Karl Lauterbach gefällt das: Söders Testinitiative soll massenweise „Neuinfektionen“ liefern

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Coronatests im Labor (Foto:Imago/ZUMAWire)

Zu den verzweifelten Bemühungen, die Deutschen im Corona-Atem zu halten, gehören auch die neuesten Bestrebungen der profilierungssüchtigen Krisenmanager, für weiter hohe Fallzahlen zu sorgen. Es sind vor allem Unionspolitiker – Merkel in Berlin, Laschet in Düsseldorf und Söder in Bayern -, die von einer unaufgeregten, besonnenen Lagebewertung nichts wissen wollen.

Die Kanzlerin ist grade dabei, den Corona-Ausnahmezustand auf Grundlage des Infektionsschutzgesetzes – durch Verlängerung der Geltungsdauer der (eigentlich demnächst außer Kraft tretenden) Pandemie-Verordnungen – zur permanenten Einrichtung zu machen. Laschet verspielt mit hysterischen und überzogenen Lockdowns auf Kreisebene gerade politische Sympathien. Und jetzt kommt Markus Söder, der sich in der Krise wie kein Politiker sonst als starker Mann zu inszenieren wusste, mit der Idee flächendeckender Tests um die Ecke. Diese sollen vom Staat bezahlt werden und als Massentests für alle Bürger kostenlos sein.

Solche breiten Tests in möglichst vielen Bevölkerungsgruppen, in einer großen Stichprobe – sie hätten vor allem Sinn gemacht, als sich Corona ausbreitete, niemand wusste, wie die Infektionslage wirklich ist und die Politik daher im Blindflug Prognosen von Virologen und Statistikern nachplapperte. Statistiker und unabhängige Epidemiologen hatten von Beginn an die Art und Weise, wie in Deutschland das Infektionsgeschehen und die Virusverbreitung gemessen wurden, als unwissenschaftlich und letztlich aussagelos kritisiert: Da nur Personen aus Risikogebieten oder mit Symptomen getestet wurden und keine repräsentativen Querschnitte der gesamten Bevölkerung, blieb eine womöglich riesige Dunkelziffer unentdeckt.

Auch dass weder die Zahl der durchgeführten Tests und der Anteil der davon negativ ausgefallenen nie genannt wurde, ergab die kumulative Nennung der Positiven („Infizierten“) ein Zerrbild: Denn je mehr Tests dank Kapazitätenausweitung durchgeführt wurden, desto „mehr Neuinfektionen“ gab es – inklusive dem Anschein einer immeren weiteren Ausbreitung. Hätte man im April bereits wiederkehrende Massentests durchgeführt und dann die Resultate jeweils verglichen, hätte man hingegen aussagekräftige Zahlen zur Verbreitung innerhalb der Gesamtbevölkerung gehabt. Das wollte man anscheinend damals nicht, weil dann der falsche Alarm früher als solcher erkannt worden wäre.

Zerrbilder und Trugschlüsse

Jetzt aber, da die Pandemie zumindest in Deutschland faktisch am Abklingen ist, da Corona bundesweit den Status einer „seltenen Krankheit“ erreicht hat und – trotz Lockerungen und „leichtsinniger“ Normalisierungen, entgegen allen Unkenrufen überall verschwindet, wird fieberhaft nach Möglichkeiten gesucht, die Zahl positiv Getesteter hochzupushen, um weiter autoritäre Maßnahmen verhängen zu können und den Alarmismus der vergangenen Monate nicht in Frage zu stellen. Eine ist die Testung neuralgischer Betriebe – besonders Schlachthöfe und fleischverarbeitenden Firmen. Und eine andere sind – jetzt plötzlich – Massentests. „Infizierte verzweifelt gesucht“, könnte man das dahinterstehende Programm titulieren – und der in seiner Rolle als „Hardliner des Krisenmanagements“ aufgegangene Markus Söder scheint es gar nicht erwarten zu können, möglichst viele Corona-Ampeln erst auf Gelb und dann auf Rot springen zu sehen. Und weil der bizarr willkürliche Grenzwert von „100 Neuinfektionen pro Woche und Stadt/Kreis“ bei einer Testausweitung wunschgemäß schnell erreicht wird, wird es nicht lange dauern.

Verhaltenen kritischen Rückfragen von Journalisten wich Söder durch Floskeln aus: „Testen ist das eine, weiter Abstand halten das andere“, sagte er gestern im ZDF-„Morgenmagazin“. Wohl wahr – wobei beides zunächst nichts miteinander zu tun hat. Söder klingt neuerdings konfus wie planlos, aber Hauptsache: Aktionismus beweisen.

Doch inzwischen gehen auch andere Bundesländer auf Distanz zum bayerischen Vorstoß. So lehnt es Baden-Württemberg ab, Corona-Tests für alle Bürger anzubieten und zu finanzieren. „Die überwältigende Mehrheit aller namhaften Epidemiologen und Gesundheitsexperten hält nichts von einer flächendeckenden Testung ins Blaue hinein, sondern plädiert für eine gezielte und kluge Testung bestimmter Personengruppen und im Umfeld von lokalen oder regionalen Ausbrüchen“, erklärt eine Sprecherin von Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) heute gegenüber dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“ laut „dts Nachrichtenagentur“.

Selbst grüne Länderkollegen machen nicht mehr mit

Hierüber bestehe auch zwischen dem Bundesgesundheitsminister und allen Gesundheitsministerinnen und -ministern der Länder „bislang einvernehmlicher Konsens.“ Das baden-württembergische Gesundheitsministerium hatte gestern eine weitere Abstimmung aller Landesministerien zur Frage der anlasslosen Testungen angekündigt und wollte sich mit den Fachministerien in einer Schaltkonferenz nochmals mit dem Thema beschäftigen. Lucha sehe Bayerns Ansatz dabei kritisch: „Eine flächendeckende Testung aller Bürgerinnen und Bürger kann sich leicht als Mogelpackung entpuppen“, sagte die Sprecherin. Jede Testreihe sei „immer nur eine winzige Momentaufnahme und hat deshalb keinen nachhaltigen Nutzen“.

Der Schwachpunkt undurchdachter freiwilliger Massentests auch für Symptomfreie, wie sie sich Söder offenbar vorstellt, ist deren nur punktuelle Aussagekraft: Wer sich vor zwei Tagen infiziert hat und getestet wird, erhält mit großer Wahrscheinlichkeit einen negativen Befund und wiegt sich dann womöglich in falscher Sicherheit. Also müssten die Tests ständig wiederholt werden. Hätte man Massentests nach repräsentativen Kriterien auf dem Höhepunkt der sogenannten „ersten Welle“ (die nie eine war) durchgeführt, wäre dies ebenfalls schon notwendig gewesen, um die Tendenz der Infektionsentwicklung zu ermitteln.

Teststrategie mit Hintergedanken

Doch da es diesmal offensichtlich nur darum geht, möglichst viele „Positive“ zu finden und dann mit neuen Horrorzahlen operieren zu können, kommt es auf systematische Testreihen anscheinend überhaupt nicht an. Nach diesem Manko gefragt, druckste Söder gestern herum und bejahte Wiederholungen „in bestimmten Gruppen“, etwa Pflege- und Seniorenheimen. Dies allerdings wäre dann wieder ein selektiver Test in Risikogruppen, wie bisher. Sinn machen Massentests daher nur, wenn alle Teilnehmenden in streng getakteter Abfolge wieder und wieder getestet werden.

In Stuttgart plant Gesundheitsminister Lucha deshalb, heute erst einmal eine „erweiterte Teststrategie“ für Baden-Württemberg in der Kabinettssitzung der Landesregierung und danach der Öffentlichkeit vorzustellen. Eine solche bundesweite „Teststrategie“ – also das, was sinnvollerweise ganz zu Anfang der Pandemie hätte ausgearbeitet werden müssen – fordert übrigens auch Panik-Apostel Karl Lauterbach (SPD); diesem geht es allerdings, vermutlich noch dringlicher als Söder, wahrscheinlich vor allem darum, die „pandemische Notlage“ bis zum Jüngsten Gericht fortzuschreiben: Eine bundesweite „Test-Offensive“ nach dem Vorbild Bayerns sei wichtig, „um die Corona-Pandemie unter Kontrolle zu halten“. Genau genommen meint er damit: Die Bürger, deren Freiheitsdrang reguliert werden soll, um einen stets heraufbeschworenen „neuen Ausbruch“ zu verhindern – der übrigens, allen Leichtsinnigkeit wie Massenversammlungen, Strandparties, vollen Straßencafés und Innenstädten zum Trotz partout nicht kommen will.

Grundsätzlich, so Lauterbach (dem die Bilder von im Sommer im Freien und z.B. am Ostseestrand versammelten Menschen „gar nicht gefallen“, welche Überraschung!), sei es „richtig, was Bayern macht“. Doch man müsse „dafür sorgen, dass die richtigen Leute getestet werden“, sagte er gestern gegenüber den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Die „richtigen“, das sind für ihn die mit vielversprechenden Positiv-Ergebnissen: Risikogruppen, Vorbelastete, Symptomträger. (DM)

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