Fall Yves Rausch: Damit die Statistik stimmt, ist ab sofort jeder Spinner Nazi

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Yves Rausch entwaffnete 4 Polizisten und flüchtete mit den Waffen in den Wald; Foto: © jouwatch Collage
Yves Rausch entwaffnete 4 Polizisten und flüchtete mit den Waffen in den Wald; Foto: © jouwatch Collage

Wie die Behörden aus der an Peinlichkeit nicht mehr zu überbietenden Nummer ohne zu großen Gesichtsverlust je wieder herausfinden sollten, dass ein verschrobener Einzelgänger vier gestandene Polizisten entwaffnen und eine ganze Woche lang im Schwarzwald abtauchen konnte, beschäftigte die politisch Verantwortlichen in Baden-Württemberg diese Woche mindestens so sehr wie die Fahndung nach dem Täter selbst. Lösung und Erlösung zu gleich: Yves Rausch war – welch ein Glück – natürlich Rechtsradikaler.

Mit dieser Einordnung können zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen werden: Zum einen wird die irre Tat eines mit Pfeil und Bogen durch die unwirtliche Oppenauer Bergwelt irrlichternden Freaks so zum hochdramatisch-umstürzlerischen Angriff der militanten Rechten verklärt, zu einem Fall für den Staatsschutz – was die Blamage relativiert, dass vier Polizisten einem einzelnen Mann während einer Routinekontrolle auf dessen Drohgebärden hin ihre Dienstwaffen aushändigten. Zum anderen gibt’s wieder mal willkommenes Futter für die Statistik rechtsextremer Gewalttaten, nachdem es seit Hanau zuletzt enttäuschend ruhig um Nazi-Attentäter oder Reichsbürger geworden war.

Apropos Hanau: Auch bei dem für das Blutbad von Februar verantwortlichen Killer Tobias Rathjen spielten – kaum wurde ein rechtsextremer Hintergrund konstruierbar – plötzlich alle vorherigen, zur Einschätzung der Täterpersönlichkeit wesentlich aussagekräftigeren Eigenschaften plötzlich keine Rolle mehr: Schwere Paranoia, wahnhafte Schizophrenie traten als medizinische Indikationen und entlastende Umstände gänzlich zurück; es zählten aus Rathjens völlig verrücktem „Manifest“ nur noch die Passagen, die zur These des eiskalt planenden, motivfesten, fremdenfeindlich-rechtsextremen Mörders passten.

Wie bei Hanau: Aus dem Psychopathen wird der Nazi

Während der sechs Tage seiner Flucht wurde bei Yves Rausch alles darauf abgestellt, dass hier ein Außenseiter, Eigenbrötler und Sonderling als – um es gelinde zu beschreiben – offensichtlich psychisch hochgradig gestörte, soziophobe Person seine eigene Scheinwelt in der Wildnis kultiviert habe, als realitätsflüchtiger „Waldläufer“ einem kruden Romantikgefühl nachhing und seinen Waffen-Fimmel frönte – von Pfeil und Bogen bis hin zu den Schreckschusspistolen, mit denen er die Polizisten entwaffnete. Bis dann gestern seine Strafakte an die Öffentlichkeit kam. Seither wird der Fall medial in einem völlig anderen Licht beleuchtet.

Dabei hatte nicht einmal die Staatsanwalt Offenburg jenen „rechtsradikalen Hintergrund“ gesehen, der jetzt für wesenstypisch erklärt wird: Denn dass Yves Rausch seit 2003 siebenmal rechtskräftig verurteilt wurde (unter anderem 2005 vom Landgericht Freiburg wegen Volksverhetzung und mehrerer Diebstähle), dass er mit 16 unter anderem ein Hakenkreuz, SS-Runen und antisemitische Parolen an eine Wand gesprüht haben soll, reicht angesichts der extremen Verhaltensauffälligkeit, geistiger Zurückgebliebenheit und handfester psychischen- und Entwicklungsstörungen selbst im hysterischen Deutschland noch nicht aus für die Klassifizierung als Nazi-Rambo aus den Wäldern. Zumal Rausch zudem von Bekannten als komplett unpolitisch beschrieben wurde und lieber Punkmusik statt „Landser“, „Frontalkraft“ oder „Noie Werte“ hörte.

Rechte Kaffeesatzleserei mit der „Welt“

Da mussten also noch mehr Indizien für seine rechtsextreme Einordnung her – ein Fall für deutsche Investigativjournalisten. Beispielgebend für den prompt entflammten investigativen Medieneifer ließ sich die „Welt“ nicht lumpen, und begab sich  sich auf Spurensuche im idyllischen Renchtal, um der These vom unheimlichen Yeti Yves als brandgefährlichem Rechten Nahrung zu geben. Sie wurde bald fündig: „Yves R., so heißt es, kam in seiner frühen Kindheit nach Oppenau. Als Schüler begann er, sich für Gothic und Metal zu interessieren. Er trug schwarze Kleidung, lange Haare, Nietenhalsbänder… Freunde und Bekannte von Yves R. tragen heute noch Thor-Hammer-Ketten und Shirts der Musikband Panzerfaust… Diese Symbole und die Ästhetik werden häufig als Beleg einer rechtsradikalen Gesinnung herangezogen„, so das Springer-Blatt.

Wenn das kein schlagender Beweis ist – ein T-Shirt mit einem verfänglichem Bandnamen. Dazu führt das Blatt aus: „Der Bandname Panzerfaust klingt ja erst mal nicht gerade sozialdemokratisch. Panzerfaust sind eine kanadische Black-Metal-Band. Vor einigen Jahren wurden sie über die Musikszene hinaus bekannt, weil sie vor einer radikalen Baptistenkirche auf den Rasen urinierten. ‚Fag Marriage Dooms Nation‘ stand auf einem Schild der Kirche. ‚Schwuchtelhochzeiten sind der Untergang unserer Nation‘, bedeutete das. Beim Urinieren streckten die Bandmitglieder den Mittelfinger in Richtung Kirche und Schild.“ Jetzt ist alles klar: ein Shirt mit dem Logo einer Band mit dieser Vorgeschichte trägt, der muss zwingend in der geistigen Nachfolge der NSDAP stehen. Wurde eine solche Hintergrundrecherche eigentlich je bei den Fans der vom Bundespräsidenten beworbenen Vorzeige-Künstler der „wirsindmehr“-Bewegung betrieben, etwa im Fall von „FeineSahneFischfilet“?

Doch zurück zu Rausch. Tatsächlich findet sich noch ein weitaus  belastenderer, untrüglicherer Beweis für dessen rechte Gesinnung: Die Nähe zu Adolf Hitler. Denn, so die „Welt“: „Hitler hatte ein Führerhauptquartier in der Nähe. Tannenberg hieß das. 15 Kilometer ist es von Oppenau bis dahin. Lothar, ein einheimischer Wanderführer, erklärt, dass in einer Chronik verzeichnet sei, dass es Hitler hier zu kalt gewesen sein soll. Er war nur einmal dort. Und kam dann nie wieder.“

Nachträgliche Erklärung für Großaufgebot bei der Fahndung

Diese geographische Begebenheit kann unmöglich Zufall sein. Und plötzlich erscheint die Überrumpelung von vier Polizisten, die Rausch in seinem natürlichen „Habitat“ störten und kontrollieren wollten, in einem ganz neuen Licht: Der grimmige Rebell hatte offenkundig monate- oder jahrelang listig im Wald gelauert, bis endlich zufällig ein paar Streifenbeamten vorbeikamen, mit deren Dienstpistolen er den nächsten braunen Putsch verüben wollte. Was sonst, ganz klar.

Nun, da soviel Erhellendes bekannt wurde über Yves Rausch, diesen brandgefährlichen rechtsextremen Schwarzwaldschrat, erklärt sich auch der Zweck eines beispiellosen Großeinsatz von Polizei und Ordnungskräften – inklusive Hubschraubern mit Wärmebildkameras, Hundestaffeln und aus dem ganzen Ländle herbeigekarrten Hundertschaften, ebenso wie der lokale Schul- und Kita-Lockdown: Deutschland, so scheint es, hat noch einmal Glück gehabt. 500 Polizisten konnten einen halbnackten Waldläufer gerade noch rechtzeitig dingfest machen, bevor die NSU oder Schlimmeres Wiederauferstehung  feiern konnten.

Früher waren Nazis hochvernetzte, ideologisch geschulte und straff organisierte Parteikader, finanziert und gedeckt von gesellschaftlichen Eliten mit einer klaren verfassungsfeindlichen Agenda; oder sie waren immerhin aggressive Glatzen und uniformierte Schläger, die sich in gewalttätigen Organisationen sammelten und Übergriffe gegen weltanschauliche Gegner durchführten. Wir lernen: Die Nazis von 2020 sind isolierte Einzelgänger, leben bei ihrer Mutter, hören Stimmen, sind von der CIA ferngesteuert – oder sie ziehen mit Pfeil und Bogen durch die Wälder, vagabundieren in Höhlen, führen unter hohen Tannen Selbstgespräche und ernähren sich von Wurzeln und Beeren. (DM)

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