Zensur- und framingfreie Zone: Telegram gerät ins Visier der Haltungsmedien

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Feindbild Telegram-Nutzer (Foto:Imago/ZUMAWire)

Bei der ARD, speziell in der „Tagesschau“-Redaktion, hegt und pflegt man gerne den eigenen Dünkel bzw. den der politisch „treuen“ Stammzuschauer hinsichtlich sozialen Medien und Messengerdiensten: Aktuell geht es wieder mal gegen „Telegram“ – das von den ÖRR-Framern in abenteuerlicher, irreführender Verkürzung als ein Sammelort von „Verschwörungstheoretikern, Weltuntergangspropheten und Rechtsextremen“ dargestellt wird; quasi eine digitale Version des angeblich überwiegenden Publikums der Corona-Grundrechtsdemos.

Man sieht immer das, was man sehen will – bzw. was die öffentlich-rechtlichen Meinungsmacher in missbräuchlicher Ausnutzung des unerklärlichen Seriositäts-Nimbus, den sie bei vielen ihrer (vor allem älteren) Zuschauern genießen, sichtbar machen wollen. In dem Fall richtet sich die selektive Wahrnehmung der Redakteure von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ (SZ), über deren „Recherchen“ die „Tagesschau“ berichtet, auf „mehr als tausend Gruppen und Kanäle bei Telegram, die sich deutschlandweit seit Anfang März gebildet hatten“ – natürlich zum Thema, was sonst, Corona. Anlass für die (wie gewohnt tendenziöse) Befassung war die vorherige „Warnung“ der Bundeszentrale für politische Bildung vor bestimmten auf Telegram aktiven „Gruppierungen“.

Erst sei es in den Telegram-Kanälen ja noch darum gegangen, „sich zu Demos zu verabreden„. Aber „Unverständnis und Verunsicherung wurden zu Empörung und dann zu Wut„, wissen die Redakteure. Inzwischen hätten „in den Gruppen diejenigen das Sagen, die diesen Staat und die Ordnung des Grundgesetzes ablehnen, ja verachten„. Bei Telegram träfen sie dann „auf Rechtsextreme, Weltuntergangspropheten und Verschwörungsmystiker„. Für die Gruppen, die hier zerrbildkonform durchleuchtet wurden, mag das vielleicht zutreffen. Aber eben auch nur für diese.

Den von einer befragten Nutzerin genannten Grund, warum Telegram und nicht mehr Facebook so populär wurde, gibt die „Tagesschau“  ohne weitere Reflektion wieder: „Facebook wurde immer mehr zensiert. Da hieß es, Telegram ist eine Alternative – und dann zack alle rüber zu Telegram.“ Leider versäumten es die Journalisten, an dieser Stelle einzuhaken und einmal ihr Gehirn einzuschalten: Denn natürlich ist es die inzwischen unerträgliche Meinungsbeschränkung und Zensurwut vor allem auf Facebook (wo gemeldet, gelöscht, gesperrt oder durch unseriöse, politisch voreingenommene sogenannte „Faktenfinder“ diffamiert und etikettiert wird wie nie), die Menschen zur Suche nach Alternativen motiviert – die sie in nichtregulierten, Peer-2-Peer-Messengerdiensten finden.

Telegram als logisches Refugium der „Stummgeschalteten“

Das ist nicht verwerflich, sondern das Normalste der Welt und zudem die logische Folge einer linksjakobinischen Blockwart- und Denunzierungsmentalität in den Netzen, die missliebige Meinungen kriminalisiert und ausgrenzt. Hätte man die grundgesetzlich eigentlich garantierte Meinungsfreiheit nicht so schamlos ausgehöhlt (durch NetzDG und „zivilgesellschaftliche“ Schnüffel-NGO’s), könnten sich Alternativpositionen gleichberechtigt neben der Regierungs-/Mainstreammeinung behaupten und müssten statt Zensur nur Widerspruch fürchten, kurzem: gäbe es hierzulande noch so etwas wie eine echte Diskussionskultur und Systemdebatte – dann wäre Telegram nie zum Rückzugsort der noch so schillernden „Dissenting Voters“ geworden.

Es ist daher ebenso einfallslos wie unoriginell, die zuvor auf Facebook verfolgten „Meinungsflüchtlinge“ nun auch auf Telegram zu jagen und über ihr dortiges Treiben zu nölen. Doch genau das tut die „Tagesschau“ bzw. NDR und SZ. Dies ist – wie zuvor auch im Fall der anderen sozialen Medien – insofern schade bis sogar tragisch, als die dahinterstehende eigentliche Grundidee der Dienste mit all ihren vielseitigen Möglichkeiten, Kontakt- und Informationsangeboten auf diese Weise in ein bedauerliches Zwielicht gerückt wird, das nichts, aber auch gar nichts mit der Wirklichkeit und Normalität dieser Messenger zu tun hat. Menschen, denen die Welt dieser neuen Formate im Netz bis heute komplett fremd geblieben ist, werden so nicht neugierig gemacht, sondern abgeschreckt („diesen Dreck brauche ich nicht“).

Es ist jedoch so, dass nie die Plattform, sondern die Inhalte das Problem ausmachen. Niemand käme auf die Idee, das Telefon zu verbieten, weil darüber auch Stalker- und Drohanrufe erfolgen können. Oder Autos, weil besoffene Halbstarke damit Menschen totrasen. Jeder weiß, dass dies nur ein winziger, verwerflicher Ausschnitt des Gesamtbildes ist. So auch bei Telegram – doch das erfährt der ahnungslose Oldschool-Analogzuschauer und Gebührenzahler nicht. Die groteske Reduzierung von Facebook und Twitter auf „Hassbotschaften“, „Fake-News“, „Rechtsradikale“ oder „Paranoide“ schreckt die meisten braven, vor allem älteren Deutschen mit noch vordigitalen Mediengewohnheiten wirksam ab. Das Dauergetröte der angeblichen Kaperung durch braune Spinner oder aktuell durch „Maskenverweigerer“ und „Covidioten“ garantiert, dass hier nichts mehr richtig verstanden wird – und sich die derart Berieselten mit den faszinierenden Möglichkeiten der digitalen Kommunikation gar nicht mehr erst auseinandersetzen.

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Reductio ad absurdum

Indem nun auch Telegram ins Zwielicht gerückt wird – jene freie Alternative zur Facebook-Tochter Whatsapp – wird völlig ausgeblendet, dass über 95 Prozent der inzwischen über 400 Millionen globalen Nutzer diesen Dienst völlig unpolitisch nutzen; sie unterhalten sich, abonnieren interessenspezifische Kanäle oder Gruppen zu Sport, Freizeit, Beruf, Hobby, die so vielseitig sind wie ihr Leben sind. Dass dort auch dubiose Kreise dort verkehren, ist nur ein Abbild der Realgesellschaft. Doch die Anti-Nazi-Hysteriker in deutschen Redaktionsstuben im Daueralarmzustand stellen es dar, als sei der gesamte Messengerdienst ein braun, extremistisch oder terroristisch unterwanderter Schmutztiegel.

Und natürlich darf in diesem Zusammenhang auch der „Experte“ nicht fehlen, den die  journalistischen  ARD- und SZ-Berufsbedenkenträger ins Rennen schicken, um ihre Räuberpistole vom durchweg klandestinen Telegram-Schattennetzwerk wissenschaftlich zu untermauern: Politikwissenschaftler Josef Holnburger, der „diese Telegram-Daten systematisch gesammelt“ hat und es als „kritisch“ erachtet, dass bei dem Messengerdienst niemand mit widersprechenden Meinungen konfrontiert werde und „Behauptungen nicht überprüft würden, wie es beispielsweise Facebook und Twitter inzwischen tun„.

Die dahinterstehende Forderung ist klar: Betreutes Denken ab sofort auch im Messengerdienst. Vielleicht soll „Correctiv“ nicht nur jeden Facebook- und demnächst Whatsapp-Dialog, sondern demnächst auch jedes private Telefonat und jeden Videochat mitverfolgen dürfen und sich bei Bedarf einklinken, um Fakenews richtigzustellen (oder das Gespräch zu beenden)? Genau in diese Richtung zielt die Berichterstattung von NDR und SZ letztlich: Die Gesinnungspolizei, getarnt als „Faktenchecker“ o.ä. (bei Orwell hieß es noch „Wahrheitsministerium“), soll uns bis in die letzten Winkel begleiten. Es ist wie im calvinistischen Tugendterror in Genf: Die Gardinen dürfen nicht zugezogen werden – denn der Rechtschaffene hat nichts zu verbergen. (DM)

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