AfD-Redeverbot in „Bild“: Aktivist Reichelt voll auf Regierungslinie

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Fortan nur noch politisch genehme Gesprächspartner: "Bild"-Chef Julian Reichelt (Foto:Imago/Schüler)

Wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing: Die Ankündigung von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, fortan keine Interviews mehr mit AfD-Politikern zu führen, kommt nicht von ungefähr zu einer Zeit, da die Bundesregierung den notleidenden Zeitungsmarkt mit überlebenswichtigen Anzeigenkampagnen pampert – für zivilgesellschaftliche Imageaktionen ebenso wie für die Corona-App, denn Geld spielt im wiederentdeckten Schulden-Orkus keine Rolle mehr. Und wer mitkassieren will, muss auf Altparteien-Linie bleiben.

Und zur gefälligen Presse-Netiquette gehört nun einmal – ganz im Sinne des Polit-Establishments namens „Groko & Friends“ – die Ächtung, Ausgrenzung und Entmenschlichung der kompletten AfD, die unterscheidungslos und undifferenziert als potentiell verfassungsfeindlich und rechtsextremistisch abgestempelt wird. Im Branchenportal „Quotenmeter“ hatte Reichelt verkündet, „Bild“ & Co. würden der AfD „keine Fläche und keine Reichweite“ mehr bieten. „Wir werden ihnen nicht ermöglichen, sich zu inszenieren. Ein klassisches Interview mit der AfD wird bei uns also nicht stattfinden.“

Inszenieren dürfen sich dafür umso mehr die anderen, die Mainstream-Vertreter. So wie öffentlich-rechtliche Talkformate immer seltener AfD-Vertreter einladen und mehr über als mit dieser Partei sprechen, so beugt sich nun auch die letzte Bastion der scheinbar unabhängigen, zumindest bisher teilweise ideologiefreien Presse des Springer-Konzerns dem linksgrünen Meinungsdiktat. Der Selbstanspruch der Medien als kritische „vierte Gewalt“ mit Kontrollfunktion, als Spiegel der Meinungsvielfalt einer demokratisch-pluralistischen Gesellschaft wird endgültig ad absurdum geführt, wenn eine Partei, die in manchen Bundesländern ein Viertel der Wähler vertritt, nicht mehr öffentlich zu Wort kommen darf und stattdessen pauschaldiffamiert wird.

Was es bedeutet, wenn Deutschlands auflagenstärkste Tageszeitung und ihre diversen Spartenblätter und Ableger mit Vertreter aller Parteien, nur nicht mehr denen ausgerechnet der größten Oppositionspartei im Parlament spricht, bedarf keiner weiteren Kommentierung mehr. Auffallend am Zeitpunkt von Reichelts Entscheidung ist, dass sie nicht nur verdächtig nahe an der verdeckten staatlichen Mediensubvention durch Anzeigenschaltungen in regierungsloyalen Medien erfolgt, sondern auch auf dem Höhepunkt der (angeblichen) Beliebtheitswerte der Groko im Corona-verschüchterten Volk, wo die AfD scheinbar auf dem absteigenden Ast ist. Solange sie jedoch Zulauf hatte und von Umfragehoch zu Umfragehoch eilte, hatte „Bild“ keinerlei Berührungsängste. Es ist der übliche Auflagenopportunismus eines plebejischen Boulevardblatts, dessen Macher sich wie die Fähnchen im Wind biegen.

Über Ungarn oder die Türkei braucht sich niemand mehr zu beschweren

Über die „gelenkte Presse“ in Russland und China, über meinungseinschränkenden sogenannten Antiterror-Bestimmungen in der Türkei oder über Pressegesetze in Ungarn brauchen sich deutsche Redakteure – vor allem Julian Reichelt – jedenfalls nicht mehr künstlich zu echauffieren; der mediale Manipulationsgrad hierzulande steht der Propaganda in den genannten Staaten nämlich in nichts nach. Schlimmer noch: Während Journalisten in semiautoritären oder diktatorischer Regimes zu ihrer Entschuldigung wenigstens noch auf staatliche Repressalien, Druck von ob und beinharte Zwangszensur berufen können, handeln ihre deutschen Berufskollegen als Überzeugungstäter, die „Haltung“ über Objektivität und Volkserziehung über Informationsauftrag stellen.

Entsprechend heftig fiel gestern auch die Reaktion der AfD auf Reichelts effekthaschende Entscheidung aus. Die „Junge Freiheit“ zitiert Martin Renner, medienpolitischer Sprecher der Partei, wie folgt: „Es ist unfaßbar, daß ein Medium wie die Bild-Zeitung sich derart in den Dienst der etablierten Politik stellt und sich von der größten Oppositionspartei, der AfD, derart distanziert“. Die Aufgabe der vierten Gewalt sei die Kontrolle von Exekutive und Legislative – doch stattdessen würden „die meisten Medien zu Lobpreisern und Herolden der politisch Mächtigen“. Und der medienpolitische Sprecher der rheinland-pfälzischen AfD-Fraktion, Joachim Paul, nannte Reichelts Entschluss einen „journalistischen Offenbarungseid“; aus dem „Bild Dir Deine Meinung“ werde mit Blick auf die bevorstehende Bundestagswahl anscheinend „Wir wollen Dir Deine Meinung bilden“.

Julian Reichelt ist mit seiner AfD-Ausgrenzung jedenfalls – ganz im Interesse der auf einen möglichst störungsfreien Wahlkampf erpichten Altparteien und auch des Verfassungsschutzes – vom bislang respektablen unabhängigen Journalisten ins Lager der Aktivisten gewechselt und kann sich so in eine fragwürdige Reihe mit Anja Reschke, Tina Hassel oder Georg Reste stellen. (DM)

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