Kultur: Wer ist im deutschen System eigentlich relevant…?

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Foto: Von G.Light/Shutterstock

Die Corona Crisis hat offengelegt, was hierzulande alles von jener „Grabplatte“ verdeckt war, mit der unlängst ein Kommentator das Land unter Merkel gleichsetzte. Es ist fast schon lustig, wenn ranghohe Jusos wie Kevin Kühnert, die bereits in ihren Auftritten an politische Kommissare einstiger „roter Garden“ erinnern, die „Verstaatlichung von BMW“ androhen oder die rot-rot-grüne Berliner Mietpreisbremse an die staatliche Mieten-Politik der DDR erinnert. Lustig, wenn in solchen Zeiten das Wort „Systemrelevanz“ in die gesellschaftliche Atmosphäre knallt, als würde wie selbstverständlich die gesamte Geselllschaft die Systemfrage stellen. Den Künstlern sei Dank, ihre prekäre soziale Lage hat die „Grabplatte“ verrutschen lassen und etwas Tageslicht ins Land gelassen.

Von Hans S. Mundi

Künstler sind systemirrelevant, unnütz

Es ist ein Irrtum, die Kunst als eine beliebige Wirtschaftsbranche unter anderen zu sehen. Das „Produkt“ ist mit keinem anderen vergleichbar. Künstler als „Solounternehmer“ haben keine Betriebskosten wie ein Unternehmer. Der Betrieb, das sind sie selbst mit ihren Honorareinnahmen, durch die sie ihren Lebensunterhalt bestreiten. Sie haben selten festen Verträge, also keine Ansprüche auf Kurzarbeitergeld, und was sollen sie mit Krediten? Ein ausgefallenes Engagement lässt sich nicht nacharbeiten. Es fällt einfach weg. Sie sind jetzt auf Unterstützung angewiesen. Und diese gibt es nicht mehr. Der Arbeitsweise freischaffender Künstler wird Unterstützung durch Arbeitslosengeld nicht gerecht. Fazit: Es gibt im Moment so gut wie keinen Rettungsschirm speziell für Künstler.“

GEZ, Diäten, Beamtenpensionen – das ist SYSTEMRELEVANT

Wir sprechen beim alten Ägypten übrigens von einer alten Kultur und nicht von einem alten Ökosystem oder einer alten Wirtschaft. Wenn aber Künstler und Kreative, neu Solo-Selbständige genannt, für dieses Gesellschaftssystem irrelevant und nicht schützenswert sind, wer ist es denn dann? Soeben beschlossen die Ministerpräsidenten der Länder, dass die GEZ-Zwangspauschale für jeden deutschen Bürger mal wieder angehoben werden darf – um die gewaltigen Pensionskassen der Rundfunkmitarbeiter, der Intendanten usw. zu retten und deren üppiges Auskommen bis an deren Lebensende abzusichern. Soeben beschloss der Deutsche Bundestag in schweigender Duldung, dass die progressive Erhöhung der Diäten auch in diesem Jahr erneut vollzogen wird – die Kosten für die Krise solen andere tragen, nicht die deutschen Diätenpolitiker, die in ihren Jobs auch so gut wie ausgesorgt haben, wenn sie lange genug zum Politikartell gehören.

Eurobonds statt Kunst und Kultur

Das erste, was ich heute morgen las, war ein Zitat von Bundeskanzlerin Merkel. (Edit: heute übrigens dementiert, und bei Reuters und FAZ gelöscht. Seit wann sind die so unzuverlässig? An der Aussage ändert das aber NICHTS. Also:) Laut der Presseagentur Reuters hieß es bei der gestrigen Sitzung zur Vorbereitung des EU-Gipfels: „Deshalb solle sich die Bundesregierung auf zentrale Bereiche der Wirtschaft konzentrieren, statt immer neue Versprechen zu machen. Wenn etwa auch Künstler mit Steuergeld gerettet werden sollten, werde man dies in Spanien und Italien vermerken und darauf verweisen, dass Deutschland offensichtlich über genug Geld verfüge.“ Im Klartext, Künstler gehören nicht zu den zentralen Bereichen. Eine Meinung, die die Richtung vorgibt, in der die wichtigste und reichste Volkswirtschaft der EU im Gespräch mit allen anderen Mitgliedsstaaten argumentieren soll. Und nein, es geht nicht um Künstler. Es geht um Eurobonds. Aber „die Künstler“ werden hier im Nebensatz als einfacher Buhmann mißbraucht.“

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