100 Millionen für nichts: Kaum gefloppt, reden Politiker Bedeutung der Corona-App herunter

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Unbekannte Realnutzerzahlen: Corona-App (Foto:Imago/MedienServiceMüller)

Man hätte darauf wetten können: Zweieinhalb Wochen ist die von staatsloyalen Vorzeigeunternehmen wie Telekom und SAP zu Mondpreisen entwickelte Corona-App nun alt – doch trotz millionenschwerer Werbekampagnen der Bundesregierung ist es bemerkenswert still um sie geworden. Das hat vor allem damit zu tun, dass praktisch jeglicher messbare Effekt bisher ausgeblieben ist.

Mit 14 Millionen Downloads – mehr als befürchtet, aber weit weniger als erwartet – ist nicht ansatzweise eine Durchdringung der Bevölkerung erreicht, die überhaupt für ein sinnvolles Tracking von Kontakt- und Infektionsketten notwendig wäre. Entscheidend hierbei ist jedoch, dass Downloads nicht gleich aktive Nutzer sind: Eine unbekannte Zahl an Smartphonebesitzern, womöglich die große Mehrheit, haben die App zwar heruntergeladen – doch sie verwenden sie im Alltag nicht.

Das mag an einem mehr als begründetem Misstrauen gegenüber datenschutzrechtlichen Implikationen liegen. Von technischer Seite wird zwar eine weitgehende Unbedenklichkeit  der App behauptet; ein interessantes Interview zum Thema auf dem Blog PrivacyTutor mit Borys Sobieski, Generalsekretär der Piraten-Partei Deutschland findet sich hier). Dennoch geben etwa – allen Versprechungen zum Trotz – die Gesundheitsämter erfasste Daten eben doch an dritte Stellen weiter, wie Datenschutzbeauftragte mehrfach monierten. Den Erfolg der App schmälert auch der Umstand, dass wohl niemand große Lust hat, im Fall eines angeschlagenen Alarms einen Test (bei dem seine Identität dann ja spätestens feststeht) durchzuführen und womöglich ohne jegliche Krankheitssymptome zwei Wochen in Quarantäne zu müssen.

Diese a priori feststehenden Schwachpunkte sind aber nur ein Grund für den absehbaren Flop der App: Entscheidend ist vor allem, dass Corona seinen Schrecken in der breiten Normalbevölkerung längst verloren hat und das zu Recht. Die Krankheit ist fast ausschließlich für jene Risikogruppen gefährlich, die sich ohnehin nicht in der Öffentlichkeit aufhalten: Entweder immungeschwächte Kranke – oder alte und pflegebedürftige Menschen in Heimen, womit die Alltags-Kontaktnachverfolgung hier gar nichts bringt (zumal die Hochbetagten meist keine Smartphones benutzen). Die „digital natives“ oder im Berufsleben stehenden Jüngeren geraten nicht mehr in Panik – auch wenn Medien diese fortwährend schüren -, und die ständig altruistisch vermeldeten Neuausbrüche verlaufen sich sang- und klanglos im Nichts, ohne dass es schwere Verlaufsfälle gibt.

Niemand braucht und will dieses Instrument

Dass auch gesunde, nicht Vorerkrankte an Covid-19 sterben (sofern dies angesichts der nach wie vor nicht zwischen ‚an‘ und ‚mit‘ differenzierenden Zählweise der „Corona-Toten“ überhaupt verifizierbar ist), ist eine triviale Ausnahmeerscheinung, die allerdings auch für jede andere Krankheit zutrifft, ohne dass deswegen die Welt aus den Angeln gehoben wurde. Diese Restwahrscheinlichkeit subsumieren immer mehr Menschen unter den allgegenwärtigen Lebensrisiken; nur für diese eine Krankheit nun per App ein Dauermonitoring von früh bis spät zu praktizieren, erscheint ihnen unverhältnismäßig – und müßig.

68 Millionen Euro, nicht gerechnet Folgeausgaben und die Kosten einer gigantischen Image- und PR-Kampagne – hat die Regierung an Steuergeldern verbraten – doch plötzlich nennt nun keiner mehr Zahlen; die journalistischen Totalversager im Land verweigern ihren Job und verzichten auf unbequeme, bohrende Rückfragen an Gesundheitsminister Jens Spahn und das Kanzleramt – beides die Hauptpromotoren der App, die zu einer Zeit angestoßen wurde, als die Infektionskurven faktisch bereits wieder am Sinken waren. Lediglich in Form einer lapidaren Presseerklärung äußerte sich Spahn gestern zum „Erfolg“ der ganzen Aktion: Statt belastbarer Zahlen äußerte er lediglich eine „erste Schätzung zur Zahl der bislang in die Corona-Warn-App eingetragenen Infektionen“. Nachtigall, ick hör‘ dir trapsen: Warum nennt wer wohl keine konkreten Zahlen von über die App ausgelösten Alarmen, die ja konkret erfasst wurden? Vielleicht weil es überhaupt keine gab?

Doch schon die „Schätzung“ ist peinlich genug: „Wir gehen von rund 300 Infektionen aus, die bislang per App gemeldet wurden“, sagt der CDU-Politiker in der aktuellen Ausgabe des „Spiegel“ – und bezieht sich dabei auf „die Zahl der Verschlüsselungscodes“, die von der zugehörigen Hotline ausgegeben wurden, um andere zu warnen. „Mehr wissen wir aus Datenschutzgründen nicht“, so Spahn. Wer’s glaubt, wird selig: trotz Verschlüsselung muss die Zahl der Infektionsalarme und Kontakt-„Matchings“ ja sicher abrufbar sein.

Schätzungen statt konkreter Zahlen

Statt näher auf diese Ungereimtheiten einzugehen, die ein gigantisches Scheitern des ganzen Tamtams um die App erahnen lassen, rudert der Gesundheitsminister nun plötzlich zurück – und „mahnt“ davor, die neue Anwendung „zu überschätzen“. Und auch die untergeordneten Behörden wiegeln auffällig ab: Das Gesundheitsamt im Corona-Hotspot Gütersloh teilte gestern mit, den Nutzen der App zu bewerten, sei ein Aspekt, dem man sich „nach der Krise“ widmen werde; denn die Abteilung, die für die Kontaktpersonenverfolgung zuständig sei, müsse derzeit „andere Prioritäten setzen“. Fragt sich welche – und von den positiv Getesteten bei Tönnies hatte bekanntlich niemand die App. Und die Hamburger Sozialbehörde erklärte, die Vorteile der App im praktischen Alltag könnten „derzeit noch nicht beurteilt werden“; sie sei jedoch „gerade keine Wunderwaffe“. Das klang vor drei Wochen noch völlig anders.

Ebenfalls dämpft der Deutsche Landkreistag die Erwartung an die staatliche Corona-Warn-App: „Noch hat sich die App nicht derart durchgesetzt, dass man von Flächendeckung sprechen kann“, sagte der Sprecher des kommunalen Spitzenverbands laut „dts Nachrichtenagentur“. Und Spahn ergänzt: Gesundheitsminister: „Die App ist ein Werkzeug von vielen, um neue Ausbrüche einzudämmen. Sie ist kein Allheilmittel. Wir müssen trotzdem weiter aufeinander achtgeben, Abstand halten, Alltagsmaske tragen, Hygieneregeln einhalten.“

Und für dieses „Werkzeug“ wurde ein am Ende achtstelliger Euro-Betrag an öffentlichen Geldern herausgeschleudert? Bezogen alleine auf die astronomisch übersetzten und von der gesamten mittelständischen IT-Branche im Land ungläubig zur Kenntnis genommenen Entwicklungskosten ergäbe sich, selbst wenn Spahns noch optimistische Schätzung der 300 Infektionen zuträfe, bislang eine Summe von knapp einer Viertelmillion Euro pro durch die App detektierter Infektion. Auf den nächsten Bericht des Bundesrechnungshofs und die nächste Auflage des Schwarzbuchs des Bundes der Steuerzahler darf man schon jetzt gespannt sein. (DM)

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