Berlin – was bleibt, ist am Ende Ratlosigkeit

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Foto: Imago
Das gestrige Friedensfest in Berlin dürfte die größte und zugleich merkwürdigste Kundgebung in Deutschland nach 89 gewesen sein. Was Medien martialisch als Sturm auf die Hauptstadt ankündigten, erweist sich als ein Festival der Ambivalenz.
Von Robert Strack
Während unseres vierstündigen Spaziergangs sprechen wir mit sehr vielen Teilnehmern über ihre Beweggründe. Wir finden gut gelaunte, tanzende, singende und ausgesprochen friedliche Menschen der Altersklassen 25-80. Mit unterschiedlichsten Erklärungen für ihr Dasein. Wir begleiten eine Stuttgarterin, die Angela heißt, Angie genannt wird, und nicht nur darunter leidet. Da ist eine Familie, die Angst vor Zwangsimpfungen hat, weil die junge Mutter selbst durch Impfschäden beeinträchtigt ist. Wir unterhalten uns mit einem älteren Herren mit Preußenflagge, der die Souveränität und Handlungsfähigkeit Deutschlands in Frage stellt und sicherlich in der Schublade Reichsbürger landen wird. Wir befragen einen Plakatträger, der vor dem Aufziehen eines amerikanischen Faschismus warnt. Nein, Trump sei nicht gemeint, sehr wohl aber das Zusammengehen wirtschaftlicher mit politischen Eliten.
Wir treffen auf einen Youtuber aus Bern, der uns ebenso wie viele Ordner des Veranstalters davon berichtet, dass der Funkverkehr und die autarken W-LAN Stationen durch Störsender der Polizei lahmgelegt werden, so dass trotz der Proben am Vorabend nun weder Livebilder gesendet werden, noch interne Absprachen mit den Veranstaltungsleitern getroffen werden können. Wir filmen Volkstanzgruppen und Klaviervirtuosen. Vorbei ziehen Missionare, Yogalehrer, Rechtsanwälte, Rentner, Technofreaks, Dudelsackspieler, Liberale und Libertäre, Biker und Rocker, Althippies und Mittelalterfans, Oranjes, Kroaten, Franzosen. Wir schätzen Flächen und Dichte. Wir kommen für den Tiergarten auf etwa 150.000. Es gibt Fahnen von CDU, FDP, AfD, Deutschland und Schweden und vielen anderen, europäischen Ländern. Bis zum Beginn der Veranstaltung sind es noch zwei Stunden.
Jenseits des Brandenburger Tores, wo unter den Linden eine ähnlich große Menschenmenge von mitten auf dem Demonstrationsweg errichteten Sperren aufgehalten wird, dann die ANTIFA ihre Störmanöver absolvieren darf und schließlich Wasserwerfer auffahren, ist die Situation eine andere. Der Zug wird von der Polizei unter der Leitung des Innenministers (und ehemaligen SED-Kaders) Geisel in kleine Blöcke zerteilt. Über Stunden geht dort nichts mehr. Das provozierte Gedränge bietet dann den erwünschten Anlass für die Strategie Geisels, zunächst Forderungen nach Abständen und dann das Tragen von Masken zu erheben.
Nur ein Paradoxon unter vielen, dass Gegner eines inflationären und kaum noch verhältnismässigen Maskengebrauchs zum Tragen ebendieser Masken im Freiraum aufgefordert werden, in dem es so gut wie nie zu dokumentierten Infektionen kommt. Als dies erwartungsgemäß misslingt, verfügt die Polizei schließlich, die Veranstaltung aufzulösen. ARD und ZDF sekundieren umgehend bei der Verbreitung der Nachricht. Wohlwissend, dass der offensichtliche Rechtsbruch kurz darauf ein zweites Mal – diesmal per Eilantrag und letztinstanzlich – vor dem Verfassungsgericht scheitern wird. Immerhin – so mag Geisels Logik aussehen – wird man durch derartige Manöver wieder einige Demonstranten los. Man wird sehen, ob er den Amoklauf gegen seinen eigenen Verfassungsauftrag, dem er nach seiner Niederlage noch das, bei der Linken offenbar inzwischen übliche, wüste Nachtreten („Grundrechte für Arschlöcher“) folgen ließ, unbeschadet übersteht.
Die Veranstalter immerhin erweisen sich als juristisch sattelfest. Auch sonst scheint uns hinter den vielen Teams, den Ordnern, der kilometerlang installierten Tontechnik, der LED-Wand, den Kameraplätzen, den ausgewiesenen Rechtsexperten und Deeskalationsteams, eine erhebliche logistische und auch finanzielle Schlagkraft zu stecken. Graswurzelbewegungen sehen anders aus. Die Querdenker machen zwar noch Fehler. Laien sind das ganz offensichtlich nicht. Aber wer sind sie?
Wir stoßen auf vielen zurückgelegten Kilometern kein einziges Mal auf Nazis, Extremisten, körperliche oder verbale Gewalt. Im Gegenteil – die Teilnehmer sind betont bemüht, die Polizisten am Straßenrand durch Winken, Gespräche und übertrieben höfliches Nachfragen von ihrer unbedingten Friedfertigkeit zu überzeugen. Wir sind angesichts dieser Bilder nicht überrascht. Aber wir sind ebenso überzeugt davon, dass diese Bilder so am Abend nicht im Fernsehen gezeigt werden. Man wird andere finden. Als ganz zum Schluss schließlich vier angetrunkene Halbstarke auftauchen, die „Hier – marschiert – der nationale Widerstand!“ skandieren, dürften einige Presseteams aufgeatmet haben.
Dennoch – was bleibt, ist am Ende Ratlosigkeit. Zwar ist man sich unter den Demonstranten einig – da ist ein bedrohliches Grundrauschen. Da sind Ängste. Da ist sehr vieles nicht mehr in Ordnung. Da schwindet Freiheit. Mit jedem Tag mehr. Da geraten Existenzen in Gefahr. Da finden sich merkwürdigste Figuren in entscheidenden politischen Positionen, die da nie und nimmer hingehören. Da zieht etwas herauf, das niemand zu fassen bekommt. Was dem Unmutsvolksfest aber fehlt, ist offensichtlich jegliche politische Orientierung.
Dass da in den letzten Jahren weltumspannend ein alter neuer Traum einer Gleichheitsgesellschaft namens ‚Internationale‘ wiederauferstanden ist, der sich nun mit einer global denkenden Ökonomie verknüpft, die ebenso weder Kulturen, noch Nationen mit Grenzen, noch Völker mit Familien braucht, sondern vor allem steuerbare, gleichförmige und transparente Konsumenten. Dass hier also digitalgestützte Metatrends mit alten sozialistischen Utopien zusammentreffen, die unser aller Leben systemisch, dauerhaft und mit Urgewalt auf den Kopf stellen, das ist kaum jemandem der hier Versammelten bewusst. Und so findet sich um die Siegessäule mit dem riesigen Elefanten auf der Spitze ein Sinnbild des friedlich-fröhlichen Zerfalls. Ein Volk, das sich nicht mehr findet. Auch nicht im Protest.
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