Virologen und Corona: Keine Karriere ohne Dauer-Alarmismus

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RKI-Chef Wieler, Virologe Drosten, Bundesgesundheitsminister Spahn: Politik und Experten in enger Verzahnung (Foto:Imago/photothek)

Für bestimmte Facharztberufe hat die Corona-Krise zu einer völligen Neudefinition ihres Aufgabenprofils geführt. Einst waren sie (von der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtete) Weißkittelträger und verschrobene Labormediziner – doch inzwischen sind Virologen, Epidemiologen, Infektiologen zu prominenten Popstars mit Medien-Omnipräsenz aufgestiegen. Um Karriere zu machen, müssen sie sich auf die Kunst des Schürens von Panik ebenso wie derer Aufrechterhaltung verstehen.

Vermutlich hat das Zusammenfallen des wissenschaftlichen Impulses einerseits, sich stetig abzusichern zu wollen, und des Zwangs, Politikern und Öffentlichkeit adäquate Empfehlung als Entscheidungsgrundlage liefern müssen, zu einer Selbstwahrnehmung besonderer Unverzichtbarkeit und geradezu halbgöttlicher Begnadung geführt. Einerseits müssen sie forschen, in Echtzeit Forschungsresultate interpretieren und daraus Schlüsse ableiten, andererseits tingeln sie von Talkshow zu Bundespressekonferenz, von Kabinettssitzung zu Intervisionskonferenz.

Dass da – zumal bei einem neuen, noch immer nicht voll verstandenen Virus wie Sars-CoV2 – Irrtümer und Fehler vorprogrammiert sind, war von vornherein klar. Umso unverständlich aber ist, dass die Politik im völligen Blindflug ihren teils höchst widersprüchlichen Expertisen blind vertraut hat und oftmals ungefiltert das laute „Vor-sich-Hindenken“ von Virologen weitergeplappert hat – mit dem Effekt nicht nur einer eklatanten Verunsicherung der Bevölkerung, sondern auch der nachweislichen Fehlerhaftigkeit diverser Entscheidungen.

Dass die Krise – entgegen felsenfester Überzeugung und eindeutiger Prognosen mancher Vertreter der virologischen Créme des Landes – so glimpflich verlief und es zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd zu einer Bedrohung von Volksgesundheit und Gesundheitssystem kam, geschah – das muss festgehalten werden – trotz und nicht wegen der Rolle dieser Experten.

Medienhype und politischer Blindflug

Als Resultat des Medienhypes, der allen Widersprüchen und vorschnellen Fehleinschätzungen zum Trotz etwa um Christian Drosten von der Berliner Charité entstand (und mit dessen anfangs hörenswertem, irgendwann nur noch verwirrenden NDR-Podcast zum Corona-Virus seinen Anfang nahm), hat vor allem der fachmedizinische Nachwuchs im Land eine Lektion sicherlich gelernt: Als Virologe kann nur Karriere machen, wer Verunsicherung stiften, die Bevölkerung in einem Zustand der Dauererregung halten und Panik verbreiten kann.

Der fatale Wahn dieses ständigen Arousals, des ungebrochenen Tremolos immer neuer Erkenntnisse, stetig neuer Studienresultate und spekulativer Mutationen hat dazu geführt, dass Gesundheitspolitiker, die von den Experten umgeben sind, im Zweifel viel zu viel entscheiden und an Maßnahmen verhängen. Am liebsten wollen sie auch noch das allergeringste Restrisiko ausschließen, um ja auf der sicheren Seite zu stehen. Die Daseinsberechtigung der Infektiologen und Epidemiologen beziehen diese daraus, die Risiken ständig neu zu definieren und Nachschub an potentiellen Katastrophenszenarien zu liefern.

Aerosolausbreitung in geschlossenen Räumen oder im Freien – Covid-Langzeitfolgen von Atemproblemen über Reizdarm bis zu Hirnschäden – ständig neue Nebenwirkungen und Symptome von Dauererektion bis Dermatosen: Keine Meldung ist zu bizarr, als dass damit nicht die Krisenstäbe wirksam auf Trab gehalten werden könnten. Von den Medien, die den Dauerhype begierig aufgreifen und so ihre tägliche Schlagzeile erhalten, ganz zu schweigen.

Die stete Gefahr als Jobgarantie

Umgekehrt wäre der Gesundheitsexperte oder Virologe schnell seinen Job los, der morgen offen erklärt, dass in Wahrheit die Gefahr weit überschätzt wurde und die Pandemie sich als im Grunde für Nichtrisikopatienten und Hochbetagte völlig durchschnittliche Gesundheitsgefahr entpuppt hat. Im seltenen Fall von unabhängiger Stelle recherchierter oder aufgedeckter Irrtümer wird entweder abgewiegelt – oder die Kritik übergangen.

Als vergangene Woche Clemens Auer, Sonderbeauftragter des Gesundheitsministeriums in Wien und Mitglied des Exekutivrates der Weltgesundheitsorganisation WHO in Genf, der maßgeblich für die Lockerungen in Österreich verantwortlich zeichnete, mit der Meldung für Aufsehen sorgte, es gäbe keinen einzigen dokumentierten Fall, in dem sich Menschen je in Geschäften angesteckt haben, wurde dies geflissentlich von Deutschlands Politik wie auch von den Expertengremien ignoriert. Kein Wunder, will man dort bekanntlich nicht daran erinnert werden, dass lange Zeit sogar von RKI und Deutschlands Top-Virologen die Maskenpflicht für unisono wirkungslos erklärt worden war, ehe sie dann Ende April (als die Kurve nicht nur „flattened“, sondern bereits „flat“ wie eine Flunder war) eingeführt wurde.

Selbst Blamagen (wie Drostens fehlerbehaftete Studie zur Corona-Infektiosität von Kindern) werden übergangen und vergessen. Die Politik hält ihren heiligen Kühen die Treue. Doch eine Sünde ist unverzeihlich: Die der Verharmlosung. Nur schlimmer geht immer, besser darf es nicht werden. Dank Corona ist der dauererhobene Zeigefinger ist für Virologen heute karrierewichtig – und wird es weit über diese Krise hinaus wohl bleiben. Dramatisierung ist das täglich Brot der Experten geworden. (DM)

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