lesern zu attestieren, daß sie keine Ahnung haben. Damit das nicht so auffällt, schreibt er von einem „wir“, das keine Ahnung hat. Teile von „wir“ sind aber dennoch schlau genug, spitzfindig zu fragen, womit sich Schuster dann für die Abfassung seines Artikels qualifiziert hätte. Ahnungslosigkeit ist normalerweise keine Qualifikation. Tatsächlich kopierte Schuster freilich nur die Kanzlerin. Er verwendete ein „Wir“, wo er eigentlich ein „Ihr“ hätte wählen müssen. Das wäre auch ohne Bloch gegangen.

Jedenfalls erklärt Schuster, daß es gerade die vergebungsseherischen Fähigkeiten von Jens Spahn seien, aus denen jene Welle der Sympathie besteht, auf welcher der Bundesgesundheitsminister in die weit geöffneten Herzen des pandemischen Volks surft. „Es war dieser Satz“ – also der von der wahrscheinlichen Notwendigkeit großer gegenseitiger Vergebungsbereitschaft in wenigen Monaten – „mit welchem er die Mehrheit der Bevölkerung für sich einnahm. Schon lange war diese der klingenden Leere überdrüssig, mit der Politiker ihre Worte an die Öffentlichkeit richten. Spahn gab ihr Inhalt – jenseits aller Phrasen. Er erhöhte damit die Glaubwürdigkeit der Politik. Selten standen die Deutschen so überzeugt hinter einer Bundesregierung wie dieser. Die Unterstützung liegt derzeit „nur“ noch bei 59 Prozent, weil 28 Prozent der Befragten sogar für eine noch strengere Anti-Corona-Politik sind.“ – Man sieht: Jacques Schuster sollte eigentlich nur noch irgendwelche Dritten zitieren, weil ihm sein Selbstausgedachtes niemals den Weltruhm bringen wird. Clint Eastwood wäre ein hervorragender Dritter, auf den den man sich berufen könnte in diesem Zusammenhang. In seiner legendären Filmrolle als „Dirty Harry“ sprach er den folgenden, sehr philosophischen Satz: „Meinungen sind wie Arschlöcher. Jeder hat eines.“ „Wir“ sehen also: Von Eastwood kann sich Bloch eine Scheibe abschneiden. Der Dirty-Philosoph-Harry lieferte nämlich die bessere Erklärung dafür, warum die Deutschen angeblich selten so überzeugt hinter einer „Regierung wie dieser“ gestanden haben. Wobei das „wie dieser“ ansich schon gelogen ist. In der Geschichte der Bundesrepublik ist „uns“ eine „Regierung wie diese“ vorher nämlich noch nie untergekommen, respektive, es kam noch nie eine „Regierung wie diese“ über „uns“.

Alsdann vergibt Schuster die Haltungsnoten für Spahns Sprung von der großen Vergebungsschanze. „Sein Bekenntnis wird ihm nicht schaden. Gerade die Umsicht, mit der die Regierung vorgeht, hat aus dem Hang zum zivilen Ungehorsam die breite Einsicht zum zivilen Gehorsam gemacht. Die Mehrheit der Bevölkerung handelt wie eine mündige Bürgergesellschaft.“ – Es soll Kindergärtnerinnen gegeben haben, die für weniger Schwachsinn gefeuert worden sind. Die Mehrheit der Bevölkerung handelt nämlich wie eine Kindergartengesellschaft, nicht wie eine mündige Bürgergesellschaft. Umsonst wird die oberste Kindergärtnerin von großen Teilen der „mündigen Bürgerschaft“ nicht „Mutti“ genannt. Und das, obwohl sie gar keine leiblichen Kinder hat.

Good cop, bad cop

Kommen „wir“ von der rhetorischen Trickkiste zur vernehmungstechnischen: Was bei Polizeiverhören funktioniert, das klappt auch in anderen Zusammenhängen. Einen Verdächtigen, das deutsche Volk zum Beispiel, kann man weichkochen, indem man ihm zwei Personen präsentiert, die ihn ausquetschen wollen. Die eine baut dem Verdächtigen gegenüber eine Drohkulisse auf, mit welcher der Verdächtige in Angst und Schrecken versetzt wird. Hat er das gewünschte Paniklevel erreicht, geht der „böse Cop“, und der „gute Cop“ betritt das Vernehmungszimmer. Der beruhigt dann den ängstlichen Verdächtigen wieder und geriert sich so, als wolle er des Verdächtigen Freund sein, dem der Beschuldigte vertrauen kann. So wird der Verdächtigte dann gesprächig. Jens Spahn könnte durchaus die Funktion eines politischen „Good Cop“ übernommen haben. Schließlich kann kein Mensch ernsthaft behaupten, wir lebten in politisch inszenierungsfreien Zeiten. Mehr Show war noch nie. Eigentlich wäre es auch eine folgerichtige Entscheidung, wenn eine Regierung, die ganz genau weiß, daß sie faktisch großen Mist gebaut hat, versuchen würde, über die emotionale Schiene jene Sympathien zurückzugewinnen, die sie durch faktenbasierte Politik nie wieder bekommen würde. Gnade, bitte! Vergebung für die Repräsentanten eines Systems, in dem der Bundesgesundheitsminister vor Monaten schon die Möglichkeit eines Irrtums vorausbedacht hatte, und die dennoch saftige Strafvorschriften für Verstöße gegen Anordnungen erlassen haben, von denen sie angeblich gedacht hatten, daß sie auch falsch sein könnten? Vergebung für den Ruin von zigtausenden selbständiger Existenzen, den Verlust von eben so vielen Arbeitsplätzen, die „Corona-Bonds“ und die Entpersönlichung per Gesichtsverlust für Millionen durch einen Maskenzwang? – Nein, hier gilt für den Herrn Spahn der alte deutsche Satz vom Mitgefangenen, der auch mitgehangen wird. Er hätte sich ja von seinem Amt auch, wie man heute sagt, „distanzieren“ können wegen seiner Bedenken im Frühjahr. Dann hätte er eben zurücktreten – und ganz normal wieder bei der Sparkasse arbeiten müssen. Wer´s nicht glauben mag, der frage einfach bei seiner Regierungskollegin nach, der Frau Bundesjustizministerin Lambrecht. Anläßlich der Coronademo in Berlin vom vergangenen Wochenende sagte sie, daß, wer zusammen mit Rechtsextremen demonstriere, sich auch deren Einstellungen zuschreiben lasse müsse, weswegen sich jeder gut überlegen solle, ob er an solchen Demonstrationen teilnehmen will. Das läßt sich 1:1 auf die Beteiligung an einer „Regierung wie dieser“ übertragen. „Mitgefangen, mitgehangen“ gilt heutzutage wieder. Und Herrn Spahns Kollegin Lambrecht bestätigt es. Soll keiner behaupten, sie sei zu solchen Statements nicht autorisiert worden von der „mündigen Bürgergesellschaft“, welche geschlossen hinter einer „Regierung wie dieser“ steht. Wie „selten zuvor“,übrigens. Spott & Hohn, Herr Schuster!

Aber wie es so ist: Wer A sagt, der muß auch B sagen. Jacques Schuster läßt sich wahrlich nicht lumpen. Er schreibt: „Und was ist mit der Minderheit, die anderer Meinung ist? Sie sollte sich zwei Dinge vor Augen führen. Es ist überzeugender und menschlich angenehmer, so wie der Gesundheitsminister zu bekennen, ein Suchender zu sein, als vorzugeben, die Zukunft voraussehen zu können. Die meisten Gegner der Corona-Politik sind keine Zweifler, sondern Besserwisser. Sie tun so, als wären sie die weltbesten Virologen und größten Gelehrten auf dem Feld der Epidemiologie. Den Verirrten, die tatsächlich glauben, dieses Land gehe einer Diktatur entgegen, sei gesagt: Noch nie in der Geschichte des Totalitarismus und Autoritarismus hat jemals ein Machthaber offen erklärt, er werde Fehler begehen. Demokratie ist die Gabe, sich beständig selbst infrage zu stellen. Das hat Spahn getan.“ – „Wir“ sollen also lernen, daß wir nicht nur keine Diktatur haben, sondern darüber hinaus auch keiner entgegen gehen. Das ist ein bißchen zu viel verlangt. Dieses System trägt bereits alle Anzeichen einer Diktatur, die lediglich (noch) keine sein darf. Die Masse an Indizien ist schier erdrückend. Im Übrigen tut kaum jemand so, als sei er der weltbeste Virologe und größte Gelehrte auf dem Feld der Epidemiologie, außer vielleicht Herr Prof. Drosten, dem das allerdings niemand zum Vorwurf macht. Bei den meisten ist es einfach so, daß sie gänzlich unabhängig von ihrer virologischen und epidemiologischen Unkenntnis ihren gesunden Menschenverstand gebrauchen, um die Ungereimtheiten in den veröffentlichten Daten zu identifizieren und die Inkonsistenzen der „Pandemie“- Berichterstattung aufzudecken. Sie weigern sich einfach, sich mit Phrasen wie „steigende Coronazahlen“, „Neuinfektionen“, „Coronatote“ und dergleichen abspeisen zu lassen. Und sie weigern sich völlig zu Recht.

Es bleibt dabei: Im günstigsten Fall hat sich die Bundesregierung in Positionen verstiegen, von denen sie unbeschädigt selbst nicht wieder herunterkommt. Das wäre eine plausible Erklärung für das Festhalten an einem Kurs, bei dem es für die Regierung gar nicht mehr darum gehen kann, ob er falsch oder ob er richtig ist, weil er, um ein Lieblingswort der Kanzlerin zu verwenden – aus Gründen des eigenen Machterhalts
„alternativlos“ geworden ist. Wir haben es schließlich mit gigantischen Folgen dieses Kurses zu tun.

Im ungünstigsten Fall ist die Wahrheit noch viel schlimmer: Die Bundesregierung hat sich an einem auf internationaler Ebene beschlossenen Komplott gegen die souveränen Nationalstaaten beteiligt, dem die Behauptung einer mordsgefährlichen Pandemie lediglich dazu dienen sollte, die freiheitlich-demokratischen Grundordnungen abzuschaffen, welche der Bildung einer – erneutes Kanzlerinnenwort: „neuen Weltordnung“ – unter Führung der Vereinten Nationen im Wege stehen. In dem Fall müsste man von einer Verschwörungsbeteiligung der deutschen Regierung gegen das eigene Volk reden. Daß die CDU eine „neue Weltordnung“ bereits als unabänderliche Gegebenheit akzeptiert hat, geht aus ihrem Koalitionsvertrag hervor, Seite 146, Zeile 6912.

Protestiert wurde zudem nicht nur in Deutschland, sondern auch in Argentinien, in Rumänien, in England, in Spanien, in Thailand und vielen anderen Ländern mehr. In Australien wurde dieser Tage eine junge Frau in ihrer Wohnung festgenommen, weil sie versucht hatte, online eine Demo gegen die Coronamaßnahmen der australischen Regierung zu organisieren. In Griechenland steht die „Coronaleugnung“ inzwischen unter Strafe und an die Veranstaltung einer „Coronademo“ ist dort gar nicht mehr zu denken. Hierzulande tun sich CDU-Politiker ebenfalls hervor mit Gedankenspielen der Art, daß es doch möglich sein müsste, das Demonstrationsrecht für bestimmte Leute und deren Anliegen einfach abzuschaffen. Aber wir gehen keiner Diktatur entgegen? Für wie blöde hält der Chefkommentator der „Welt“ die Leser seines Blattes eigentlich?

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