Trotz massiver Ausweitung der Corona-Tests: Die Pandemie flaut weiter ab – nur Lauterbach fürchtet sich vor zweiter Welle

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Foto: Jugendlicher mit Schutzmaske in einer S-Bahn (über dts Nachrichtenagentur)

Sie versuchen wirklich alles, um die Pandemie so lange aufrecht zu erhalten wie möglich, doch scheint der Corona-Virus an Gefährlichkeit immer mehr einzubüßen.

Zwar stieg die Zahl der mit Covid-19-Patienten belegten Intensivbetten bis Sonntagabend innerhalb eines Tages um 23 auf 271. Doch werden dabei bewusst keine Altersangaben gemacht.

Außerdem wurde am Sonntag ebenfalls erstmals seit Monaten in Deutschland kein einziger Todesfall im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet. Die durchschnittliche Zahl an täglichen Neuinfektionen stieg allerdings von 502 am Vortag auf nunmehr 528. Bundesweit gab es damit innerhalb der letzten sieben Tage 4,5 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner. Mitte Juni war mit durchschnittlich 306 Neuinfektionen, bzw. 2,8 Neuinfektionen pro Woche und 100.000 Einwohner der niedrigste Wert seit Ausbruch der Pandemie erreicht worden.

Wenn man weiß, wie viele Bürger mittlerweile getestet werden, ist diese Zahl nicht überzubewerten.

Nach dem Corona-Ausbruch in einem landwirtschaftlichen Betrieb im niederbayerischen Landkreis Dingolfing-Landau hat Bayern zum Beispiel eine neue „Corona-Testoffensive“ bei Erntehelfern gestartet. „Ziel des neuen Untersuchungsprogramms ist es, größeren Ausbruchsgeschehen wie aktuell in einem landwirtschaftlichen Betrieb in Mamming vorzubeugen“, sagte Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml am Sonntag in Dingolfing. „Zugleich soll der Gesundheitsschutz der Beschäftigten gestärkt werden.“

Weiterhin habe der Schutz der Bevölkerung vor einer Corona-Infektion „oberste Priorität“. Schwerpunkte der Reihentests sollen zunächst der betroffene Landkreis Dingolfing-Landau sowie die anliegenden Landkreise sein. Die Tests sollen „so bald wie möglich“ sukzessive ausgeweitet werden, so Huml weiter.

Ziel der Reihentest sei es, die Ausbreitung lokal zu begrenzen, „um möglichst weitere einschränkende Maßnahmen für die Bevölkerung zu vermeiden“.

Es sieht also so aus, als ob demnächst die Hälfte der Bevölkerung auf jeden Fall aber der größte Teil der Urlaubsrückkehrer erstmal in Quarantäne gesteckt werden.

Vor dem Hintergrund der Debatte um mehr und zielgerichtetere Corona-Tests fordert der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) mehr Sicherheit. „Die Wirtschaft hat gezeigt, dass sie durch einen sorgfältigen Umgang mit den Gefahren des Coronavirus und kluge Regeln zum Gesundheitsschutz ihren Teil beitragen kann“, sagte DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben dem „Handelsblatt“ (Montagsausgabe). Nun sei es „wichtig, mehr Sicherheit im Umgang mit den Gesundheitsrisiken zu erlangen“.

Auch der BDI und eine Gruppe von Ökonomen fordert unter dem Slogan „test-the-world“ eine massive Ausweitung der Tests, um die Pandemie besser zu bekämpfen. „Derzeit versuchen die Unternehmen alles, den Neustart für die Wirtschaft in Deutschland und in Europa zu verstetigen“, sagte Wansleben. Die nationalen Konjunkturpakete sowie die jüngst beschlossenen EU-Hilfsgelder seien wichtige Maßnahmen, um den Betrieben Impulse zu geben und den Standort Deutschland und Europa zu modernisieren.

„Die international orientierte deutsche Wirtschaft ist dabei aber auf Verbindungen in alle Welt angewiesen.“

Weil es allen so gut in den Kram passt, werden immer noch Infizierte mit Erkrankten gleichgesetzt. Das ist ungefähr so, als wenn man nach den großen Sommerferien die Verkehrsteilnehmer zählen und dann entsetzt feststellen würde, dass wieder mehr Bürger die Straßen überqueren.

Was nämlich hier keinen interessiert: Immer mehr Bürger gelten als genesen. Aber wir kommen aus der Nummer nicht mehr heraus, das sagt uns – na, wer errät es? Genau, dieser Mann hier:

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach befürchtet, dass sich die Zahl der Corona-Infektionen wieder deutlich erhöhen wird. „Für mich sieht es so aus, als ob jetzt eine zweite Corona-Welle anrollt. Viele Landkreise sind betroffen und fast alle Altersgruppen. Das deutet stark darauf hin“, sagte Lauterbach der „Passauer Neuen Presse“ (Montagsausgabe). Daher fordert er unter anderem, Reiserückkehrer grundsätzlich auf das Virus testen zu lassen. Wenn die Infektionszahlen weiter so deutlich steigen, „wäre das der Beginn der zweiten Welle“, prognostiziert Lauterbach.

Der Fall der Virusausbreitung unter Erntehelfern auf einem Bauernhof im niederbayerischen Landkreis Dingolfing-Landau sei „ein Beispiel für Cluster-Infektionen wie wir sie in den nächsten Monaten immer mehr sehen werden. Das entscheidende ist, dass mit Quarantäne sofort reagiert wird und die Quarantäne auch eingehalten und kontrolliert wird“, forderte der SPD-Politiker. Daher hält Lauterbach auch verpflichtende Tests für Reiserückkehrer für sinnvoll.

Und zwar nicht nur für Rückkehrer aus Risikogebieten, sondern für alle. „Das Verhalten der Menschen in den Nicht-Risikoländern ist oft problematischer als in den Risikoländern. Da werden die Einschränkungen kaum noch eingehalten. Die Testergebnisse und Infektionszahlen, etwa vom Frankfurter Flughafen, zeigen, dass die meisten positiv Getesteten eben nicht aus Risikoländern gekommen sind, sondern aus Europa. Deshalb sollte auch diese Gruppe in den Testzentren an den Flughäfen getestet werden. Das ist natürlich sehr aufwendig. Wenn die Tests nicht verpflichtend sind, werden sich viele nicht daran beteiligen, weil sie nicht in Quarantäne gehen wollen“, sagte er.

Wenn nicht alle Rückkehrer gleich am Flughafen getestet werden, werden das später nur wenige tun, da sie keinen Druck hätten, befürchtet Lauterbach. Die Aussage von Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU), der eine Rückkehr zum Regelbetrieb für Schulen für möglich hält, sieht der SPD-Gesundheitsexperte skeptisch. „Versuchen kann man das.“ Er glaube aber nicht, dass das funktioniere „und nicht chaotisch und riskant wird. Wenn wir tatsächlich eine zweite Corona-Welle bekommen, wären auch die Schulen und Klassenräume die Orte, an denen es zum Superspreading, zu massiven neuen Ausbrüchen, kommen könnte. Wir brauchen eine kluge und wirksame Strategie, um das zu verhindern“, so Lauterbach. (Mit Material von dts)

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