Verhinderten Dilettantismus und Eitelkeit von RKI, WHO und Gesundheitsbehörden frühzeitige Corona-Eindämmung?

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Versagen von Anfang an: RKI-Chef Wieler, Gesundheitsminister Jens Spahn und Kanzlerin Angela Merkel (Foto:Imago/Xinhua)

Dass Politik in der Pflicht steht, Krisen – einmal eingetreten – bestmöglich zu handlen, ist eine Binsenweisheit. Es jedoch gar nicht erst zur Krise zu kommen zu lassen, rangiert sogar noch darüber. Und wer durch Untätigkeit und aktives Ignorieren von Warnhinweisen die Krise erst entstehen lässt, hat nicht nur seine Berufung als Politiker verfehlt, sondern macht sich mitschuldig und womöglich strafbar.

Der Verdacht, dass eben dies im Fall der Corona-Pandemie geschehen ist, erhärtet sich: Der „Nordkurier“ berichtet unter Berufung auf Recherchen der „New York Times„, dass ein Münchner Forscherteam bereits früh vor symptomfreien Corona-Infektionen gewarnt hatte – aber von „höchster Stelle“ – und zwar bezeichnenderweise vom Robert-Koch-Institut und den bayerischen Gesundheitsbehörden, in Abstimmung mit der Weltgesundheitsorganisation (WHO), mundtot gemacht wurde. Die verhängnisvollen Folgen dieser Unterdrückung früher Warnungen sind wohlbekannt – in wirtschaftlicher, gesundheitlicher und sozialer Hinsicht ist seit März 2020 nichts mehr wie es war.

Am 27. Januar kam es in der Stockdorfer Zentrale des bayerischen Webasto-Konzerns bekanntlich zum ersten Corona-Fall in Deutschland. Identifiziert hatte diesen ersten deutschen Fall die stellvertretende Leiterin der Abteilung Infektions- und Tropenmedizin an der LMU-Klinik München. Als einzige dämmerte ihr – im Gegensatz zu sämtlichen Fachkollegen -, dass sich das neuartige Virus anders als die früheren Sars-Coronaviren offenbar weiterverbreiten konnte, ohne dass die Überträger zuvor sichtbare Krankheitszeichen entwickelt hatten. Denn wäre es anders, dann hätte die chinesische Mitarbeiterin Webastos, die das Virus nachweislich und als damals einzige in Frage kommende Person in die Zentrale in Stockdorf eingeschleppt hatte, ja bereits Symptome zeigen müssen.

Rothe schlug Alarm – und veröffentliche ihr heikle Schlussfolgerungen, dass dieses neue Virus eben auch ohne Symptome Infizierter übertragbar ist, am 30. Januar im Fachblatt „The New England Journal of Medicine„. Zugleich wurden die deutschen Gesundheitsbehörden gewarnt – zu einem Zeitpunkt also, wo das Coronavirus lokal noch problemlos begrenzbar gewesen wäre. Doch statt auf ihren Hinweis einzugehen, sorgte man sich eher um wissenschaftliche Eitelkeiten: Weil RKI und bayerische Gesundheitsbehörden – so die New York Times – angeblich etwa zur selben Zeit zum identischen Ergebnis gekommen waren, dass das neue Coronavirus auch symptomfrei infektiös sei, verlangten sie, dass die Autorennamen ihrer Studie durch Autorennamen der RKI-Wissenschaftler ersetzen solle. Außerdem habe Michael Hölscher, Rothes Klinikchef am RKI, einen Anruf von Bayerns Gesundheitsamtleiter Andreas Zapf erhalten, in dem dieser berichtet hätte, beim RKI sei man „sehr verärgert“.

Schmutzkampagne gegen Münchener Kollegen

Als Rothe und Hölscher ablehnten und so vereitelten, dass sich die Berliner Forscher mit den eigentlich den Münchner gebührenden Lorbeeren schmücken konnten, folgte die Rache auf dem Fuße: In den Wochen nach dem Telefonat wurde das Müncher Forscherteam, so der Nordkurier, „immer wieder diskreditiert und verunglimpft“. Schlimmer noch: Rothes Studie – obwohl das RKI zu denselben Resultaten gekommen war – wurde in Zweifel gezogen – und bis nach dem eigentlich der Pandemie, zwei volle Monate lang, leugneten deutsche Politiker, nationale Gesundheitsbehörden und die WHO weiterhin die symptomfreie Infektiosität und bezeichneten das Risiko, von einer symptomfreien Person angesteckt zu werden, als „äußerst gering bis nicht-existent“. Nach der Devise: Wenn wir nicht die ersten sein dürfen, die es entdeckt haben, dann erklären wir es für falsch. Die Verleumdungskampagne wurde offenbar wissenschaftlich und politisch von höchster Stelle gesteuert: So wurde im Fachmagazin „Science“ unter ausdrücklicher Berufung auf einen Brief des RKI an die Redaktion ein Artikel lanciert,  der Roths Veröffentlichung als „fehlerhaft“ bezeichnete.

Als Folge davon übernahmen weltweit immer mehr Forscher die Gegenposition, und Roths Arbeit wurde – so die New York Times – zum „Symbol für überhastete Forschung“. Auch die Politik in Deutschland schloss sich den in ihrem medizinischen Stolz gekränkten Saboteuren der Wahrheit an – und ließen wertvolle Zeit verstreichen. Damit nicht genug: Die US-Zeitung deckt auf, dass praktisch alle relevanten Informationen schon damals zur Verfügung standen – von den genannten „einflussreichen Organisationen“ jedoch aus politischen Gründen unterdrückt wurden. Stattdessen, schreibt der Nordkurier, seien über Monate irreführende und widersprüchliche Aussagen über die Verbreitungswege des Virus und das Tragen von Masken verbreitet worden.

Natürlich behielt Rothe Recht. Hätten damals alle an einem Strang gezogen und wäre das Forscher-Ego der Berliner Virologen und Epidemiologen nicht so groß gewesen, hätte weitaus früher reagiert werden können – und die gigantischen Folgeschäden, nicht nur im Ausland, sondern global, wären frühzeitig eindämmbar gewesen. Doch im Gegenteil hielt die Politik – vor allem auch in Bayern unter Söder – stur am Konzept, vor allem Symptomträger seien infektiös und eine Gefahr – fest, was sich insbesondere an der in Deutschland noch bis in den Mai hinein geübten Testpraxis zeigte, die neben Kontaktverdächtigen nur Personen mit Symptomen erfasste.

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