Nach Protz-Gipfel auf Herrenchiemsee: Hofberichterstattung der übelsten Sorte

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Merkel und Söder im spätbarocken Rahmen (Foto: Imago)

Der Byzanthinismus deutscher Jubelmedien und staatsloyaler Journalisten wurde gestern einmal mehr zu neuer Blüte getrieben, als es um Merkels „Inland-Staatsbesuch“ bei Markus Söder ging. Kritische Hinterfragung der Corona-Maßnahmen inkl. bitterer Folgen für Einzelhandel und Veranstaltungsgewerbe, Thematisierung des Scherbenhaufens, auf den Deutschland zusteuert? Fehlanzeige. Stattdessen gab es in den Artikelspalten und TV-Studios eitel Sonnenschein.

Bild“ ließ sich nicht lumpen und jubilierte: „Söder: Kutschfahrt mit Merkel live! Kein Protz! Besuch auf Chiemsee-Schloss!“ Inwieweit sich die Behauptung „kein Protz“ mit den Impressionen von Schloss Herrenchiemsee deckt, wo sich Merkel und Söder im Spiegelsaal die Ehre gaben, kann jeder kritische Beobachter selbst beurteilen; im Netz machten bereits Spott-Memes die Runde; unter dem obigen Foto fand sich etwa der sarkastische Spruch: „Seien Sie bitte versichert: Wir tun unser Möglichstes, um die coronabedingte Verarmung der Bürger für uns so erträglich wie möglich zu machen.“

Die „Zeit“ hingegen fühlte sich bei diesem Motiv eher an phantastische Formeln aus Tolkiens „Herr der Ringe“ erinnert und dichtete über die imposanten Spiegel des Geprängesaals Ludwigs II.: „17 Spiegel, sie alle zu binden…“. Zunächst las es sich dann so, als sei die Hamburger Wochenzeitung alles andere als begeistert von Söders Inszenierung: „Es scheint, als sei die Inszenierung des Politischen auf der Höhe demokratischer, postfeudaler Gesellschaften angekommen.“

Doch schnell wird klar, was damit eigentlich gemeint ist: die üblichen Hassfiguren. „Absolutistische Gesten zeigen allenfalls noch ideologische Betonköpfe. Wie quengelnde Kleinkinder halten die Trumps und Bolsonaros dieser Welt am lieb gewonnenen Populistenpomp fest.“ Also gerade nicht Merkel und Söder – obwohl sie es ja hier sind, die diese Inszenierung gestern auf die Spitze trieben. Manche „Zeit“-Redakteure sollten sich vielleicht wegen begründeten Anfangsverdachts auf Schizophrenie untersuchen lassen.

Trump für das anmachen, was Merkel real tut

Und es ist ebenfalls die „Zeit“, die über das Deutschland, zu dem Söder und Merkel die Republik binnen vier Monaten umgebaut haben, unverhohlen frohlockt – und sich daran aufgeilt, dass die großen Staatsgesten auch in Washington, London und Moskau endlich Geschichte sind: „Corona hat die politischen Bühnen verkleinert. Keine Großkundgebungen mehr. Keine Auftritte vor Hunderten Journalisten. Kaum noch Militärparaden.“ So mögen das die linken Jakobiner der neuen Normalität: Alles Störende, Ewiggestrige, national Erhebende soll weg.

Ist jedoch eine prachtvolle Kulisse gefragt, vor der Merkel ihre charismafreie Aura entfalten kann und durch die ein glanzvoller Kontrapunkt zum vormaligen Dauerkonflikt zwischen Söders Vorgänger Horst Seehofer und der Kanzlerin zu setzen ist. Ausgerechnet vor jeder Menge Gold und Lametta spielen sich die selbsternannten Corona-Volksretter und Großen Lotsen der Republik als bescheidene, miteinander harmonierende Routiniers mit staatsmännischem Gestus.

Und die angereiste journalistische Claque lässt sich nicht lumpen und poliert am ungetrübten PR-Image nach Kräften mit. Da sind sind großkotzige Gesten mit monarchischem Tand gerade gut genug – inklusive Anfahrt im Zweispänner und vor malerischer Landschaft, und an höfische Rituale erinnernder Schlosskonferenz. Sowas ergibt Pressefotos voll Harmonie, in bester Postkartenidylle.

Postkartenidyll und ungetrübte PR

Auch „n-tv“ jubelte da unter der Überschrift „Ganz große Übereinstimmung“ servil: „Eine Kutschfahrt mit der Kanzlerin, beeindruckende Umfragewerte und auch das Wetter spielt mit: Auf Schloss Herrenchiemsee macht Bayerns Ministerpräsident Söder den Besuch von Kanzlerin Merkel zum Spektakel – und erlebt einen Tag nach Wunsch!“ Hier werde „aufgefahren, was Bayern nur hergibt: Mit dem Boot geht’s hinüber nach Herrenchiemsee, beide tragen artig ihre Corona-Masken. Dann rollen Angela Merkel und Söder in einer Kutsche über die Insel, vorbei an sprudelnden Schlossfontänen.“

Immerhin traute man sich noch ein frivoles Fazit zu: „Söder empfängt die Kanzlerin wie eine Königin und inszeniert sich so auch selbst: Als der derzeit diensthabende Kronprinz.“ Angesichts der jüngsten Umfragewerte, die Söder bei der Mehrheit der Deutschen als Wunsch-Nachfolger Merkels sehen, war dies wohl auch die eigentlich Absicht. Und fast sah es so aus, als wolle „Mutti“ Söder mit dem gemeinsamen Hoftag am Chiemsee als Nachfolge-Kandidaten aufbauen. (DM)

 

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